Literaturdebüt der Drehbuchautorin Klára Vlasáková „Ich glaube an die Horizontale“

Das literarische Debüt der Drehbuchautorin Klára Vlasáková trägt den Titel „Praskliny“ („Risse“). Foto: © Ondřej Lipár

Das literarische Debüt der Drehbuchautorin Klára Vlasáková trägt den Titel „Praskliny“ (etwa: „Risse“). Diese könnte man als eine Art Belüftungslöcher für die Beklommenheit einer Welt verstehen, die ihre feste Struktur vor allem durch den Arbeitsalltag erhielt. In „Risse“ verlieren die Figuren wegen der Automatisierung ihre Jobs und sind gezwungen, ihrem Leben eine neue Struktur zu geben. Gleichzeitig erleben sie den Klimawandel, durch den es immer mehr unerträglich heiße Tage gibt. Als über einer Wiese im Ort eine schwebende weiße Kugel erscheint, beginnen die ratlosen Menschen gerade in ihr nach Zeichen für einen neue Richtung zu suchen.

Gab es für die Kugel irgendein Vorbild in einem anderen literarischen Werk?

Ich war mir dessen nicht bewusst, aber manche sehen da eine entfernte Verwandtschaft mit der Erzählung Stories Of Your Life And Others von Ted Chiang, die die Vorlage für den Science-Fiction-Film Arrival war. Nur geht es da um das Zusammentreffen mit einer außerirdischen Zivilisation, was in Risse hingegen keine Rolle spielt. Außerdem wiederholt sich in dem Buch ein Satz mehrmals, ein bisschen wie ein nerviger Refrain: „Die Kugel aber bleibt immer gleich, allem gegenüber vollkommen gleichgültig.“

In „Risse“, genau wie in Ihrer Erzählung im Sammelband „Zukunft“ („Budoucnost“) , ist die Rede von einer Zelle – einem kleinen Raum, der entwickelt wurde, um in extremer Hitze überleben zu können. Haben Sie sich da von der Realität inspirieren lassen?

Es existieren verschiedene größere, gut ausgestattete Bunker, in denen man eine Extremsituation überleben kann, sollte diese eintreten. Meistens handelt es sich da um Schutzräume, die sich die Superreichen zulegen. In der Erzählung Die Zelle habe ich das in die Vorstellung einer Welt weiterentwickelt, in der es viele dieser Zellen gibt, die miteinander verbunden sind. Die Klimakrise belastet also für eine gewisse Zeit nur diejenigen, die sich nicht vor ihr verstecken können. Ich selbst gehe zwar ernst an das Thema heran, aber sehr gut finde ich auch, wie zum Beispiel das amerikanische Satire-Duo The Yes Man mit Witz und Absurdität auf soziale, politische oder ökologische Probleme aufmerksam macht. Vor ein paar Jahren haben sie so einen aufblasbaren Raumanzug namens „Survivalball“ vorgestellt, in den ein einziger Mensch hineinpasst, und in dem Business-Manager in Ruhe die globale Krise überstehen könnten. Sie boten das sogar Unternehmen an und verwendeten deren Reaktionen für ihren Film.
 
 

Die Unfähigkeit, die Zukunft maßgeblich beeinflussen zu können, stürzte die Figuren in „Risse“ in eine Depression. Haben Sie für sich selbst ein Rezept gefunden um genau das zu vermeiden?

In Risse ging es mir unter anderem um den Maßstab. Im Buch geht es vor allem um eine größere Familie, in der gute Beziehungen herrschen und in der alle sich gern haben. Wenn wir uns aber mit einem Problem beschäftigen, das die ganze Gesellschaft betrifft, muss man sich auch mit anderen Menschen und Gruppen auseinandersetzen. In Risse erklären sich die Romanfiguren die Anwesenheit der geheimnisvollen weißen Kugel, die eines Tages über dem Boden schwebt, als ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Dabei würde es vielleicht reichen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Kugel, sondern aufeinander richten würden.

Für mich ist es eine interessante Option bei der Vorstellung vom Weltende „den Frieden mit dem Untergang der Menschheit zu machen“. So etwas Ähnliches habe ich teilweise auch in der Kugel gesehen, im Satz über ihre Gleichgültigkeit. Stellen Sie sich manchmal den Planeten ohne Menschen vor?

In der Welt meines Romans gab es die Kugel wahrscheinlich schon immer – und es wird sie sicher auch noch nach dem Untergang der Menschheit geben. Ihre Existenz hängt nicht von den Bedingungen auf der Erde ab, auch wenn die Protagonisten gerne glauben würden, dass ihre Anwesenheit etwas mit den Menschen zu tun hat. Und was unbewohnte Planeten angeht – als Kind hat mich diese Vorstellung immer fasziniert. Wie würde es wohl aussehen, wenn an all den Orten, die ich kenne, auf einmal kein Mensch mehr wäre? Wenn sie einfach verschwunden wären? Der Philosoph und Kybernetiker Jan Romportl spricht dennoch davon, dass es laut eines mathematischen Modells so gut wie sicher ist, dass wir allein sind im Universum. Da wir auf einem Planeten wohnen, auf dem sich Leben entwickelt hat, liegt es in unserer Verantwortung, dieses Leben – auf irgendeiner Form – zu erhalten.

Ich bin 35 und mit der Klimakrise beschäftige ich mich jetzt ein paar Jahre. Davor habe ich mich nicht besonders dafür interessiert. Sie sind dreißig – wann haben Sie begonnen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?

Eine meiner ältesten Freundinnen ist Biologin und Ökologin. Sie hat mich seit der Kindheit mit Vorhersagen über das Klima konfrontiert.

Ich leide unter einer Angststörung und kann nicht unterscheiden, ob ich selbst auf dieses Thema fokussiere oder ob es das Thema ist, das meine Ängste auslöst. In Ihrem Buch weisen Sie auf die wachsende Angst in der Welt von heute hin.

Die Ängste nehmen einerseits zu. Aber andererseits ist es heute so, dass man, sobald man seine Probleme angehen und zu einem Fachmann gehen will, von diesem Tabletten bekommt, die einem helfen sollen. Dadurch werden aber keine Probleme gelöst. Wenn Sie nämlich Sorgen wegen des Klimas oder Existenzängste haben, dann wird dieses Problem, das die gesamte Gesellschaft angeht, auf eine individuelle Sache zusammengeschrumpft. Wenn jemandem die Privatinsolvenz droht, kann man doch nicht erwarten, dass sich derjenige in Dankbarkeit übt für das, was er hat, Tabletten nimmt, und alles bald wieder gut wird. Darin sehe ich die Grenzen der Psychotherapie, die eine Reihe von Problemen als solche von Einzelnen versteht. Auch das ist ein Thema in Risse.

Was ist für Sie das drängende Problem Ihrer Generation?

Davon gibt es viele, aber ein besonderes verbindendes Problem ist die Wohnungsnot – Debatten über die Deckelung von Mieten werden mit aller Kraft vermieden und die Hypotheken sind sehr hoch. Laut einer Studie der NGO Arnika liegt Tschechien von allen EU-Staaten auf dem letzten Platz was den Kauf von Wohnungen angeht. Wir müssen elf Netto-Jahresgehälter dafür zahlen, in Deutschland sind es 4,7 Jahresgehälter.

Aber sollte das eigentliche Ziel unseres Strebens wirklich auf ein Eigenheim hinauslaufen, weil das bei den Generationen vor uns genauso war? Oder auf einen gesellschaftlichen Aufstieg? Ist das nicht genau die Erwartungshaltung, die uns einen Großteil der heutigen Probleme bereitet?

Ein Heim, das einem wenigstens eine minimale Sicherheit gibt, ist eine existenzielle Notwendigkeit. Und gesellschaftliche Aufstieg als solcher ist nicht wichtig – aber am lautesten sind genau die zu hören, die schon hoch oben sind. Für die, die unter ihnen sind, interessieren sie sich dann nicht mehr groß.

Sollten wir denjenigen besser zuhören, die es nicht so weit nach oben geschafft haben?

Auf jeden Fall! Wenn man sich die Umfrage zur Klassenstruktur der tschechischen Gesellschaft anschaut, die der öffentlich-rechtliche Tschechische Rundfunk im Herbst vergangenen Jahres veröffentlicht hat, stellt man fest, dass 40 Prozent der Bürger sich zu einer Gesellschaftsschicht zählen, die vom Abstieg bedroht oder bereits abgestiegen ist. Sie haben unterdurchschnittliche Einkommen und sind von Privatinsolvenz bedroht, wobei in beiden dieser Schichten Frauen stärker vertreten sind. Von diesen Menschen hört man selten und ihre Erfahrungen werden bagatellisiert. Dieser Diskurs verändert sich gerade, aber das geht sehr langsam. Das halte ich für eine Aufgabe der Kunst: weiter zu schauen als bis zum eigenen Bauchnabel.

Glauben Sie an Gott?

Ich persönlich glaube nicht an Gott, ich glaube eher an Zusammenarbeit, an Solidarität. Das kann man am Ende auch in Risse lesen. Ich glaube nicht an die Vertikale, die sich auf Gott bezieht, sondern eher an die Horizontale, an die Stärkung der menschlichen Beziehungen, an die Zusammenarbeit.

Und kann dies auch die unerfüllte Spiritualität befriedigen, über die Sie in „Risse“ sprechen?

Ich bin wahrscheinlich relativ materialistisch veranlagt. Mir scheint, dass Spiritualität vor allem im zwischenmenschlichen Kontakt entsteht. Vielleicht habe ich das für mich selbst aber auch noch nicht ganz geklärt, denn in Risse wird genau diese Frage gestellt. Von etwas ähnlichem handelt mein neuer Comic Spiritistinnen, an dem ich zusammen mit der Illustratorin Juliána Chomová arbeite und der im Herbst im Lipnik Verlag erscheinen soll. Darin kommt die Hauptfigur in Kontakt mit dem Übernatürlichen, und das verändert sie für immer. Diese Erfahrung ironisieren wir aber auf keine Weise.

Wie sind Sie an dieses Thema geraten?

Die Geschichte ist ganz entfernt an ein virales Video angelehnt. Darin verkünden zwei Freundinnen auf einer Versammlung, dass eine von ihnen „die Reinkarnation Christi“ sei. Die Leute fanden das Video damals vor allem witzig, aber mich hat interessiert, in welchem Verhältnis die beiden Frauen wohl zueinanderstehen. Wie konnte es zu dieser Einstellung kommen? Wie kamen sie überhaupt auf sowas? In Spiritistinnen untersuchen wir eine Situation, in der Laura, eine der zwei Heldinnen, die Fähigkeit erhält, Menschen per Berührung zu heilen. Sie selbst ist dabei äußerst rational, sachlich und glaubt nicht an übernatürliche Erfahrungen oder Fähigkeiten.

Wie verändern sie die neuen übernatürlichen Fähigkeiten?

Lauras Fähigkeit Menschen zu heilen kann nicht alle Probleme derjenigen lösen, die sich an sie wenden. Die Erwartungen ihres Umfelds sind hoch und Laura gelingt es nicht mal, sie mit einer solch einzigartigen Gabe zu erfüllen. Das ruft bei manchen Unwillen hervor. Noch dazu hat niemand Laura vorher gefragt, ob sie diese Fähigkeit haben möchte oder nicht – sie hat sie einfach bekommen und versucht jetzt, mit ihr umzugehen.

Verstehen Sie unter Rissen etwas Ähnliches wie ich? Also Luftlöcher, die die eingeengte Energie unserer Zeit freisetzen könnten?

Jede Interpretation der Leser ist für mich interessant und wichtig. Für mich persönlich bedeutet das Motiv der Risse vor allem, dass eine andere Welt möglich ist.
 

Klára Vlasáková ist Dramaturgin und Publizistin. Sie schreibt für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen und den Rundfunk Fernseh- und Hörspiele. Sie ist auch Autorin von Texten für Kinder und junge Erwachsene.

Auszug aus: Klára Vlasáková – „Risse“ („Praskliny“)

Klára Vlasáková – „Risse“ Foto: © Nakladatelství Listen Als es auf die Erde herabschwebte – um genau zu sein auf die Gemeindewiese einer Stadt mittlerer Größe – dachten diejenigen, die es als erste gesehen hatten, es handele sich dabei um eine optische Täuschung; vielleicht war es eine Brechung des Lichts, die verschwindet, wenn man den Kopf dreht oder wenn die Sonne von Wolken verdeckt wird. Aber es verschwand nicht; es blieb immer ein paar Zentimeter über dem Boden – ein merkwürdiges, rundes, weiß phosphoreszierendes Gebilde, das etwa drei Meter Durchmesser hatte. Man konnte sich ihm nähern und es sogar berühren. Manche sagten, dass seine Oberfläche warm und geschmeidig war, andere schworen, sie hätten gefühlt, wie sich im Inneren etwas bewegte.
 
Die Kugel jedenfalls verschwand weder nach einem Tag, noch einer Woche und auch nicht nach einem Monat.
 
Bald wurden Stimmen laut, es handele sich um irgendeine Anomalie, verursacht durch die langjährige und viel zu schnelle Erwärmung des Planeten. Es wurde auch vermutet, dass es sich dabei um eine Warnung oder sogar eine Strafe handele (aber es war nicht wirklich klar, wovor oder weswegen). In einem waren sich alle einig – eine solche Erscheinung war etwas vollkommen Neues, Aufregendes, etwas, das sorgfältig untersucht und beschrieben werden musste.
 
Die Kugel aber blieb immer gleich, allem gegenüber vollkommen gleichgültig.

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