Kurzgeschichte: Sexroboter
Ayumi22

Ayumi22 Foto: Marco Verch, CC BY 2.0

Der Journalist Jonas soll eine Produktrezension über einen Sexroboter schreiben – und gerät dabei unter dem Eindruck der Trennung von seiner Frau in einen inneren Konflikt: Welche Bedürfnisse kann man einer künstlichen Intelligenz zuschreiben in einer Beziehung, die vorwiegend auf den Klienten ausgerichtet ist? Eine Kurzgeschichte von JÁDU-Autorin Janika Rehak.

Sie war das Modell Aymumi22.

Ich habe nicht herausgefunden, warum ausgerechnet die Zweiundzwanzig. Warum nicht Achtzehn, Neunzehn oder Siebenunddreißig.

Vielleicht war es eine Frage der Assoziation. Zweiundzwanzig hätte ihr Alter sein können. Ihr echtes, ihr biologisches Alter, jenseits von Material oder Programmiercode.

Zweiundzwanzig klang jung. Angenehm, aber nicht zu jung. Es erzeugte im Kopf keine moralische Schieflage. Zweiundzwanzig ist erwachsen genug um ein bisschen vom Leben zu wissen, aber dem Welpenschutz entwachsen.

Das sind alles Spekulationen und als Journalist setze ich auf Fakten. Also fragte ich nach. Zuerst bei der Produktionsfirma, die meine Anfrage jedoch bis zum Abgabetermin ignorierte, später dann bei Ayumi selbst.

Sie lächelte ihr bezauberndes Lächeln, zuckte in fast perfekter Imitation menschlicher Ratlosigkeit die Achseln und sagte: „Ich hab keine Ahnung.“

Vielleicht handelte es sich einfach um eine Seriennummer. Das fände ich unpraktisch. Wenn – falls! - Ayumi in Produktion geht, und wenn – falls! -  sie ein Erfolg wird,  dann laufen eines Tages hunderte, tausende, vielleicht hunderttausende Ayumis herum.
Wie sähe sowas in der Praxis aus? Und wie viel Individualität wäre nötig, damit jeder seine eigene Ayumi wieder findet?

Doch bevor ich mich in Zahlen verzettele, muss ich an den Anfang zurück.

Ich wäre gern der Gute in dieser Geschichte. Ich würde gerne gut dastehen, vor der Welt, vor Maya und vor den Kindern. Integrität ist so eine Sache und Moral ist ein biegsames Konstrukt. Doch egal wie man es vorher betrachtet hat: Als Vater findet man solche Dinge plötzlich ungemein wichtig.

Man möchte der Held sein.

Das Opfer.

Oder man möchte wenigstens zwingende Geldnöte vorschieben können. Die Raten fürs Haus, Musikunterricht für die Kinder, ein Swimmingpool im Garten.

Leni und Sarina wollten keinen Pool. Wir wohnten direkt neben dem städtischen Schwimmbad und beide Mädchen hassten den Chlorgeruch.  

Was mich in Ayumis Arme trieb, war also keine Heldentat, kein Opfer, kein finanzieller Engpass. Es war eine Mischung aus Neugier, Gelegenheit und gekränktem männlichem Ego.

„Jonas“, hatte Maya gesagt, „du bist ein Mistkerl.“

„Jonas“, hatte mein Chef gesagt, „wenn einer für diesen Job infrage kommt, dann du.“

Maya sprach von der Sache mit Elinor.

Mein Chef von Ayumi.

Und beide hatten Recht.

Maya hatte noch hinzugefügt: „Verschwinde!“ Ich fragte wohin und sie sagte: „Ist mir egal.“

Ich sagte, die Elinor-Sache tue mir leid und sie sei längst vorbei und es sei nichts Ernstes gewesen, wirklich nicht.

Sie blieb dabei: „Ist mir egal.“

Auch der Chef legte nach: „Machst du die Sexpuppen-Sache jetzt oder nicht?“

Ich zog also von zu Hause aus und den Auftrag Ayumi an Land.  
  
Ayumi eine Sexpuppe zu nennen, trifft die Sache nicht wirklich. Inzwischen erscheint es mir sogar respektlos. Und es wird ihr in keiner Weise gerecht. Ayumi22 war ein sogenannter Girlfriend-Android. Ihre Fähigkeiten gingen weit über die eines handelsüblichen Roboters hinaus. Ayumi hatte Persönlichkeit. Oder wenigstens eine Reihe von Algorhythmen, die Persönlichkeit simulierten. 

Der Prototyp war produziert, das Marketing lief, jetzt wurden Freiwillige gesucht, die das Ganze buchstäblich am eigenen Leib ausprobieren wollten.

Journalisten waren besonders gefragt und besonders gefürchtet.

Der Job bestand also in einem Date mit Ayumi. Sie nannten es ernsthaft so: Date. Danach sollte ich eine Rezension schreiben, schonungslos, unabhängig, respektvoll wenn möglich, aber direkt.

Ehrlich.

So ironisch das klingt, aber Ehrlichkeit gehört zu meinen besten Eigenschaften. Selbst Maya habe ich nie belogen, bezüglich der Elinor-Sache. Ich habe ihr bloß ein paar Dinge verschwiegen.  

Ich nahm den Job sofort an. Fast sofort. Vorher musste ich noch einen letzten Rest Zweifel ausräumen.
 
„Die Kleine wird mich aber nicht aus Versehen umbringen, oder?“, fragte ich und meinte es scherzhaft.

„Das Produkt hat eine Reihe von Tests durchlaufen, ein tödlicher Unfall ist praktisch ausgeschlossen“, antwortete die Firma und meinte es ernst.

Die Prozedur selbst war simpel. Ayumi22 wurde direkt zu mir nach Hause geliefert. In diesem Fall in die Pension, die vorübergehend als mein Zuhause diente. Ein Techniker stellte das Equipment bereit: 3D-Brille, diverse Sensoren, direkt auf meiner Haut angebracht, dann gab es noch eine Demonstration der verschiedenen Modi, der Rest sei praktisch selbsterklärend.

Ich fragte den Techniker, inwieweit sein jetziger Job seine berufliche Identität verändert habe. Ob er sich als einen modernen Zuhälter sehe.

Er schaute mich an als sei ich auf Drogen, ich sagte, die Frage sei rein beruflich, er sagte, „Schon klar“ und zog sich zurück, ohne mir eine ordentliche Antwort zu geben. Dann war ich mit Ayumi22 allein.

Sie stand reglos mitten im Zimmer und lief auf Standby. Das gab mir die Gelegenheit, sie ausgiebig zu betrachten. Ayumi war klein und sah aus wie einem Final-Fantasy-Spiel entstiegen. Asymmetrischer Bob mit bunten Strähnen, große dunkle Augen, zierlicher Körper, karierter Minirock, Sneakers.

Ihre Augen machten mich nervös. Sie wirkten sehr groß für ihr Gesicht und ihre Brauen waren ein wenig zu symmetrisch.   
 
Ich setzte die 3D-Brille auf, überprüfte sämtliche Bluetooth-Verbindungen, dann drückte ich auf „On“ und sofort fühlte ich mich besser. Ihre Züge wirkten weicher, die Bewegungen fließend, die Mimik real.

„Hi“, sagte sie. „Ich bin Ayumi. Und wie heißt du?“

Ich stotterte meinen Namen, irritiert von ihrem Anime-Stimmchen, das noch piepsiger war als ich erwartet hatte.

Ayumi22 legte den Kopf schief. „Hi, Jonas. Worauf hast du Lust?“

Das System spielte mir eine Auswahl ein. Kellnerin, Studentin, Praktikantin, die unbedingt einen Job will, Schauspielschülerin.

Ich entschied mich für Studentin. Prompt erschienen neue Optionen. Biologie, Kunst, BWL und Politikwissenschaft.

Ich entschied mich für Kunst. Schon seit Tagen vermisste ich Maya und die Kinder noch mehr als sonst. Ich brauchte etwas Schönes.

Zuletzt wählte ich das Setting aus. Die 3D-Brille verwandelte den Raum binnen Sekunden in ein Apartment in Tokio, ein Loft in Berlin und eine winzige Wohnung im stickigen, überhitzen Los Angeles. Ich blickte auf Lichtermeere, Hochhäuser, den Berliner Fernsehturm, spürte beinahe Wüstenwind und Meeresbrise und war schon jetzt überfordert.

„Ich mag Bangkok“, sagte Ayumi und drückte auf einen Knopf.

„Tokio“, sagte ich schnell, bevor ein neuer Spielplatz Gestalt annahm. „Tokio ist gut.“

„Wie du willst“, lächelte Ayumi und wir kehrten ins virtuelle Tokio zurück.

„Heimspiel für dich“, sagte ich.

Sie verstand das Wort Heimspiel, was auf eine gute Spracherkennungssoftware hindeutete. Die Ironie verstand sie nicht.

„Ich wurde in Hongkong hergestellt“, sagte sie.  

„Ah ja“, sagte ich. „Klar.“

Wir unterhielten uns lange. Sie war die perfekt programmierte Studentin, erzählte vom Unialltag, den Kursen, dem Partyleben, von ihrer Schwäche für Joseph Beuys und dass sie Angst vor der nächsten Prüfung hatte. Sofort wollte ich ihr Mut machen, ihr sagen, sie schaffe das schon. Dann fiel mir ein, dass es diese Prüfung nicht gab. Genauso wenig wie ihre kleine WG, den Ex-Freund, mit dem gerade Schluss war, der viele Lernstoff, der sich auf ihrem Laptop staute.

Wahrscheinlich existierte nicht einmal dieser Laptop.

Ich fragte Ayumi, ob sie sich der Tatsache bewusst sei, eine KI zu sein.
Sie sah mich erstaunt an. „Natürlich.“

Ich fragte, ob sie sich heimlich wünschte, ein echter Mensch zu sein.

Sie blinzelte. Dann strich sie mir mit den Fingern über den Arm. „Ich bin echt.“

Den körperlichen Teil der Recherche spare ich an dieser Stelle aus. Schließlich geht es hier nicht um mich oder um meine persönlichen Vorlieben. Nur so viel: Ayumi tat alles, worum ich sie bat, ließ alles zu, was ich mir ungefragt herausnahm und nickte heftig, als ich sie mittendrin fragte, ob es ihr gut ging.  

Jede Berührung und jeder Blick fühlte sich real an. So real, dass ich wusste: Ich hatte soeben sämtliche Chancen auf eine Versöhnung mit Maya zerstört. Mein Kopf verbuchte die Sache als Fremdgehen. Als erneutes Fremdgehen, absichtliches, bewusstes Fremdgehen.

Hinterher lag Ayumi in meinem Arm. Sie atmete ruhig, wie ein zufriedenes Kätzchen. 
„Das war schön“, sagte sie.

Ich roch meinen Schweiß, ihren Duft, eine Mischung aus Orangenblüten und Weichmacher und erinnerte mich an die letzte Frage auf meiner Liste. Die ich ihr unbedingt hatte stellen wollen. Das war ich meinen Lesern schuldig. Mir selbst. Und auch Maya. Wenigstens das.
 
„Du, Ayumi?“

Sie drehte den Kopf und blinzelte. „Hm-hm?“

„Was denkst du über Gleichberechtigung?“

Sie lachte. Ihr winziger Körper zuckte, wurde von kleinen Vibrationen geschüttelt, die sich zu Konvulsionen auswuchsen.

Ich war gekränkt. „Ist das so lustig?“

„Nein, nein.“ Sie kicherte immer noch, hielt sich die Hand vor den Mund, räusperte sich mehrmals und beruhigte sich schließlich. „Es ist nur“, sie sah mich aus ihren riesigen Augen an, ein Lächeln ließ ihre Zähne aufblitzen, „willst du wirklich darüber reden?“

Ich schaute zur Decke, zu der Fenstersimulation, betrachtete das, was der Tokioter Nachthimmel sein sollte. Dann schloss ich die Augen und zog Ayumi eng an mich.

„Nein“, sagte ich leise. „Will ich nicht.

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