Wie kann man Frauen dazu bringen, Kinder zu bekommen? Und was sagen die Männer dazu, ohne die man kein Kind machen kann? Und warum sinkt auch die Geburtenrate in Skandinavien, wo die Familienpolitik im Vergleich zur Tschechischen Republik geradezu ein Paradies auf Erden ist?
Ich habe eine seltsame Obsession: Ich lese gern Artikel zum Thema sinkende Geburtenrate. Diese Entmenschlichung fasziniert mich. Als handele es sich um einen Wert in einer Excel-Tabelle irgendeines Ministeriums oder um einen Bericht über den Bestand in einem leeren Lager. Es ist entweder eine „demografische Katastrophe“ oder eine „Bedrohung für das Rentensystem“. Aus Kindern werden zukünftige Steuerzahler*innen und aus Frauen „Produktionseinheiten, die ihr Soll nicht erfüllen“. Männer verschwinden von der Bildfläche, sie treten höchstens als Gynäkologen und Geburtsärzte oder andere Experten auf, die meist unhöflich die Situation kommentieren, oder Absolventen der „Hochschule des Lebens“. Die werfen den Frauen dann in Großbuchstaben in den sozialen Netzwerken vor, dass sie wegen ihrer Karriere die Mutterschaft „aufschieben“ und der Staat Nachwuchs brauche.Dabei bedeutet ein Kind zu haben nicht nur „ein Kind zu haben“ – es ist eine totale Veränderung des Lebensweges, die zwar glücklich macht, aber auch mental, wirtschaftlich und sozial völlig erschöpft (wobei anzumerken ist, dass es gerade, wenn das Kind zwischen 3 und 6 Jahre alt ist, am häufigsten zu Trennungen kommt – wenn eine Familie ihren gesamten Lebensrhythmus umstellen muss).
Der Vollständigkeit halber möchte ich hinzufügen, dass ich mich in diesem Text auf einen Diskurs stütze, der in veralteten gesellschaftlichen Normen verhaftet ist, die von der Vorstellung ausgehen, dass eine Familie aus einem Mann, einer Frau und einem Kind beziehungsweise Kindern besteht, obwohl es heute weitaus mehr Familienkonzepte gibt.
Abgesehen davon ist ein Kind nichts, auf das man ein Recht hat und das jemandem einfach so zusteht. „Wir neigen dazu, die Geburt eines Kindes als Folge einer rationalen Entscheidung zu betrachten. Doch es gibt viele Frauen, die sich ein Kind wünschen, aber keines bekommen können. Zwanzig Prozent der Frauen in unserer Umfrage gaben an, dass sie irgendwann in ihrem Leben versucht haben, mit ihrem Partner schwanger zu werden, und dies innerhalb von zwölf Monaten nicht gelungen ist. Das hat mich überrascht, ein Fünftel der Bevölkerung ist sehr viel. Das hängt natürlich damit zusammen, dass man das Kinderkriegen immer weiter bis in ein höheres Alter aufschiebt“, stellt Professor Martin Kreidl fest, der sich mit Familiensoziologie beschäftigt.
Zudem klingt das bereits erwähnte „Aufschieben“ der Elternschaft vorwurfsvoll – stell dir vor, du sitzt bei einer Familienfeier und jemand fragt dich, wann du endlich schwanger werden willst. Ja, das mag nur höflicher Smalltalk sein, aber vielleicht hast du gar keine*n Partner*in oder es gelingt dir aus verschiedenen Gründen nicht, schwanger zu werden. Oder du hast gerade eine Fehlgeburt hinter dir und trauerst. Vor allem aber ist es ein Konstrukt: als gäbe es einen „richtigen Zeitpunkt“, den Frauen bewusst ignorieren und auf später verschieben, anstatt ihrer Pflicht nachzukommen und ihrem Leben einen Sinn zu geben (ironisch gemeint!).
Das Aufschieben wird vor allem Frauen vorgeworfen. Warum bleiben Männer davon verschont? Es ist ein biologischer Mythos, der uns gelegen kommt: Die Frau „schiebt es auf“, der Mann „reift“. Die Realität sieht jedoch so aus, dass es zum Aufschieben zwei braucht.
Die Frau „schiebt es auf“, der Mann „reift“
„Damals begann ich langsam zu begreifen, dass unser kollektives Verständnis von Mutterschaft so sehr auf eine romantisierte Biologie und auf das lyrische Bild der sich aufopfernden Mutter ausgerichtet ist, dass darin die sehr unromantische Realität untergeht. Nicht alle Frauen, die gebären können, wollen dies auch, und nicht alle, die es wollen, können nicht nur gebären, sondern auch Kinder großziehen. Doch diese Fragen scheinen erst dann aktuell zu werden, wenn sie zu rührseligen Schlagzeilen in den Zeitungen werden“, schreibt Gražina Bielousova in ihrem Text für das litauische Onlinemagazin NARA (Negaliu turėti, galiu neturėti: apie vaikus ir bevaikystę – etwa Kinder haben oder nicht haben: Über Kinder und Kinderlosigkeit).Das Aufschieben wird vor allem Frauen vorgeworfen. Warum bleiben Männer davon verschont? Es ist ein biologischer Mythos, der uns gelegen kommt: Die Frau „schiebt es auf“, der Mann „reift“. Die Realität sieht jedoch so aus, dass es zum Aufschieben zwei braucht. Oft ist es gerade der Mann, der sich „nicht bereit fühlt“, während sich das gesellschaftliche Diktat gegen die Frau und ihre tickende Uhr richtet (was ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das die Frau auf eine Art Weibchen reduziert, das den Mann zur Befruchtung anregt). Als würde man vergessen, dass auch die männliche Fruchtbarkeit ein Verfallsdatum hat und dass die Angst vor Verantwortung nicht nur eine weibliche Laune ist, sondern ein stiller Killer der Statistiken.
Während Frauen mit Artikeln über sinkende Fruchtbarkeit nach dem 30. Lebensjahr bombardiert werden, haben Männer das Gefühl, unendlich viel Zeit zu haben. Dieser „biologische Alibismus“ erlaubt es ihnen, sich bis zum 50. Lebensjahr nicht bereit zu fühlen. Der Demograf Daniel Hůle nimmt in dieser Hinsicht kein Blatt vor den Mund: „Gebildete und unabhängige Frauen haben bei der Partnerwahl ein engeres Spektrum. Viele Männer bevorzugen nämlich nach wie vor traditionellere Rollen oder fürchten sich vor Frauen, die ein höheres Einkommen und eine Karriere haben. Ältere Männer suchen zudem oft nach deutlich jüngeren Partnerinnen. Das Ergebnis? Eine wachsende Zahl gebildeter, finanziell abgesicherter Frauen über 30, die ein Kind oder mehrere Kinder wollen, aber keinen geeigneten Vater finden, der bereit ist, die Elternschaft zu gleichen Teilen zu teilen.“
Der demografische Einbruch findet also nicht bei Kinderlosen statt, wie es den Anschein haben könnte. Er findet zwischen dem ersten und dem zweiten Kind statt.“
Harte Fakten
„Die insgesamt 77.600 Lebendgeburten in Tschechien im Jahr 2025 stellen den niedrigsten Wert seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 1785 dar“, so das Tschechische Statistikamt (ČSÚ). Im Vergleich zu 2021 bedeutet dies einen Rückgang der Geburten um 28 bis 32 Prozent. „Neben dem deutlichen Rückgang der Geburtenrate ist die sinkende Anzahl der Geburten in den letzten Jahren teilweise auch auf die Altersstruktur der heutigen Mütter zurückzuführen, zu denen auch Frauen aus den bevölkerungsarmen Jahrgängen gehören, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre und zu Beginn der 2000er Jahre geboren wurden“, erklärt Terezie Štyglerová, Leiterin der Abteilung für Bevölkerungsstatistik des ČSÚ – diese Analyse findet sich ebenfalls auf der Website des ČSÚ. Kurz gesagt: Derzeit gibt es weniger Frauen in dem Alter, in dem sie normalerweise Kinder bekommen.„Was wir jedoch nicht erwartet hatten, ist, dass diese Frauen, die jetzt in einem Alter sind, in dem sie potenziell Kinder bekommen könnten, die Entscheidung für ein Kind oft aufschieben“, erklärt die Demografin Eva Waldaufová. Und genau das ist das Problem. Dennoch ist die Situation bei uns in gewisser Hinsicht wirklich alarmierend: „Obwohl ein ähnlicher Trend auch in anderen reichen Ländern Europas zu beobachten ist, ist der Rückgang in Tschechien der drittstärkste auf dem Kontinent und der fünftstärkste weltweit.“ Erwähnenswert ist auch die triste Lage in Italien, wo man von einem „demografischen Winter“ spricht, da sich das Land in einer Abwärtsspirale befindet, aus der es nur sehr beschwerlich wieder herauskommen kann. Das Ergebnis ist die älteste Bevölkerung Europas, wo ohne eine systemische Umgestaltung der Pflege zu einer allgemein zugänglichen Infrastruktur selbst die traditionelle katholische Betonung familiärer Werte nicht hilft.
Waldaufová steht auch der gesellschaftlichen Einstellung durchaus kritisch gegenüber, die Frauen – oder zumindest denen der jüngeren Generation – das bereits erwähnte Aufschieben vorwirft: „Das gesellschaftliche Klima ist nicht gerade förderlich dafür, Kinder zu bekommen. Ich finde es schade, dass die Gesellschaft dies nicht unterstützt. Ich glaube, dass junge Menschen nicht das Gefühl haben, hier als Eltern willkommen zu sein. Gleichzeitig erwarten wir von ihnen, dass sie Kinder bekommen, tun aber nichts dafür und unterstützen sie nicht.“
Eine der wichtigsten und zugleich überraschendsten Erkenntnisse einer Umfrage der Organisation Marter zeigt zudem, dass Familien in Tschechien nicht bereit sind, mehr als ein Kind zu bekommen: „Beim ersten Kind sind die Menschen noch eher bereit, es zu ‚versuchen‘. Der eigentliche starke Rückgang des Interesses an einem weiteren Kind setzt bei Frauen nach dem ersten Kind ein, bei Männern etwas später, etwa ab dem 35. Lebensjahr. Der demografische Einbruch findet also nicht bei Kinderlosen statt, wie es den Anschein haben könnte. Er findet zwischen dem ersten und dem zweiten Kind statt.“
Dabei gibt es konkrete Instrumente, um die Elternschaft zu erleichtern: Geld (Sozialleistungen), Zeit (Urlaub) und Dienstleistungen (Kindergärten, Schulen) – laut Kreidl muss diese „Unterstützung“ jedoch langfristig und nicht nur sporadisch erfolgen. Ein europaweiter Vergleich zeigt faszinierende Unterschiede darin, was die einzelnen Länder als Priorität betrachten.
Ein Hürdenlauf für Eltern
Das skandinavische Modell betrachtet die Geburtenrate nicht als Problem der Frauen, sondern als Problem des Paares. Schweden war das erste Land, das eine „Vaterquote“ eingeführt hat. Wenn der Vater nicht mindestens drei Monate Elternzeit nimmt, verliert die Familie einen Teil der Gelder. Das Ergebnis? Väter mit Kinderwagen im Park sind die Regel, nicht die Ausnahme. Ein Platz in der Krippe ist in Skandinavien praktisch ab dem ersten Geburtstag des Kindes garantiert.Frankreich weist im Vergleich zu anderen EU-Ländern seit langem eine hohe Geburtenrate auf. Warum? Das Kind gilt dort als nationales Anliegen. Frankreich verfügt über ein extrem starkes System staatlicher Kindergärten, die als Teil der Bildung und nicht nur als „Kinderbetreuung“ angesehen werden. Mütter kehren sehr früh an ihren Arbeitsplatz zurück, und die Gesellschaft betrachtet das nicht mit Argwohn. Willst du jetzt sagen, dass es für Kinder traumatisierend oder sogar gefährlich ist, wenn sie zu früh in eine Betreuungseinrichtung kommen? OK, das ist deine Meinung, und im Einzelfall mag das auch zutreffen, aber Studien bestätigen das nicht. Vielmehr meldet sich hier vielleicht deine (tschechische) patriarchalische Einstellung, wonach eine Mutter mindestens drei Jahre lang zu Hause bei ihrem Kind bleiben muss – was ein Mythos ist und keine wissenschaftliche Fundierung hat. Aufklärung in diesem Sinne versuchte unter anderem das Buch Die Betreuung der Kleinsten. Das Entlarven von Mythen (Péče o nejmenší. Boření mýtů), doch leider steht der gesellschaftliche Diskurs in dieser Hinsicht noch ganz am Anfang.
In Mitteleuropa verfolgt der Staat nämlich eine patriarchalische Familienpolitik, die man als institutionelle Kluft bezeichnen kann: der Mann in der Öffentlichkeit, die Frau im Privaten. Genau in diesem Moment entsteht die Entfremdung der Männer von diesem Thema – die Frau ist zu Hause, der Mann „jagt Mammuts“. Einige (vor allem männliche) Expert*innen haben sich hier einen Namen gemacht, indem sie in den Medien endlos wiederholen, dass ein Kind bis zum Alter von drei Jahren so viel Zeit wie möglich mit seiner Mutter verbringen muss. Bei manchen Kindern mag das tatsächlich der Fall sein, aber was sollen Eltern tun, die nicht das Geld, die Nerven oder beides haben, um so lange zu Hause bei ihrem Kind zu bleiben? Es wird argumentiert, dass Mütter sich „in der Geschichte doch nie von ihrem Kind entfernt haben“, was die Wissenschaftlerinnen Elisabeth Badinter oder Margaret Mead bereits erfolgreich widerlegt haben – Lucie Jarkovská schreibt darüber beispielsweise hervorragend in ihrem Artikel Die guten alten Zeiten der Mutterschaft? (Staré dobré časy mateřství?).
Außerdem werden in Diskussionen über familienfreundliche Politik oft nur Maßnahmen für sehr kleine Kinder angesprochen – doch das „Projekt Kind“ endet nicht damit, dass das Kind in den Kindergarten kommt. Man muss die Kinder dorthin bringen und abholen, sie sind oft krank. Aber selbst wenn das Kind das magische Alter von drei Jahren erreicht hat, ist man noch nicht am Ziel; in manchen Teilen Tschechiens kommt das Erhaschen eines Kindergartenplatzes zudem fast einem Hindernislauf gleich, bei dem man noch zusätzliche Steine in den Weg gelegt bekommt. Nur wenige Berufe bieten einem Flexibilität, sodass Frauen nach der Rückkehr aus der Elternzeit nicht Selbstverwirklichung und Karriere wählen, sondern oft einfach einen Job, dank dem sich das Familienmanagement überhaupt irgendwie bewältigen lässt. Ganz zu schweigen davon, was für ein Abenteuer es heute ist, ein Kind in die Grundschule, die Mittelschule und die Hochschule zu bringen.
Während es in Tschechien praktisch keine finanzielle Unterstützung für Eltern gibt (abgesehen von der Steuervergünstigung namens „Ermäßigung für das Kind“ und relativ günstigen Kindergärten), hat man sich in anderen Ländern Gedanken darüber gemacht, wie Eltern unterstützt werden können. In Deutschland beispielsweise Eltern unabhängig vom Einkommen für jedes Kind das sogenannte Kindergeld und bei geringem Einkommen zusätzlich einen Kinderzuschlag – bis zum 18. Lebensjahr des Kindes. Der Staat unterstützt zudem den Wohnungsbau und gewährt über einen Kinderfreibetrag Steuererleichterungen für Gutverdienende. Damit sendet er ein klares Signal an die Eltern: Jedes Kind ist uns wichtig, unabhängig davon, wie wohlhabend seine Eltern sind.
In Skandinavien hat man noch bessere Instrumente entwickelt: In Schweden gibt es beispielsweise die sogenannte Maxtax – eine Obergrenze für die Kita-Gebühren –, während in der Tschechischen Republik eine private Kinderbetreuungsgruppe in einer Großstadt bis zu 15.000 Tschechische Kronen [etwa 615 Euro] kosten kann, was Mütter effektiv daran hindert, wieder in den Beruf zurückzukehren, sofern sie kein überdurchschnittliches Gehalt beziehen. In Norwegen und Schweden ist flexibles Arbeiten kein „Privileg“ für Auserwählte, sondern eine tief verwurzelte Norm. Der Staat unterstützt dies durch Gesetze, die es dem Arbeitgeber praktisch unmöglich machen, einen solchen Antrag abzulehnen.
Es zeigt sich, dass es für eine höhere Geburtenrate nicht ausreicht, die Menschen einfach nur „zu zwingen“, sondern dass wir als Gesellschaft dafür sorgen müssen, dass das Elternsein für beide nicht zu einem erschöpfenden mentalen Krieg wird.
Das spanische Paradox
Diese Maßnahmen haben jedoch offensichtlich nur begrenzte Wirkung, wenn man bedenkt, dass die Geburtenrate weltweit sinkt. In Europa lassen sich in dieser Hinsicht zwei Paradoxe beobachten – das spanische und das skandinavische.In Spanien gibt es eine lange Tradition großer Familien, Mütter werden dort hoch angesehen und Kinder im öffentlichen Raum geradezu angebetet. In den letzten Jahren wurde ein fortschrittlicher Elternurlaub eingeführt: inspiriert gerade von den skandinavischen familienfreundlichen Modellen zur Unterstützung der Elternschaft: 16 Wochen Urlaub für Väter, voll bezahlt und nicht übertragbar. Funktioniert das? Statistisch gesehen ja, Männer mit Kinderwagen füllen die Parks. Aber...
Die Studie der Ökonominnen Lídia Farré und Libertad González beschreibt auch einen überraschenden, nicht erwarteten Nebeneffekt dieser Politik: Genau jene Männer, die sich in Vollzeit um Neugeborene gekümmert haben, entscheiden sich viel seltener für ein zweites Kind. Als ob der direkte Kontakt mit der Realität des Elternseins – dieser Kehrseite voller Schlafmangel und des Verlusts der Kontrolle über die eigene Zeit – die beste Verhütungsmethode wäre. Es zeigt sich, dass es für eine höhere Geburtenrate nicht ausreicht, die Menschen einfach nur „zu zwingen“, sondern dass wir als Gesellschaft dafür sorgen müssen, dass das Elternsein für beide nicht zu einem erschöpfenden mentalen Krieg wird. Aber wie soll das gehen?
Das spanische Paradox ist insofern faszinierend, als der Staat dort im Jahr 2019 genau das eingeführt hat, was Fachleute seit Jahren gefordert hatten (Gleichstellung, Geld, Zeit für Väter), die Geburtenrate sich aber dennoch nicht erhöht hat. Als Männer gezwungen waren, 100 Prozent der Betreuung zu übernehmen, stellten sie fest, dass dies eine enorme psychische und physische Belastung darstellt. Der größte Haken am spanischen Gesetz ist jedoch, dass der Vater zwar Anspruch auf 16 Wochen hat, aber verpflichtet ist, die ersten 6 Wochen nach der Geburt zu Hause zu bleiben, also diese Zeit gleichzeitig mit der Mutter in Anspruch zu nehmen. Der Anteil der Väter, die sich mit der Mutter abwechseln, liegt bei einkommensschwachen Gruppen bei nur 10 Prozent, während er bei einkommensstarken Gruppen auf 32 bis 34 Prozent steigt, berichtet Adela Racio Alcaide in ihrem Artikel mit dem bezeichnenden Titel Der Vater als Helfer oder die Falle der Gleichzeitigkeit beim Elternurlaub. Bei Vätern, die allein zu Hause waren, kam es zu einem dauerhaften Anstieg ihres Anteils an der Hausarbeit um mehr als 30 Prozent.
Dies hatte zur Folge, dass die meisten Väter ihren Elternurlaub meist kurz nach der Geburt in Anspruch nahmen und angesichts der Art der Kinderbetreuung in dieser Zeit nicht eigenständig die Betreuung übernahmen, sondern eher als „Helfer der Mutter“ fungierten. In der Denkweise des Mannes fand also kein grundlegender Wandel statt – er lernt nicht, die volle Verantwortung zu übernehmen, und versteht nicht die psychische Belastung, die meist die Frau trägt. Zudem zeigt sich, dass die Auszahlung von Elterngeld nach der Geburt die sozioökonomische Belastung der Gegenwart und Zukunft, mit der viele Familien derzeit zu kämpfen haben, nicht löst. Unterstützung in der Zeit, in der das Kind klein ist, reicht nicht aus.
Aber es ist nicht nur ihre männliche Faulheit – es ist eine Identitätsfalle. Der Staat verlangt von Männern nach wie vor, dass sie unermüdliche Geldmaschinen sind, während er ihnen auf dem Weg zur Kinderbetreuung wirtschaftliche und gesellschaftliche Hindernisse in den Weg stellt. Schon allein zweimal mit dem Arbeitgeber vereinbaren zu müssen, dass ein Mann aus dem Arbeitsprozess ausscheidet, stellt eine große Herausforderung dar. Ein Mann, der sich um andere kümmern will, ist heute ein ähnlicher Rebell wie vor hundert Jahren eine Frau, die studieren wollte.
Das Kind als extrem anspruchsvolles Projekt
Und wie ist das skandinavische Paradox zu verstehen? Wie ist es möglich, dass in Ländern, die über die besten Kindergärten, die großzügigsten Elternbeihilfen und die größte Gleichstellung zwischen Männern und Frauen verfügen, die Geburtenrate auf historische Tiefststände sinkt? Der demografische Bericht State of the Nordic Region 2026 stellt fest, dass dies – wie auch anderswo in Europa – derzeit auf demografisch schwächere Jahrgänge und die Aufschiebung der Geburt des ersten Kindes zurückzuführen ist: „Der starke Anstieg des Durchschnittsalters der Mütter bei der ersten Geburt in den letzten Jahrzehnten verringert das Potenzial für ein späteres ‚Aufholen‘ der aufgeschobenen Geburten, da die Geburtenrate im höheren Alter die früheren Aufschübe nicht vollständig kompensieren kann.“Weiter erfahren wir aus dem Bericht, dass der Anteil kinderloser Männer im Alter von 45 Jahren deutlich zunimmt, insbesondere bei denen mit dem niedrigsten Bildungsabschluss. In Finnland und Norwegen erreicht diese Gruppe bis zu 25 bis 30 Prozent. Während bei Frauen Kinderlosigkeit oft eine Frage der Entscheidung oder des Aufschiebens ist, handelt es sich bei Männern mit niedrigem sozioökonomischem Status um sogenannte unfreiwillige Kinderlosigkeit. Staatliche Instrumente greifen bei diesem Phänomen jedoch bislang zu kurz, da sie die fehlende Stabilität und Selbstachtung nicht ersetzen können, ohne die sich niemand – ob Mann oder Frau – traut, das Wertvollste in die Zukunft zu investieren: neues Leben.
Auch in diesem Bericht wird darauf hingewiesen, dass politische Maßnahmen „eher begrenzte oder vorübergehende Auswirkungen“ haben und dass „die aktuellen Trends bei der Geburtenrate eng mit einer allgemeineren gesellschaftlichen Unsicherheit zusammenhängen“.
Skandinavien ist der Beweis dafür, dass Männer durch kluge Gesetze zur Betreuung „gezwungen“ werden können, und dass dies der Stabilität der Familie sowie der Karriere von Frauen zugutekommt. Es ist aber auch eine Warnung, dass selbst ein hundertprozentig engagierter Vater die demografische Krise nicht lösen kann, wenn das moderne Leben so gestaltet ist, dass ein Kind als extrem anspruchsvolles „Projekt“ wahrgenommen wird, für das die Menschen psychisch nicht mehr die Kapazitäten haben.
Der mentale Krieg
Ein Teil der Eltern praktiziert heutzutage das sogenannte intensive Elternsein. Eltern werden heute von der Gesellschaft genau unter die Lupe genommen, und ihre Erziehung wird ständig bewertet. Sie versuchen, sich in der unermesslichen Menge an Ratschlägen und Erkenntnissen verschiedener Expert*innen aus den Bereichen Erziehung, Psychologie, Ernährung und Neurologie zurechtzufinden. Das schafft das Gefühl, dass man seinem Kind irreversiblen Schaden zufügt oder es sogar traumatisiert, wenn man nicht alles „richtig“ macht. Früher glaubte man, dass ein Kind „einfach heranwächst“. Heute herrscht die Überzeugung vor, dass die Zukunft des Kindes von respektvoller Fürsorge abhängt. Geld vom Staat (Kindergeld) hilft nicht, denn es löst nicht das Gefühl der totalen Überforderung und Verantwortung, das durch die intensive Betreuung entsteht – und zwar bei beiden Elternteilen.Was derzeit als demografische Krise bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine Krise der Ungleichheit und eine Krise der Fürsorge. Frauen haben jahrelang zu Hause Arbeit verrichtet, die in keiner Statistik auftauchte und von niemandem gewürdigt wurde. Und als Belohnung dafür erhielten sie eine niedrige Rente.
Markoš verweist darauf, dass der Staat für die Menschen da ist und nicht die Menschen für den Staat. Das vergessen wir oft. Wie man das System umgestalten kann, dass „die Jungen für die Älteren zahlen“, ist die Frage – wenn man politisch rechts orientiert ist, neigt man dazu, diejenigen zu belohnen, die die Steuerzahler hervorgebracht haben, die anderen das Alter sichern; wenn man politisch links orientiert ist, geht es um soziale Gerechtigkeit, und wir kommen zu einem größeren Ideenkomplex: wie die Gesellschaft gemeinsam den Reichtum teilt, der heute nicht mehr nur durch die Arbeit der Jungen entsteht. Ich könnte hier nun utopische Projekte wie die Besteuerung der Reichen oder den massiven Bau von reguliertem Mietwohnraum anführen, aber ich beginne mit etwas Banalem: der Anerkennung von Kinderbetreuung als Arbeit.
Was derzeit als demografische Krise bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine Krise der Ungleichheit und eine Krise der Fürsorge. Frauen haben jahrelang zu Hause Arbeit verrichtet, die in keiner Statistik auftauchte und von niemandem gewürdigt wurde. Und als Belohnung dafür erhielten sie eine niedrige Rente. Frauen streiken im Grunde genommen. In Zeiten der Klimakrise, teurer Wohnkosten und eines instabilen Arbeitsmarktes ist die Entscheidung, kein Kind zu bekommen, Ausdruck extremer Verantwortung, nicht von Verantwortungslosigkeit. Die niedrige Geburtenrate ist also kein „Egoismus“, sondern die logische Konsequenz einer rationalen Risikobewertung – zumal in einer Zeit, die voller Unsicherheiten ist. Das Recht auf Selbstverwirklichung ist nicht mehr nur Männern vorbehalten. Solange „Selbstverwirklichung“ bedeutet, „keine Kinder zu haben“, und „Mutterschaft“ bedeutet, „sich aufzuopfern“, werden sich Frauen logischerweise für Ersteres entscheiden.
Frauen haben bereits Einzug in die Männerwelt gehalten (Arbeit, Bildung, Ambitionen), doch Männer (und der Staat) haben noch nicht vollständig Einzug in die Welt gehalten, die sie als weiblich betrachten (Pflege, Haushalt, emotionale Arbeit). Warum sollten die Kosten einer alternden Gesellschaft allein auf den Schultern der Frauen lasten, während das Kapital und die Technologien, die von ihrer Arbeit profitieren, außen vor bleiben? Ein Kind ist kein privates Hobby der Eltern, sondern die zukünftige Infrastruktur des Staates, und der Staat soll für die Menschen da sein. Drehe ich mich im Kreis? Dann versuchen wir es anders: Lassen wir als Erstes die veraltete heteronormative Wahrnehmung der Familie hinter uns und beginnen wir endlich, die revolutionäre Idee in die Praxis umzusetzen, dass die Welt der Pflege keine Frauensache ist. Sie ist die Sache aller Menschen, denn sie betrifft jeden. Es ist notwendig, den Diskurs über Kinderbetreuung, Geburtenrate und darüber, wer für eine Gesellschaft aufkommt, die immer älter wird, zu verändern.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Mai 2026