Kultur in Belarus Zurück am Nullpunkt

Light Partisan Movement, 1997 Foto: © Igor Tishin

​Jenseits der internationalen Bühne und zahlreicher Rückschläge zum Trotz entwickelte sich in Belarus seit Jahrzehnten eine lebendige Kulturszene. Die brutalen Repressionen des Staatsapparats gegen die Protestbewegung seit Sommer 2020 treffen auch sie: Wer nicht ausreist, verstummt. Als letzter Freiraum gilt für einige mutige Kultur-„Partisanen“ das Internet: In geschlossenen Online-Räumen kann Kunst gezeigt, können Gedanken (noch) ausgesprochen werden.

Seit mehr als einem Jahr kämpft die belarusische Zivilgesellschaft für faire Wahlen und Freiheit. Ihr steht ein übermächtiges, repressives Machtregime gegenüber. Journalist*innen, Studierende, Aktivist*innen, kritische Stimmen werden verhaftet. Redaktionen, NGOs, Verlagsräume und Kulturzentren werden durchsucht und zerstört, geschlossen und verboten. Betroffen sind auch renommierte und internationale Einrichtungen wie das Goethe-Institut in Minsk, der PEN-Club und ein unabhängiger Journalismusverband. Zerstört wird damit auch eine lebendige Kunst- und Kulturszene, die einmal mehr ihre Wirkungsräume verliert, in die Protestkunst oder zum Schweigen gedrängt wird.
© Antonina Slobodtschikowa
Für Artur Klinaŭ, der als Künstler, Schriftsteller und Begründer des Künstlerdorfes Kaptaruny seit den 80er Jahren ein wichtiger Protagonist der belarusischen Kulturszene ist, ist das nichts völlig Neues: „Jegliche seriöse Kunst ist immer Protestkunst, sogar Lyrik ist Protest“, so Klinaŭ. „Ein Autor muss der Macht immer kritisch gegenüber stehen. Seit den 90er Jahren hatten wir ein autoritäres Regime, aber unsere neue Realität ist jetzt eine echte Diktatur. Die Partisanen-Taktik von früher hilft, aber die Bedingungen sind jetzt viel härter.“
 
Wenn Klinaŭ von „Partisanen“ spricht, meint er das Kunstschaffen in einer ignoranten Umgebung, beispielsweise im Belarus der späten 90er Jahre. Während im westlichen Kulturbetrieb Galerien, Kurator*innen, Kritiker*innen und Magazine für Kreative verfügbar waren, war man in Belarus auf sich selbst gestellt: Kunstschaffende mussten gleichzeitig auch kuratieren, rezensieren, Galerien betreiben und publizierten – wie Klinaŭ selbst seit 2001 als Herausgeber des pARTisan-Magazins.
 
  • Light Partisan Movement, 1997 Foto: © Igor Tishin
    Light Partisan Movement, 1997
  • Light Partisan Movement, 1997 Foto: © Igor Tishin
    Light Partisan Movement, 1997
  • Light Partisan Movement, 1997 Foto: © Igor Tishin
    Light Partisan Movement, 1997
  • Light Partisan Movement, 1997 Foto: © Igor Tishin
    Light Partisan Movement, 1997

Von ersten Freiheiten ins kapitalistische Chaos

Die Wurzeln der unabhängigen belarusischen Kulturszene liegen in den 60er Jahren, doch erst in der Zeit der Perestrojka der 80er Jahre wurden erste nonformale Kunstkollektive sichtbar. Während in Moskau und Sankt Petersburg bereits progressive Ausstellungen möglich waren, bremste Belarus jegliche Öffnungstendenzen, auch im kulturellen Bereich. „Diese Epoche war ein Durchbruch“, meint Klinaŭ dennoch. Erste improvisierte, später auch institutionalisierte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, die sich erstmals radikal gegen den allgegenwärtigen Sozialistischen Realismus wandten, fanden in Minsk und Wizebsk statt. Allein die „Perspektiva“ 1987 in Minsk brachte Dutzende Kunstschaffende und große Menschenmengen zusammen.
 
Angetrieben von einem internationalen Boom „russischer Kunst“, verließen jedoch auch erste Künstler*innen und Kollektive das Land – nach Russland, Polen oder in die Tschechoslowakei. Der kapitalistische Kunstmarkt erreichte Belarus, Händler „führten Waggons voller Gemälde aus“, erinnert sich Klinaŭ. „Das war eine abenteuerliche Zeit.“ Als dann 1991 die Sowjetunion kollabierte, entstand auch in Belarus ein unkontrolliertes, chaotisches Markttreiben mit anarchistischen Zügen, in dem neuen Kapitalismus mussten auch Kunstschaffende ihren Platz suchen.

Die Geburt des belarusischen Kultur-„Partisanen“

Den Dämpfer versetzte dem Auftrieb aber schon 1994 die Wahl eben jenes Alexandr Lukaschenko zum Präsidenten, der heute seine Bevölkerung terrorisiert. Unter ihm wurde ein staatliches „Kunst-Konzept“ erarbeitet, dass sich vor allem auf die ehemaligen Sowjet-Bürger, deren Nostalgie und Sehgewohnheiten konzentrierte. „Damals gab es (noch) keinen Druck, keine Zensur“, erklärt Klinaŭ, „aber es unterstützte auch niemand die ‚Parallel-Kultur‘. Das Überleben wurde schwer.“ Und so entstand zwischen freiem Markt und Lukaschenkos sowjet-nostalgischer Staatsstrenge der belarusische „Kultur-Partisan“.
 
Klinaŭ, der jenes Konzept mit prägte, erläutert die Ziele: „Im luftfreien Raum leben und überleben, während man viel Kraft darauf verwenden muss, Kunst zu schaffen und Begrenzungen zu überwinden. Das war furchtbar aufwendig und nicht konkurrenzfähig, aber es schuf auch Heldentum – kulturelle Helden.“ Mit der Zeit erreichten jene „heldenhaften Kultur-Partisanen“ auch ein jüngeres Publikum, das neue Räume für alternative Kunst nachfragte. Es entstanden Verlage wie Halijafy des Schriftstellers Zmicier Višniou, das Literaturkollektiv BumBamLit und die Galerien „Ў“ und „OK16“.
СИЗИФ / SISIFUS, © Michail Gulin

„Unterdrückung ist jetzt Normalzustand“

„Doch jetzt sind wir wieder am Nullpunkt“, sagt nicht nur Klinaŭ. Auch der Performance-Künstler Michail Gulin berichtet: „Für mich fühlt es sich so an, wie damals Anfang der Nuller-Jahre. Es sind wieder alle Kulturräume zerstört. Es gibt nicht eine Galerie für zeitgenössische Kunst auf zwei Millionen Einwohner in Minsk.“ Obwohl Gulins Projekte oft auf der Straße oder im Freien stattfanden, ist auch er von Beschneidungen der Freiräume betroffen. „Was 2008 noch möglich war, war 2012 schon unmöglich, was da noch ging, war 2015 schon verboten“, so Gulin.
 
Als er 2008 mit seinem Performance-Projekt Ich bin kein Partisan in Kostüm und mit Themenschild durch die Minsker Straßen zog, erntete er nur Irritation des zufälligen Publikums. Doch als er im Rahmen eines Projekts zu Kunst im öffentlichen Raum mit dem Minsker Goethe-Institut 2012 für die Aktion Persönliches Monument pinkfarbene und gelbe Würfel in unterschiedlichen Konstellationen in der Stadt aufbaute, wurden er und seine Helfer*innen am zentralen Oktoberplatz festgenommen. Seit großen Demonstrationen 2006 und 2010 galt der Ort als Symbol eines wiedererwachenden Widerstandes gegen Lukaschenko. Gulin wurde letztlich zwar freigesprochen. Aber die Botschaft war klar: Der Staat okkupiert den öffentlichen Raum.
Ich bin kein Partisan, © Michail Gulin
„Der einfachste, sicherste Raum ist momentan noch das Internet, solange es nicht abgeschaltet wird.“ Wer weiter vor allem regime-kritische Kunst machen wolle, müsse in die Anonymität gehen. „Diese Distanzierung von sich selbst ist für einen Künstler dramatisch. Unterdrückung ist jetzt Normalzustand.“ Noch können die Kreativen nicht reflektieren, nur reagieren. Doch eines ist für Gulin schon sichtbar: „Die Sprache der Kunst verändert sich.“

„Die Realität ordnet sich nicht unter“

Auch für Antonina Slobodtschikowa bot das Goethe-Institut Minsk einen wichtigen Raum, wo sie ihre Installationen entwickeln und ausstellen konnte: Beim Ausstellungsprojekt Litera konnte sie 2010 mit Es ist da erstmals ihren eigenen Stil erspüren. Im Sommer 2020 dann gestaltete sie das wohl bekannteste Symbol der Proteste: die Gesten des Dreier-Teams um Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsikhanouskaya. Aber schon im Frühjahr 2021 zerstörte sie es wieder auf einer großen Ausstellung belarusischer Protestkunst in Kiew. Auf diese Art will sie Erlebnisse und Eindrücke verarbeiten: „Ich bin nicht naiv, ich weiß, wo ich lebe.“ Schon lange habe sie keine Illusionen mehr gehabt, aber nun müsse sie damit leben, im vergangenen Sommer doch wieder geträumt zu haben. „Es ist Enttäuschung und Liebe, das Loslassen der Hoffnung“, sagt Slobodtischkowa nachdenklich. „Die Realität ordnet sich Dir nicht unter.“

Im Sommer 2020 gestaltete Antonina Slobodtschikowa das wohl bekannteste Symbol der Proteste: die Gesten des Dreier-Teams um Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsikhanouskaya. Im Sommer 2020 gestaltete Antonina Slobodtschikowa das wohl bekannteste Symbol der Proteste: die Gesten des Dreier-Teams um Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsikhanouskaya. | © Antonina Slobodtschikowa Es spricht bleierne Müdigkeit aus den Erzählungen der Künstler*innen. „Wenn man immer wieder in eine Körperstelle sticht, wird sie irgendwann taub“, so Slobotschikowa über ihren „Zombie-Zustand“. Die „Partisanen“ der belarusischen Kultur müssen wieder untertauchen, ausharren. Artur Klinaŭ hofft, in einem Jahr werde man klarer sehen, noch seien nur literarische Prognosen möglich: „Statt einer Kafkaesken Katastrophe wie in den 90er Jahren erleben wir nun eine scharfe Schock-Therapie“, so Klinaŭ. „Damit kann man nicht lange leben. Entweder es passiert bald etwas. Oder es endet in ewigem Leiden.“
 

Der Beitrag entstand im Rahmen der Online-Veranstaltungsreihe Zeitgenössische Literatur, Kunst und Kultur in Belarus. Künstlerische Positionen zwischen Aufbruch und Rückzug von Mai bis Juli 2021, organisiert von Nina Weller (Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)), Nadine Menzel (Universität Leipzig) und der Kulturmittlerin, Übersetzerin und Essayistin Iryna Herasimovich. Gäste waren der Schriftsteller Artur Klinaŭ, die Kunstschaffenden Michail Gulin, Antonina Slobodtschikowa, Jura Dziwakou und der Verleger Zmicier Višniou.

Lesetipps

Artur Klinaŭ
Minsk. Sonnenstadt der Träume.
Suhrkamp (2006), 175 Seiten

Artur Klinaŭ
Schalom. Ein Schelmenroman
edition.fotoTAPETA (2015), 272 Seiten

Artur Klinaŭ
Partisanen. Kultur_Macht_Belarus
edition.fotoTAPETA (2014), 168 Seiten
 
Mehr über die belarusische Kulturszene während der Proteste im Sommer 2020 zeigt auch der aktuelle Dokumentarfilm Courage von Aliaksei Paluyan.

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