Das Game „Plague Inc.“
Sei der Virus!

Screenshot aus dem Spiel „Plague Inc.“ © Ndemic Creations

In Zeiten der Quarantäne lohnt es sich, Alkohol und erotische Hilfsmittel zu verkaufen. Geld und Ruhm kann man aber auch mit etwas verdienen, das unter normalen Umständen schon bald in Vergessenheit geraten wäre. Zum Beispiel mit einem Computerspiel, bei dem man so tut, als wäre man der Virus.

Das Game heißt Plague Inc. und ist ein Strategiespiel, das 2012 von britischen Entwicklern erfunden wurde. Die Coronavirus-Pandemie hat dem Spiel gefährliche Aktualität verliehen, denn sein Prinzip besteht darin, dass der Spieler im Besitz von mutierenden Bakterien ist, mit denen er die Menschheit auslöschen soll – wenn man sie während eines Lockdowns auch irgendwo antrifft. Und besonders dann, wenn man ein absoluter Zyniker ist, sich abgrenzen oder einfach nur seinen eigenen Ängsten stellen will.

An Plague bin ich vor ein paar Tagen geraten. Als ordentlicher Student des Fachs Theater, der seine Abende gerne mit Freunden in Gastronomiebetrieben verbringt, fuhr ich aus der Großstadt aufs Land. Ich machte ein bisschen was kaputt, flüchtete in den Wald, schrie dort eine Weile herum und kehrte dann zurück nach Hause mit dem Vorsatz, meinen Eltern in den nächsten Tagen, Wochen und höchstwahrscheinlich Monaten durch meine Anwesenheit eine Freude zu machen… und dem Versuch, meine Diplomarbeit fristgerecht fertigzuschreiben.

Mit der Abstinenz kam die Schlaflosigkeit voll zur Geltung – ein weitere Beschwerde, die in meinem Umfeld verbreitet ist, und deshalb war es logisch, dass auch ich daran zu leiden begann. Ich schlief nicht, dachte über Unsinniges nach, war ständig ein bisschen matt. Was also tun? PC-Spiele sind nie mein Ding gewesen, aber mitten in dieser Pandemie fing ich an dieses Spiel zu zocken, das laut seinen Fans dabei hilft, mit der Angst vor einer möglichen Ansteckung umzugehen. Denn wenn draußen schon eine Pandemie umgeht, warum dann nicht so richtig dabei sein? Einmal der Virus sein und handeln.
 
„Wähle deine Seuche“ | Screenshot aus dem Spiel „Plague Inc.“ „Wähle deine Seuche“ | Screenshot aus dem Spiel „Plague Inc.“ | © Ndemic Creations

Virus, Zombie-Apokalypse oder den mutierten Affen muss man erst „freischalten“

Schon zu Beginn ahnte ich, dass ich in diesem Spiel nicht brillieren würde. Ich habe dem Computerspiel bis jetzt nämlich nie wirklich gefrönt. Bis zur Pubertät spielte ich FIFA. Als ich auf der Hochschule in Künstlerkreise geriet, ging ich zum intellektuelleren Football Manager über. Sonst nichts.

Und plötzlich startete ich also dieses Spiel, das grafisch gelungen in lila-roten Farben daherkommt. Dazu apokalyptische Musik, eine tiefe männliche Stimme verkündete pathetisch irgendwas von einer globalen Seuche. Ich wählte ein mittleres Schwierigkeits-Niveau und klickte an, dass ich die Bakterie spielen würde. Den Virus, die Zombie-Apokalypse oder den mutierten Affen kann der Spieler erst „freischalten“, wenn er vorhergehende Hindernisse überwindet.

Dann gab ich meiner Bakterie einen Namen. Als Sachverständiger für Nachrichten und auch einiger Apokalypsen-Filme, die meine Mutter immer beim Bügeln laufen ließ, wusste ich, dass es hier einer Abkürzung bedurfte. Nach kurzem Zögern schrieb ich „RTDS“, also das Kürzel für das Studienfach, das ich nach dem Abitur in Brünn begonnen hatte (Radio- und TV-Dramaturgie und Szenografie). Dazu ergänzte ich noch die Zahl 16, weil ich am 16. geboren wurde und ich im Alter von 16 gut aussah.

Auf einmal fand ich mich auf einer Weltkarte wieder, auf der es nur so wimmelte von Flugzeugen und Schiffen, die zwischen den Häfen hin und herfuhren und -flogen. In einer Ecke des Bildschirms blinkten dadaistische Benachrichtigungen auf, die über die Weltlage informierten. Etwa darüber, dass Terry Pratchett zum besten Schriftsteller aller Zeiten gewählt worden war, oder dass das Europaparlament eine neue EU-Amtssprache anerkannt hätte, und zwar Klingonisch aus Star Trek. Dazu verging die Zeit in einem fiktiven Kalender.

Das Spiel setzte im Jahr 2014 ein, und bevor ich noch alle Nachrichten lesen konnte, war ein halbes Jahr vergangen. Ich hatte keine Anleitung gelesen, aber ich nahm an, dass es meine Aufgabe war, die Menschheit auszulöschen. Wie gut ich war, verriet mir die Anzahl der mit der Bakterienart RTDS16 Infizierten und Gestorbenen. Als erstes klickte ich mit der Maus wahllos auf irgendeinen Punkt auf der Landkarte. Ich erwischte Ägypten. Dann wechselte ich zur Tschechischen Republik, um sie ebenfalls zu infizieren, wenn ich schon Tscheche bin. Das war natürlich nicht möglich.
 
„Der erste Todesfall in China“ | Screenshot aus dem Spiel „Plague Inc.“ „Der erste Todesfall in China“ | Screenshot aus dem Spiel „Plague Inc.“ | © Ndemic Creations

„Nach etwa fünfzehn Minuten tötete ich meinen ersten Menschen“

Das Spiel funktioniert so, dass man nur mit Hilfe von Symptomen und Überträgern an andere Orte expandieren kann, welche man schrittweise aktivieren muss. Über weitere Entfernungen lässt sich die Krankheit zum Beispiel durch Zugvögel übertragen. Der zweite Grund, warum es nicht ging, war, dass die Schöpfer des Spiels das Gebiet der Tschechischen Republik zusammen mit dem der Slowakei und Österreichs unter dem Namen „Central Europe“ vermerkt hatten. Diese Enttäuschung versetzte mich zurück in meine Kindheit, als ich beim Spiel Football Mania feststellte, dass man nicht für das tschechische Team spielen konnte.

Dann tauchte ich vollständig in das Spiel ein, das mich in meiner Version langsam an das Märchen Wie das Hündchen und das Kätzchen eine Torte machten erinnerte. Ich mischte alles zusammen. In einem Moment übertrugen Vögel meine Bakterie und eine Ansteckung machte sich durch Schwitzen und vor allem in wärmeren Gebieten bemerkbar. Nach einer Weile wurde sie über das Blut und in städtischer Umgebung übertragen, das Symptom war Schlaflosigkeit. Es gab immer mehr Infizierte und nach etwa fünfzehn Minuten, die im Spiel zwei Jahre waren, tötete ich meinen ersten Menschen, und zwar in Tunesien.

Es gelang mir nach Europa zu expandieren, aber leider wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf meine Bakterie aufmerksam und Wissenschaftler entwickelten schnell einen Impfstoff. An diesem Punkt wichen die Entwickler von der derzeitigen Situation ab. Wenn es so wäre wie in der realen Welt, könnte ich mich vielleicht mit der Organisation darauf einigen, dass sie mich für wenigstens zwei weitere Monate übersehen, damit ich mich so richtig weiter entwickeln kann. So, wie es in den letzten Monaten passiert ist: Der Sinologin Olga Lomová zufolge soll die WHO für die Ausbreitung der Corona-Pandemie mitverantwortlich sein.

Aber ich habe mit niemandem verhandelt, mich immer nur weiter und weiter verbreitet, bis ich etwa zehn Millionen Menschen umgebracht hatte. Dann war GAME OVER. (Zehn Millionen klingt in Zeiten der aktuellen Pandemie viel, aber im Spiel ist das erbärmlich wenig.) Ich hatte verloren. In einer seltsamen Stimmung, in der ich weder mich selbst noch eine Welt verstand, in der man mit der Erfindung solcher Verrücktheiten Geld verdienen kann, schaltete ich den Fernseher ein, um die Nachrichten zu sehen. Das half mir nicht besonders.
 

„Ich will lieber nicht wissen, an welchem Spiel die Entwickler jetzt arbeiten“

Am nächsten Tag ging ich schon mit der Zeit, als echter Millennial würde ich Plague nicht mehr allein spielen. Ich fand einen Youtuber, der sein Spiel durch hastige Fachkommentare begleitete. Mit Hilfe durchdachter Züge, bei denen er die Symptome den jeweiligen Ländern entsprechend ihres Entwicklungsstands oder Klimas anpasste, infizierte er die ganze Welt, ohne dass es jemand bemerkte. Das war nämlich die Absicht des Spiels. Unbeobachtet zu expandieren und dann zu mutieren und schnell alles Lebendige tot zu machen, abgefahren.

Damit enden meine Erfahrungen mit Plague Inc.. Ich sitze zuhause, warte auf besseres Wetter, damit ich mit dem Rad raus kann, aber irgendwo da draußen fliegt der Virus herum, der sowohl den blühenden Konsum als auch die Plattformen der Kunst lahmgelegt hat. Er liquidiert die Ökonomie, aber dem Planeten schadet er sicher nicht. Er bringt uns dazu, bei unseren geliebten Menschen zu sein, aber gleichzeitig isoliert er uns von dem, was an der Welt so interessant ist: die Welt.

Und da sitzen dann Spieleentwickler in Großbritannien am Computer und sind der Zeit voraus. Vielleicht haben sie eine Kristallkugel, oder sie hatten einfach nur Glück in einem Augenblick, als andere großes Pech hatten. Aber was soll’s, ist ja nur ein Spiel. Ich will lieber nicht wissen, an welchem Spiel die Entwickler jetzt arbeiten. Auf jeden Fall war es erfrischend, mal eine Weile der Virus zu sein und nicht ein potentielles Opfer.
 

Plague Inc.

Das Videospiel Plague Inc. wurde vom britischen Studio Ndemic Creations entwickelt. Es handelt sich um ein Strategiespiel, dessen Geschehen in der Gegenwart angesiedelt ist. Der Spieler wählt zu Beginn des Spiels eine Bakterie, einen Virus oder eine anderen Krankheitserreger, mit dem er schrittweise die ganze Weltbevölkerung infizieren und auslöschen soll. Dazu verwendet er verschiedene Symptome und Wirte, die helfen die Infektion zu verbreiten. Diese Upgrades kauft er für Punkte, die immer wieder auf der Weltkarte erscheinen. Der Gegner ist die Weltgemeinschaft, die versucht ein Medikament gegen die sich verbreitende Pandemie zu entwickeln. Der Spieler gewinnt, wenn er es schafft die Welt zu zerstören, bevor es ein Medikament gibt. Schafft er das nicht, hat er verloren.

Das Videospiel entstand im Jahr 2012 und kann auf dem PC oder in der Handy-App gespielt werden. Im Jahr 2017 erschien die Brettspiel-Version. Fans behaupten, das Spiel habe hinsichtlich der Übertragungsweisen verschiedener Krankheiten eine Bildungsfunktion. Oder auch, dass es in der jetzigen Situation helfe, die Angst zu überwinden, die durch eine drohende Ansteckung mit dem Coronavirus entstanden sei. Bisher haben fast 130 Millionen Spieler Plague Inc. gespielt. In China wurde das Spiel während der Quarantäne zu einem Bestseller, bis es Ende Februar verboten wurde, obwohl es laut dem Amerikanischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) einen rein edukativen Beitrag leistet.

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