Tiere in Träumen Die archaischen Schichten der Psyche

Die archaischen Schichten der Psyche Foto: Lux Graves via unsplash | CC0 1.0

Die Bedeutung von Träumen zu entschlüsseln ist nicht einfach. Gut ist es aber, Träume nicht zu ignorieren, denn sie können uns zeigen, wovor wir uns fürchten, welche Widersprüche und welche Ziele unser Leben bestimmen. „Ich betrachte Träume als ein alchemistisches Labor, in dem sich unser Potenzial entwickelt, das in unserem Unterbewusstsein wurzelt und ins Bewusstsein strebt“, sagt der Therapeut Lukáš Karas, der sich schon seit langer Zeit mit Träumen befasst.

Die Seele sprichts nachts zu uns durch Bilder und Symbole, unter anderem tauchen in Träumen auch Tiere auf. Wie Platon treffend in Der Staat schrieb, erwacht in Träumen unsere animalische Seite:
 
„Jene [Begierden], erwiederte ich, welche zur Zeit des Schlafes erwachen, wann nemlich jener übrige Theil der Seele, welcher vernünftig und zahm ist und über den anderen herrscht in Schlaf gesunken ist, der thierische und wilde Theil aber, von Speise oder Trank erfüllt, üppig sich bäumt und den Schlaf abschüttelnd fortzustürmen und seinen eigenen Sinn zu befriedigen sucht; weißt du wohl, daß in solchem Zustande er Alles zu thun wagt, wie wenn er von allem Schamgefühle und aller verständigen Einsicht entblößt und losgeschält wäre; daß er nemlich, wie es ihm dünkt, keinen Anstoß daran nimmt, seine eigene Mutter oder jedweden anderen Menschen oder einen Gott oder ein Thier zu seiner geschlechtlichen Lust zu mißbrauchen, daß er Jedweden mordet, daß er von keinem Gegenstande seiner Eßbegierde sich enthält, und mit Einem Worte es an Unverstand und Unverschämtheit in Nichts fehlen läßt.“
 

Aus: Platon, Der Staat, 10. Buch
Übersetzung von Carl von Prantl, 1857

In Träumen zeigt sich, was unter Unterbewusstsein beschäftigt, während das Bewusstsein, unser rationales Ich, zum Schweigen gebracht ist. Was ist es, was sich da nachts in uns abspielt?

Ich versuche das über den Vergleich mit einem Schmetterling zu erklären. Der Schmetterling ist ein Symbol für die Seele und seine Entwicklungsphasen können das Reifen unserer Seele abbilden. Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson sagte, die Seele reife mit dem Aufstieg des Zustands [Im englischen Original: „ascension of state“, Anm. d. Ü.], was eine etwas merkwürdige Formulierung ist. Man kann sich das aber gut anhand der Metamorphose des Schmetterlings vorstellen. Genau so wie der Schmetterling sich vom Ei in die Larve, von der Larve in die Raupe, von der Raupe in die Puppe und von der Puppe in den fertigen Schmetterling verwandelt, vollziehen sich auch die Individualisierungsphasen in unserem Leben. Da haben wir die Kindheit, die Jugend, die Adoleszenz, dann das Erwachsensein und schließlich das Alter. Und während jeder dieser Phasen reift unsere Seele in genau den Zustand, der es ihr ermöglicht, das zu durchleben, was sie gerade erlebt.

Erleben wir nur das das, was wir durchleben können?

Meiner Meinung nach, ja. Auch anhand des Beispiels einer Libelle kann man sich das gut vorstellen. Ihre Larve ist perfekt an das Leben unter Wasser angepasst. Es ist schwierig zu erkennen, dass sie eigentlich eine noch nicht entwickelte Libelle ist. Jede Phase, ob es sich nun um einen Schmetterling, eine Libelle oder einen Menschen handelt, gipfelt in einer perfekten Anpassung an die Umstände. Und daher, zumindest meiner Meinung nach, sind Kurse zur Selbstentwicklung Unsinn, denn da wird ständig gesagt, wir müssten wachsen, und wenn wir schließlich genug gewachsen sind, dann wären wir perfekt. Ich glaube, dass wir in jeder Phase unseres Lebens perfekt angepasst sind an das, was wir gerade durchmachen.
 

Träume zeigen uns, wie die nächste Phase vorbereitet wird, in die wir bald hineinwachsen werden.“

Welche Rolle spielen Träume bei dieser Entwicklung?

Unsere aktuelle psychische Orientierung und die Konstitution unseres Egos ist angepasst an die Lebensphase, in der wir uns gerade befinden, und auch an das Umfeld, in dem wir leben. Träume zeigen uns, wie die nächste Phase vorbereitet wird, in die wir bald hineinwachsen werden. Unser Unterbewusstsein und unsere psychische Energie geraten in Bewegung und in Träumen ist diese Bewegung abgebildet. Wir reifen, und das geschieht oft in Folge irgendeiner Lebenskrise. Dann erscheint für den neuen Abschnitt eine neue Qualität der psychischen Verfassung.

Der Therapeut Lukáš Karas Der Therapeut Lukáš Karas | Foto: © privat

Aber aus einer Lebenskrise muss nicht jede*r gewachsen hervorgehen?

Nein, hier spielt unser Ego eine Rolle, das zwei Bedingungen unterliegt, zwei Kräften, die es bestimmen: das Trauma und das wesentliche Selbst. Das wesentliche Selbst ist die Intelligenz, die den Individualisierungsprozess leitet [Der Individualisierungsprozess wird vor allem als etwas Unterbewusstes verstanden, die analytische Psychologie arbeitet aber mit Methoden, mithilfe derer eine Person in der Lage ist, sich mit bewussten Handlungen an diesem Prozess zu beteiligen, Anm. d. Red.] Gleichzeitig aber muss sich das Ego an das Umfeld anpassen, in dem es sich befindet, und das traumatisierend sein oder gewesen sein kann. Und in diesem Moment muss das Ego eine Strategie wählen, wie es überleben kann. Und deshalb entstehen Abhängigkeiten, Manipulationen, die Rollen des Henkers, des Opfers oder des Retters. Hierin besteht die Genialität unserer Seele, denn sie kann sich auch auf eine brutal traumatische Umgebung einstellen und darin überleben. In dem Moment, wenn Sie dieses pathologische Umfeld verlassen, können Träume eine bevorstehende Veränderung anzeigen.

In Träumen kann sich also zukünftiges Geschehen ankündigen?

Ja. Genau wie der berühmte Schweizer Psychotherapeut Carl Gustav Jung betrachte auch ich die Träume als alchemistisches Labor, in dem sich unser Potenzial entwickelt, das in unserem Unterbewusstsein wurzelt und ins Bewusstsein strebt. Das ist ein Wachstumsprozess. Träume können aber gleichzeitig auch reflektieren, wenn der Wachtumsprozess ins Stocken gerät. Dann sind Träume wie ein Röntgenbild, auf dem wir erkennen, wo wir Brüche haben und was vielleicht geschient werden muss.

Wozu können Träume noch dienen?

Träume dienen ebenso als Kompensation, was auch wieder Jung betont. Die Psyche arbeitet ständig daran, die Wogen zu glätten. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Menschen vor, der sich zum Lachen zwingt, der tut, als ob ihm nichts etwas ausmachen würde, der versucht, alle zu lieben, selbst wenn sie ihn ohrfeigen. Ein solcher Mensch aber unterdrückt gewaltsam in sich Aggressionen. Dann betrinkt er sich vielleicht einmal und schlägt im Rausch die ganze Wohnung kurz und klein. Während seines Schlafs können aber schon lange zuvor Träume voller Gewalt auftauchen, die versuchen die Anspannung in seinem Leben zu kompensieren.
 

Wenn uns Tiere in Träumen angreifen, deutet das darauf hin, dass sich unser Bewusstsein von unseren Instinkten gelöst hat.“

Träume sprechen zu uns in Symbolen. Mich würde interessieren, was Tiere in Träumen andeuten.

Hierbei ist es wichtig, die Beziehung zwischen Archetyp und Instinkt zu erwähnen. Das kollektive Unterbewusstsein, dass Jung entdeckt hat, ist deshalb kollektiv, weil sich in ihm Inhalte befinden, die alle Menschen gemeinsam haben und auf denen unser Menschsein gründet. Wenn Sie sich irgendein Tier vorstelle, zum Beispiel einen Biber, dann wird der Biber nicht nur allein aufgrund seines Aussehens zum Biber, sondern auch aufgrund seiner instinktiven Ausstattung, seiner typischen Art des Ausdrucks, des Verhaltens und welche Beziehung zur Welt er einnimmt. Das, was einen Menschen ausmacht, ist vorprogrammiert durch Instinkt und Archetyp: Wir wissen genau, was es bedeutet Mann, Frau, König, Held, Kind und so weiter zu sein. Das sind universelle Formen des Durchlebens und Erfahrungen, die dem Menschen zu eigen sind.

An dieser Stelle wäre es vielleicht gut zu erwähnen, dass Mythologien, genau so wie zum Beispiel auch Märchen, aus Träumen entstanden sind.

Ja, der Anthropologe Joseph Campbell behauptet, dass Mythos und Märchen auf einer Traumlogik beruhen. Die Seele äußert sich nicht in rationalen Kategorien, sondern spricht durch Geschichten, Symbole, märchenhafte Bilder. Wenn man Träume hat, die zum Beispiel vom archetypischen Bild der Mutter durchdrungen sind, kann uns ganz einfach die Mutter erscheinen, aber es können in Träumen auch Kühe oder Wale auftauchen.

Und das sind Jungsche Archetypen?

Ein Archetyp hat Jung zufolge einen sogenannten instinktiven und geistigen Pol. Ich vermute, dass ein Archetyp, der sich im Traum als Tier zeigt, auf unsere instinktiven Anlagen verweist, auf die archaischen Schichten der Psyche. Sehr schön kann man das meiner Meinung nach an der Entwicklung der Religion sehen, von totemischen Kulten über das ägyptische Pantheon bis zu den Göttern in Menschengestalt. Wir beobachten hier, wie sich unterbewusste Inhalte allmählich differenzieren und vermenschlichen. Bis heute werden bestimmten Göttern Tiere zur Seite gestellt als deren symbolische Vertreter, was auch ein guter Anhaltspunkt ist, um herauszufinden, zu welchen Themen ein Tier im Traum in Beziehung steht. Aus der Perspektive der Tiefenpsychologie würde ich Tiere in Träumen als Bild verstehen, das auf den körperlichen und evolutionären Ursprung eines Archetyps verweist.

Wenn in unseren Träumen Tiere auftauchen, spricht durch sie also unsere instinktive Veranlagung zu uns?

Jungianer sind sich darin einig, dass die Art und Weise wie sich Tiere in unseren Träumen verhalten darauf hindeutet, in welcher Beziehung wir zu unserer Körperlichkeit stehen. Wenn uns Tiere in Träumen angreifen, deutet das darauf hin, dass sich unser Bewusstsein von unseren Instinkten gelöst hat. Damit unser Bewusstsein gut funktioniert, muss es nämlich gut im Unterbewusstsein und im Körper verwurzelt sein. Man kann sich das wie einen Baum vorstellen, dessen Krone in den Himmel wächst. Der Himmel steht hierbei für unser Bewusstein. Und damit der Baum stabil ist, muss er gute Wurzeln in seiner Körperlichkeit haben, in der Masse, in unserem Unterbewusstsein. Und diese Masse, unsere Instinktivität stabilisiert uns, denn sie verbindet uns mit einer evolutionären Weisheit. Wenn wir die Verbindung zu irgendeinem unserer Instinkte kappen, wenn wir nicht gut verwurzelt sind in unserem Unterbewusstsein, wird uns in unseren Träumen vielleicht irgendein Raubtier angreifen.
 

Der Fisch im Traum ist Potenz, etwas wird geboren, etwas taucht auf über den Wasserspiegel, aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein.“

Und wenn in den Träumen eine Schlange auftaucht? Was kann das bedeuten?

Gerade die Schlange ist das schwierigste und komplexeste Tier. Was die Schlange am häufigsten mit sich bringt ist Transformation, Verwandlung. Die Schlange kann darauf hindeuten, wie wir uns verändern, wie wir wachsen. In vielen Kulturen ist die Schlange ein heiliges Tier, und die ursprüngliche Schöpferfigur ist eine Schlange. Aber wieder kommt es darauf an, wie sich die Schlange im Traum verhält. Wenn sie Sie beißt, dann glaube ich, dass sie den Tod herbeiruft, aber im positiven Sinn: Sie möchte etwas beenden, damit etwas Neues kommen kann.

Welches Tier treffen Sie im Traum gerne?

Ganz sicher die Schlange, aber zur Zeit den Fisch. Die alten Griechen folgerten, dass unser Ursprung im Wasser ist. So wie sich im Fruchtwasser unsere evolutionäre Herkunft zu wiederholen scheint. Der Fisch im Traum ist Potenz, etwas wird geboren, etwas taucht auf über den Wasserspiegel, aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein. Der Fisch ermöglicht eine Wendung im Leben. Ein faszinierendes Tier ist auch die Katze.

Was symbolisiert die Katze?

Sie zeigt das elementare Wesen der Weiblichkeit. Auf der einen Seite ist sie magisch geheimnisvoll, sie schnurrt, ist erotisch, magnetisierend. Die Kehrseite ist, dass sie auch schlitzen, schlagen und kämpfen kann. Mit Katzen wird Hexerei und Magie verbunden. Interessant ist, dass im Islam Katzen die einzigen Tiere sind, die eine Moschee betreten dürfen. Die Katze war nämlich die Lieblingskreatur des Propheten Mohammed und man sagt, sie lobe Allah, wenn sie schnurrt. Einmal kam eine Frau zu mir in die Therapie, die gut 20 Jahre älter aussah, als sie war, müde, erschöpft. Sie erzählte mir, dass sie im Traum ein Kätzchen nach dem anderen aus einem Wäschekorb holt und an ihren Mann weiterreicht. Der nimmt sie und will mehr. Dann tauchte im Traum die Katzenmutter auf, müde und erschöpft. Ich habe die Frau deshalb nach ihrer Beziehung zu ihrem Mann gefragt, ob er sie nicht aussaugen würde. Sie bejahte. Und da war die Parallele: Sie brachte unentwegt Energie auf, die er verschluckte.

Und der Hund?

Hunde schützen und bewachen uns. Frauen, die Missbrauch erleben, können zum Beispiel Träume haben, in denen ein Hund in einem Käfig eingesperrt ist. Das symbolisiert, dass der Frau dieser Instinkt des Schutzes fehlt. Hunde sind aber für den Menschen auch treue Begleiter und können uns in Träumen den richtigen Weg weisen, den wir gehen sollen. Interessant ist auch der Wolf, der auf den Konflikt verweist zwischen dem, was wir wollen, vor dem wir uns aber gleichzeitig fürchten.

Also wie beim Rotkäppchen?

Ja, oder wie in Märchen über eine Prinzessin und einen Drachen oder wie in der mythologischen Geschichte von Persephone und Hades. Das ist immer dasselbe Schema. Es taucht hier eine magnetische Anziehungskraft auf, aber auch Angst. Frauen bewundern an Männern, wenn sie galant auftreten. Aber zur Männlichkeit gehört eben auch eine Wildheit, die Frauen anzieht, vor der sie aber gleichzeitig Angst haben.
 

Der Therapeut Lukáš Karas beschäftigt sich bereits seit 13 Jahren mit Träumen. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Therapeut, unter anderem in einer Einrichtung für Drogenabhängige, kam er zur Einsicht, dass die Arbeit mit den Träumen der schnellste Weg zur mentalen Weiterentwicklung ist. Er leitet den Kurs Hypnos zur Arbeit mit Träumen an und den Kurs Pantheon der Seele (Pantheon duše) zur archetypischen Psychologie. Er betreibt eine therapeutische Praxis und bietet Beratungen zur Arbeit mit Träumen an. Zu seinen langfristigen Interessen zählen Mythologie, Tiefenpsychologie, außergewöhnliche Bewusstseinszustände, Kunst und Märchen.

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