Internationale Freiwilligendienste
Mehr als Training für die Quarantäne

In der libanesischen Hauptstadt Beirut arbeiten Freiwillige auch direkt in den Familien Geflüchteter aus Syrien Foto: © privat

Mit der Entsendung zu einer Freiwilligen-Mission erfüllte sich im Jahr 2019 für mehr als 20 junge Leute aus der Slowakei ein Traum. Im Herbst reisten sie in 13 Niedriglohnländer, um dort ihr Fachwissen in lokalen Gemeinschaften weiterzugeben und so den Hilfsbedürftigen ohne einen Anspruch auf Entlohnung beizustehen. Niemand rechnete jedoch mit den Ereignissen des Jahres 2020 und auch nicht damit, dass die meisten von ihnen aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig würden zurückkehren müssen. Was ändert sich also für globale Freiwilligendienste im Zuge der Coronakrise?

Bereits jetzt gibt es in den Niedriglohnländern, die früher auch als Entwicklungsländer bezeichnet wurden, auch lokale Helferinnen und Helfer. Sie verteilen Lebensmittelrationen, Masken, Desinfektionsmittel, aber auch Informationsflyer, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Wenn sich die Situation der Pandemie beruhigt hat, werden viele der jungen Freiwilligen wieder an ihre Einsatzorte zurückkehren können – auch aus der Slowakei.

Hilfe für Flüchtlinge in Istanbul

Junge Menschen aus der Slowakei haben derzeit zwei Möglichkeiten, um einen Freiwilligendienst im Ausland zu leisten: Über die EU-Freiwilligeninitiative EU Aid Volunteers oder mit SlovakAid. Das ist ein staatlich subventioniertes Programm zur Entsendung von sogenannten Junior Volunteers sowie freiwilligen Fachkräften in sogenannte Entwicklungsländer im Rahmen der offiziellen Entwicklungshilfe der Slowakischen Republik. Der Freiwilligendienstler Martin Pavelka hat beide Programme ausprobiert.

Zuerst war er 2018 / 2019 über das nationale Programm SlovakAid in der georgischen Organisation For Better Future tätig, welche Binnenflüchtlinge (Internally Displaced Persons – IDP) unterstützt. Sie hat ihren Sitz in dem Dorf Tserovani, wohin nach dem russisch-georgischen Krieg die Menschen aus Südossetien vertrieben wurden. Ein Jahr verbrachte er in Georgien.

Im Herbst 2019 wurde Martin über EU Aid Volunteers als Senior Volunteer in die Türkei entsandt. Die Organisation, für die er tätig ist, heißt Small Projects Istanbul (SPI) und unterstützt Flüchtlingsfamilien aus dem Nahen Osten und Nordafrika indem sie ihnen einen sicheren Ort mit Bildungs- und Verdienstmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Hier geht es nicht nur um Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sondern auch mit Frauen. So arbeiten etwa 40 syrische Flüchtlingsfrauen in dem zugehörigen Sozialunternehmen Muhra, wo sie nach Abschluss eines Näh-, 3D-Druck- oder Computerkurses beispielsweise Schmuck und Kleidung herstellen, um ihren Lebensunterhalt sicherstellen zu können. Die treibende Kraft der Organisation SPI sind lokale und ausländische FreiwilligendienstlerInnen, für deren Einsatzmanagement nun Martin zuständig ist, auch wenn gerade alles nur über Videochats organisiert wird.

Der junge Slowake kommt täglich in Kontakt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. „Sie leben jedoch nicht in Zelten oder überfüllten Lagern, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Diese Gemeinschaft ist in Istanbul bereits etabliert, die Eltern arbeiten und schicken ihre Kinder zur Schule. Zu ihren größten Problemen gehört das soziale Stigma, die Arbeitslosigkeit beziehungsweise die Frage der Beschäftigung und unzureichenden finanziellen Mittel“, beschreibt er seine Klientinnen und Klienten.

Insgesamt sind in den Projekten von SPI mehr als 250 Familien registriert, von denen jede durchschnittlich vier Kinder hat. Etwa 200 dieser Familien kommen direkt aus Syrien. Diese Menschen haben zwar den Status „Flüchtlinge mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung“, was jedoch bedeutet, dass der türkische Staat siejederzeit zurück nach Syrien schicken kann, was auch geschieht.

Die Bearbeitung einer einzigen Aufenthaltsgenehmigung oder die Registrierung eines ausländischen Handys dauert bis zu sechs Monate. In Zeiten der Corona-Krise oft auch länger. Deshalb ist eines der Ziele der Organisation Small Projects Istanbul die Beratung und Vermittlung relevanter Informationen.

Martin hat sich trotz der außergewöhnlichen Situation entschieden, nicht nach Hause zu fliegen, sondern in Istanbul zu bleiben. Das ist seine derzeitige Heimat. Die Pandemie betrifft nicht nur seine Einsatzorganisation, sondern auch die Flüchtlingsgemeinschaft. „Viele Familien haben ihre Arbeit und ihr Einkommen verloren. Deshalb suchen wir nach Möglichkeiten, ihnen wenigstens irgendwelche finanziellen Hilfen vom Staat oder privaten Spendern zukommen zu lassen. Gleichzeitig haben wir begonnen, ihnen Rettungspakete mit Lebensmitteln auszuteilen“, beschreibt er die aktuellen Tätigkeiten. Derzeit ist er dafür verantwortlich, Online-Aktivitäten für Kinder und Jugendliche auf die Beine zu stellen. Denn SPI hilft auch beim Erlernen der türkischen Sprache, bei Hausaufgaben und kreativen Aktivitäten. „Die Online-Kommunikation hat zwar Grenzen und Einschränkungen, aber wir geben nicht auf. Ich sehe, dass auch das eine riesige Hilfe für die Eltern ist und den Familien den Stress beim Homeschooling nimmt“, sagt der tatkräftige Slowake in Istanbul.

Martin Pavelka vor dem Standort seiner Gastorganisation Small Projects Istanbul Martin Pavelka vor dem Standort seiner Gastorganisation Small Projects Istanbul | Foto: © privat

Die Krise im Libanon – permanenter Zustand

Die Freiwilligendienstlerin Anna Hruboňová war zum Jahreswechsel 2019 / 2020 bei der Organisation ADRA Libanon in Beirut als Freiwillige in einem Bildungsprojekt für syrische Kinder tätig. Während ihres Aufenthalts war es für sie wichtig, sich gut mit den regionalen Gegebenheiten vertraut zu machen, auch Besuche bei Familien zu Hause waren erforderlich, um deren Lebensbedingungen kennenzulernen. Ihre Aufnahmeorganisation ist in der Umgebung für ihr Bildungszentrum bekannt, das insbesondere Kindern hilft, die in der Schule hinterherhinken und sich nur schwer ins Bildungssystem integrieren. „Bei den syrischen Kindern ist das ein häufiges Problem, da sie durch die Folgen des Krieges und das Leben auf der Flucht lange keinen Unterricht hatten, sie verpassten einige Schuljahre und sind das Lernen nicht mehr gewohnt. Das Leben in Armut verschlimmert diese Situation nur noch“, erklärt Anna.

Sie beteiligt sich auch an der Erarbeitung von Projekten, die sauberes Wasser und sanitäre Versorgung sicherstellen sollen. Auch in diesem Bereich ist ADRA aktiv, und zwar in der Bekaa-Ebene im Ostlibanon. Sie bereitete auch einen Berufskurs für junge Menschen aus ärmeren Verhältnissen vor, die Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden oder für das Universitätsstudium zu bezahlen. Die Umsetzung dieses Projekts konnte sie jedoch nicht mehr miterleben, da sie aufgrund der Corona-Krise im März 2020 früher als geplant nach Hause zurückkehrte.

„Vom Libanon kann man buchstäblich über den Hügel nach Syrien schauen. Und genau deshalb leben in diesem Land ungefähr 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Gemessen an der Einwohnerzahl des Libanon ist das ungeheuer viel“, erklärt Anna. Dieses kleine Land im Nahen Osten, das in der Vergangenheit Bürgerkriege und Konflikte mit Israel durchgemacht hat, hat nämlich selbst nur 4,5 Millionen Einwohner. Kurz vor Ausbruch der Coronakrise hatte es gleichzeitig eine politische, sowie eine Finanz- und Flüchtlingskrise zu bewältigen.

Die Verletzlichsten in Corona-Zeiten

Die Mitgliedsorganisationen der slowakischen Plattform Ambrela entsenden junge Menschen zu Einsätzen dorthin, wo sie wirklich gebraucht werden. Die freiwilligen Helfer und Helferinnen erledigen vor Ort keine Arbeiten, die eine Person von dort ebenfalls leisten kann, sondern sie sollen Expertenwissen mitbringen. Dabei geht es nicht um Überlegenheit, sondern darum, den Einheimischen ihre Jobs nicht wegzunehmen. Die Freiwilligen reisen zu bestehenden Teams von MitarbeiterInnen, die Kontaktnetze aufgebaut haben, die örtliche Kultur, religiöse und ethnische Normen, Traditionen und Bräuche kennen und Sicherheitsrisiken einschätzen können. Die Pandemie in ihrem derzeitigen Ausmaß hätte jedoch niemand vorhersehen oder sich darauf vorbereiten können.

Die Corona-Krise beendete Annas Freiwilligendienst im Libanon vorzeitig, aber ihren Koffer hatte sie eigentlich immer fertig gepackt im Zimmer stehen. Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft im Libanon gipfelte die langanhaltende Unzufriedenheit der BürgerInnen in Massendemonstrationen und im Oktober brachen im Land Unruhen aus. Nach dem Ausbruch des Coronavirus im Frühjahr waren die „Hungerproteste“ im Libanon noch wütender als im Herbst. Denn unter die Armutsgrenze fielen auch viele einheimische Libanesen, nicht nur Angehörige der Flüchtlingsgemeinschaft.

Das ADRA-Team im Libanon versuchte im März sofort, sich an die neue Krise anzupassen, aber alle Bildungsaktivitäten wurden aufgrund der Pandemie eingestellt. „Syrische Kinder erhalten nun wieder keine Bildung und niemand weiß, wie lange. Neben der Angst vor Ansteckung und Depressionen durch soziale Isolation hat Covid-19 jedoch auch schwerwiegende sozioökonomische Folgen, die die Verletzlichsten am stärksten treffen werden. Viele syrische Familien sind auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen und haben jetzt durch die angeordnete Quarantäne oder häusliche Isolation eine wichtige Einkommensquelle verloren“, sagt Anna.

Ausreichende soziale Isolation und die Einhaltung von Mindestabständen sind in Flüchtlingsunterkünften nicht möglich. Anna berichtet, dass die Situation von Flüchtlingen, die in Zelten leben und nicht einmal Zugang zu fließendem Wasser haben, besonders dramatisch ist. Zuerst müssen Hunger und Durst gestellt werden, Zeit für Bildung bleibt nicht. Zudem ist ein Umstieg auf Online-Unterricht unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht realisierbar.
Anna Hruboňová war als Freiwillige für die Organisation ADRA Libanon in Beirut tätig Anna Hruboňová war als Freiwillige für die Organisation ADRA Libanon in Beirut tätig | Foto: © privat

Was junge Menschen aus der Corona-Krise lernen können

Bei Bewerbungsgesprächen mit zukünftigen Freiwilligen, aber auch später bei der Beobachtung und Bewertung ihrer Aktivitäten ist es wichtig, mögliche pathologische Motive rechtzeitig zu erkennen. Dies kann zum Beispiel übertriebener Altruismus sein, der den Hilfeempfänger degradiert, der Wunsch, sich zu opfern, wie er bei Menschen mit Hang zur Selbsterniedrigung oder Helfersyndrom auftritt, oder die Motivation durch einen Freiwilligendienst der Einsamkeit zu entkommen, indem neue Beziehungen in einem anderen Land geknüpft werden. Für die Freiwilligen ist daher nicht nur eine Vorbereitung vor der Abreise erforderlich, sondern vor allem auch Betreuung und Unterstützung während ihres Aufenthalts. Bei Martin und Anne erfolgte dies sowohl durch die Entsende- als auch durch Aufnahmeorganisation.

Sein Aufenthalt im georgischen Tserovani war für Martin eine gute Vorbereitung auf die Corona-Zeit. Auch dort kam er oft wochenlang kaum in andere Gemeinschaften und war auf sich selbst angewiesen. Heute sieht er darin eine gewisse Parallele. „In Istanbul habe ich meinen geregelten Tagesablauf, den ich mit eiserner Strenge einzuhalten versuche. Damit halte ich mich geistig und körperlich fit. Ich bin oft in Kontakt mit meiner Familie, aber ich habe hier bereits genug Freunde, so dass mir die Sozialkontakte nicht fehlen“, kommentiert er seine Isolation im Frühjahr in der türkischen Metropole.

Während der zivilen Unruhen im Herbst stellte Anne ihr Arbeitsverhalten vollständig um und schränkte ihre täglichen Wege extrem ein: Etwa zwei Monate lang bewegte sie sich nur von Zuhause zur Arbeit, zum Supermarkt und wieder nach Hause. Auch für sie war das ein Training für die Quarantäne, die sie nun während der Coronavirus-Pandemie zu Hause in der Slowakei erlebt. Stressbewältigung und Anpassungsfähigkeit hält sie für die nützlichsten ihrer neuerworbenen Fähigkeiten. „Wenn ich mal Stress auf der Arbeit oder in meinem Privatleben habe, denke ich daran, dass ich schon Schlimmeres erlebt habe, nämlich im Libanon“, sagt die junge Slowakin und erinnert sich an die Unruhen in den Straßen von Beirut und die schwierige Heimreise nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Dieses Jahr wird es in allen Ecken der Welt zu einer wirtschaftlichen Rezession von enormen Ausmaßen kommen und am stärksten betroffen werden einmal mehr Bevölkerungsgruppen in Niedriglohnländer sein. Daher wird im Bereich der humanitären Projekte und Entwicklungszusammenarbeit jede Hilfe gebraucht. Sowohl Martin als auch Anna denken bereits darüber nach, wie sie direkt vor Ort tätig werden könnten.

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