Als 2014 der ISIS im Norden Syriens wütete, sah die westliche Welt bewaffnete kurdische Frauen mit offenem Haar, die gegen die Dschihadisten kämpften, und war fasziniert von diesem Bild. Dahinter verbarg sich jedoch ein weitaus radikaleres Projekt: die Autonomieregion Rojava, die seit mehr als einem Jahrzehnt aufgebaut wird und in der Gleichberechtigung nicht nur propagiert, sondern gesetzlich verankert und notfalls mit Waffen verteidigt wird. Nun, nach mehr als einem Jahrzehnt des Überlebenskampfes, versucht die syrische Übergangsregierung, diesen Prozess rückgängig zu machen.
★An meinem ersten Morgen in Rojava, im Norden Syriens, werde ich vom Knattern von Schüssen geweckt. Im Halbschlaf denke ich zunächst, ich hätte mich verhört. Doch die Schüsse verstummen nicht. Sie wiederholen sich, werden lauter und kommen aus verschiedenen Teilen der Kleinstadt Amude. Als ich aus dem Haus laufe, wirkt zunächst alles gewöhnlich – der alltägliche Trubel einer Straße im Nahen Osten: ein chaotisches Durcheinander aus Autos, Motorrädern und Handkarren, am Straßenrand verkaufen Händler Waren.
Dann ist erneut das Rattern von Maschinengewehren zu hören. Erst jetzt fällt mir auf, dass ein Großteil der Menschen bewaffnet ist. AK-47 ragen aus den Fenstern vorbeifahrender Autos, Motorradfahrer halten ihre Waffen in die Luft. Andere Gewehre hängen über den Rücken der Passant*innen. Immer wieder feuert jemand Schüsse in die Luft.
Es sieht aus, als hätten sich die Bewaffneten ihre Ausrüstung je nach finanziellen Möglichkeiten auf lokalen Märkten zusammengestellt: Manche tragen Tarnuniformen, andere kugelsichere Westen über ihrer Alltagskleidung, wieder andere traditionelle Gewänder. Bewaffnet sind Jugendliche ebenso wie ältere Menschen, Männer ebenso wie Frauen.
Ein Morgen in Amude im Norden Syriens, einem von Kurd*innen kontrollierten Gebiet | Foto: © Denis Vėjas
Aufgrund der ständigen Bedrohung und der anhaltenden Angriffe sind hier auch viele Zivilist*innen bewaffnet. | Foto: © Denis Vėjas
An diesem Morgen findet in Amude eine Beerdigung statt, deshalb sind mehr Waffen als gewöhnlich zu sehen. Die Leichen von drei gefallenen Kämpfern wurden von der Front zurückgebracht. Kinder und ältere Menschen halten sich die Ohren zu – das Rattern der Maschinengewehre dringt betäubend in die Ohren und lässt ein dumpfes Summen zurück. Doch niemand scheint sich am Schießen zu stören. Es wirkt vielmehr wie ein Abschiedsritual, als wollten die Kurd*innen mit den Kugeln ihre Hoffnungslosigkeit vertreiben und zugleich ihren Feinden eine Botschaft senden: Der Tod eines einzelnen Kurden wird nicht vergessen. In dieser kleinen Gemeinschaft kennt jeder jeden.
Beerdigung in Amude. Die Kurd*innen nehmen Abschied von drei Kämpfern, die an der Front gefallen sind. | Foto: © Denis Vėjas
Beerdigung in Amude | Foto: © Denis Vėjas
Beerdigung in Amude | Foto: © Denis Vėjas
Es ist Februar 2026. Allein im vergangenen Monat kamen in Rojava, dem kurdisch verwalteten Gebiet im Norden Syriens, mehrere hundert Menschen ums Leben. Im Januar wurden die Kurd*innen gleichzeitig von mehreren Seiten angegriffen. Zunächst eroberten syrische Regierungstruppen strategisch wichtige Städte wie Aleppo, Ar-Raqqa und Kobanê sowie Teile weiterer regionaler Zentren. Offiziell begründet Damaskus dies mit dem Ziel, ein geeintes Syrien zu schaffen, in das alle Minderheiten integriert werden sollen. Doch weil die Kurd*innen nicht bereit sind, ihre hart erkämpfte Autonomie aufzugeben, setzt die syrische Übergangsregierung sie militärisch unter Druck.
An den Angriffen beteiligten sich auch lokale arabische Stämme, die sich das Gebiet von Rojava mit den Kurden teilen. Gleichzeitig kreisten türkische Bayraktar-Drohnen und andere unbemannte Fluggeräte über der Region. Teile der syrischen Streitkräfte handeln de facto im Interesse der Türkei, werden von Ankara bewaffnet und koordinieren ihre Einsätze mit türkischen Stellen.
Das kurdische Gebiet ist erneut drastisch geschrumpft. Rund 80 Prozent ihres Territoriums gingen diesmal verloren. Wieder wurden die Kurd*innen vertrieben und in isolierte Restgebiete zurückgedrängt – Gebiete, die sie inzwischen selbst nur noch „Enklaven“ nennen.
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In Qamischli (kurdisch: Qamişlo) herrscht nur in den frühen Morgenstunden Ruhe – etwa gegen vier Uhr, wenn die Industriegeneratoren auf den Straßen abgeschaltet werden. Die größte noch unter kurdischer Kontrolle stehende Stadt ist von Kabeln durchzogen, die Strom von Generatoren in Häuser und Geschäfte leiten. Das monotone Brummen der Generatoren und der Geruch von verbranntem Diesel gehören längst zum Alltag in ganz Rojava – auf Märkten, in Teehäusern, Wohnungen und Shisha-Bars. Es ist die Folge des jahrelangen Krieges mit der Türkei: Türkische Drohnen haben große Teile der Energieinfrastruktur zerstört.
Gegenüber von Qamischli liegt Nusaybin (kurdisch: Nisêbîn), eine kurdische Stadt in der Türkei. Früher waren beide Städte eng miteinander verbunden, die Menschen konnten sich frei bewegen. Heute trennt sie eine hohe Betonmauer, die Grenzübergänge sind geschlossen. In den Vierteln nahe der Grenze wurden die Straßen mit Blechdächern überdeckt, um die Bewohner vor Überwachung und Angriffen türkischer Drohnen zu schützen.
Die Straßen von Qamischli sind von Kabeln durchzogen, die Strom aus Industriegeneratoren in Häuser und Arbeitsstätten leiten. | Foto: © Denis Vėjas
In einer Schule treffe ich Fedan. Seit die Türkei 2018 ihre Heimatstadt Afrin (kurdisch: Efrîn) eingenommen hat, ist es bereits ihr sechster Umzug. Immer wieder musste sie fliehen, weil Bombardierungen und zerstörte Infrastruktur ihre provisorischen Unterkünfte unbewohnbar machten.
Fedan ist heute 73 Jahre alt. Sie beobachtet, wie Familien in den Lagern leben, wie Kinder geboren werden – und manche von ihnen kurz darauf sterben, sei es wegen des Mangels an Milch oder wegen der Kälte.
Verwaltungsgebäude in Qamischli, in dem Kurd*innen aus anderen Teilen Rojavas Zuflucht vor dem Krieg suchen. | Foto: © Denis Vėjas
Fedan in einem Klassenzimmer einer Schule in Qamischli, das zu ihrem vorübergehenden Zuhause geworden ist. Seit die Türkei 2018 ihre Heimatstadt Afrin eingenommen hat, ist es bereits ihr sechster Umzug. | Foto: © Denis Vėjas
„Es gab Bombardierungen, Verteidiger kamen ums Leben, türkische Flugzeuge griffen Zivilisten an. Auf den Straßen brannten Reifen – die Menschen hofften, der Rauch würde die Stadt vor den Drohnen verbergen. Über Afrin hing eine dichte schwarze Wolke, und das Atmen fiel schwer“, erinnert sich Fedan. | Foto: © Denis Vėjas
Später wurde Fedan zur Aktivistin. Sie besucht andere Flüchtlingslager und dokumentiert die Lebensbedingungen der Menschen dort. Sie beobachtet, wie Familien in den Lagern leben, wie Kinder geboren werden – und manche von ihnen kurz darauf sterben, sei es wegen des Mangels an Milch oder wegen der Kälte. | Foto: © Denis Vėjas
Laut Fedan wurden viele Häuser der Kurd*innen in Afrin in Gefängnisse oder Militärstützpunkte umgewandelt. Das Haus ihrer Familie blieb nach ihren Angaben nur deshalb verschont, weil sie über einen Mittelsmann 1000 Dollar an türkische Soldaten zahlte. | Foto: © Denis Vėjas
„Schöne Worte – aber vor Ort herrscht ein Gemetzel“, sagt Fedan. „Ob sie selbst dafür verantwortlich sind oder andere, spielt keine Rolle, solange sie nichts dagegen unternehmen.“ Die neue syrische Regierung präsentiert sich als inklusiv und einigend. In der Realität jedoch werden weiterhin ethnische Minderheiten nacheinander angegriffen. Zunächst kam es zu Massakern an Alawit*innen, später wurden Drus*innen attackiert, danach erschütterte ein Terroranschlag die christliche Gemeinschaft – und nun geraten die Kurd*innen ins Visier. Die immer wieder aufflammende Gewalt zeigt, dass Damaskus die in die Armee integrierten Milizen offenbar nicht vollständig unter Kontrolle hat.
Dennoch scheinen sich die Kurd*innen in Syrien an ein Leben im Krieg gewöhnt zu haben. Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 ist ihre Heimat zu einem Schlachtfeld geworden, auf dem unterschiedlichste Interessen aufeinanderprallen. Oppositionsgruppen kämpften gegen den Diktator Baschar al-Assad. Kurz darauf versuchte der ISIS, einen islamistischen Staat zu errichten. Al-Assad kämpfte zugleich gegen Rebellen und den ISIS. Die Türkei bekämpfte die Kurden und unterstützte gleichzeitig die Rebellen gegen Assad. Die Kurd*innen selbst kämpften vor allem um ihr Überleben.
Die Straßen von Qamischli nahe der türkischen Grenze sind mit Blechdächern überdeckt, um die Bewohner vor Überwachung und Drohnenangriffen zu schützen. | Foto: © Denis Vėjas
Ein kurdischer Friedhof in Qamischli an der Grenze zur Türkei. Im Hintergrund ist Nusaybin zu sehen, eine kurdische Stadt auf türkischer Seite. Früher waren beide Städte miteinander verbunden, und die Menschen konnten sich frei zwischen ihnen bewegen. Heute trennt sie eine hohe Betonmauer, die Grenzübergänge sind geschlossen. | Foto: © Denis Vėjas
Ein gepanzertes Fahrzeug in einem Wohnviertel von Qamischli. Im Keller eines Wohnhauses wurde ein provisorisches Lazarett eingerichtet. | Foto: © Denis Vėjas
In Qamischli sind die Eingänge zu dieser unterirdischen Welt überall verteilt: in Straßenschächten, Kellern und auf Baustellen. In einem dieser Tunnel treffe ich Reperin, die Kommandeurin der Frauenverteidigungseinheiten (Yekîneyên Parastina Jin – YPJ). Ihr Name bedeutet auf Kurdisch „Aufstand“.
Durch den Keller eines Industriegebäudes steige ich hinab in den Untergrund. Mehrere Stockwerke tiefer befindet sich Reperins Büro. Noch weiter unten liegen weitere Büros der Gemeindeverwaltung, Verstecke, Lazarette und Soldat*innenkantinen. Alles ist durch unterirdische Straßen miteinander verbunden, die sogar von kleinen Lastwagen befahren werden können.
Das Zentrum von Qamischli am Abend | Foto: © Denis Vėjas
Bewaffnete Freiwillige stehen an den Ausfahrten der Stadt Wache. | Foto: © Denis Vėjas
Ein unterirdischer Tunnel in der Erde unter Qamischli. Viele kurdische Städte in Syrien verfügen über ein unterirdisches Tunnelsystem, das verschiedene Stadtteile miteinander verbindet. | Foto: © Denis Vėjas
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Die kurdischen Streitkräfte, die Syrian Democratic Forces (SDF), bestehen aus zwei gleichberechtigten Einheiten – einer weiblichen und einer männlichen –, die jeweils über eigene Führungsstrukturen verfügen. Als sich die SDF 2015 formierten, kämpften Männer und Frauen zunächst gemeinsam. Schon bald entstanden jedoch eigenständige Fraueneinheiten. Dort übernehmen ausschließlich Frauen sämtliche Aufgaben: Sie kämpfen an der Front, organisieren die Logistik und versorgen Verwundete.
Die Trennung der Fraueneinheiten von den Männern während des syrischen Bürgerkriegs war nicht nur eine militärische Entscheidung. Sie entstand auch aus dem Bedürfnis heraus, einen Raum zu schaffen, in dem Frauen ohne männliche Dominanz handeln konnten. Die ersten Kämpferinnen waren Lehrerinnen, Studentinnen und Frauen, die vor Gewalt oder Zwangsehen geflohen waren. Viele Familien wollten ihre Töchter nicht gehen lassen, weshalb einige heimlich flohen. Andere hingegen wurden sogar von ihren eigenen Angehörigen zu den Einheiten gebracht – in der Überzeugung, dass im Kampf gegen den ISIS nur Waffen das Überleben sichern konnten.
Die kurdischen Streitkräfte SDF bestehen aus zwei gleichberechtigten Einheiten – einer weiblichen und einer männlichen. | Foto: © Denis Vėjas
Die Trennung der Truppen soll Frauen einen Raum ermöglichen, in dem sie ohne männliche Dominanz agieren können. | Foto: © Denis Vėjas
Kurdische Kämpferinnen erzählten mir, dass allein die Präsenz bewaffneter Frauen an der Front die Moral vieler ISIS-Kämpfer erschütterte. Es kursierte der Glaube, wer durch die Hand einer Frau sterbe, komme nicht ins Paradies. Reperin erinnert sich, dass sich ISIS-Kämpfer manchmal zurückzogen, sobald sie die Schlachtrufe der Frauen hörten. Andere berichteten von Männern, die sich selbst töteten, nachdem sie bewaffneten Frauen begegnet waren.
Tatsächlich findet sich im Koran keine Aussage darüber, dass ein Mann, der von einer Frau getötet wird, das Paradies verliert. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen Teil der Kriegspropaganda handelte – eine Erzählung, die die kurdischen Kämpferinnen stärken und zugleich Angst unter den ISIS-Kämpfern verbreiten sollte. Für viele Frauen bedeutete Gefangenschaft sexuelle Versklavung. Das Schicksal jesidischer Frauen nach dem Völkermord von Sindschar machte dies besonders deutlich: Tausende wurden von ISIS-Kämpfern entführt, vergewaltigt und verkauft. Manche Frauen entschieden sich angesichts drohender Gefangenschaft für den Suizid oder kämpften bis zuletzt, um nicht lebend in die Hände des ISIS zu fallen.
In Qamischli wird vom Dach eines Gebäudes ein geflochtener Zopf herabgelassen. Er gilt als Symbol weiblicher Solidarität – zugleich steht er für Widerstand und den Kampf um Gleichberechtigung. | Foto: © Denis Vėjas
Mit der Zeit entwickelte sich die YPJ für viele kurdische Frauen auch zu einem Schutzraum vor häuslicher Gewalt. „Wir greifen nicht direkt in Familienkonflikte ein“, erklärt Reperin. „Aber wenn eine Frau Probleme hat – und meistens haben diese Probleme mit Männern zu tun –, erklären wir ihr, was die YPJ ist, was Solidarität unter Frauen bedeutet und welche Rechte wir haben. Wenn sie sich dafür entscheidet, kann sie sich uns anschließen. Wir bilden sie aus, nehmen sie in unsere Reihen auf und geben ihr eine Waffe.“
Bislang kann sich jede den Kämpferinnen anschließen – entscheidend ist nur, dass sie volljährig ist. Hier treffen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, ethnischen Gruppen und Altersgruppen aufeinander. „Hier sind wir alle gleich und gemeinsam – das ist unsere größte Stärke.“ Für Reperin ist die Solidarität unter den Frauen das Fundament dieser Gemeinschaft.
Die Kurdinnen in Syrien begannen sich zu bewaffnen, als der ISIS Rojava angriff. Für viele von ihnen bedeutete Gefangenschaft sexuelle Versklavung. | Foto: © Denis Vėjas
Mit der Zeit wurde die YPJ für zahlreiche Frauen auch zu einem Schutzraum vor häuslicher Gewalt. | Foto: © Denis Vėjas
Die ersten weiblichen Gruppen zur Selbstorganisation entstanden bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren, als die erste organisierte kurdische Partisanenbewegung gegründet wurde. Bereits damals schlossen sich Frauen zusammen, um gegen häusliche Gewalt und gesellschaftliche Unterdrückung zu kämpfen. Einer der Slogans jener Zeit lautete: „Die Frau gehört sich selbst.“ Ziel der Aktivistinnen war es, gesellschaftliche Normen infrage zu stellen, die Gewalt gegen Frauen legitimierten.
Im Jahr 2019 besiegten die Kurd*innen mit Unterstützung der Vereinigten Staaten den ISIS. Der Krieg kostete etwa 11.000 Kurdinnen und Kurden das Leben, mehr als 20.000 wurden verletzt. Neben den zivilen Frauenorganisationen entwickelte sich die YPJ zu einer der tragenden Säulen des autonomen Systems – und zugleich zu einem Symbol für Gleichberechtigung, Solidarität und die Identität Rojavas.
„Als Kurdin kämpfe ich für das Überleben meines Volkes, als Frau für meine Rechte“, sagt Destina, eine Kämpferin der YPJ.
Die YJP-Kämpferin Destina | Foto: © Denis Vėjas
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Ich besuche die Gemeinschaft der Filmschaffenden und Künstler von Rojava namens Hunergeha Welat. Sie wurde kurz nach der Gründung der autonomen Verwaltung von einem Künstlerkollektiv ins Leben gerufen. Hier entstehen Musikvideos, Dokumentarfilme und patriotische Clips, die sich häufig mit den weiblichen und männlichen kurdischen Kampfverbänden beschäftigen. Die Gestaltung des Bildes von Rojava ist für die Künstler zugleich Aufgabe und Leidenschaft. Von einheimischen Kurd*innen hörte ich immer wieder ähnliche Reaktionen auf ihre Werke: „Ich weiß, dass vieles davon Propaganda ist – aber als Kurde berührt mich diese Musik trotzdem tief.“
Die Verwaltung von Rojava erkannte früh, dass das Bild der siegreichen und emanzipierten Kurdinnen im Westen Aufmerksamkeit erzeugte, und versuchte, dieses Bild gezielt zu verbreiten, um internationale Unterstützung zu gewinnen. Westliche Medien berichteten über den Krieg gegen den ISIS und beschrieben die Kurdinnen als furchtlose Kämpferinnen, vor denen selbst die Terroristen flohen. Kurdische Kämpferinnen wurden dabei oft als moderne Amazonen dargestellt: schön, stark und mutig, im Kampf gegen das, was sie selbst als man’s law – die Herrschaft der Männer – bezeichnen. Sie erhielten Aufmerksamkeit, Solidarität und Unterstützung von Frauenrechtsorganisationen weltweit. Hunderte westliche Feministinnen und Anarchistinnen reisten nach Rojava und schlossen sich den YPJ zunächst im Kampf gegen den ISIS und später auch im Widerstand gegen die Türkei an.
Das Bild der siegreichen, bewaffneten Kurdinnen wurde zu einem wichtigen Instrument der Außendarstellung Rojavas. Die furchtlosen Kämpferinnen, vor denen selbst die Terroristen flohen, erlangten internationale Aufmerksamkeit und die Unterstützung zahlreicher Frauenrechtsorganisationen. | Foto: © Denis Vėjas
Ein weiteres Werk entstand als Reaktion auf den türkischen Angriff auf Afrin und den Einsatz chemischer Waffen gegen die Kurden. Für viele Kurd*innen gehört dies zu den schmerzhaftesten Kapiteln des Krieges – auch, weil es sie daran erinnert, dass sie im Konflikt mit der Türkei kaum Verbündete haben. (Die USA etwa unterstützten die Kurd*innen zwar im Kampf gegen den ISIS, griffen jedoch in anderen Konflikten nicht zu ihren Gunsten ein.)
In den Liedtexten werden die Türken als „Bastarde“ beziehungsweise „Hurensöhne“ bezeichnet. Şêro erzählt, dass die Gruppe nach der Veröffentlichung dafür kritisiert wurde. Die Kritik richtete sich dabei weniger gegen den Ausdruck von Hass selbst als gegen die Verwendung des Wortes „Hure“, da die Beleidigung letztlich die Mutter und damit die Frau herabwürdige.
Şêro Hindê, Produzent und Regisseur des Musikkollektivs aus Rojava | Foto: © Denis Vėjas
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Roj ging während des syrischen Bürgerkriegs zur Schule – zu einer Zeit, als die Kurd*innen noch keine Autonomie besaßen und die kurdische Sprache verboten war. Eines Tages hörte eine arabische Lehrerin, wie sie mit einer Freundin Kurdisch sprach. Sie führte Roj aus dem Klassenzimmer und schlug ihr mit einem Stock auf die Hände. „Hier ist kein Platz für die kurdische Sprache“, sagte sie. „Hier wird nur Arabisch gesprochen.“ Sowohl Baschar al-Assad als auch zuvor sein Vater hatten jahrzehntelang kurdische Identität unterdrückt: Kurdische Feste, die kurdische Flagge und sogar kurdische Vornamen für Kinder waren verboten.
Im Religionsunterricht fragte Roj einmal ihren Lehrer, warum Gott immer als Mann dargestellt werde und warum es keine Göttin gebe. Der Lehrer antwortete lediglich: „So etwas darf man nicht sagen. Das ist falsch.“ Eine Erklärung hatte er nicht. Roj erinnert sich: „Damals dachte ich: Gut, dann will ich eben eine Göttin.“
Die Menschenrechtsaktivistin Roj | Foto: © Denis Vėjas
Als der Krieg gegen den ISIS begann, war Roj zwölf Jahre alt. Sie träumte davon, schnell erwachsen zu werden, um sich den Kämpferinnen anzuschließen, doch ihre Eltern hielten sie davon ab. Heute ist sie 23 und kämpft an einer anderen Front – der der Menschenrechte. Sie dokumentiert Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen gegen das kurdische Volk. „Roj“ bedeutet auf Kurdisch „Sonne“. Es ist nicht ihr echter Name, doch auch ihr wirklicher Name steht symbolisch für Feuer. Sie bezeichnet sich selbst als radikale Feministin: „Ich glaube, die Welt braucht mehr radikale Feministinnen und ihre Stimmen.“
Warum stört meine Existenz [als Kurdin und als Frau] andere Menschen?“
Dort versuchen die Frauen zunächst, Gewaltprobleme durch Gespräche zu lösen. Erst wenn keine Einigung möglich ist, wird der Fall vor Gericht gebracht. Anfangs wurden die Mala Jin von vielen Kurd*innen spöttisch als „Scheidungshäuser“ bezeichnet und beschuldigt, Familien auseinanderzubringen. Mit der Zeit jedoch wurden sie zunehmend als Orte der Versöhnung anerkannt.
Roj begleitete ihre Freundin gemeinsam mit den Frauen des Mala Jin durch den gesamten Prozess. Sie unterstützten sie emotional und finanziell. Zu ihrer streng religiösen Familie konnte die junge Frau nicht zurückkehren, und ihr Mann verfolgte sie weiterhin. Schließlich brachten die Frauen sie nach Jinwar, ein ausschließlich von Frauen bewohntes Dorf, in dem sie bis heute mit ihrer Tochter lebt. Für Roj wurde diese Erfahrung zu einem Schlüsselmoment ihres Lebens: „Ich habe gesehen, wie Frauen Frauen unterstützen, wie sie gemeinsam kämpfen und sich gegenseitig schützen. Ich habe verstanden, was Solidarität wirklich bedeutet.“
Mädchen in Uniformen der YPJ bei den Feierlichkeiten zum Internationalen Tag der Muttersprache in Qamischli. | Foto: © Denis Vėjas
Die kurdische Sprache war in Syrien jahrzehntelang verboten. | Foto: © Denis Vėjas
Die Kurd*innen in Syrien kämpfen dafür, auch künftig in ihrer Muttersprache unterrichtet werden zu können. | Foto: © Denis Vėjas
Roj arbeitete in einem Lager für Angehörige von ISIS-Kämpfern. Dort lebten Frauen und Kinder aus Europa, Russland, dem Kaukasus, Zentralasien und dem Nahen Osten. Ihre Rückführung in die Herkunftsländer gestaltet sich bis heute schwierig, langwierig und selektiv: Viele Staaten weigern sich, erwachsene Frauen zurückzunehmen. Noch komplizierter ist die Situation der Kinder, die von ISIS-Kämpfern gezeugt wurden: Viele von ihnen besitzen weder die Staatsangehörigkeit des Herkunftslandes ihres Vaters noch die ihrer Mutter und erhalten auch keine syrischen Papiere. Roj und ihr Team versuchten, die Familien bei der Deradikalisierung zu unterstützen und ihnen eine Perspektive für ein neues Leben zu geben.
In den Lagern arbeitete Roj ausschließlich unter Frauen und ohne Hidschab. Eines Tages packte sie eine arabische Gefangene am Arm und sagte: „Wenn ich hier herauskomme, werde ich dich töten und deinem Mann deinen Kopf ohne Hidschab schicken.“ Auf die Frage nach dem Grund antwortete die Frau: „Weil du Kurdin bist.“ Sie beschimpfte die Kurd*innen als Atheist*innen, erniedrigte sie und erklärte, sie müssten alle getötet werden. Außerdem drohte sie damit, der ISIS werde zurückkehren, Rache nehmen und sie alle vernichten.
„Sie war eine Frau, ich war eine Frau. Wir waren in einem Raum voller Frauen – und trotzdem sah sie mich voller Hass an und wollte mir wehtun“, erzählt Roj. „Daran erkennt man, wie tief der Extremismus reicht, gegen den wir kämpfen.“
Besonders erschütternd waren für sie die Kinder in den Lagern. „Drei-, vier- oder fünfjährige Kinder schauen dich voller Hass an und machen Gesten, als würden sie jemandem die Kehle durchschneiden“, sagt sie. „So wachsen sie auf. Diese Realität ist schwer zu begreifen.“
Während der Kämpfe im Januar 2026 leerten sich viele Lager der ISIS-Familien. Inmitten des Chaos zogen sich die Kurd*innen zurück und ließen die Gefängnisse unbewacht zurück. Die Insassen verließen die Lager einfach durch die offenen Tore – darunter auch das Lager Al-Hawl, in dem Roj als Freiwillige tätig gewesen war. Wie viele Menschen entkommen konnten, ist bis heute unklar. Schätzungen zufolge verstreuten sich zwischen 15.000 und 20.000 Anhänger*innen der ISIS-Ideologie – vor allem Frauen und Kinder – über Syrien. Die meisten inhaftierten ISIS-Kämpfer wurden von den USA in Gefängnisse im Irak verlegt.
Eine Straße in Qamischli, wo der ISIS 2016 einen der schwersten Terroranschläge in Rojava verübte. Bei der Explosion mehrerer Autobomben kamen 44 Menschen ums Leben, weitere 171 wurden verletzt. | Foto: © Denis Vėjas
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Jinwar liegt am Rand von Rojava. Es ist ein Frauendorf und eine matriarchal organisierte Gemeinschaft, die nach dem Prinzip der Selbstverwaltung lebt. Der Name „Jinwar“ bedeutet auf Kurdisch „Land der Frauen“. Das Dorf wurde 2017 ausschließlich für Frauen gegründet. Frauen kommen hierher, um zu leben, zu arbeiten, ihre Kinder großzuziehen und ein Leben außerhalb patriarchaler Strukturen aufzubauen – eine Art Autonomie innerhalb der Autonomie. Männer dürfen das Dorf nur einmal pro Woche und nur mit Genehmigung von Kongra Star betreten.
Jinwar besteht aus rund 30 Lehmhäusern sowie mehreren Gemeinschaftsgebäuden – darunter eine Schule, eine naturmedizinische Klinik, eine Bäckerei und ein Gemeindezentrum. Die Zahl der Bewohnerinnen verändert sich ständig: Derzeit leben dort etwa 20 Frauen mit ihren Kindern, Platz gäbe es jedoch für rund hundert Menschen.
Die meisten Frauen leben von kollektiver Landwirtschaft. In ihrer Vorstellung ist die Erde Grundlage und Quelle allen Lebens. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen – wenn Probleme entstehen, versammelt sich das ganze Dorf.
Am Rand von Rojava liegt Jinwar – ein Frauendorf und eine matriarchal organisierte Gemeinschaft, die nach dem Prinzip der Selbstverwaltung lebt. Frauen kommen hierher, um zu leben, zu arbeiten, Kinder großzuziehen und ein Leben außerhalb patriarchaler Strukturen aufzubauen – eine Autonomie innerhalb der Autonomie. | Foto: © Denis Vėjas
Sie erzählt, dass sie sich ihr Leben lang von einer von Männern dominierten Welt eingeengt gefühlt hatte. Zuerst war es ihr Vater, später ein gewalttätiger Ehemann, die sie als schwach betrachteten – so wie Frauen allgemein als schwach angesehen würden. Doch Delal war überzeugt, dass sie die Kraft besaß, daran etwas zu ändern. „Ich wusste schon immer, dass ich stark bin – an Geist und Seele“, sagt sie. „Aber jedes Mal, wenn ich einen Schritt nach vorne machen wollte, hielt mich meine Familie zurück. Sie ließen mir keine Wahl, sie ließen mich nicht wachsen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass jede Frau ihre eigene Kraft bereits in sich trägt. Man muss sie nicht irgendwo suchen – sie ist schon da.“
Irgendwann wollte Delal diese Überzeugung nicht länger hinter einem Hidschab und schwarzen Kleidern verbergen. „Warum sollte man Frauen nicht die Möglichkeit geben zu erkennen, wie viel Stärke und Potenzial in ihnen steckt?“, fragt sie. Sie wollte weder ihr eigenes Leben in Unterdrückung verbringen noch zulassen, dass ihre Töchter in einem solchen Umfeld aufwachsen. Deshalb begann sie nach einem Weg zu suchen, sich selbst zu stärken und ihren Kindern ein freieres und gesünderes Leben zu ermöglichen.
Delal, die Heilerin der Gemeinschaft. Sie lebt seit sieben Jahren in Jinwar. | Foto: © Denis Vėjas
Sie betont, dass Frauen hier vor allem lernen, ihren Geist zu befreien und ihn dazu zu befähigen, Probleme eigenständig zu lösen. „Wir verteidigen uns nicht in erster Linie mit Waffen, sondern mit unserer Denkweise – mit der Erkenntnis, dass ich die Kraft habe, mich selbst zu schützen. Daraus entsteht die Fähigkeit zu wachsen.“ Manche Frauen bleiben lange in Jinwar, andere nur so lange, bis sie sich erholt haben und gelernt haben, eigenständig zu leben. Viele von ihnen tragen diese Erfahrungen später zurück in die Gesellschaft von Rojava.
Sie erzählt von einer Mutter, die hier finanzielle Eigenständigkeit erlernt hat und nun ihre Kinder allein großzieht. Als sie nach Hause zurückkehrte, konnten die Menschen in ihrem Umfeld kaum begreifen, wie sie nach ihrem Leben im Frauendorf nun ohne Mann so gut zurechtkam. Eines Tages kam eine Nachbarin zu ihr und fragte: „Was hast du dort erlebt? Wie ist das Leben dort?“ Die Frau begann von der Denkweise und der Lebensweise zu erzählen, die sie dort kennengelernt und praktiziert hatte – und nach und nach übernahm auch die Nachbarin diese Vorstellungen.
Eine Bewohnerin von Jinwar patrouilliert am Eingang des Dorfes. | Foto: © Denis Vėjas
Ein zentraler Aspekt der Jineologie ist der Blick auf den weiblichen Körper und auf Gesundheit. Gesundheit wird hier umfassend verstanden: Sie betrifft nicht nur das körperliche, sondern auch das psychische Wohlbefinden, die persönliche Freiheit und die Beziehungen zu anderen Menschen. Der Körper der Frau gilt nicht länger als Objekt von Kontrolle oder Scham, sondern als eigener Raum der Frau und Quelle ihrer Stärke. Gleichzeitig spielt die Aufarbeitung von Traumata eine wichtige Rolle. Heilung bedeutet nicht nur die Genesung des Körpers, sondern auch die Wiederherstellung der Beziehung zu sich selbst.
Die Jineologie betont außerdem die Bedeutung kollektiven Lebens – die Vorstellung, dass Gesellschaft durch Solidarität, gegenseitige Unterstützung und gemeinschaftliche Verantwortung entstehen kann. Dazu gehören gemeinsame Entscheidungen, das Teilen von Verantwortung und das Lernen voneinander.
Die Prinzipien dieser Frauenphilosophie sind in die Verwaltungsstrukturen Rojavas integriert. Auf sie stützt sich auch die YPJ, und dieselben Prinzipien prägen ebenso die Bereiche Bildung und Kultur. An der Universität Rojava wird Jineologie inzwischen sogar als eigenständiges Fach unterrichtet.
„Warum sollte man Frauen nicht die Möglichkeit geben, zu erkennen, wie viel Stärke und Potenzial in ihnen steckt?“, fragt Delal. | Foto: © Denis Vėjas
„Frauen-Gesundheitsraum“ in der Klinik von Jinwar | Foto: © Denis Vėjas
Ein Lehrbuch der Jineologie in einem Klassenzimmer der Schule von Jinwar | Foto: © Denis Vėjas
Die politische Struktur und Philosophie Rojavas beruhen in weiten Teilen auf Öcalans Ideen. Besonders ihre praktische Umsetzung unmittelbar an der türkischen Grenze stellt für Ankara ein sensibles Thema dar. Für viele der rund 20 Millionen Kurd*innen in der Türkei wirft das Projekt Rojava die Frage auf: Warum sollte ein solches Modell nicht auch bei uns möglich sein? Die türkische Regierung lehnt jede Form eines kurdischen Staates entschieden ab.
Viele der politischen Konzepte, die später zur Grundlage der Selbstverwaltung Rojavas wurden – darunter auch die Idee der Geschlechtergleichheit –, entwickelte Öcalan während seiner Haft in einem türkischen Gefängnis, in dem er seit 1999 einsitzt. Die Jineologie selbst wurde jedoch von kurdischen Frauenbewegungen, insbesondere aus dem Umfeld von Kongra Star, weiterentwickelt und als eigenständiges Wissenssystem etabliert.
Heute bleibt Öcalans Erbe in Rojava umstritten. Für manche Kurd*innen in Syrien ist er weiterhin eine ideologische Leitfigur; seine Porträts hängen in vielen Verwaltungsgebäuden. Andere hingegen möchten sich von seinem Einfluss lösen, da sie seine nationalistischen Vorstellungen als unvereinbar mit dem multiethnischen Projekt Rojavas betrachten.
Ein Porträt von Abdullah Öcalan hängt im Büro von Remziye Mihemed, einer der Gründerinnen von Kongra Star. | Foto: © Denis Vėjas
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Ein praktisches Beispiel für die Umsetzung der Jineologie sind Feminismuskurse für Männer. Die Idee dahinter ist einfach: Geschlechtergleichheit kann nicht allein durch die Stärkung von Frauen erreicht werden – sie setzt auch einen Wandel im Denken der Männer voraus. Zu den einmonatigen Kursen werden Männer eingeladen, die leitende Positionen in Kommunalverwaltungen, religiösen Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Unternehmen innehaben.
In Qamischli treffe ich Masoud Jusuf, den stellvertretenden Vorsitzenden der Selbstverwaltung, der vor einigen Jahren selbst einen solchen Kurs absolviert hat.
Die Teilnahme ist freiwillig. Kongra Star verschickt Einladungen an unterschiedliche Institutionen in der Hoffnung, dass deren Führungskräfte nach Abschluss der Kurse Veränderungen in ihren Organisationen anstoßen. Jusuf sagt, dass sich dieser Ansatz für ihn bewährt habe: „Heute sagen meine Kolleginnen oft: Nur Herr Jusuf versteht uns.“
Masoud Jusuf absolvierte vor einigen Jahren einen Kurs über Feminismus. | Foto: © Denis Vėjas
Als Beispiel für diese gesellschaftliche „Normalität“ nennt er den Fall von Soraya Manutchehri, die 1986 im Iran wegen angeblichen Ehebruchs gesteinigt wurde. Ihr Mann wollte ein 14-jähriges Mädchen heiraten und beschuldigte deshalb seine Frau der Untreue. Den ersten Stein warf ihr eigener Vater.
„Wir leben im Nahen Osten, wo eine soziale Hierarchie tief verwurzelt ist“, sagt Masoud. „Aber wenn man beginnt, Dinge neu zu hinterfragen, lernt man, Frauen nicht nur mit Respekt zu begegnen, sondern ihre Würde wirklich anzuerkennen.“
Vor dem Kurs, erzählt er, habe er noch nie Frauen erlebt, die so selbstbewusst und stark auftraten. Besonders beeindruckt habe ihn eine Geschichtsdozentin – eine ehemalige kurdische Partisanin, die 15 Jahre in den Bergen gelebt, gekämpft und gelernt hatte. „Als ich sie sah, wurde mir klar, dass den Möglichkeiten einer Frau keine Grenzen gesetzt sind.“
Am schwersten fiel die Teilnahme jenen aus konservativen religiösen Gemeinschaften. Vor allem die Ausführungen zur Evolutionstheorie, die im Widerspruch zum Koran und islamischen Traditionen stehen – insbesondere die Vorstellung, dass die Frau nicht aus Adams Rippe erschaffen wurde –, empfanden viele von ihnen als blasphemisch.
In den konservativsten islamischen Gemeinschaften gilt der Prophet Mohammed bis heute als einer der wichtigsten Verfechter der Frauenrechte. Im 7. Jahrhundert verkündete er, dass eine Frau halb so viel wert sei wie ein Mann, und bis heute tragen manche diese Vorstellung als unumstößliche Wahrheit in sich. In der Praxis bedeutet das, dass Töchter nur halb so viel Vermögen erben wie Söhne, ihre Aussagen vor Gericht nur halb so viel Gewicht haben wie die von Männern und so weiter. Vor den islamischen Reformen erbten Frauen vielerorts jedoch gar nichts, galten als Besitz des Mannes, und selbst die Tötung neugeborener Mädchen war weit verbreitet.
Während der einmonatigen Schulung mussten die Männer außerdem ihren gesamten Alltag selbst organisieren – kochen, putzen, waschen und Geschirr spülen. Laut Masoud war das für viele eine prägende Erfahrung. Einer der Teilnehmer sagte schließlich: „Es scheint, als würden Frauen ihr ganzes Leben in der Küche verbringen.“
Straßenkunst in Qamischli, die die Befreiung der Frauen darstellt | Foto: © Denis Vėjas
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Im Februar findet in der Region Al-Hasaka (kurdisch: Hesîçe) in Rojava eine Friedenskonferenz zwischen arabischen Stämmen und Kurden statt. Kurz zuvor war nach heftigen Zusammenstößen zwischen syrischen Regierungstruppen und kurdischen Einheiten ein Waffenstillstand verkündet worden.
Das Treffen findet in einem luxuriösen Ferienresort am Stadtrand der gleichnamigen Hauptstadt von Al-Hasaka statt. In dieser Region Rojavas ist der Konflikt zwischen Araber*innen und Kurd*innen besonders deutlich spürbar – demografisch teilen beide Bevölkerungsgruppen das Gebiet nahezu gleichmäßig untereinander auf. Da die syrischen Regierungstruppen ihre Positionen zunehmend festigen, fühlen sich auch die arabischen Stämme gestärkt. Der Ideologie der neuen Regierung in Damaskus stehen sie näher als dem politischen Projekt Rojavas. Zum ersten Mal seit dem Sturz Al-Assads verschiebt sich das Machtverhältnis in der Region zugunsten der arabischen Seite.
In den Friedensverhandlungen geht es um praktische Fragen: Wie soll die Macht aufgeteilt werden? Wie kann Sicherheit gewährleistet werden? Und welche Rolle werden die arabischen Stämme künftig spielen? Die Stämme fordern eine stärkere politische Anerkennung in den von den Kurden kontrollierten Gebieten. Es wird viel über Frieden gesprochen, über ungelöste Konflikte und gegenseitige Vorwürfe – doch zu konkreten Vereinbarungen kommt es nicht. Die Kurden werfen den Arabern vor, Nationalismus und Rassismus zu schüren. Diese reagieren gekränkt und verärgert, einige Familien wollen den Saal sogar verlassen. Nach den offiziellen Reden und den hitzigen Auseinandersetzungen essen die Versammelten gemeinsam zu Mittag – dann gehen sie auseinander.
Unter den Teilnehmern befindet sich keine einzige Frau. Beide Seiten werden ausschließlich von Männern vertreten. Obwohl Frauen in Rojava teilweise hohe politische Ämter innehaben, bleibt ihre Rolle in der Diplomatie stark eingeschränkt – die Nachbarn verhandeln schlicht nicht mit Frauen.
Friedenskonferenz zwischen arabischen Stämmen und Kurden in der Region Al-Hasaka in Rojava. Die Gespräche finden kurz nach den jüngsten Zusammenstößen zwischen der syrischen Armee und kurdischen Einheiten statt. | Foto: © Denis Vėjas
Kurdische Vertreter in Syrien bei der Friedenskonferenz. | Foto: © Denis Vėjas
Vertreter arabischer Stämme bei der Friedenskonferenz. | Foto: © Denis Vėjas
Dieses Gefühl entstand nicht allein durch die Ideen selbst, sondern vor allem durch ihren Bezug zur Realität. Die Gleichstellung der Geschlechter wird hier unter Bedingungen vorangetrieben, die vom Krieg geprägt sind und die oft an die Grenze einer humanitären Katastrophe reichen. Trotz all der sozialen und politischen Probleme erscheint sie nicht als Nebensache, sondern als möglicher Teil ihrer Lösung. Gleichzeitig bleibt eine entscheidende Einschränkung bestehen: Die autonome Verwaltung von Rojava wurde bislang von keinem Staat und keiner internationalen Organisation offiziell anerkannt. Völkerrechtlich betrachtet gilt das Gebiet weiterhin als Teil Syriens, und die internationale Gemeinschaft erkennt die Regierung in Damaskus als rechtmäßige Autorität an.
Kurdische Kämpfer kehren nach Gefechten mit der syrischen Armee von der Front zurück. | Foto: © Denis Vėjas
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Damaskus erkennt die kurdische Autonomie nicht an und fordert die vollständige Eingliederung aller Gebiete sowie der politischen und militärischen Institutionen in die syrischen Staatsstrukturen. Die kurdische Seite hingegen versucht, zumindest Teile ihrer Selbstverwaltung, ihrer Sicherheitskräfte und ihrer politischen Kontrolle zu bewahren. Die Kurd*innen glauben nicht, dass die syrische Übergangsregierung, die zu religiösem Konservatismus tendiert, ein System akzeptieren wird, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Damaskus hat bereits erklärt, dass weibliche Militäreinheiten nicht gemeinsam mit männlichen Truppen in einer vereinten syrischen Armee dienen dürften. So steckt der Integrationsprozess trotz Waffenstillstand in einer Sackgasse – auch wenn sich beide Seiten grundsätzlich auf eine schrittweise Eingliederung der kurdischen politischen und militärischen Strukturen in den syrischen Staat verständigt haben.
Es scheint, als müssten sich die Kurd*innen erneut an ihre einzigen verlässlichen Verbündeten wenden: die Berge – doch in Rojava gibt es keine.
Ein Teenager steht am Eingang der Stadt Amude Wache. | Foto: © Denis Vėjas
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Dieser Artikel erschien zuerst im litauischen Onlinemagazin NARA, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Mai 2026