Verzicht auf Fleisch | Melanie Joy  „Den Karnismus beenden“

Melanie Joy
Melanie Joy Foto: © Melanie Joy

Was bringt einen Menschen dazu, auf Fleisch zu verzichten? Und wie lebt man mit dem Wissen, dass Tiere auf der ganzen Welt leiden, während der Großteil der Gesellschaft ihr Leiden nicht wahrnimmt? Der Weg zum Verzicht auf Fleisch kann vielfältig sein. Was hat die Sozialpsychologin Melanie Joy zum Veganismus geführt, und was bedeutet es für sie, in einer Welt zu leben, in der das Leiden von Tieren nach wie vor ein alltäglicher Bestandteil des Lebens ist?

Melanie Joy

US-amerikanische Sozialpsychologin, Autorin des Buches Why We Love Dogs, Eat Pigs, and Wear Cows und Gründerin der Organisation Beyond Carnism

Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment oder einen Auslöser, als Sie sich gesagt haben, dass Sie kein Tierfleisch oder andere tierische „Produkte“ mehr essen wollen?

Wie viele andere Menschen bin ich mit einem Hund aufgewachsen, den ich wie ein Familienmitglied liebte, und mir lag das Wohlergehen von Tieren generell am Herzen. Aber wie die meisten Menschen bin auch ich mit Fleisch, Eiern und Milchprodukten auf dem Speiseplan aufgewachsen, und ich habe nie darüber nachgedacht, dass diese Lebensmittel von Tieren stammen, die schrecklich gelitten haben und für meinen Teller getötet wurden.

Eines Tages im Jahr 1989 wurde ich jedoch nach dem Verzehr eines verdorbenen Hamburgers schwer krank und landete im Krankenhaus. Nach dieser Erfahrung ekelte mich die Vorstellung, Fleisch zu essen, und so wurde ich eher aus Zufall Vegetarierin. Als ich begann, mehr über meine neue Ernährung zu erfahren, schockierte mich die Erkenntnis, welches Ausmaß an Schaden die tierische Produktion bei Tieren, der Umwelt und der menschlichen Gesundheit anrichtet. Was mich aber eigentlich noch mehr schockierte, war, dass niemand, dem ich davon erzählte, hören wollte, was ich zu sagen hatte. Sie sagten Dinge wie: „Erzähl mir das nicht, du verdirbst mir den Appetit“, oder sie stempelten mich als radikale Hippie-Veganerin ab (ich wurde Veganerin, nachdem ich von den Schrecken der Milch- und Eierindustrie erfahren hatte). Es waren Menschen, die ihre Hunde liebten, denen Gerechtigkeit am Herzen lag und die sich Sorgen um die Umwelt machten, und dennoch wehrten sie sich unglaublich gegen Informationen, die ihnen helfen würden, Entscheidungen zu treffen, die mehr im Einklang mit ihren Werten stehen.

Ich begann mich sehr dafür zu interessieren, warum rationale und einfühlsame Menschen so irrational und gefühllos handeln können, wenn es um den Verzehr von Tieren geht. Schließlich schrieb ich mich für ein Doktoratsstudium in Psychologie ein, studierte die Psychologie von Gewalt und Gewaltlosigkeit und schrieb meine Dissertation über die Psychologie des Verzehrs von Tieren.

Was fällt Ihnen am schwersten am Leben mit einer erhöhten Sensibilität dafür, wie die Menschheit mit der Natur und nichtmenschlichen Lebewesen umgeht?

Obwohl die meisten Menschen ein Gespür für das Leiden von Tieren haben, tragen die meisten von ihnen dennoch durch den Verzehr von Fleisch, Eiern und Milchprodukten zu deren großem Leid bei. Das liegt nicht daran, dass die Menschen „böse“ wären, sondern daran, dass wir alle darauf konditioniert wurden, uns von unserer natürlichen Sensibilität – unserem Mitgefühl – gegenüber Tieren zu distanzieren, um sie essen zu können, ohne dabei unangenehme Gefühle zu verspüren, die sonst aufkommen würden. Der Grund für unsere Einstellung ist der Karnismus.

Karnismus ist ein Glaubenssystem oder eine Ideologie, die Menschen dazu konditioniert, bestimmte Tierarten zu verzehren. Oft gehen wir davon aus, dass nur Veganer (und Vegetarier) sich an eine bestimmte Überzeugung halten. Der einzige Grund, warum wir beispielsweise Schweine, aber keine Hunde essen, ist jedoch gerade, dass wir in Bezug auf den Verzehr von Tieren ein bestimmtes Glaubenssystem haben.

Karnismus wird, ähnlich wie andere Systeme, die von Menschen verlangen, gegen ihr Mitgefühl zu handeln (zum Beispiel Patriarchat oder Klassismus), durch eine Reihe psychologischer Abwehrmechanismen aufrechterhalten. Diese Mechanismen verzerren unsere Wahrnehmung und trennen uns von unserem natürlichen Mitgefühl gegenüber Tieren, die wir gelernt haben, als „essbar“ einzustufen. Wenn zum Beispiel jemand einen Hamburger essen würde und ihm dann gesagt würde, dass das Fleisch von einem Golden Retriever stammt, würde diese Person wahrscheinlich anfangen, über ihr Essen nachzudenken und sich ganz anders fühlen. Genau diese Reaktion auf den Retriever-Burger ist ihre authentische Reaktion.

Wenn wir aus dem Karnismus aussteigen, sehen wir keine anderen Dinge; wir sehen dieselben Dinge, aber auf andere Weise. Plötzlich sehen alle Burger wie ein Burger aus Golden-Retriever-Fleisch aus. Wir empfinden keine „Gefühllosigkeit“ mehr, wenn wir Fleisch, Eier und Milchprodukte sehen; wir empfinden Angst und oft eine tiefe Motivation, dieses Leiden zu beenden. Auch wenn Veganismus zutiefst befreiend sein kann, kann er auch anspruchsvoll sein – insbesondere wenn andere Menschen im Leben eines Veganers dessen Haltung nicht verstehen und ablehnend darauf reagieren, was häufig vorkommt.

Um sich selbst zu erhalten, konditioniert uns der Karnismus dazu, Abneigung gegenüber jedem oder allem zu empfinden, was uns zwingen würde, aus dieser „karnistischen Schublade“ herauszutreten – und das vor allem gegenüber Veganern. Eine der wichtigsten Methoden, wie er dies tut, ist die Verstärkung negativer Stereotypen über Veganer, die er beispielsweise als voreingenommen, menschenfeindlich und übermäßig emotional darstellt. Viele Veganer müssen sich daher nicht nur mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Menschen in ihrem Umfeld, einschließlich ihrer Nächsten, die Körper von Tieren essen, die unnötig und schrecklich gelitten haben, sondern auch damit, dass sie für ihre Werte verurteilt und angegriffen werden.

Ein Veganer kann beispielsweise als „übermäßig emotional“ (und damit irrational) bezeichnet werden, weil er keine Tiere essen will, obwohl Gefühle der Trauer und Empörung über die globale Gräueltat, die der Karnismus darstellt, psychologisch weitaus angemessener sind als die allgemeine Abstumpfung der vorherrschenden Kultur. (Es ist erwähnenswert, dass auch Feministinnen und Gegner der Sklaverei als „übermäßig emotional“ bezeichnet wurden – dies war eine Form des Angriffs auf den Boten, die dessen Botschaft zum Schweigen bringen sollte.) Ein veganes Leben zu führen, wird zwar zweifellos immer einfacher, doch diese Herausforderungen bestehen weiterhin.

Glauben Sie, dass wir jemals ein Ende des Leidens der Tiere und der Zerstörung der Natur erleben werden? Und was würde Ihrer Meinung nach am meisten zu einer solchen Wende beitragen?

Das Bewusstsein für die Schrecken der Tierhaltung, für die durch den Verzehr von Tieren verursachten Gesundheitsschäden und dafür, dass diese Industrie einer der Hauptverursacher des Klimawandels ist, trägt dazu bei, einen massiven Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein anzustoßen. Menschen auf der ganzen Welt beginnen, „Nein“ zum Karnismus zu sagen und fordern Veränderungen. Und tatsächlich finden große Veränderungen statt; es ist sehr spannend, dies zu beobachten. Ich glaube, dass der Karnismus denselben Verlauf nimmt wie andere unterdrückerische „Ismen“, zum Beispiel Sexismus oder Rassismus – und dass Veganismus eines Tages den Karnismus als den vorherrschenden, „normalen“ Lebensstil ablösen wird.

Ich ermutige jeden, mehr über Karnismus zu erfahren und andere aufzuklären. Wenn man den Karnismus versteht, wird einem bewusst, dass der Verzehr von Tieren nicht nur eine Frage der persönlichen Ethik ist, sondern eine unvermeidliche Folge eines repressiven Systems. Man versteht, dass es beim Verzehr von Tieren nicht nur um eine individuelle Entscheidung geht, sondern um eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Und sobald man den Karnismus durchschaut, hat er eine geringere psychologische Wirkung auf einen. Denn sobald wir erkennen, wie wir dazu konditioniert wurden, unsere Gedanken zu verzerren und uns von unserem natürlichen Mitgefühl abzukoppeln, sind wir besser in der Lage, Entscheidungen zu treffen, die das widerspiegeln, was wir authentisch denken und fühlen, anstatt das, was man uns beigebracht hat zu denken und zu fühlen.

Es ist auch wichtig zu erkennen, dass man zur Beendigung des Karnismus beitragen kann, ohne zu hundert Prozent vegan zu sein. Man kann sich dazu verpflichten, „so vegan wie möglich“ zu leben, man kann Organisationen unterstützen, die sich für den Veganismus einsetzen, oder man kann seinen Einfluss in jedem Bereich nutzen, in dem man tätig ist (wenn man beispielsweise in den Medien arbeitet, kann man Artikel schreiben, um das Bewusstsein zu schärfen). Sie können ein „veganer Verbündeter“ sein – jemand, der nicht vollständig vegan lebt, aber dabei hilft, den Karnismus zu beenden. Ich glaube, dass vegane Verbündete entscheidend dafür sind, den Karnismus zu beenden und eine bessere Welt für alle Lebewesen zu schaffen.

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen