Frauenrechte im Iran  Unhörbare Frauen. Weiblicher Gesang im Iran zwischen Stille und Widerstand

Demonstration für Gleichberechtigung, Frauenrechte und Menschenrechte im Iran im Oktober 2022 in London.
Demonstration für Gleichberechtigung, Frauenrechte und Menschenrechte im Iran im Oktober 2022 in London. Foto: Neil Webb via unsplash| CC0 1.0

Weibliche Stimmen spielen in der globalen Musikszene eine noch nie dagewesene Rolle. Taylor Swift ist die meistgehörte Sängerin der Welt, und ihre Songs finden auf allen Kontinenten Anklang. Im Gegensatz dazu steht der Iran, wo weiblicher Gesang in vielerlei Hinsicht durch staatliche Repressionen unterdrückt wird. Die Geschichte der weiblichen Stimme im Iran ist eine Geschichte des Verbots, des Widerstands und des unerschütterlichen Wunsches, gehört zu werden.

Nach der Islamischen Revolution im Jahr 1979 verwandelte sich der Iran in einen theokratischen Staat, in dem für Frauen strenge Regeln galten, darunter die Pflicht zum Tragen des Hidschabs. Eine der weniger bekannten, aber grundlegenden Maßnahmen war das Verbot für Frauen, in der Öffentlichkeit solo zu singen. Nach offizieller religiöser Argumentation ist die weibliche Stimme „verführerisch“ und kann Männer vom Glauben abbringen. Öffentliche Auftritte von Sängerinnen galten daher als „unmoralisch“. Das Verbot des Gesangs von Frauen im Iran ist nicht nur eine kulturelle Einschränkung, sondern eine klare Form der Unterdrückung aufgrund des Geschlechts. Die Stimme der Frauen zum Schweigen zu bringen bedeutet, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, an der kollektiven Kultur teilzuhaben, Emotionen auszudrücken und über Ungerechtigkeiten zu sprechen. Das erzwungene Schweigen wird zum Symbol der Macht des Staates über Körper und Seele der Frauen. Gleichzeitig wird aber auch jeder gesungene Ton, jedes gerufene Motto zu einem politischen Akt. Die Stimme, die harmlos sein sollte, gewinnt an Kraft, weil sie trotz des Verbots erklingt.

Dieses Verbot hatte weitreichende kulturelle Folgen. In den 1960er- und 1970er-Jahren war die iranische Musikszene kosmopolitisch und offen, und Googoosh, die nicht nur Sängerin, sondern auch ein kulturelles Symbol des modernen Teheran war, glänzte damals als Star. Als ich 2009 sechs Wochen lang einen Sprachkurs in der Hauptstadt absolviert hatte, brachte ich neben vielen Flaschen Rosenwasser eine CD von Googoosh als Souvenir mit nach Hause. Seit mehr als fünfzehn Jahren hören meine Mutter und ich sie jedes Jahr zu Weihnachten. Nach der Islamischen Revolution wurde diese gebürtige Teheranerin jedoch zum Schweigen gebracht. Mehr als zwei Jahrzehnte lang durfte sie nicht öffentlich auftreten, und ihre Lieder wurden nur heimlich verbreitet.
Googoosh im Hollywood Bowl im Mai 2018.

Googoosh im Hollywood Bowl im Mai 2018. | Foto: BBC Persian via wikimedia | CC BY 3.0 BR

Eine weitere Erfahrung – neben den Liedern von Googoosh und den abenteuerlichen Fahrten mit Teheraner Taxis – war für mich die Begegnung mit der iranischen Unterdrückung. Ich erinnere mich, wie ich einmal ohne Kopftuch meine Wohnung im Zentrum von Teheran verließ, wo mir zwei gleichaltrigen Iranerinnen ein Bett vermieteten. Draußen fiel es mir siedend heiß ein. Vor der Sittenpolizei konnte ich mich nicht einmal hinter dem nächsten Baum verstecken, denn in der dicht besiedelten, ausgedörrten Betonwüste, nur fünfundvierzig Autominuten von den grünen Gipfeln des Elborz-Gebirges entfernt, das den wohlhabenden Norden der Stadt umrahmt, wuchsen mir die Bäume höchstens bis zur Hüfte. Glücklicherweise bemerkte ich meinen Fehler nach ein paar Schritten, drehte um und rannte ungesehen nach Hause. Im Jahr 2009, während der sogenannten Grünen Revolution, also den Protesten gegen die zweifelhafte Wiederwahl von Mahmud Ahmadineschad [zum iranischen Präsidenten, Anm. d. Red.], war eine Frau ohne Kopfbedeckung auf der Straße eine völlig unvorstellbare Erscheinung.

Women, Life, Freedom

Heute ist die Situation anders. Der konservative iranische Politiker Ali Motahari erklärte kürzlich auf der Buchmesse in Teheran, dass die derzeitige staatliche Politik gegenüber dem Hidschab nicht so streng sei und die Polizei nur bei groben Verstößen gegen die Regeln eingreifen sollte. Dennoch bleibt der Hidschab obligatorisch, und Motahari forderte in der Vergangenheit härtere Strafen für Frauen, die von den Kleidungsvorschriften abweichen. Nach dem Tod von Mahsa Amini und unter dem Einfluss der Bewegung „Women, Life, Freedom“ entscheiden sich Frauen immer häufiger dafür, den Hidschab zu Hause zu lassen oder sogar (ohne Kopftuch!) Särge bei Beerdigungen zu tragen, was früher ausschließlich Männern vorbehalten war.

Mahsa Amini war eine junge iranische Kurdin, die im September 2022 starb, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen angeblich unsachgemäßem Tragen des Hidschabs festgenommen worden war. Ihr Tod löste landesweite Proteste im Iran aus und wurde zum Symbol des Widerstands gegen das repressive Regime und die Diskriminierung von Frauen. Ihr Schicksal führte zur Entstehung der Bewegung „Women, Life, Freedom“, in deren Verlauf Frauen öffentlich gegen die Hidschab-Pflicht protestierten und für die Ausweitung der Frauenrechte eintraten. Amini wurde zu einem international bekannten Symbol für den Kampf für Menschenrechte. Dennoch bleiben viele Frauen weiterhin anonym und meiden internationale Medien oder soziale Netzwerke, um weiteren Repressionen zu entgehen. Es ist Frauen also bis zu einem gewissen Maße möglich, keinen Schleier zu tragen, aber sie dürfen dabei nicht von der Sittenpolizei gesehen werden.
Googoosh hat vorgemacht, wie auch Kopftücher gestylt werden können. Die bis heute beliebteste iranische Popsängerin, mit bürgerlichem Namen Faegheh Atashin, war vor der Islamischen Revolution dafür bekannt, dass sie häufig ihre Frisuren wechselte und mit ihren Haaren herumexperimentierte. Einmal färbte sie ihre langen dunklen Locken provokativ blond, ein anderes Mal entschied sie sich für einen Pixie-Haarschnitt. Dann kam das obligatorische Kopftuch für alle Frauen, das Verbot zu singen und für „gefährliche“ Frauen sogar das Verbot, sich frei zu bewegen. Ich habe in Teheran etwas Ähnliches erlebt, als man mir meinen Reisepass abgenommen hat. „Bitte geben Sie mir mal kurz Ihren Pass, wir müssen nur etwas überprüfen“, sagte mir damals der Direktor der Sprachschule, als er mich vor Beginn des Unterrichts in sein Büro rief.

Damals kannte ich Googoosh noch nicht und meine Naivität hatte offensichtlich keine Grenzen. Anstatt dem Direktor eine Kopie meines Reisepasses zu geben, habe ich ihm das Original ausgehändigt. Ich bekam ihn dann sechs Wochen lang nicht wieder. So haben sie in der Schule sichergestellt, dass ich nicht herumreisen würde und mich in ständiger Angst befände. Diese Praxis hat auch Googoosh erlebt, natürlich mit viel drastischeren Folgen. Ich bewegte mich nur im Umkreis von fünfzig Kilometern um Teheran um Tagesausflüge zu machen, denn ohne Reisepass kann man nicht im Hotel übernachten. Irgendwann probierte ich immerhin mit einer dänischen Freundin das Couchsurfen in der mittelalterlichen Stadt Kaschan aus. Googoosh lebte zwanzig Jahre lang unter Hausarrest und verließ den Iran erst im Jahr 2000, als die iranische Regierung ihr endlich erlaubte, das Land zu verlassen. Sie ging nach Kanada, wo sie ihre Musikkarriere fortsetzte: Sie veröffentlichte das Album Zoroaster und ging auf Welttournee. Heute lebt sie abwechselnd in Los Angeles und Toronto, wo es zahlreiche iranische Diasporagemeinden gibt. Im Mai 2018 trat Googoosh als erste iranische Künstlerin im Hollywood Bowl Amphitheater auf. Trotz ihrer Erfolge im Exil ist ihre Beziehung zum Iran jedoch weiterhin komplex und sensibel, da sie aus Angst vor einer möglichen Verhaftung bisher nicht in ihr Heimatland zurückgekehrt ist.

Repression in der Praxis

Im heutigen Iran wird die Stimme der Frauen ständig überwacht, und Sängerinnen, die es wagen zu singen, riskieren Verhöre, Gefängnisstrafen, Tätigkeitsverbote oder Zensur in sozialen Netzwerken. Im März 2025 berichtete Radio Farda über eine Reihe von Maßnahmen gegen mehrere von ihnen. Bita Haji Sadeghian wurde wegen Verstoßes gegen die öffentliche Moral angeklagt. Golsa Rahimzamani und Reyhaneh verloren nach einem Eingreifen der Cyberpolizei vorübergehend ihre Instagram-Konten. Hiwa Seyfizade wurde sogar direkt während eines Auftritts in Teheran verhaftet. Zara Esmaeili verschwand, nachdem ein Video ihres Gesangs viral gegangen war. Parastoo Ahmadi wurde kurzzeitig festgenommen, weil sie ohne Kopftuch und an der Seite männlicher Musiker aufgetreten war.
Der Iran will die Stimme der Frauen zum Verstummen bringen. Warum wohl? Sie ist wohlklingend, drückt Emotionen aus. Und Lieder über Liebe, Beziehungen oder Körperlichkeit können angeblich sexuelles Verlangen wecken. Außerdem wollen die Ayatollahs offenbar nicht, dass sie andere Frauen in ähnlichen Situationen inspirieren. Der Iran versucht jedoch nicht nur, Frauen zum Schweigen zu bringen, sondern viele von ihnen auch zu inhaftieren.

Eine besondere Symbolik hat das Gefängnis Evin in Teheran: ein berüchtigter Ort, wo das Regime politische Gegner*innen inhaftiert. Wenn man Evin auf Google sucht, erscheint neben dem Namen in roter Schrift die Meldung „DAUERHAFT GESCHLOSSEN“. Das stimmt jedoch nicht. Das Teheraner Gefängnis Evin ist seit Jahrzehnten ein Symbol der Unterdrückung. Es wurde unter der Herrschaft von Schah Muhammad Reza Pahlavi für Regimegegner erbaut und nach der Islamischen Revolution zu einem Komplex mit mindestens 15.000 Gefangenen erweitert, darunter häufig Intellektuelle oder Aktivist*innen, die wegen vager Verbrechen angeklagt wurden. Die Bedingungen dort sind brutal: Isolation, Schläge, sexuelle Belästigung und erzwungene Geständnisse sind an der Tagesordnung. Berüchtigt ist der Block 209, wo Gefangene als Geiseln in politischen Machtspielen missbraucht werden.
Protest im Iran im September 2022

Protest im Iran im September 2022 | Foto: Darafsh via wikimedia | CC BY-SA 4.0


Genau hier entstand das Phänomen der „Stimmen aus Evin“. Die inhaftierten Frauen singen gemeinsam oder rufen Parolen, die aus den Gefängniszellen dringen. Während der Proteste im Jahr 2022 skandierten sie die Parole „Frau, Leben, Freiheit“. Das Regime reagiert auf diese Gesten mit harten Strafen – Schlägen oder Einzelhaft. Dennoch ist die Tradition des gemeinsamen Singens und Skandierens Teil der Kultur des Widerstands geworden, ähnlich wie beispielsweise das Backen.

Das ist eines der Themen des Buches The Evin Prison Bakers’ Club (Der Bäckerinnenclub aus dem Evin-Gefängnis) der Journalistin und Aktivistin Sepideh Golian, die seit 2018 mehrfach in Evin inhaftiert war. Ihr Text, der auf Zetteln nach draußen geschmuggelt wurde, vereint Memoiren, Berichte über Folter und ein Kochbuch mit sechzehn Rezepten. Das Backen in Evin wird zu einem Akt der Solidarität unter Frauen und zu einem Symbol der Menschlichkeit unter unmenschlichen Bedingungen. Jedes Rezept widmet die Autorin einer bestimmten Gefangenen oder Geschichte, beschreibt Momente, in denen Schmerz und Freude verschmelzen, und zeigt, dass selbst unter den grausamsten Bedingungen Hoffnungsschimmer der Freiheit zu finden sind.

In den sechs Wochen, während derer ich einen Persisch-Kurs im Norden Teherans besuchte, fuhr ich immer mit dem Sammeltaxi am Evin vorbei. Im Stadtteil Farahzad befinden sich mehrere Botschaften und es leben wohlhabende Menschen dort, sicherlich auch wegen der Grünflächen, die hier im milderen Klima unterhalb des Elborz-Gebirges gedeihen. Die längste Straße Teherans, die Valiasr, wird von majestätischen Platanen gesäumt. Evin liegt unweit der Autobahn im Nordwesten der Stadt. Jedes Mal, wenn ich auf meinem Weg die Präsenz dieses Gebäudes ahnte, das das absolute Böse symbolisiert, schauderte es mich vor Entsetzen.

Die iranischen Sängerinnen geben jedoch nicht auf. Viele von ihnen sind im Exil tätig. Googoosh lebt dauerhaft in Nordamerika, jüngere Künstlerinnen in der Türkei oder in Europa. Ihre Werke sind online verfügbar und werden von Hörer*innen im Iran über VPN oder illegale Kopien angehört. Musik ist somit ein Ausdruck des Widerstands und der Verbindung zur Diaspora. Auch im Iran selbst entwickelt sich eine Underground-Szene, in der Musik in Heimstudios aufgenommen und im Internet verbreitet wird. Die Frauen geben das Singen trotz der drohenden Strafen einfach nicht auf, denn ihre Stimme ist für sie ein Instrument der Identität. Ihre Stimme ist mehr als nur Musik. Sie ist ein Symbol der Freiheit, die das Regime aus Angst unterdrückt.
 

Perspectives_Logo Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Revue Prostor, einer unserer Medienpartner für PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

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