Butscha vor & nach dem Massaker Wegfahren geht nicht zu bleiben

Im Stadtpark von Butscha Foto: Sergej Polovko, CC BY-SA 4.0

Jede*r Ukrainer*in entscheidet je nach mentaler Stärke und den eigenen Umständen, ob und wo in dieser Überschrift ein Komma oder andere Satzeichen ergänzt werden müssen. Und während die nächste Sirene heult und in der Ukraine weiterhin Explosionen zu hören sind, möchte ich von meiner Heimat, der Stadt Butscha, und dem Preis der Freiheit erzählen.

Ein weiterer Raum

Es ist Sommer. Über vier Monate sind bereits seit den ersten russischen Bombardierungen der ukrainischen Städte und Flughäfen vergangen. Viele meiner Freunde sagen, dass ihr Kalender am 24.02.2022 stehen blieb und dass sie immer noch in diesem einen sehr langen Tag leben. Ihr einziger Wunsch ist, dass dieser schreckliche Traum so bald wie möglich endet. Andere Freunde sind rationaler, für sie – wie auch für künftige Geschichtsbücher – begann dieser Krieg bereits am 27. Februar 2014 mit der Annexion der Krym, als russische Truppen in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar wichtige Objekte auf der Halbinsel besetzten. Der großangelegte Krieg startete fast zur selben Zeit, jedoch acht Jahre später. Die ersten Kampfhandlungen im Donbas begannen im April 2014; im Februar 2022 beschloß der Feind zurückzukehren, nun aber in einen anderen Raum meines großen Hauses. Diesmal aber mit einer wichtigen Änderung – Teile des Hauses sollten bis aufs Fundament zerstört werden.

Wir können zwar in unsere Wohnung zurückkehren, aber nicht in die sichere Stadt Butscha, wie sie vor dem Krieg war.“

Die Auswirkungen des Krieges sind für jede*n unterschiedlich. Manche verloren alles, für die anderen änderte sich nichts im alltäglichen Leben. Dies kann durch die Geographie der Ukraine leicht erklärt werden. Die Einwohner*innen von Uschhorod, einer der westlichsten ukrainischen Städte, deren Straßen direkt an der slowakischen Grenze enden, werden diejenigen von Mariupol, das der Küste des Asowschen Meeres liegt und zum Teil dem Erdboden gleich gemacht wurde, wohl nicht verstehen können. Mariupol bedeutet übrigens die Stadt Marias, wie aus einem biblischen Gleichnis. Ende 2021 zählte die Stadt mehr als 400.000 Einwohner, nun ist es aber schwierig, über genaue Statistiken zu sprechen. Und ja, unser Land hat sehr viele Kontraste.

#BuchaMassacre

Alle hatten die Nachrichten verfolgt, aber nicht alle verstanden sie. Menschen neigen dazu, unangenehme Dinge oder „voreilige Panik“ zu meiden. Das Maximum, worauf sich meine Familie trotz meiner Warnungen einstellen konnte, war, im Januar und Februar mobiler zu sein: Wir waren viel unterwegs, alle unsere Dokumente waren griffbereit und so weiter. Warum haben wir die Ukraine nicht verlassen, als wir spürten, dass die Gefahr sich näherte? Die Antwort ist einfach: Nicht jeder möchte sein Zuhause verlassen.

Drei Tage vor dem Angriff, am 21. Februar, sah ich zum letzten Mal das Heck des größten Frachtflugzeugs der Welt Mrija [ukrainisch: Traum, Anm. d. Ü.], die Lichter des Flughafens in Hostomel, die von unserem Haus aus gut zu sehen sind, und sagte: Es ist Zeit. Daraufhin fuhren wir nach Westen. Als der Krieg anfing, waren wir zwar in der Ukraine, aber nicht in Butscha. Angesichts dessen, was die Welt unter dem Hashtag #BuchaMassacre über russische Gräueltaten in den Vororten von Kyjiw sehen konnte, war es für eine Familie mit einem kleinen Kind äußerst richtig, nicht dort zu sein.
 

„Kiew“ ist die deutsche Version des russischen Namens der ukrainischen Hauptstadt. Auf Ukrainisch heißt es Київ (Kyjiw). Spätestens seit der Invasion ist die Bezeichnung „Kiew“ zu einem symbolischen Überbleibsel der russisch-sowjetischen Kolonialisation geworden. Respektvoller ist es, die Hauptstadt der Ukraine als „Kyjiw“ zu transkribieren. Dasselbe gilt für Lwiw − ukrainisch Львів, russisch Львов | Anm. d. Red.

Ich danke gar nicht so der Intuition, als eher dem gesunden Menschenverstand, denn es war mir klar, dass der Flughafen eines der ersten Ziele sein würde und dass eine Offensive von belarusischem Territorium aus sehr machbar, bequem und selbstverständlich ist. Denn wenn man in den Nachrichten von der Pontonbrücke in der Tschernobyl-Zone liest, die zuerst da war und dann verschwand, ist es klar, dass die feindlichen Truppen etwa 150 Kilometer von Kyjiw entfernt definitiv nicht nur ein Schiebepuzzle spielen.

Ich bin froh, dass meine Freund*innen aus Butscha wegkamen, denn sie waren dort fast zwei Wochen unter Beschuss. Die Besatzer schrien ihnen hinterher: „Na, ihr ukrainische Sippschaft, werdet ihr nun aussterben?“ Nach wenigen Tagen erlaubten die Russen keine Evakuation mehr und erschossen ganze Familien, egal ob im Auto und nicht.

Butscha nach dem Abzug der russischen Truppen am 4. April 2022 Butscha nach dem Abzug der russischen Truppen am 4. April 2022 | Foto: Präsidialamt der Ukraine, CC BY 4.0

Mein Haus

Russische Soldaten lebten in unserem Mehrfamilienhaus, sie öffneten Türen zu allen Wohnungen und stahlen alles, was sie wollten. Ich möchte auf das Ausmaß der materiellen Verluste gar nicht eingehen, da es in jedem Einzelfall ein echtes Roulette war. Es gibt viele völlig zerstörte Häuser und Wohnungen in Butscha, aber in den umliegenden Ortschaften gibt es noch mehr. Das oberste Stockwerk unseres Hauses wurde durch eine Rakete getroffen, daher sind die Wohnungen dort unbewohnbar, in der Wohnung eines Freundes wurden alle Fenster und alles Mögliche zerstört, aber ein anderer Freund hatte Glück, die Wohnung mit dem Schlüssel – dies ist heutzutage in Butscha fast Luxus – öffnen zu können und alles unversehrt zu finden. Nur Splitter zwischen den Glasscheiben erinnerten an den Beschuss. Angesichts dessen, dass viele ihr Leben oder ihre Verwandten verloren haben, sind dies alles Kleinigkeiten.

‚Butscha‘ bedeutet lauter Schrei, Lärm, Angst, Kampf. Aber trotz all der Schrecken, die dem Ort widerfuhren, war, ist und bleibt Butscha auch weiterhin bestehen.“

Wir können zwar in unsere Wohnung zurückkehren, aber nicht in die sichere Stadt Butscha, wie sie vor dem Krieg war. Das weiße Klavier und der Korb mit Kinderspielzeug werden noch eine Zeitlang auf meine Tochter warten müssen. Ich kann aber gut nachvollziehen, dass Familien in ihre erhalten gebliebenen Wohnungen zurückkommen – home sweet home. Dafür stehen wir, denn dies ist unser Staat, unser Land und unsere Heimat.

Der Preis der Freiheit

Ich weiß, dass es heute viele solcher Butschas in der Ukraine gibt. Übrigens, verstand ich erst jetzt die ganze Symbolik des Namens meiner Stadt. „Butscha“ bedeutet lauter Schrei, Lärm, Angst, Kampf. Aber trotz all der Schrecken, die dem Ort widerfuhren, war, ist und bleibt Butscha auch weiterhin bestehen. Ich schreibe nur sehr ungern über die sich dort ereigneten Tragödien, ich würde viel lieber nach Butscha zu einem Festival oder einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst einladen. Vor dem Krieg hatte die Stadt viel zu bieten: Es gab zahlreiche Konzerte und Festivals, besonders erwähnenswert ist das Operettenfestival O-Fest, das jedes Jahr in Kyjiw und Butscha stattfand. In den frisch renovierten Parks ruhten sich die Einwohner aus, trieben Sport und machten Picknicks.

Bulgakow-Denkmal in Butscha Bulgakow-Denkmal in Butscha | Foto: Lazorevka | CC BY-SA 3.0 Diese Stadt hat eine langjährige Tradition als Datschenvorort von Kyjiw – im 19. und 20. Jahrhundert kamen hierher viele berühmte ukrainische Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und Mediziner. Persönlich möchte ich die Künstlerfamilie Muraschko erwähnen. Mykola Muraschko, der Gründer der Kyjiwer Malschule, lebte und starb in Butscha, sein Neffe Oleksandr Muraschko war ein bekannter ukrainischer impressionistischer Künstler. Viele andere Sommergäste aus Kyjiw waren mit dieser Künstlerfamilie befreundet, unter anderem auch die Familie Bulgakow, inklusive des jungen angehenden Schriftstellers Michail. In Butscha wird man jedoch ihre Nachlässe nicht finden können, weil ihre Sommerhäuser vor hundert Jahren während eines anderen ukrainisch-russischen Krieges (1917-1922) zerstört wurden. Damals versuchte die Ukraine trotz der sowjetischen Invasion, einen eigenen unabhängigen Staat zu gründen.

Heute kehrt das Leben wieder in die Stadt zurück, die Leute kommen allmählich heim. Das Leben muss weitergehen, so lautet sein Gesetz. Mein Mann fotografierte das Tor eines Hauses, auf dem ukrainische Pyrotechniker eine rührende Beschriftung hinterlassen haben: „Entmint. Mit Grüßen und Küssen!“. Auch unser Haus wurde von Pyrotechnikern freigegeben.

Ich würde gerne etwas Optimistisches schreiben, aber unter ständigem Sirenengeheul klappt dies leider nicht sehr gut. Der Krieg geht weiter. Ich habe gerade erfahren, dass der Sohn einer Schriftstellerin, die ich persönlich kenne, an der Front gefallen war. Er zog schon vor acht Jahren in den Krieg, als er begann. Die Freiheit ist unglaublich teuer.

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