Furrys und Pet Play Von Kuschelwölfen, Lederwelpen und dem Wunsch nach Anderssein

Von Kuschelwölfen, Lederwelpen und dem Wunsch nach Anderssein Foto: Daniel Lloyd Blunk-Fernández via unsplash | CC0 1.0

Ob Fabeln, Fellkostüme oder Erwachsene, die Hunde imitieren: Für manche Menschen geht die Verbindung zu Tieren so weit, dass sie selbst eines sein wollen – und wenn nur auf Zeit. Einige lassen ihre Fantasien wahr werden und schließen sich Furrys oder Pet Play an. Was steckt hinter dieser Sehnsucht und dem Spiel mit Spezies-Grenzen?

Im Videoclip streift sich Sebastian über sein T-Shirt ein schwarzes Lederharness, das wie ein „X“ eng auf seiner Brust aufliegt. Danach zieht der 38-Jährige blaue Kniestrümpfe an, legt klobige, schwarze Lederfesseln um seine Handgelenke, streift Knie- und Handschoner über. Zuletzt legt er sich das cremefarbene Halsband mit dem silbernen Anhänger in Knochenform um und stülpt die Ledermaske über seinen Kopf – aus Sebastian wird jetzt der verspielte Hundewelpe „Strolch“.
 

Die Szene stammt aus einer Mini-Doku über Puppy Play, deutsch: „Welpen-Spiel“. Es sind Erwachsene – überwiegend Männer – die sich mit verschiedenen Utensilien als Hunde verkleiden und inszenieren. Das geht so weit, dass sie auch auf Knien und Fäusten den Gang von Hunden imitieren, apportieren, miteinander raufen. Puppy Play ist ein Genre in der BDSM-Szene und eine eher softe Mischung aus Dominanz, Unterwerfung und Rollenspiel. Die Verwandlung der Männer sowohl in Hundewelpen als auch Hundehalter mag zum Teil befremdlich wirken – die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werben hingegen mit ihnen für die Toleranz und den Humor des Verkehrsunternehmens.
 

Flauschiges Fandom

„Zwischen Puppy Play und Furrys gibt es durchaus Schnittmengen – aber sie sind schon zwei unterschiedliche Gruppen“, sagt auch Saskia*, deren animalisches Alter Ego der Wolf ist. Obwohl sich Furrys, so Saskia, durchaus von Mensch-Tier-Mischwesen erotisch angezogen fühlen oder diese Anziehung auch als Teil ihrer Sexualität ausleben, „ist das im Prinzip nur eine weitere Farbe auf der Palette. Es macht nicht die Szene selber aus“, schickt sie schnell hinterher. Denn viele Medien reduzieren die Furry-Szene gerne auf einen knallbunten und infantilen Tierkostüm-Fetisch. Das würde der Vielfalt der Szene aber nicht gerecht, so die 39-Jährige. Viel eher sind Furrys eine heterogene Subkultur, die vor allem durch ihre fantasievollen und farbenfrohen Tierkostüme auffällt. Diese können von der Natur oder von Comic- und Fantasy-Figuren inspiriert sein und mehrere tausend Euro kosten. Doch das „Fandom“, wie die Furry-Szene sich selbst nennt, drückt sich auch anderweitig kreativ aus, beispielsweise durch Zeichnungen, Malerei, Graphic Novels und Illustrationen sowie Bücher, Geschichten oder Musik. Deutlich wird dies auch im Dokumentarfilm The Fandom, der die Anfänge der Furry-Szene in den USA nachzeichnet.

Der Film zeigt, dass es anfangs gar nicht so sehr um die anthropomorphisierten Tierkostüme ging, sondern vor allem um die Idee, Tiere mit menschlichen Eigenschaften zu zeichnen und illustrieren und persönliche Nähe zu diesen Charakteren aufzubauen. Die Furry-Szene in The Fandom reicht zurück bis etwa in die späten 1970er Jahre in den USA und Westeuropa und hat sich im Laufe der Jahre immer engmaschiger vernetzt – unter anderem über Stammtische, Fanzines, Conventions (große Szenetreffen und -messen), aber auch das Internet.

Saskia ist seit knapp 20 Jahren in der Furry-Szene unterwegs. Mittlerweile ist sie sogar fester Teil des Teams der Eurofurence, der größten Furry-Convention Europas, die seit 2014 jährlich in Berlin stattfindet. Über eine Freundin, so erzählt sie, kam sie damals in die Szene, besuchte eher zufällig eine Convention Anfang der 2000er Jahre. „Ich war schon immer eher Fantasy-Kind, ich habe schon immer Comics gelesen, schon von klein auf“, sagt sie. Als Teenager war sie fasziniert von allem, was mit Wölfen, aber auch Werwölfen zu tun hat – heute ist der Wolf ihr Furry-Character, ihr „ spiritueller Begleiter“, wie sie sagt, der ihr Kraft gibt, wenn sie es braucht. Furry-Sein sei für sie ein Hobby und in „gewisser Weise auch ein Lebensgefühl“ – umso mehr, da ihr Ehemann ebenfalls schon seit seiner Jugend ein Furry ist. Kennengelernt haben sie sich vor gut 20 Jahren auf Saskias erster Convention: „Wir waren damals rund 95 Leute – davon fünf Mädels. Mein Mann und ich haben uns in die Augen geguckt und gesagt: Ok, das ist einfach der Mann, die Frau fürs Leben.“

Ein Spiel mit Normen und Konventionen

Die Furry-Szene sei sehr vielfältig, so Saskia. Sie und ihr Mann steckten mit viel Herzblut im „Fandom“, bauen und nähen ihre eigenen Kostüme, engagieren sich in der Szene, sind Vegetarier*innen und setzen sich für Tierschutz ein. Andere Furrys lieben es wiederum, in ihren Kostümen wie große Kuscheltiere zu wirken, darin Quatsch zu machen, zu tanzen oder sich fotografieren zu lassen. Andere verschmelzen im Kostüm quasi mit ihrem Krafttier und wieder andere können hinter der Tiermaske ihre sozialen Hemmungen ablegen. „Ich kenne einen“, erzählt Saskia, „sobald er kostümiert ist und man sein Gesicht nicht mehr sieht, springt der rum wie ein kleines Kind und macht Quatsch mit allen. Wenn er das Kostüm wieder auszieht, sitzt er ruhig in der Ecke und kriegt den Mund nicht auf.“ Furry-Sein bedeute für viele Anhänger*innen regelrecht ein „Urlaub vom Ich“ sagt die 39-Jährige. Man könne kreativ werden und mal kurze Zeit allen Alltagssorgen entfliehen, in eine andere Rolle schlüpfen oder jemanden oder etwas anderes verkörpern.

Die Idee, dass sich Menschen in Tiere (oder andersherum) verwandeln, ist auf der ganzen Welt in so gut wie allen Kulturen seit Jahrhunderten bekannt. Gespiegelt wird dies in zahlreichen Erzählungen, Ritualen, Märchen und Fabeln, aber auch Romanen, Filmen, Comics oder Videospielen. Viele Kinder auf der ganzen Welt lieben anthropomorphisierte Tiere wie Mickey Maus oder Biene Maja, sie verkleiden sich zum Fasching als Elefant, Löwe oder Marienkäfer oder wuseln auf allen Vieren als „Miau“ oder „Wuff“ durchs Wohnzimmer. Teenager wiederum experimentieren per Smartphone-Apps mit Gesichtsfiltern wie wackelnden Katzenöhrchen oder schlabbernder Hundezunge und finden Gefallen an „animalischer“ Mode: Textilien mit Leoparden- oder Zebra-Print, Leder, Pelz sowie Accessoires aus Federn, Zähnen, Horn oder Muscheln. Furrys und Puppy Player mögen zwar auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken – aber passen sie nicht irgendwie auch in dieses vertraute Muster des „Spezies-Wechsels“?

Gruppenbild in „Fursuits“ von der 24. Eurofurence in Berlin, 2018 Gruppenbild in „Fursuits“ von der 24. Eurofurence in Berlin, 2018 | Foto: Atkelar Cat | Eurofurence 2018 via wikimedia, CC BY-SA 4.0 Tatsächlich brechen Furrys und Puppy Player mit ihren Kostümen, Masken und Spiel ganz bewusst mit gesellschaftlichen Normen und überschreiten dabei auch gewisse Grenzen – nicht nur aufgrund der wiederholten, äußerlichen Verwandlung in eine andere Spezies, sondern auch durch das (Rollen)Spiel als Erwachsener. Man könne dies als „regressives Verhalten“ interpretieren, so der Psychotherapeut Sascha Belkadi aus Mönchengladbach. Aber dies sei erst einmal nichts Negatives. „Alle früheren Verhaltensphasen kann man ja als Erwachsener wieder durchleben. Jeder Mensch, der eine gewisse psychische Entwicklung durchgemacht hat, kann auf davorliegende Phasen auch wieder zurückgreifen“, so der Psychotherapeut.

Durch das Spielerische könnten auch Erwachsene soziale Kompetenzen stärken oder neue Perspektiven einnehmen, die sie sonst in ihrem Alltag nicht erleben – ein Konzept, das quasi jedes Coaching nutzt. Im Rollenspiel eroberten sich Erwachsene aber zusätzlich ein Stück Freiheit und Leichtigkeit zurück, dies gelte auch für Rollenspielformen wie Puppy Play oder Furrys, so Belkadi: „Spielen hat erstmal kein Ziel, obwohl wir ja in einer Leistungsgesellschaft leben“, so der Psychotherapeut. „Spielen ist ja nur für sich. Und beim Spielen kann man Konventionen brechen.“

Furry-Sein: „Eine Form von Auszeit“

Menschen, deren Alltag eher streng durchgetaktet oder gar von Zwängen geprägt sei, fänden so wieder mehr Balance. Besonders das Tier wird dabei zur Projektionsfläche – denn es steht der menschlichen Kultur gegenüber, so Belkadi. Tiere verkörpern gelebte Impulse, Bedürfnisse, Instinkte – ja, schlichtweg etwas „Animalisches“. Das Rollenspiel als Tier könne so zu einer echten Nische werden, in der sich ein Gegenbild zu gesellschaftlichen Erwartungen und Konventionen kultivieren lässt – überspitzt formuliert sind es quasi die letzten Punks auf Erden.

Auch das Aufsetzen der Maske erfülle eine wichtige Funktion – ähnlich wie dies Saskia schon beobachtet hat; das verhüllende Tiergesicht wird zum symbolischen Schalter, um schlummernde Persönlichkeitsanteile anzuknipsen: „Die Maske, die gerade auf ist – die darf die Bedürfnisse befriedigen“, so Belkadi. Bei vielen Menschen stünden die unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen – als Freund*in, Partner*in, Eltern, Kolleg*in, et cetera – näher beieinander, „wie in einer Farbpalette mit ganz viele ähnliche Farbfeldern“, so der Psychotherapeut. „Und dann gibt es auch Menschen, bei denen ganz unterschiedliche Masken hängen. Wo es vielleicht sehr rigide Züge gibt und dann diesen Furry-Teil.“

Kleidung, aber auch Artikulation und Körpersprache können ein derartiges „Hineingleiten“ in die gewünschte Rolle unterstützen und vertiefen. So erzählt der Therapeut, dass bei sogenannten „Embodiment“-Experimenten Proband*innen einen weißen Kittel anziehen. Anschließend lässt man sie darin Mathe-Aufgaben rechnen. Im Schnitt schneiden die Teilnehmer*innen besser im vermeintlichen „Arztkittel“ beim Rechnen ab als in einem vorgeblichen „Malerkittel“, mit dem sie etwas anderes assoziieren.

Natürlich gebe es auch Menschen, dies bestätigen sowohl Belkadi als auch Saskia, die Rollenspiele als Flucht vor der Realität nutzten. Doch Furry-Szene und Puppy Play bieten etwas, was nur wenige Subkulturen heutzutage noch leisten können, da sie meist schnell aufgegriffen und kommerzialisiert werden: „Es ist eine mögliche Form von Auszeit vom ständigen gesellschaftlichen Wettbewerb“, so Psychotherapeut Belkadi.
 

Zwischen Toleranz und Weltflucht

Wer aber Grenzen überschreitet wie Furrys oder Puppy Player, der riskiert auch Spott oder Ablehnung. So erzählt Puppy Player Sebastian im Videoclip weiter, dass seine Eltern eher zufällig und ungewollt von seinem Hobby erfahren haben. Die Beziehung zu seinem Vater sei danach deutlich abgekühlt, erinnert er sich. Auch Saskia hält sich bis heute über ihr Furry-Leben eher bedeckt: „Also meinen Eltern habe ich es sehr lange nicht erzählt.“ Ihr Ehemann war da schon immer viel offener: „Beim ersten gemeinsamen Frühstück [vor 20 Jahren] fragte mich sein Vater: Na, und welches Tier bist du?“, erinnert sie sich lachend. Auch ihrem alten Freundeskreis erzählte sie nichts davon, wuchs vielmehr langsam in den Freundeskreis ihres Mannes mit hinein. Dort gebe es sowohl Furrys als auch Menschen, die nichts mit dem „Fandom“ zu tun haben, aber der Sache locker gegenüberstehen und mit denen man „ganz normale Themen und Alltagssorgen“ teile, so Saskia. Nicht zuletzt bindet sie auch ihre Partnerschaft eng an das „Fandom“, denn Furry-Paare wie sie und ihr Mann seien gar nicht so ungewöhnlich, so die 39-Jährige. In einer „gemischten“ Verbindung müsste ein*e Partner*in großes Verständnis für den Furry-Lifestyle aufbringen, der einiges an Zeit und Geld aufbraucht. Es gebe auch Paare, so Saskia weiter, da sei es dem einen Teil peinlich, dass der andere ein Furry ist oder das Unverständnis bleibt letztlich so groß, dass die Beziehung daran zerbricht.

Dennoch: Ohne vielfältige Kontakte nach „außen“ wird es wahrscheinlich in jeder Nische irgendwann einmal eng, egal wie viel Freiheit sie verspricht. Ein „Urlaub vom Ich“ klappt meist nur dann, wenn man schon eine halbwegs gefestigte Persönlichkeit mitbringt – und nicht noch auf der Suche ist. Denn dann könnten so einnehmende Szenen wie Furrys oder Puppy Play – oder jede andere engmaschige Subkultur – Menschen regelrecht verschlucken. Auch Belkadi warnt davor: „Sobald dieser Eskapismus dazu führt, dass Menschen sich völlig isolieren, abschneiden und nur noch diesen einen Lebensbereich leben, wird das dann häufig auch pathologisch schwierig und auffällig.“ Szenen und Subkulturen können somit für einige Menschen tückisch werden, denn sie versprechen zwar Ausbruch aus der Isolation und Zugang zu sozialen Kontakten, die aber auch abreißen können, sobald man aus der Szene herauswächst oder sie vielleicht ganz verlässt.

Die Welt der Furrys, Puppy Player und weiterer Mensch-Tier-Subkulturen mag ungewohnt oder gar befremdlich anmuten. Als Leitplanken sieht der Therapeut aus Mönchengladbach bei allem sowohl juristische als auch persönliche Grenzen, sodass man weder sich selbst noch anderen mit seinen Verhalten schadet. „Es ist schön, wenn eine Gesellschaft tolerant gegenüber Dingen ist, die fremd sind“, so Belkadi. „Denn das ist ja eigentlich ein gelungenes Zusammenleben, dass wir uns auch in unserer Andersheit anerkennen.“

*Name und persönliche Daten auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert.

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