Die Erfahrungen und Kämpfe von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen wurden und werden systematisch aus unserem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Diese Auslöschung sowie die Kraft, die sie wieder zurückholen kann, untersucht die Autorin Petra Eller in ihrer Reflexion über einige wegweisende Filme.
Das Ticken der Uhr hallte laut durch das Klassenzimmer. Ich, im Rollstuhl, saß dort als einzige, meine Geschichtslehrerin mir direkt gegenüber. In ihren Gesichtszügen spiegelte sich totale Resignation. Mit ihrem langen, lackierten Fingernagel zeigte sie mir, welche Antwort ich im Test ankreuzen sollte. Meine Hand, die mir zu dieser Zeit fast nicht mehr gehorchte, fuhr wie das Eiskalte Händchen aus der Addams Family über das Papier und markierte die richtige Antwort.So ähnlich verlief der Geschichtsunterricht während meiner ganzen Bildungszeit, schon seit der Grundschule. An meinen Schulen war ich dafür bekannt, in allen Fächern hervorragende Leistungen zu erbringen. Nur Geschichte ergab für mich nie Sinn. Die in den Lehrbüchern präsentierten Ereignisse erschienen mir lückenhaft, ich konnte der Logik einfach nicht folgen. Als ob mir gegenüber jemand behauptet hätte, die Zeiger der Uhr in unserem Klassenzimmer bewegten sich ohne die Zahnräder des Uhrwerks. Doch hätten Geschichtslehrerinnen einem Schulgenie wie mir eine Fünf gegeben, wäre der Vorwurf aufgekommen, dass sie es auf mich abgesehen haben. Es war ja schlicht unmöglich, dass ich mich an nichts aus diesem Fach erinnern konnte.
Als Kind konnte ich mein Problem mit dem Geschichtsunterricht nicht definieren, doch heute ist es mir ganz klar. Das Problem bestand nicht darin, dass ich die Geschichte vergessen hatte, sondern dass die Geschichte mich vergessen hatte. Das Curriculum beinhaltete keinerlei Fakten darüber, wie Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen die Welt verändert haben, und wenn doch, so wurden diese Personen nie als gesundheitlich benachteiligt bezeichnet oder ihre Behinderung wurde nicht erwähnt. Nicht einmal an den Förderschulen, die ich besuchte. Sind wir in der jüngsten Generation plötzlich als die neueste Virusvariante aufgetaucht? Es ist, als hätten wir nie zuvor gelebt, als hätten wir nichts zur Welt beigetragen – und nun muss die Wissenschaft auf einmal unsere Existenz erklären.
Wegwerf-Menschen
Und so begann ich, nach Antworten auf die Fragen zu suchen: Wie konnte die Geschichte der größten Minderheit der Welt aus dem Bewusstsein der Gesellschaft verschwinden? Und was bedeutet das für uns – für Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen? Ich habe mich intensiv mit der Arbeit von Dokumentarfilmer*innen mit gesundheitlichen Benachteiligungen beschäftigt, die versuchen, das Verschwinden unserer Geschichte rückgängig zu machen.Der Dokumentarfilm Disposable Humanity (etwa: Wegwerf-Menschen oder Wegwerf-Menschlichkeit) widmet sich genau diesem Verschwinden der Geschichte von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen. Geschaffen wurde er von Cameron S. Mitchell (Regie), der aufgrund chronischer Rückenschmerzen für seine spezielle Kamerahaltung bekannt ist und David T. Mitchell (Drehbuch) der unter anderem Professor für Anglistik, Kulturwissenschaften und Disability Studies ist, einem Fachgebiet, in dem er als bedeutender Autor und Theoretiker gilt. Unterstützt wurden sie von einer Reihe von Historiker*innen sowie Expert*innen in Disability Studies, auch selbst Personen mit gesundheitlichen Benachteiligungen.
Der Film Disposable Humanity wurde von der Indiana Film Journalism Association für den IFJA Award 2025 in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert und gewann den Publikumspreis beim Slamdance Film Festival 2025. Er ist derzeit auf keiner Streaming-Plattform verfügbar, was angesichts der Qualität, des Themas und der Auszeichnungen des Films einiges über die Bereitschaft unserer Gesellschaft aussagt, sich mit der Geschichte von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund haben mir Regisseur Cameron S. Mitchell und Drehbuchautor David T. Mitchell den Film für diese Reportage zur Verfügung gestellt. Ich danke ihnen herzlich für ihre Hilfsbereitschaft.
Disposable Humanity untersucht die sogenannte Aktion T4, auch bekannt als „Euthanasieprogramm“. Natürlich kein freiwilliges. Wie die Filmbeschreibung bereits ausführt, ermöglichte dieses Programm unter anderem die Entwicklung von Gaskammern und wurde somit zum Katalysator für den Holocaust, genauer gesagt, für dessen Phase Null. Ziel war es, effektive Tötungsmethoden an Opfern zu erproben – beispielsweise die Wirksamkeit von Gaskammern, Tötung durch Verhungern oder durch Giftspritzen. All dies geschah vorwiegend an Patient*innen mit psychischen Erkrankungen, Lernbehinderungen, aber auch an jenen mit körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen sowie anderen Diagnosen, die potentiell erblich waren. Viele von ihnen waren Kinder aus Kliniken oder Waisenhäusern. Mehr als 300.000 Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen wurden im Rahmen der Aktion T4 ermordet. Die Nazis erklärten sie für „lebensunwert“.
Im Gegensatz zu den Konzentrationslagern entkamen aus der Aktion T4 keine Überlebenden. Uns blieben als Zeugen nur ihre Familien und Angehörigen, und selbst diese erfuhren oft nicht die Wahrheit über das Schicksal ihrer gesundheitlich benachteiliigten Familienmitglieder. NS-Mediziner, welche fast alle diese Morde begingen, fälschten Sterbeurkunden und erfanden dafür Todesursachen. Oft töteten sie gesundheitlich benachteiligte Kinder nur, um deren Gehirne für Forschungszwecke zu entnehmen.
Steve Way, der Executive Producer von Disposable Humanity und in unserer Community ein bekannter Schauspieler und Komiker mit Muskeldystrophie, sagte in einem Interview Alex Green gegenüber: „Es hat mich persönlich so beleidigt, wie unser Bildungssystem zum Thema Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen versagt hat. Seit der siebten Klasse lerne ich Dinge über den Holocaust und wusste nichts von dieser Aktion. Dies zeigt, dass wir die Geschichte der Behinderung überhaupt nicht lehren. Doch wir können nicht einfach eine der größten Gruppen der Opfer aus der Geschichte auslassen, schon gar nicht die Gruppe der ersten Opfer. Damit würden wir die Tragödie und den Schrecken all dessen, was geschehen ist, verharmlosen.“
Die Nazis haben allerdings unsere Existenz aktiv auch aus dem Bewusstsein der Gesellschaft gelöscht. In den 1930er-Jahren wollten Propagandafunktionäre die Idee der Sterilisation von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen populär machen. Deshalb drehten sie grausame Videos von Patient*innen in Anstalten und zeigten diese anstelle von Werbespots vor beliebten Kinofilmen (Archivmaterial stand für diese Dokumentation zur Verfügung). Infolgedessen verstummte das progressive Streben nach Gleichberechtigung in der Gesellschaft und wurde durch Ideen ersetzt, wie man gesundheitlich benachteiligte Bürger einschränken und schließlich eliminieren könnte.
Als ich mir das Filmmaterial ansah, fiel mir die frappierende Ähnlichkeit zu den heutigen „Wohltätigkeits“-Sendungen auf, die Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen als ewig leidende arme Kreaturen darstellen. Gleichzeitig wurde mir klar, dass meine tiefe Abneigung solchen Sendungen gegenüber nicht übertrieben ist, wie mir die intakte Gesellschaft gerne einredet. Es ist nicht übertrieben, wütend zu sein, wenn meine Leute immer noch mit einer Bildsprache in den Medien begleitet werden, die in vielerlei Hinsicht mit Nazi-Propaganda vergleichbar ist.
In anderen Propagandasendungen wurde gezeigt, dass Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen dank Sozialleistungen wie Könige leben – in luxuriösen Residenzen – und ehrliche, arbeitende Bürger*innen in heruntergekommenen Häusern. Die Pointe dieser „Berichterstattung“ war, dass es den Gesunden besser ginge, wenn Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen kein Geld vom Staat beziehen würden.
Auch das sind Ansichten, deren Echos wir bis heute hören. Jedes Mal, wenn ich eine persönliche Assistentin suche, werde ich vielfach mit der Meinung konfrontiert, ich solle den Staat, der meine Assistent*innen für die Erfüllung meiner grundlegenden körperlichen Bedürfnisse bezahlt, nicht zusätzlich belasten – ganz zu schweigen davon, wenn es um Freizeitaktivitäten, Treffen mit Freund*innen oder Reisen geht. Manche Personen mit neonazistischem Weltbild drängen mich jedoch auch auf die andere Seite des Konflikts: Sie behaupten, wenn nicht so viele Roma staatliche Leistungen beziehen würden, gäbe es genug Geld für angemessene Invalidenrenten. Dieses Argument ist natürlich sinnlos in einem Staat, in dem jährlich Millionen Euro im Rahmen von Korruption, Partys, Urlauben und Villen von Politiker*innen verschwinden.
Doch auch hier sind wir wieder bei dem Punkt: Wenn wir Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungenunterdrücken, ermöglichen wir die Unterdrückung des Restes der Menschheit. Im Film Disposable Humanityzitieren die Filmemacher immer wieder einen Satz, der dieses Prinzip verdeutlicht: „Sie wurden als die Ersten getötet und bei der Erinnerung waren sie die Letzten.“
Damit sind vor allem Denkmäler für die Opfer des Holocaust gemeint. Zentrale Gedenkstätten wurden in Deutschland seit den 1990er Jahren errichtet, doch ein Gedenkort für die Opfer der Aktion T4 wurde erst 2014 als vorerst letztes Mahnmal in Berlin fertiggestellt. Die Initiative für die Errichtung eines solchen Mahnmals ging nicht vom Staat aus, sondern ganz im Gegenteil: Es war eine Bürger*inneninitiative, die sich unermüdlich dafür einsetzte und nach jahrelanger Organisation und Überwindung zahlreicher Hindernisse schließlich Erfolg hatte. Regisseur Cameron S. Mitchell und Drehbuchautor David T. Mitchell erinnern sich an einen ähnlichen Aspekt, als sie einige Jahre vor den Dreharbeiten zum Film das Holocaust Memorial Museum in den USA besucht hatten. Das einzige Exponat zur Aktion T4 war dort der Arztkittel von Dr. Georg Renno, der als stellvertretender Leiter des Programms persönlich für 28.000 Morde verantwortlich war, sowie ein Krankenhausbett. Von den Opfern war keine Rede.
Medien betrachteten die Aktion T4 nicht als berichtenswertes Thema, selbst nicht, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Prozesse zur unfreiwilligen Euthanasie begannen. Die Strategie der Anklage in diesen Prozessen bestand darin, den prozentualen Anteil der Opfer mit keiner schwereren Behinderung als einer Tuberkulose-Erkrankung nachzuweisen. Die Anklage bezweifelte, dass das Gericht die Tötung gesundheitlich benachteiligter Menschen tatsächlich als strafbar anerkennen würde, und versuchte daher zu beweisen, dass im Rahmen des Programms auch „normale Menschen“ ermordet wurden.
Einige Täter wurden verurteilt, doch andere verbrachten den Rest ihres Lebens auf freiem Fuß – darunter Georg Renno, der 1997, am Ende seines Lebens, erklärte, dass er seine Taten während der Aktion T4 nicht bereue, da sie seinen Opfern Linderung verschafft hätten. Trotz seiner dokumentierten Verbrechen, darunter auch an Kindern, verbrachte Georg Renno nach seiner Verhaftung 1961 nur drei Monate in Haft. Sein Prozess war erst für 1970 angesetzt, Renno wurde jedoch aufgrund einer Blinddarmentzündung vorerst entschuldigt. Nach der Operation entschied das Gericht, dass sich Rennos Gesundheitszustand rapide verschlechtert hatte und er physisch verhandlungsunfähig sei, obwohl er laut einer Untersuchung diesbezüglich keine Symptome aufwies. 1975 wurde der Prozess eingestellt, ohne dass Renno rechtskräftig verurteilt wurde.
Filmstill aus „Life After“ | © Multitude Films
Das Recht nicht zu sterben
Das Euthanasieprogramm stand jedoch nicht nur am Beginn des Holocaust – seine Auswirkungen sind bis heute spürbar. Dies zeigt der Dokumentarfilm Life After von Reid Davenport. Er wurde im Februar dieses Jahres im Rahmen einer Sonderveranstaltung online gezeigt, gefolgt von einer Fragerunde mit dem Regisseur, der Aktivistin Imani Barbarin und der Schauspielerin Marissa Bode. In seinem Film beleuchtet Reid Davenport die Lebensgeschichten von vier Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen, beginnend mit dystopischen Aufnahmen. Der Film ist für den Emmy Award 2026 der amerikanischen Television Academy in vier Kategorien nominiert: Bester Dokumentarfilm, Bester Dokumentarfilm zu aktuellen Themen, Beste Regie und Bester Schnitt.In den 1980er Jahren bahnt sich Elizabeth Bouvia in einem Elektro-Rollstuhl ihren Weg durch Menschenmengen und durch enge Gänge zwischen den Möbeln zum Gerichtssaal. Ein Team von vier privilegierten Anwälten ohne gesundheitliche Benachteiligungen soll ihr helfen, das Gericht dazu zu bringen, ihr den Tod durch Verhungern in einer psychiatrischen Klinik zu gestatten. Aufgrund ihrer Zerebralparese – derselben Behinderung, mit der auch Regisseur Reid Davenport lebt – war sie ständig von Betreuerinnen oder Krankenschwestern umgeben, die ihr dies unmöglich machten.
Der Film springt in die Gegenwart: Michael Hickson lacht ausgelassen mit seinen Töchtern und seiner Frau. Er liegt zwar in einem Krankenhauszimmer, nachdem er vor kurzem durch einen Herzinfarkt erblindete und querschnittsgelähmt wurde, doch das tut seiner lebenslangen Begeisterung und seinen beneidenswerten familiären Beziehungen keinen Abbruch. Währenddessen versuchen die Ärzte, seine Frau davon zu überzeugen, dass sie dem Abschalten der Geräte und dem Einstellen der gesundheitlichen Versorgung zustimmt.
Cut. Die Bewohner*innen der Kleinstadt Appleton in Wisconsin stehen die ganze Straße entlang aufgereiht und applaudieren der vierzehnjährigen Jerika Bolen. Mit ihren fröhlich türkis-violetten Punk-Haarschnitt und in einem glitzernden mintgrünen Kleid fährt sie in einem Elektro-Rollstuhl an ihren Nachbar*innen und an der örtlichen Polizei vorbei. Sie fährt bis zur Schule, wo ihre Klassenkamerad*innen sie wie eine Königin mit großem Applaus zum Schulball begrüßen. Es wird ihr letzter Tanz sein – sie hat beschlossen, die medizinische Behandlung abzubrechen und zu sterben. Die Medien bezeichnen den Selbstmord dieses Kindes als ehrwürdige Entscheidung.
Ein weiterer Cut. Michal Kaliszan tippt einen Programmiercode in die Tastatur. Um seinen Computer herum stehen Diplome zu Ausbildung und beruflichen Erfolgen. Währenddessen beschreibt er in kühlem Ton, dass er einen Antrag auf Sterbehilfe gestellt hat. Obwohl er nicht sterben will und seine Diagnose, spinale Muskelatrophie, behandelbar ist, sieht er keinen anderen Ausweg – seine Mutter ist gestorben, und da er aufgrund des Stadiums seiner Erkrankung querschnittsgelähmt ist, würde er rund um die Uhr persönliche Betreuung benötigen um überleben zu können. Die kanadische Regierungsbehörde hatte ihm jedoch nur 11 bis 24 Stunden Betreuung pro Woche angeboten. Kanada hat kürzlich die Zuschüsse für persönliche Assistenz, Betreuung und häusliche Krankenpflege drastisch gekürzt und gleichzeitig assistierten Suizid legalisiert. Der Staat bietet diesen nun auch Menschen an, die Hilfsmittel wie Rollstühle beantragt haben. Müsste Kaliszan für die ständige Betreuung selbst zuzahlen, würde sein Geld nicht einmal für grundlegende Lebenshaltungskosten reichen. Der Staat bot ihm zwar eine Unterbringung in einer Einrichtung an, doch deren System und Erscheinungsbild unterscheiden sich kaum von einem Gefängnis.
Die Ironie des Schicksals ist, Michal Kaliszan hat letztendlich aufgrund der hohen Zahl an Menschen, die vom System zur Sterbehilfe gedrängt wurden, überlebt. Die Sterbehilfe war ausgebucht, er musste sechs Monate warten. In der Zwischenzeit war es ihm gelungen, durch zwei Wohltätigkeitsorganisationen ausreichende Unterstützung zu bekommen. Nun führt er ein vollwertiges Leben und hat keine Pläne mehr es zu beenden.
Der Regisseur von „Life After“ Reid Davenport und die Produzentin des Films Colleen Cassingham | Foto: © Multitude Films
Der Fall von Elizabeth Bouvia bekam viel mediale Aufmerksamkeit, doch in den Berichten wurde sie als Belastung für sich selbst, ihre Angehörigen und die Gesellschaft dargestellt. Wie die Archivaufnahmen im Film zeigen, wurde sie ständig als nutzlos abgestempelt. Die sehr langgedehnten Aufnahmen zeigten sie hilflos im Bett liegend oder wie sie mühevoll ihren Rollstuhl irgendwohin navigiert. Es wurde nicht vertuscht, dass Ärzt*innen und Eltern sie zu zahlreichen Operationen zwangen, die sie angeblich „normal“ machen sollten, ihren Zustand aber tatsächlich erheblich verschlimmerten und ihr unerträgliche Schmerzen bereiteten. Auch wurde nicht verschwiegen, dass ein Professor sie kurz vor ihrem Abschluss von der Hochschule verwies, weil sie seiner Meinung nach nicht für den Arbeitsmarkt geeignet war. Völlig außer Acht gelassen wurde die Tatsache, dass sie aufgrund sozialer Isolation und unzureichender medizinischer Versorgung eine unglückliche Ehe und eine Abtreibung erlitt, was eindeutig ein Auslöser für ihre Suizidgedanken war.
Als das Gericht ihren Antrag, dass das medizinische Personal sie verhungern lassen sollte, ablehnte, hatten plötzlich sämtliche Medien kein Interesse mehr an ihr. Elizabeth Bouvia beschloss kurz danach weiter zu leben, als die Stadt South Pasadena ihr eine 24/7-Betreuung und eine Sozialwohnung zur Verfügung stellte. Dank dieser Unterstützung führte sie bis fast ins Rentenalter schließlich ein zufriedenes und aktives Leben. Doch genau das haben die Zuschauer dieser Fernsehserie nie erfahren. Seit ihrer Kindheit hat die Gesellschaft versucht, Bouvia auf jede erdenkliche Weise auszulöschen, und als ihre Geschichte ein glückliches Ende nahm, wurde zumindest diese wegradiert.
Kein Auslöschen
Doch die Gesellschaft konnte jene Menschen nicht auslöschen, die trotz der widrigen Umstände unsere Geschichte bewahren. Ich wollte mehr von ihnen hören – vielleicht auch, um die Stimmen der Nazis zu übertönen. Deshalb nahm ich an der Gesprächsrunde im Anschluss an die Online-Vorführung von Life After teil.Außer dem Regisseur des Films waren zwei Personen anwesend, die ich sehr schätze: Imani Barbarin – Aktivistin, Autorin und Social-Media-Akteurin, die sich auf brillante Weise mit den Themen Eugenik und Ableismus auseinandersetzt; und Marissa Bode – die erste Schauspielerin mit Behinderung, die Nessarose Thropp in Wicked spielte, der weltberühmten Oscar-prämierten Verfilmung von 2024.
„Lebensqualität ist völlig subjektiv“, sagte Reid Davenport. „Studie für Studie zeigt, dass Menschen mit Behinderung ihre Lebensqualität höher einschätzen als Menschen ohne Behinderung. Und die Kluft ist noch größer, wenn es um die Meinungen von Medizinern geht.“
„Deshalb ist es so wichtig, dass die Geschichte von uns als Menschen mit Behinderung dokumentiert wird, dass wir dabei überall präsent sind – beim Schreiben, Schauspielen, Regieführen, Produzieren…“, fügte Imani Barbarin hinzu.
Daraufhin fragte ich mit Blick auf meine Reportage: „Was genau motiviert Sie, die Geschichte von Menschen mit Behinderung zu bewahren oder unsere Geschichten auf eine Weise zu erzählen, die in unserer Gesellschaft nicht typisch ist?“ „Wir werden oft ausradiert, weil man uns infantilisiert“, begann Imani Barbarin. „Man sagt uns, unsere Lebensgeschichten seien übertrieben oder ausgedacht. Die Menschen lieben Geschichten über Menschen mit Behinderung, aber sie weigern sich, genauer hinzusehen und beispielsweise zu erkennen, dass es keine herzerwärmende Geschichte ist, wenn ein Kind Limonade auf der Straße verkauft, um seine Krebsbehandlung zu finanzieren, sondern ein erschreckendes Versagen des Staates. Wenn wir das System verändern wollen, müssen wir die Geschichten verändern, die wir erzählen.“
„Für mich geht es ums Überleben. Wenn Menschen mit Behinderung nicht als inspirierende, herzerwärmende und liebenswerte Figuren präsentiert werden, kommt das Gegenteil: man verschmäht uns. Das ist der Kern meiner Motivation, deshalb erzähle ich diese Geschichten so oft wie möglich – damit ich auch in anderen Szenarien überleben kann“, antwortete Marissa Bode. Sie bestätigte mir damit, warum eine Schauspielerin, die nur in einem einzigen erfolgreichen Film mitgespielt hatte, in unserer Community über Nacht zu einer Ikone geworden war.
„Ich beschäftige mich mit der Geschichte von Menschen mit Behinderung, weil sie mein Leben erklärt. Diese Identität und unsere Geschichte haben mir den Kontext geliefert, warum mein Leben so ist, wie es ist, und woher ich eigentlich komme“, erklärte Reid Davenport.
Crip Camp
Ich identifiziere mich komplett mit seiner Aussage, insbesondere dank eines weiteren bahnbrechenden Dokumentarfilms – Crip Camp (Sommer der Krüppelbewegung). Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2020 schaue ich ihn mindestens einmal jährlich an, meistens sogar noch öfter. Jedes Mal, wenn die Eröffnungsszene mit Fotos von fröhlichen und stolzen Teilnehmern des Jened-Camps startet, umgeben von Friedenssymbolen und Blumen, untermalt von Buffalo Springfields Song For What It's Worth, spüre ich die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht, das weiche Gras und ein Durchatmen der Geborgenheit, als käme ich nach Hause. Kein anderes Werk hat je solche Gefühle in mir ausgelöst. Denn alles, was ich im Leben habe, hat hier seinen Ursprung.Crip Camp ist der Spitzname des Sommercamps Jened im Bundesstaat New York, das für gesundheitlich benachteiligte Jugendliche bestimmt war. Die Älteren arbeiteten dort als Leitende, die Jüngeren waren Teilnehmende des Camps. Es fand bereits seit 1951 statt, doch die Ereignisse des Films Crip Camp beginnen 1971, als es mithilfe einer Gruppe von Hippies umgestaltet wurde. Diese Hippies garantierten dem Camp die inklusive Form und gewährten allen Teilnehmenden eine persönliche Assistenz.
Das Konzept der persönlichen Assistenz existierte damals allerdings noch gar nicht. Genau im Camp Jened entstand die Idee für diesen Service, ohne den ich und die meisten anderen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen lieber nicht leben möchten. Einige Jahre später zogen die Teilnehmenden des Camps Jened, geführt von Judy Heumann (einer der Camp-Leiterinnen), mit einer großen Gruppe nach Berkeley, Kalifornien. Dort gründeten sie das Zentrum für unabhängiges Leben (Center for Independent Living), in dessen Rahmen persönliche Assistenzen für ein weiteres Umfeld entwickelt, definiert und organisiert wurde.
Nicht zur Haupthandlung des Films Crip Camp gehörte Adolf Ratzka. Der Schwede lernte die Gruppe nach seiner Polio dank eines Stipendiums in Kalifornien kennen. Das Center for Independent Living machte ihn mit dem Konzept der persönlichen Assistenz vertraut, und in Zusammenarbeit mit dem Zentrum gründete Adolf Ratzka die Stockholm Cooperative for Independent Living (STIL). Das Konzept der persönlichen Assistenz verbreitete er dann in ganz Europa.
Doch das ist noch nicht einmal das Wichtigste, was die Teilnehmenden des Camps Jened erreicht haben. Der Film Crip Camp erzählt die Geschichte, wie die Teilnehmenden durch unermüdliche Proteste und Aktivismus unter der Führung von Judy Heumann die US-Regierung dazu brachten, 1973 den Paragraph 504 des Rehabilitationsgesetzes zu unterzeichnen und später umzusetzen. Es war das erste Gesetz weltweit, das die Rechte von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen als Menschenrechte definierte. Auf diesen Artikel und seinen Erfolg aufbauend wurden alle anderen Menschenrechte für Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen sowohl in den USA als auch in Europa und schließlich weltweit durch die Vereinten Nationen gesetzlich verankert.
Jim LeBrecht, einer der Regisseure des Films und führenden Aktivisten des Camps Jened, leitet Crip Camp mit den Worten ein: „Es ist unglaublich, dass dieses Camp die Welt verändert hat und dass niemand diese Geschichte kennt.“
Leider war das zunächst wahr. Bis zum Erscheinen des Films Crip Camp wusste fast niemand mit gesundheitlichen Benachteiligungen, wer ihnen eigentlich zu einem besseren Leben verholfen hat. Doch die Teilnehmenden des Camps Jened ließen es nicht zu, dass ihre Existenz verschwand. Obwohl es die 1970er Jahre waren, als längst noch nicht jeder eine Kamera in der Tasche trug, filmten sie alles – vom Aussteigen aus dem Bus über die Auswahl des Mittagessens am Mittwoch bis hin zu den barrierefreien Aktivitäten und Interviews mit den Teilnehmenden. Dies alles so detailliert, dass dieser Dokumentarfilm komplett ohne Reenactment, also ohne nachträglich aufgenommene gespielte illustrierende Szenen, auskam.
Ähnlich detailliert wurden die Ereignisse von 1977 dokumentiert, als das Camp Jened für den Paragraph 504 protestierte. „Die hiesigen Medien haben das alles hier so gut wie ignoriert“, erinnert sich Reporter Evan White. „Ich war praktisch der Einzige, der die ganze Zeit darüber berichtete.“
Die heutigen Medien verhielten sich bei dem Film Crip Camp ähnlich. Außerhalb des Kreises der Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen haben nur wenige Leute davon erfahren. Seine Popularität stieg kurzzeitig sprunghaft an, als er 2021 für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert wurde… um schließlich von einem Dokumentarfilm übertrumpft zu werden, in dem ein Mann jeden Tag einen Oktopus im Meer besuchte.
„Während der Proteste für Paragraph 504 haben wir wirklich ein breites Spektrum an Menschen mit Behinderung zusammengebracht“, sagt die Autorin und Aktivistin Corbett O’Toole. „Wir sagten alle: ‚Ich habe zwar noch nie eine Geschichte wie deine gehört, aber ich glaube dir, dass du das erlebt hast. Ich glaube dir, was dir in der Schule, bei der Arbeit, auf der Straße passiert ist …‘ Wir wurden einander Zeugen der Wahrheit des jeweils anderen.“
Dieser Ansatz wurde dank Judy Heumann ausgeprägt. Als Kind hatte man sie zunächst von der Grundschule abgewiesen, weil sie nach einer Polio nicht mehr laufen konnte. Später wurde in ihrer Nähe an der örtlichen Schule ein Platz in einer speziellen Klasse eingerichtet – diese wurde allerdings im Keller unterrichtet. „Irgendwie wussten wir schon in diesem Alter, dass wir ausgegrenzt wurden“, beschrieb Judy Heumann es mit Tränen in den Augen. Deshalb sorgte sie dafür, dass überall, wo sie hinkam, jeder Mensch mit gesundheitlichen Benachteiligungen in jeden noch so kleinen Aspekt irgendeiner Aktivität einbezogen wurde.
Es ist eine meiner liebsten Eigenarten unserer „Königin der Krüppel“: Die meisten ihrer eindringlichsten Reden hielt sie mit Tränen in den Augen oder weinend. Und doch – oder vielleicht gerade deswegen – hielten alle sie für die stärkste Person, die sie kannten. Während der Proteste für den Paragraph 504 scherzten Aktivist*innen, sie fürchteten nicht das Eingreifen des FBI, sondern, dass sie Judy Heumann enttäuschen könnten.
Dabei war gerade das FBI eine der Kräfte, die zu dieser Zeit unsere Geschichte auslöschten. Die Protestierenden überlebten diese Proteste auch dank einer Gruppe lesbischer Frauen aus einem nahegelegenen LGBTI+-Club. Diese kümmerten sich wie Krankenschwestern um die Protestierenden. Und das Essen, ohne das die Protestierenden entweder verhungert wären oder das Gelände des Ministeriums für Gesundheit, Bildung und Soziales hätten verlassen und den Verlust ihrer einzigen Chance auf Menschenrechte hinnehmen müssen, wurde von den Black Panthers bereitgestellt. Diese hatten langjährige Konflikte mit dem FBI und riskierten, ihre Situation zu verschlimmern, indem sie die Proteste einer externen Gruppe unterstützten. Zu dieser Aktion überzeugt hatte sie allerdings Brad Lomax, der damals einzige Black Panther mit Behinderung. Aufgrund seiner Multiplen Sklerose konnte er nicht mehr sprechen, aber er lernte so deutlich zu gestikulieren, dass die Black Panthers aus ihrer Küche Lebensmittel für Bedürftige holten und diese an Demonstranten für den Paragraph 504 verteilten.
Damit löste Brad Lomax den Beginn einer langjährige Zusammenarbeit von Aktivist*innen mit gesundheitlichen Benachteiligungen und den Black Panthers aus. Dank dieser Zusammenarbeit gründete und leitete Lomax in Oakland eine eigene Niederlassung des Center for Independent Living, das schwarzen Männern und Frauen mit gesundheitlichen Benachteiligungen, die bis dahin kaum Zugang zu solchen Diensten hatten, persönliche Unterstützung gewährleistete.
Obwohl Brad Lomax eine bedeutende Persönlichkeit war, wurde er im Film Crip Camp nur beiläufig erwähnt. Der Grund dafür wurde in der Dokumentarserie Renegades aufgedeckt – jede Folge widmet sich einer anderen historischen Persönlichkeit mit Behinderung, die sich auf irgendeine Weise von Vorurteilen befreit hat. Cara Reedy, die Autorin der Folge über Brad Lomax, berichtete, dass der Eintrag in der FBI-Datenbank eines der wenigen Dokumente über sein Leben ist, die erhalten geblieben sind. Der Rest wurde systematisch und vollständig aus der Geschichte getilgt. Warum sollte man so etwas tun? „Tatsache ist: Wenn man nicht weiß, dass etwas existiert, kann man auch nicht dafür kämpfen“, sagte Jim LeBrecht.
Meiner Ansicht nach erklärt dies, warum die wiederholte Auslöschung der Geschichte von Menschen mit Behinderungen so verheerend ist. In den Aufnahmen von Crip Camp sehen wir, wie die Teilnehmenden des Camp Jened bereits vor der Anerkennung unserer Menschenrechte dieselben Themen diskutierten, die wir heute diskutieren. Sie argumentierten, dass fehlende Barrierefreiheit eine Diskriminierung und Ausgrenzung bedeute; dass negative Charaktere nicht durch Entstellungen und Behinderungen stigmatisiert werden sollten; dass auch Menschen mit Behinderungen reproduktive Gesundheitsversorgung benötigen; dass institutionelle Pflege unmenschlich sei; dass Regierungen Antidiskriminierungsgesetze strikt missachten…
Jedes Mal, wenn die Gesellschaft unsere Geschichte auslöscht, sind wir gezwungen, dieselben Diskussionen erneut zu führen. Und der unversehrte Teil der Gesellschaft tut stets so, als hätten wir eine völlig neue und bahnbrechende Idee geäußert, die aufgrund ihrer Neuartigkeit noch nicht im System verankert werden könne. Stattdessen müssten wir warten, bis die Mentalität der Menschheit gereift sei. Und bis dahin wird die Gesellschaft unsere Geschichte erneut ausgelöscht haben, und die Idee wird zu neu sein, um umgesetzt zu werden.
Selbst wenn eine ableistische Gesellschaft die Geschichte von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen nicht auslöscht, nimmt sie uns doch die Erfolge bereits weg, bevor wir diese überhaupt erzielen können. Kurz bevor die gehörlose Schauspielerin Marlee Matlin 1986 als jüngste Ausgezeichnete aller Zeiten den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle im Film Children of a Lesser God (Gottes vergessene Kinder) bekam, war die Presse voll von Behauptungen, sie sei eher aufgrund der Gefühle als aufgrund ihres Talents beliebt. Ihre so häufige Schikanierung in den Medien wird im Dokumentarfilm über ihr Leben, Marlee Matlin: Not Alone Anymore (2025), deutlich.
Oder als die Sowjetunion sich 1980 weigerte, die Paralympics auszurichten, mit der Begründung, es gebe in der UdSSR keine Menschen mit Behinderung. Laut der Dokumentation Rising Phoenix (Phoenix aus der Asche) verwendete auch das Olympische Komitee von Rio de Janeiro das Budget der Paralympics für die Olympischen Spiele 2016 und wollte die Paralympics als Ressourcenverschwendung absagen. Wie eine Gruppe von Aktivist*innen die Spiele rettete, zeigt diese Dokumentation, die auf Netflix verfügbar ist. Allerdings kommt es bei jeden Olympischen Spielen zu Kontroversen hinsichtlich fehlender Paralympics-Übertragungen, fehlender Eintrittskarten für Besucher*innen und der Respektlosigkeit gegenüber den Athlet*innen.
Das Auslöschen der Geschichte von Menschen mit gesundheitlichen Benachteiligungen dauert bis heute an. Der Slogan des Films Disposable Humanity bietet eine Lösung an: „Erinnern ist Widerstand.“ Wenn wir uns an etwas immer wieder erinnern sollten, dann an die Rede der Aktivistin Kitty Cone nach ihrem Sieg im Kampf um den Paragraph 504 im Jahr 1977: „Wir haben gewonnen! Wir haben Stärke, Mut, Kraft und Loyalität bewiesen. Wir – die Eingesperrten und Verborgenen, wir – die Ausgeschlossenen, die vermeintlich Zerbrechlichen und Schwachen – haben gezeigt, dass wir uns gegen die höchsten Regierungsebenen wehren und dabei siegen können!“
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Mai 2026