Obdachlosigkeit gestern und heute Armut gab, gibt und – wird es immer geben?

Obdachlosenbehausung auf dem „Rauchberg“ in Prag-Žižkov Foto: © Muzeum hlavního města Prahy

Die Ausstellung „Armes Prag“ („Chudá Praha“) im Prager Stadtmuseum (Muzeum Hlavního města Prahy) widmete sich dem Phänomen der Armut seit dem Ende des 18. Jahrhundertes bis ins Jahr 1945. Locker daran schließt im gleichen Museum eine Ausstellung über Obdachlosigkeit in der Gegenwart an. Sie trägt den Titel „Der Rauchberg“ („Dýmová hora“) und kann noch bis Ende Dezember 2019 besucht werden.

Da beide Ausstellungen bis Ende August 2019 nebeneinander stattfanden, waren sie notwendigerweise einem Vergleich ausgesetzt, den sie vielleicht nicht unbedingt verdienen. Zwar war die Gleichzeitigkeit sicher keine zufällige Entscheidung der Organisatoren, aber eine, mit der sie der Ausstellung Armes Prag keinen Gefallen getan haben.

Die Kuratorin von Armes Prag Jana Viktorinová konzipierte die Ausstellung entlang von Ereignissen wie Gesetzesänderungen, der Entstehung von Hilfsorganisationen, und sie stellte bedeutende Persönlichkeiten vor, die sich für arme Menschen engagierten. Exponate ergänzten diese Informationen, zum Beispiel die schwarze Samthaube eines Armenhauszöglings oder eine Spendendose mit der Aufschrift „FÜR ARME“, aber auch Fotografien, Gemälde oder Grundrisse von Armenunterkünften.

Obdachlosenkolonie musste Luxuswohnungen weichen

Das Ziel war es, eine andere Seite der Hauptstadt zu zeigen, die sich üblicherweisse über Monumente präsentiert, die meistens genau die entgegengesetzte Seite der Gesellschaft hervorgebracht hat. Der wichtigste Beitrag der Ausstellung Armes Prag sind also Informationen, die nicht allgemein bekannt waren, und dass sie überhaupt darauf aufmerksam macht, dass die Geschichte der Armen und der Armut immer noch außerhalb des Interesses einer breiteren Öffentlichkeit liegt. Im Vergleich mit der Der Rauchberg aber wirkt Armes Prag unpersönlich.
 
  • Unterirdische Übergangsbehausung in Prag-Vysočany, 1926 Fotograf unbekannt | © Muzeum hlavního města
    Unterirdische Übergangsbehausung in Prag-Vysočany, 1926
  • Geschäft in der Armensiedlung Prag-Malvazinky, 1930 Fotograf unbekannt | © Muzeum hlavního města
    Geschäft in der Armensiedlung Prag-Malvazinky, 1930
  • Obdachlosenbehausung auf dem „Rauchberg“ in Prag-Žižkov Foto: © Muzeum hlavního města Prahy
    Obdachlosenbehausung auf dem „Rauchberg“ in Prag-Žižkov

Die Ausstellung Der Rauchberg führte mit Armes Prag gleich mehrere interessante Dialoge. Sie stellt sich dem Problem direkter, weil sie über Obdachlose aus der Perspektive ihrer unmittelbaren Umgebung erzählt. Der Künstler Epos 257 und der Kurator Tomáš Pospiszyl zeigen das Gelände der aufgelösten Obdachlosenkolonie auf einem Grundstück des Güterbahnhofs in Prag-Žižkov. Heute stehen dort paradoxerweise exklusive Mehrfamilienhäuser. Erinnerungen und Erzählungen der Obdachlosen belegen eine enge Beziehung zum legendären so genannten Rauchberg, der (ebenso paradox) ihr Terrain war.

Leitmotiv von Der Rauchberg ist das Kabel. Die Obdachlosen haben viele davon dort verbrannt, wobei giftiger Rauch entstand, der dem Ort seinen Namen gab. Die Kabel klauten sie auf dem Güterbahnhof, um an die darin verarbeiteten Buntmetalle zu kommen. Ein Kabel, das zwischen zwei Bäumen gespannt war, diente den Obdachlosen als Wäscheleine. Allmählich wuchs es in den Baumstamm ein. Es ist dort heute noch und half dabei, den mittlerweile verschwundenen Rauchberg genau zu lokalisieren. Direkt am Eingang der Ausstellung ist das Verbrennen eines Kabels im Video zu sehen, und Kabel sind in Vitrinen gemeinsam mit verdreckten Plüschtieren ausgestellt. Auch in Interviews, die die Besucher anhören oder lesen können, geht es um Kabel.

Der Rauch verbrannter Kabel brennt in den Augen

Epos 257 folgt dem Leben der Obdachlosen mit einer fast fetischistischen Voreingenommenheit, aber ohne das Bedürfnis zu werten und zu urteilen. Armes Prag wahrt eine größere Distanz, nähert sich dem Thema mit dem Blick einer Historikerin, die kategorisiert statt durchlebt. Eine Ursache für den unpersönlichen Eindruck mögen dabei auch Details sein, wie etwa die Wortwahl in den Plaketten unter den Bildern (zum Beispiel „trostlose Behausungen“). Eine Rolle spielt dabei natürlich auch, dass Armes Prag eine eher klassisch konzipierte Ausstellung ist, die eine Historikerin als Kuratorin verantwortet.

Der Rauchberg hingegen ist das konzeptuelle Projekt eines bildenden Künstlers, der darüber hinaus sogar selbst eine Weile unter den Obdachlosen auf dem Rauchberg gelebt hat. Auch Armes Prag berührt, aber Epos 257 (dessen bürgerlicher Name nicht bekannt ist) wählte einen völlig anderen Ansatz, als er seine ursprünglich als Kunst gemeinte Installation zu einem Schutzdach für Obdachlose umbaute, unter dem sie bis heute wohnen. Dem Thema der Obdachlosigkeit widmet sich Epos 257 schon seit längerem. Er ist auch der Urheber des Denkmals, das auf dem Rauchberg selbst steht.

Beide Ausstellungen zusammen zeigen – wenn auch unterbrochen (es fehlt die Zeit nach 1945 bis in die jüngere Vergangenheit) –, wie sich die Wahrnehmung von Armut im Laufe der Zeit entwickelt hat. Idealerweise würde man Armes Prag und Der Rauchberg als ein Ganzes auffassen. Zwei unterschiedliche Ansätze ermöglichen dem Besucher nämlich eine Konfrontation mit sich selbst unter dem Einfluss zweier unterschiedlicher Prismen.

Die Armut in der Vergangenheit erschüttert, etwa wenn man erfährt, dass es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlaubt war, Kinder ab acht Jahren bis zu 12 Stunden täglich arbeiten zu lassen. Die Armut der Gegenwart erschüttert ebenfalls, und der Rauch verbrannter Kabel brennt uns jetzt gerade in den Augen.

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