Tier-Memes Neue digitale Käfige

Neue digitale Käfige Foto: Matthew Henry via unsplash | CC0 1.0

Was haben ein Damenporträt mit Schoßhund aus dem 19. Jahrhundert und ein Haustier-Account auf TikTok gemeinsam? Beide bilden eine intensive Verbindung von Mensch und Heimtier ab, die mit der Zirkulation von Medien geradezu inflationär geworden ist. Aber macht uns die Fülle der Abbildungen auch empathischer und tierfreundlicher?

Es ist noch gar nicht so lange her, da unterhielten Menschen und ihre domestizierten Tiere – im engeren Sinne Haus- und Hoftiere – eine betont nüchterne Beziehung. Hunde begleiteten auf die Jagd oder beschützten das Zuhause, Katzen fraßen Mäuse, Tauben überbrachten Nachrichten und landeten irgendwann einmal als Braten auf dem Teller. War ein Tier besonders klug, anhänglich oder schön, nahm es mit Sicherheit eine besondere Rolle ein – doch kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, darin eine tierische Persönlichkeit zu sehen. Heute begegnen uns Tiere – egal ob Haus-, Heim- oder Wildtiere – fast überall als „Tier-Promis“ in den Medien. Wie hat sich unsere Sichtweise dadurch auf sie geändert und was hat sich für die Tiere selbst verändert?

Menschen und Tiere haben zwar schon immer eine große Nähe zueinander gehabt, doch dass die Zwei- und Vierbeiner mittlerweile in täglichem, engen Kontakt in unseren Wohnungen und Häusern leben, verdanken wir in westlichen Gesellschaften vor allem dem Adel und dem Bürgertum. Denn dort tauchten im 19. Jahrhundert vermehrt Heimtiere auf, die nicht mehr in Ställen, Zwingern oder als Freigänger*innen auf dem Hof gehalten wurden. Diese Tiere waren immer ganz nah an Herrchen oder Frauchen dran, lebten in denselben Räumen wie ihre Menschen, wo sie meist ein Körbchen, eine Voliere oder einen speziellen Platz hatten. Sie dienten als lebende Dekoration, aber auch als Spielgefährt*innen und Sozialpartner*innen. So soll die britische Königin Victoria (1819-1901) um die 80 Hunde besessen haben – einige ihrer Lieblingstiere ließ sie sogar porträtieren und hing die Bilder in Serienreihung zusammen mit denen ihrer Kinder auf. Ebenso ließ sie die Hundebilder auf Postkarten drucken, damit man sie als Grußkarten verschicken konnte – wenn man will, eine Art Vorläufer heutiger Social-Media-Accounts, die eigens für Haustiere eingerichtet werden. Auch die aktuelle britische Monarchin, Elisabeth II., ist berühmt für ihre Liebe zu der Hunderasse Corgi, einem kleinen gedrungenen Hüte- und Wachhund aus Wales.

Was die beiden royalen Damen können, setzte sich auch beim Bürgertum durch – zahme Haus- und Hoftiere wurden im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts immer mehr ihrer Funktionen entbunden und dienten vor allem zur Unterhaltung und als Sozialpartner*innen. Ihre neue Rolle mag auf den ersten Blick wie eine neue Freiheit erscheinen, doch je mehr die Tiere von ihrer Funktion als Helfer*innen im menschlichen Alltag entbunden wurden, desto mehr verschob sich die Beziehung zu ihnen in Verklärung, ja gar Kitsch – nicht zuletzt auch, weil die Menschen ihren Lebensraum stark veränderten durch Urbanisierung und Industrialisierung und damit den direkten Kontakt zu einer Vielfalt von domestizierten Nutz- und Hoftieren verloren.

Gemeinsame Erlebnisse mit Tieren aller Art gleichen deshalb heute fast schon einem kleinen Spektakel – gerade für kleine (und nicht mehr ganz so kleine) Kinder ist ein Zoobesuch oft ein Highlight. Es fällt bei der offensichtlichen Freude oft schwer, auch zu vermitteln, dass viele der Tiere ihrem natürlichen Lebensraum entrissen sind und ein passives, objektiviertes Dasein in einer monotonen Umgebung fristen. Auch in Zirkussen mit Tier-Shows wird dafür gezahlt, besonders exotische oder vermeintlich wilde Tiere einmal ganz nah zu erleben: Ihren Schweiß in der Manege zu riechen, ihnen in die Augen zu blicken oder sich vor ihren großen Zähnen zu gruseln. Tiere sind – noch einmal stärker in einer digitalisierten Welt – eine Attraktion, ein Kassenmagnet und die inszenierte Nähe zu ihnen lockt Menschen immer wieder an.
 
 

Wie Tier-Mensch-Beziehungen etwas über das Menschsein erzählen

Wer also Tiere erleben wollte, musste lange Zeit in den Zoo, in den Zirkus oder mindestens raus vor die eigene Tür. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die neuen Medien des 20. Jahrhunderts – Kino, Radio und Fernsehen, später das Internet – die sich wandelnde Beziehung zwischen Tier und Mensch aufgriffen und daraus Geschichten produzierten, die diese Beziehung spiegelten und gleichzeitig neue Impulse für ihre Entstehung lieferten. Schon davor spielten Tiere eine bedeutende kulturelle Rolle für den Menschen – Beispiele dafür finden wir in westlichen Kulturen in der Bibel oder in Sagen, Märchen und Fabeln. Hier sind scheue Hasen, listige Füchse und dumme Gänse nicht nur Beiwerk, sondern handelnde Akteur*innen und versinnbildlichen die guten und schlechten Eigenschaften des Menschen in „fabel-hafter“ Form. Ebenso zeigen sie Lösungswege für Probleme auf symbolische Weise auf.

Diese kulturelle Deutung der Beziehung von Tier und Mensch wurde im 20. Jahrhundert mit den neu entstehenden Medien immer wieder aufgegriffenen, neu interpretiert und gefestigt. Anders gesagt: Wenn der Fernseh-Collie Lassie (1954–1973) mit wehendem Wuschelfell stets hilfsbereit über den Bildschirm sprintet, wird nicht nur eine innige Geschichte zwischen Mensch und Hund erzählt, sondern auch eine Vorlage erschaffen, wie sich Emotionalisierung und Vermenschlichung (Anthropomorphisierung) eines Heimtieres gestalten könnte. Und nicht nur das: Mit der Serie um den Delfin Flipper (1964 – 1967) kommt eine eher exotische Figur hinzu, die sich kaum als Kuscheltier fürs Sofa eignet und als Wildtier auch nicht auf enge Kooperation mit dem Menschen angewiesen ist. Mit dem Meeressäuger wird die Beziehungs-Erzählung auch auf ungewöhnliche oder freilebende Tiere ausgeweitet, mit denen sich der Mensch verbinden und als naturnah inszenieren will. Einige Jahrzehnte später wurde mit der Schwertwal-Schnulze Free Willy (1993) erneut die intensive Beziehung eines Menschen mit einem Meeressäuger im Film thematisiert.
 
In denselben Zeitraum wie Lassie und Flipper fällt auch die Ausweitung und Professionalisierung des Tier- beziehungsweise Naturfilms. Viele Tierfilme haben bis heute den Anspruch, Wissen über eine Spezies, Gattung oder einen speziellen Lebensraum zu vermitteln und für die Komplexität und Gefährdung von Ökosystemen zu sensibilisieren. Doch die meisten Filme dienen eher dem „Edutainment“, denn es ist bei allen Bemühungen stets ein anthropomorphisierter Blick auf Tiere. Die Lebenszyklen der Tiere werden dramaturgisch mit denen von Menschen verglichen: Da „feiern“ Tintenfische eine „Hochzeit“, der Vogel-Vater sucht „aufopferungsvoll“ nach Nahrung für seine Jungen, Elefanten „trauern“ um eine verstorbene Leitkuh. Das Erzählen über Tiere bleibt somit letztlich ein (oft auch idealisiertes) Erzählen über uns selbst. Wir interpretieren die Tiere, weil wir nicht dieselbe Sprache sprechen.
 
 

Tiere im Internet – zwischen Attraktion und Ausbeutung

Die Bedeutung der Mensch-Tier-Beziehung als Motiv in den Medien hat in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zugenommen – auch, weil mehr Menschen in urbanen Siedlungen und damit nicht mehr mit Haus- und Hoftieren zusammenleben. Tiere wurden dadurch die neuen Medien-Stars, die man jederzeit per Tastendruck finden konnte: Da turnten niedliche Kätzchen als Werbepausen-Block über den Bildschirm, agile Hunde wurden in Shows bei kniffeligen Parcours gefilmt oder gemütliche Nilpferde ließen es sich in Werbeclips irgendwo in der Sonne gutgehen. Spätestens in den 90er Jahren kam niemand mit Anschluss an das Privatfernsehen mehr an wackeligen Home-Videos vorbei, die in zahlreichen Shows gebündelt gezeigt wurden – in den Clips drehte sich alles um meist lustige oder absurde Pannen, Verkleidungen und Aktionen von Heimtieren. Tiere sicherten damit ihren Status als Attraktion und Aufmerksamkeitsmagnet für die neue Ära des Internets, in die derartige Clips nicht nur nahtlos überleiteten, sondern auch mit dem Meme ein eigenes Genre wurden.

Es ist deshalb ein kurioser Zufall, dass der allererste Clip, der jemals auf der Videoplattform YouTube hochgeladen wurde, ein 19-sekündiges Video über einen Zoobesuch ist und Tiere in ihm als Attraktion vorkommen. Im Clip steht Jawed Karim, einer der Mitbegründer von YouTube, vor einer wackeligen Handkamera im Zoo von San Diego. Hinter ihm schaufeln sich gerade zwei Elefanten Heu ins Maul – Karim erzählt derweil, dass Elefanten ja mächtig beeindruckende Rüssel hätten. Die Elefanten kriegen unterdessen wohl kaum mit, dass sie hier Internet-Geschichte schreiben. Ihre vordergründige Unbekümmertheit würde heute sofort zu einem Meme verarbeitet werden, frei nach dem Motto: „Oh, world history? Nah, don't care!“ Tiere nehmen damit auch eine neue Rolle in den Medien ein – als Kommentator*innen des Weltgeschehens, in dem sie leben und existieren, aber auf das sie kaum Einfluss nehmen können.
 
Der allererste Clip, der jemals auf der Videoplattform YouTube hochgeladen wurde

Gut 15 Jahre nach dem ersten YouTube-Clip ist Tier-Content ein fester und wichtiger Bestandteil des Internets. 2010 fällt auch der Startschuss bei der Plattform Instagram – und auch hier ist das erste Posting des Instagram-Mitbegründers Kevin Systrom ein wackeliger Schnappschuss von seinem Hund. Rührende oder lustige Geschichten, besonders um Haustiere, werden seitdem im Netz stets vielfach geklickt. Ebenso empören Reportagen über Massentierhaltung oder -transporte viele Menschen, Veganismus ist bei der Generation Y und Z fest angekommen und umfasst mehr als nur eine Ernährungsweise. Sie sieht Tiere als Gefährt*innen sowie empathische und auf ihre speziestypische Art kluge Wesen, für die man lebenslang Verantwortung hat – auch jene, sie nicht zu essen und ihnen ein möglichst arttypisches Zusammenleben zu ermöglichen.

In vielen Fällen sind Haustiere also nicht nur mehr praktisch (Hofhund) oder dekorativ (Fische und Vögel), sondern auch klar Partnerschafts- und Familienersatz – und soziale Medien dokumentieren diese Beziehungen und vergrößern den Raum, in dem sie von anderen gesehen und nachgemacht werden. Dabei ist mittlerweile unerheblich, ob die Tiere „kuschelig“ sind – auch zu Vogelspinnen, Leguanen oder Zierfischen können Menschen eine innige Beziehung pflegen. Das gewählte Tier stellt dabei auch eine Erweiterung der eigenen menschlichen Persönlichkeit dar. Denn wer einen Husky ausführt, sieht sich selbst anders als der oder die Besitzer*in eines Zwergpudels. Das gewählte Heimtier sagt viel darüber, ob wir uns selbst als schnell, agil, schlau, verschmust oder angriffslustig verstehen.
 

„Petfluencer“ sind das neue Tamagotchi

Wenn das Heimtier also eine Erweiterung der eigenen Persönlichkeit ist, dann wird es auch unweigerlich Teil der Selbstinszenierung in den sozialen Medien. Mit dem Ausbau und der wachsenden Professionalisierung vor allem bildlastiger Plattformen wie Instagram  bemerkten viele User*innen mit Erstaunen, wie die Klicks, Shares und Likes in die Höhe schnellten, wenn man sich ein Haustier – egal wie konventionell oder exotisch – zulegte und dieses in einem Posting zeigte. Besonders häufig sind es etwas „verwachsene“ Heimtiere wie die mürrisch wirkende Grumpy Cat oder tollpatschig wirkende Hunderassen wie Mops und French Bulldog, die besonders viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wer es heutzutage ernst meint mit seinen sozialen Netzwerken, legt auch seinen Heimtieren einen eigenen Account an und zeigt dort kleine Geschichten aus deren Alltag. Was als Spaß angefangen hat, ist mittlerweile hochprofessionalisiert – denn Influencer*innen können so nicht nur mehr Content für ihre Kanäle produzieren. Sie erweitern auch ihre persönliche Marke und ergattern lukrative Kooperation mit Unternehmen für Heimtierbedarf. Deutschland ist europaweit einer der größten Märkte dafür, 2020 wurden laut Statista 5,46 Milliarden Euro Umsatz in dem Bereich generiert (größtenteils mit Tierfutter). Knapp 35 Millionen Heimtiere sollen 2020 laut einer Branchenuntersuchung in Deutschland leben, nur Russland toppt dies europaweit mit gut 50,7 Millionen Tieren. Der Markt ist enorm und wächst, denn all diese Heimtiere brauchen Futter, Pflege, Beschäftigung und medizinische Versorgung – und das lassen sich Herrchen und Frauchen gerne etwas kosten.

Das Problem: Dieser Markt produziert auch Tierleid, denn mittlerweile werden manche Heimtiere nur eigens dafür angeschafft, um Content für soziale Medien zu produzieren – als sogenannte „Petfluencer“, ein Mischwort aus englisch „pet“ (Haustier) und „Influencer*in“. So heizen einige der menschlichen Influencer*innen ihre Views, Klicks und Likes an, indem sie die Anschaffung eines Tiers andeuten. Die tatsächliche Story über den Erwerb und das Nachhausebringen des Tieres wären vielleicht auch in 20 Sekunden erzählt – in den bildlastigen Personal-Daily-Social-Seifenopern auf Youtube, TikTok oder Instagram aber nimmt das Thema einen großen Raum ein, manchmal legen Fans auch einen eigenen Fan-Account für das Tier an.

Dabei können die Tiere oft nichts Außergewöhnliches – sind den Usern aber als eigenständige kleine Persönlichkeiten besonders nahe und liefern ständig neue Geschichten. Für manche mag ein derartiger Tier-Account auch so etwas wie die Weiterentwicklung des Tamagotchi-Eis sein, das in den 90ern sehr beliebt war und eines der ersten digitalen Haustiere darstellte. Heute ist es das verkästelte „Grid“ des Social-Media-Feeds, in dem lebendige Tiere digital eingefangen werden. Nicht zuletzt sind Tier-Accounts in den sozialen Medien deshalb für Kinder besonders anziehend. Denn Herzchen und Shares werden gerne gegeben, über die Verantwortung für das Lebewesen manchmal weniger nachgedacht.

Die ach so witzige Überforderung

Die Coronakrise hat die Situation der „Petfluencer“ noch einmal verschärft. Tierschutzvereine warnen davor, sich ein Tier nur als Marketingobjekt anzuschaffen. Doch für Influencer*innen waren Tiere in dieser Zeit eine der wenigen Möglichkeiten, Content von zu Hause aus zu produzieren, ohne dass es monoton oder langweilig wird. Tatsächlich ist die Zahl der Heimtiere in der Pandemie noch einmal stärker angestiegen, viele davon werden als Sozialpartner*in gedient haben oder als „Content Creator“ ausgenutzt worden sein.

Nicht nur die Anzahl der Heimtiere, sondern auch die Bilder, die von unserer Beziehung zu ihnen erzählen, haben sich also extrem vermehrt. Selbst auf Dating-Apps gilt das Hunde- oder Katzenbild (selbst wenn das Tier nicht der oder dem User*in gehört) schon fast zum guten Ton und will sagen: Ich bin tierlieb und bodenständig, ich kann gut mit Wesen umgehen, die anders sind als ich. Im Prinzip führen wir aber heute mit unseren Smartphone-Kameras den anthropomorphisierten Narrativ der Tierdokus und -filme der 50er und 60er Jahre weiter. „Lustig“ oder besonders nahegehend sind die Clips und Memes über Tiere vor allem deshalb, weil die Zwei- und Vierbeiner sich bisweilen so schwer tun in unserer Welt. Denn dadurch, dass sie nun auch mit uns in für Menschen gemachten Wohnungen und Häusern leben und uns zu allen Orten und Terminen begleiten, die wir als Menschen wahrnehmen, finden wir ihre Überforderung mit unserer Welt bisweilen so drollig. Dass die Tiere nicht mehr in einer tiergerechten, sondern alleine menschenzentrierten Umgebung klarkommen müssen, finden wir immer wieder eine ergiebige Quelle für Bilder, Schnappschüsse und Filme. Obwohl die Tiere von ihrer Funktionalität überwiegend befreit wurden, haben wir neue „digitale Käfige“ für sie geschaffen, die sie konsequenzlos oft der Lächerlichkeit und unrealistischer Beziehungsansprüche preisgeben.

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