Dissoziative Identitätsstörung  #MeetTheAlters

#MeetTheAlters Foto: Joshua Fuller via unsplash.com | CC0 1.0

Es ist ein Trend mit Milliarden-Reichweite: In teils spektakulären Videos zeigen sich User mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) auf TikTok in verschiedenen Persönlichkeitszuständen. Aber sind diese TikToker tatsächlich von einer DIS betroffen? In vielen Fällen gibt es berechtigte Zweifel.

„Hallo, ich bin Gabriel, ich bin 18 und ich bin ein Junge“, grüßt ein junger TikToker mit rasiertem Kopf aus dem Badezimmer. In den nächsten 15 Sekunden lernen wir Alistair, einen Mann zwischen 27 und 29 Jahren, Emmie, ein 6-jähriges Mädchen und einen nicht-binären 19-Jährigen namens Austin kennen. Es gibt nur eine physische Person in dem Video: User @shootingstarprince hat bei sich selbst eine Dissoziativen Identitätsstörung (DIS – englisch: Dissociative identity disorder, DID) diagnostiziert. They ist eine von Tausenden von jungen Personen, die in den letzten zwei Jahren in den sozialen Medien über ihre DIS-Erfahrungen berichtet haben. Der Hashtag #DID wurde auf TikTok bereits über zwei Milliarden Mal aufgerufen.
 

Wir verwenden in diesem Text genderneutrale Pronomen. Im angelsächsischen Sprachraum hat sich zur Bezeichnung nichtbinärer Genderidentitäten das Pronomen they – verwendet im Singular – etabliert. Immer häufiger wird they/their entsprechend auch in der deutschen Sprache verwendet. So auch in dieser Übersetzung aus dem englischen Original. Anm. d. R.

Forschungen kamen zu der Hochrechnung, dass etwa 1,5 Prozent der Weltbevölkerung von einer DIS betroffen sein könnten. Ist also der kometenhafte Anstieg der Anzahl selbst diagnostizierter Fälle auf ein gestiegenes Bewusstsein zurückzuführen, handelt es sich um eine Art „Coming-out“ für diejenigen, die zuvor keine Bezeichnung hatten für das, was sie erleben? Oder ist dieses Phänomen ein Symptom für das pathologische Bedürfnis der Generation Z, sich online einzigartig und bestätigt zu fühlen?

Was ist DIS?

Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) definiert die Dissoziative Identitätsstörung (früher „Multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt) als „Identitätsstörung, die durch zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeitszustände gekennzeichnet ist“. Weiter heißt es: „Die Identitätsstörung beinhaltet eine ausgeprägte Diskontinuität des Selbstbewusstseins und des Handlungssinns, begleitet von damit verbundenen Veränderungen in Affekt, Verhalten, Bewusstsein, Gedächtnis, Wahrnehmung, Kognition und/oder sensorisch-motorischen Funktionen.“

Die Aufspaltung des Ichs in verschiedene Persönlichkeitszustände oder Alters ist typischerweise eine Reaktion auf ein Kindheitstrauma. Sie ermöglicht es der Person, sich von bestimmten Situationen zu lösen (zu distanzieren), indem sie ein besser gewappnetes Alter vorschickt. Folglich haben die einzelnen Alters oft unterschiedliche Rollen, wie zum Beispiel gatekeeper, sexuelle Beschützer und Traumaträger.
 

Schlüsselbegriffe des DIS-Lexikons

  • System: Ein Sammelbegriff, der jede Persönlichkeit innerhalb einer physischen Person / eines Wirts beschreibt
  • Innenperson, engl. Alter (nicht zu verwechseln mit Alter Ego) – eine Person innerhalb eines DIS-Systems, eine alternative Identität, ein Persönlichkeitszustand
  • Switch: Wenn die Kontrolle über den Körper von einer Innenperson zu einer anderen wechselt
  • Fronting (dt. Vorderseite, Vordergrund): Diejenige Innenperson, die gerade den Körper, die Emotionen und die Kommunikation kontrolliert, ist der Fronting des Systems.
  • Fictive: Innenpersonen, die auf fiktiven Personen oder Wesen basieren
  • Factive: Innenpersonen, die auf realen Personen basieren, wie zum Beispiel Bekannten aus dem Umfeld, Prominenten oder historischen Figuren
  • Innere Welt: Ein Bewusstseinsbereich, in dem sich die Alter Egos manifestieren und miteinander interagieren können, wenn sie nicht im Vordergrund stehen

Wer sind diese Leute auf TikTok?

TikTok ist für DIS-User die bevorzugte Plattform, um personalisierte DIS-Dialoge, -Tanz-Challenges und -Duette zu veröffentlichen. Dies hat zu DIS-spezifischen Trends wie #Meetthealters geführt. 2020 postete User @jaffacake.bp ein Video, in der they in Splitscreens die drei Alters Aoife (15 Jahre, 1,57 m, Friedensstifterin, She/Her), Orion (21, 1,83 m, Beschützer, He/Him) und Travis (junger Erwachsener, 1,78 m, Femboi) vorstellte.

User @thebeescollective postet regelmäßig Split-Screen-Inhalte, in denen they zwei Alters mit Namen, Alter, Rollen und Pronomen einander gegenüberstellt. Ein beliebter Videotrend ist der Live-„Switch“, der mit der Kamera festgehalten wird. Die Alters unterscheiden sich stark in Bezug auf Geschlecht, Genderidentität, Alter und Ethnie. Ein trauriger Fall ist der von @searogue. They hat 2022 ein Video von sich selbst gepostet, in dem they über die geplante Umwandlung von weiblich zu männlich weint, um besser zu den männlichen Alters in their System zu passen.

Es ist nicht ungewöhnlich, wenn unterschiedliche Persönlichkeitszustände ihren eigenen Akzent, ihr eigenes Benehmen und Vokabular haben. Dies ist nicht automatisch ein Hinweis auf Betrug, aber wie der klinische Professor Dr. Richard J. Loewenstein in seinem Aufsatz Disassociation debates: everything you know is wrong (Disassoziationsdebatten: Alles, was Sie wissen, ist falsch) schreibt, „haben faktorenanalytische Studien im Allgemeinen herausgefunden, dass DIS-Symptome subtil und verdeckt sind.“ Und weiter: „Die Ausgestaltung der ‚faszinierenden‘ äußeren Merkmale der Persönlichkeitszustände mit unterschiedlichen Namen, Garderoben, Frisuren, Akzenten und so weiter ist für die DIS-Diagnose oder die Kernphänomenologie nicht wesentlich.“

Ein häufiges DIS-Video zeigt User, die ihr Aussehen für jeden Alter ändert. Ein solches Video von @cats_in_space_system zeigte die Verwandlung des TikTok-Users von einem Mann mit Rüschenhemd und Hut in das himmlische Wesen Angel Dust mit wallendem rosa Haar und weißem Gewand. Das wirft die Frage nach fictives und factives auf (siehe Infobox oben). Viele der Alters von @cats_in_space_system  sind fiktive Charaktere (fictives) aus Videospielen oder real existierende YouTuber (factives). Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass User nicht-menschliche Alters haben, von Meerjungfrauen bis hin zu Katzen. Auch bei Menschen mit diagnostizierter DIS ist dies nicht ungewöhnlich. Der erste dokumentierte DIS-Fall war der der Dominikanernonne Jeanne Fery im Jahr 1584. Sie zählte Maria Magdalena zu ihren Alters.

TikTok-User @lamb.sys behauptet, über 300 Alters zu haben, darunter einen Dämon namens Velvet und den Danganronpa-Charakter Peko Pekoyama. User @renegadesys stellt their fiktive Persönlichkeitszustände mit illustrierten Profilkarten vor, wie zum Beispiel die schlangenzüngige Fee Avery und den 11-jährigen Antichristen Adam.

Ist DIS ein Mythos?

DIS und andere dissoziative Störungen sind unbestreitbar real. Seit Jeanne Fery gab es unzählige nachgewiesene Fälle, darunter Schwester Bendetta Carlini im Jahr 1623, Louis Vivet im Jahr 1863, und 1974 beschrieb Flora Rheta Schreiber in ihrem Buch Sybil die Erfahrung von Shirley Mason, die 16 Alters hatte. Ein bahnbrechender Fall erzeugte 2019 Aufmerksamkeit, als Jeni Hayes sechs ihrer Alter Egos aufrief, vor Gericht gegen ihren Vater auszusagen. Ausführliche Scans von Hayes zeigten, dass verschiedene Bereiche des Gehirns aktiviert werden, wenn sie zwischen den Persönlichkeitszuständen wechselt.

Täuschen diese TikToker etwas vor?

Die Häufigkeit, mit der Fälle einer doch relativ seltenen Erkrankung nun in sozialen Medien auftauchen, erscheint fragwürdig. Ebenso, dass die überwältigende Mehrheit der DIS-User sich eine Selbstdiagnose stellt und ihr medizinisches „Wissen“ aus anderen TikTok-Videos und Internetforen bezieht. Dies hat einige User dazu veranlasst, in ihren Biografien anzugeben, dass sie diagnostiziert wurden, um zu vermeiden, dass sie als „Fake-Claims“ bezeichnet werden.

Ein User namens @obsidian_system verteidigt die Selbstdiagnose mit den Worten: „Es geht nicht darum, dass wir nicht aktiv nach einer Diagnose suchen, sondern darum, dass wir mit Ärzten zu tun haben, die so offensichtlich falsch informiert sind, dass sie nicht in der Lage sind, uns zu diagnostizieren.“ @obsidian_system führt weitere Hindernisse auf, die einer Diagnose im Wege stehen, wie zum Beispiel Geld oder die mangelnde Unterstützung durch die Eltern. Auch Prof. Richard Loewenstein verweist auf die fehlende Spezialisierung in der psychologischen Gemeinschaft, wenn er sagt: „Im Allgemeinen ist unser Fachgebiet nicht dafür ausgebildet, traumatische Störungen zu erkennen.“

Ein weiterer Faktor jedoch, der die Alarmglocken schrillen lässt, ist der performative Charakter der Inhalte, bei denen sehr gut unterscheidbare Alter-Persönlichkeiten auftreten. Die medizinisch mit DIS diagnostizierte Jess Mayer betreibt seit 2015 den Youtube-Kanal MultiplicityAndMe und hat vier männliche Alters, von denen einer einen amerikanischen Akzent hat. Jess erklärte in einem Video, dass ihre verschiedenen Alters nicht unbedingt von Zuschauern erkannt werden können. Jess sagte außerdem: „Weil die DIS ein Verteidigungsmechanismus ist, sind unsere switches für uns kaum wahrnehmbar.“ Die 30-Jährige weist jedoch ebenso darauf hin, dass jedes System anders ist.

Junge Menschen auf der Suche nach ihrem Selbstwertgefühl

Der Hauptgrund, der in vielen Fällen vermuten lässt, dass jemand simuliert, ist der demografische Faktor. Diese TikTok-User (also die physischen Personen, die die Inhalte posten, und nicht ihre vermeintlichen Alters) sind überwiegend junge Erwachsene oder Teenager. Sie sind größtenteils biologisch weiblich, identifizieren sich aber oft als männlich oder nicht-binär, wobei die Trans-Flagge einen beliebten Videohintergrund darstellt. Dies kann ein deutlicher Hinweis sein, dass diese Menschen auf der Suche nach ihrem Selbstverständnis sind.

Viele dieser Schöpfer sind Cosplayer – wie in der Tat viele Menschen – aber der Akt der bewussten Übernahme einer Rolle zur Unterhaltung oder zur Erholung von der Realität könnte von einem sensiblen Geist leicht missverstanden werden. TikTok-User @lillunchboxxx hat den Begriff „Roleplaying Identity Disorder“ (etwa: „Rollenspiel-Identitätsstörung“) geprägt, bei der bewusst verschiedene Charaktere angenommen werden, um der gegenwärtigen Laune gerecht zu werden.

Und schließlich haben viele dieser TikTok-User körperliche und geistige Beschwerden, und their Bios sind Auflistungen ihrer Leiden, um der Welt das wahre Ich am besten zu präsentieren. Autismus ist unter diesen Usern weit verbreitet, und Menschen mit Autismus haben oft Schwierigkeiten, mit anderen in Beziehung zu treten und ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Auch wenn die eine Erkrankung die andere nicht ausschließt, scheint es plausibel, dass Gefühle der „Losgelöstheit“ und Schwierigkeiten bei der Verarbeitung komplexer Emotionen eine verletzliche Person dazu bringen könnten, DIS als die offensichtliche Diagnose zu sehen. Jedes Gefühl kann als eigene Identität eingestuft werden, und die Verantwortung für unerwünschte Handlungen kann geleugnet werden.

Hört uns zu

Es ist wahrscheinlich, dass einige dieser User die sozialen Medien genutzt haben, um einen Namen und einen Behandlungsweg für ihre Probleme zu finden. Viele haben sich jedoch einfach als Antwort auf ihren inneren Schmerz in die Definition DIS gezwängt. Expertin Bethany Brand sagt: „Einige der Fälle, von denen ich im Zusammenhang mit TikTok gehört habe, sind Personen, die wirklich kein kohärentes Gefühl für sich selbst haben, die sich selbst nicht verstehen und die sich auf Dinge beziehen, die sie online gesehen haben.“

Obwohl DIS wahrscheinlich nicht annähernd so weit verbreitet ist, wie diese User behaupten, findet eindeutig ein massiver Kampf um die psychische Gesundheit der Generation Z und über sie hinaus statt. Die TikToker haben das Bedürfnis, gehört und anerkannt zu werden und sich mit einer größeren Gemeinschaft verbunden zu fühlen, und wir können nur hoffen, dass sie dies mit der Zeit auch offline finden.

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