Vogelmelodien Einsame Sänger

Warzenhonigfresser Foto: Jss367 via wikimedia | CC BY-SA 4.0

Ein kleiner schwarzgelber Vogel sitzt auf einem Zweig und singt aus vollem Halse. Er versucht, eine geeignete Partnerin anzulocken. Sein Auftritt bleibt allerdings ohne Antwort. Denn das Männchen des Warzenhonigfressers singt das Lied einer anderen Art. Sein eigenes kann er nicht.

Sedmá generace logo Dieser Artikel wurde bereits in der Zeitschrift Sedmá generace veröffentlicht, die alle zwei Monate erscheint und sich ökologischen und gesellschaftlichen Themen widmet. Wir danken für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

Dieser Vogel ist bei Weitem nicht der einzige der in Australien heimischen und vom Aussterben bedrohten Art, dem es so ergeht. Die Autor*innen einer aktuellen Studie (März 2021) stellten fest, dass Honigfressermänchen in Gebieten, in denen nur wenige Artgenossen leben, ihr arttypisches Lied nicht „ordentlich“ vortragen können – sie singen langsamer oder kommen mit der Melodie durcheinander.
 
Ganze zwölf Prozent der für die Studie beobachteten Honigfresser konnten nur den Gesang anderer Vogelarten. Honigfresserweibchen, die auf die arttypische sanfte Melodie voller Triller warten, hören so stattdessen Imitationen des Gesangs von Lärmlederkopf oder Weißbürzel-Krähenstar.
 
Den Unterschied erkennt auch ein menschlicher Laie (es reicht, sich die Aufnahmen anzuhören, die die Forscher während der Studie gemacht haben), und das umworbene Vogelweibchen erst recht. Männchen, die solche Fehler machen, sind für sie nicht besonders attraktiv – und deshalb verringert sich die Anzahl der Honigfresser immer weiter.
 

Erfolgreiche und erfolglose Imitatoren

Die Population der Warzenhonigfresser zählt nur rund 300 Tiere – und darin liegt anscheinend auch der Hauptgrund, warum die Männchen ihr eigenes Lied nicht mehr fehlerfrei singen können. Sie haben einfach niemanden mehr, der es ihnen beibringen könnte.
 
Manche Vogelarten eignen sich nämlich den Gesang ganz ähnlich an, wie Menschen die Sprache – sie hören Älteren zu und versuchen, sie zu imitieren. Zunächst „brabbeln“ sie vor sich hin und durch ständiges Üben perfektionieren sie ihren Ausdruck schließlich. Dieser Prozess des sogenannten „vokalen Lernens“ ist sehr selten – es beherrschen ihn zum Beispiel alle Singvögel oder Papageie, Delfine, und von den Primaten lediglich wir Menschen.
 
Viele Vögel sind fähig in ihr Repertoire die Melodien anderer Arten und auch völlig andere Geräusche aufzunehmen, zum Beispiel Hundegebell, Beerdigungslieder oder die Klingeltöne von Telefonen. Die amerikanische Autorin Jennifer Ackerman führt in ihrem Buch Die Genies der Lüfte (The Genius of Birds, 2016) unzählige Beispiele für herausragende Imitatoren an. Eine Nachtigall etwa ist in der Lage, beinahe 60 Lieder nachzuahmen, selbst wenn sie sie nur ein paarmal gehört hat.
 
Diese Sangeskünstler haben allerdings keine Probleme, sich fortzupflanzen – manchmal nutzen sie die erlernten Melodien sogar zu ihrem Vorteil. Ein Problem entsteht erst dann, wenn sie das Lied nicht erlernen, das für ihre eigene Art typisch ist. Und genau das ist im Falle einiger Warzenhonigfresser aus der erwähnten Studie geschehen.

Jemanden zum Zuhören haben

Dem Erlernen von Gesang und Sprache ist gemeinsam, dass es Jüngeren wesentlich leichter fällt. Die Gehirne von Jungvögeln und von Kindern eignen sich schnell die Art der Kommunikation ihrer Eltern, aber auch die von „Fremden“ an. Je älter sie werden, desto schlechter gelingt ihnen das.
 
Ackerman fügt hinzu, dass manche Vögel das „vokale Lernen“ nur für eine begrenzte Zeit beherrschen. Zebrafinken zum Beispiel müssen ihr ganzes Leben lang damit auskommen, was sie sich während der ersten 65 Tage nach ihrer Geburt gemerkt haben. Danach sind sie nicht mehr fähig, neue Melodien zu lernen. Für solche und ähnliche Arten ist es deshalb umso wichtiger, dass sie zu Beginn ihres Lebens Vorbilder haben, denen sie zuhören können.
 
Dem Direktor der Tschechischen Ornithologischen Gesellschaft Zdeněk Vermouzek zufolge wissen wir jedoch bei einer Reihe von Vögeln nicht, wie genau sie sich ihren Gesang aneignen. Deshalb lässt sich nicht vorausschauend feststellen, ob noch weitere Arten das Schicksal der Warzenhonigfresser ereilen könnte.
 
„Das ist ein bekannter Mechanismus: Sobald die Anzahl der Tiere einer Art unter eine bestimmte Grenze sinkt, ist der Kipppunkt erreicht, ab dem sich die Prozesse, die zu einem weiteren und schnelleren Rückgang der Population führen, gegenseitig verstärken, und von denen bis dahin niemand auch nur eine Ahnung hatte“, fasst Vermouzek für die Zeitschrift Sedmá generace zusammen. „Das Problem ist, dass niemand weiß, wo bei welcher Art diese Grenze liegt.“

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