Was bringt einen Menschen dazu, auf Fleisch zu verzichten? Und wie lebt man mit dem Wissen, dass Tiere auf der ganzen Welt leiden, während der Großteil der Gesellschaft ihr Leiden nicht wahrnimmt? Der Weg zum Verzicht auf Fleisch kann vielfältig sein. Was hat den Philosophen Peter Singer zum Veganismus geführt, und was bedeutet es für ihn, in einer Welt zu leben, in der das Leiden von Tieren nach wie vor ein alltäglicher Bestandteil des Lebens ist?
Peter Singer
Philosoph und Autor des Buches Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere
Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment oder einen Auslöser, als Sie sich gesagt haben, dass Sie kein Tierfleisch oder andere tierische „Produkte“ mehr essen wollen?
Ich erinnere mich an den Moment, der alles ins Rollen brachte. Es war im Jahr 1970, als ich an der Universität Oxford studierte. Ich besuchte damals Vorlesungen in Philosophie und stellte dem Dozenten eine Frage. Als die Vorlesung zu Ende war, kam ein anderer Student auf mich zu und fragte mich, ob ich mit der Antwort des Dozenten zufrieden gewesen sei. Es war ein Kanadier namens Richard Keshen, und bis dahin hatten wir noch nie miteinander gesprochen. Wir unterhielten uns eine Weile, und da es Mittagspause war, lud Richard mich ein, mit ihm in der Mensa seines Wohnheims zu essen.Ich ging mit ihm hin und bemerkte, dass Richard beim Mittagessen fragte, ob in der Soße zu den Spaghetti, die das Hauptgericht waren, Fleisch enthalten sei. Als man ihm sagte, dass dies der Fall sei, nahm er sich nur einen Salatteller. Ich fragte ihn, warum er kein Fleisch esse – im Jahr 1970 war es sehr ungewöhnlich, einen Vegetarier zu treffen. Er erzählte mir von intensiver Massentierhaltung – davon, dass die meisten Tiere, die ich esse, sich nicht frei auf den Feldern bewegen, sondern in dunklen Hallen zusammengepfercht sind, wo sie sich kaum bewegen können, und das alles nur, damit die Fleischproduktion billiger ist.
Das brachte mich dazu, über die Ethik des Fleischkonsums nachzudenken. Es dauerte noch einige Wochen, bis ich ganz auf Fleisch verzichtete, aber sobald ich mich dazu entschlossen hatte, habe ich es nie bereut. 55 Jahre später weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.
Was fällt Ihnen am schwersten am Leben mit einer erhöhten Sensibilität dafür, wie die Menschheit mit der Natur und nichtmenschlichen Lebewesen umgeht?
Es ist natürlich ein trauriger Gedanke, dass es gerade in diesem Moment Dutzende Milliarden Kühe, Schweine, Hühner und Fische gibt, die unter den beengten und unnatürlichen Bedingungen, unter denen sie leben müssen, schrecklich leiden. Da ich jedoch gemeinsam mit vielen großartigen Menschen aus der Tierrechtsbewegung daran arbeite, diese Situation zu ändern, gibt mir das gleichzeitig ein Gefühl der Sinnhaftigkeit und verleiht meinem Leben eine tiefere Bedeutung.Glauben Sie, dass wir jemals ein Ende des Leidens der Tiere und der Zerstörung der Natur erleben werden? Und was würde Ihrer Meinung nach am meisten zu einer solchen Wende beitragen?
Ich glaube daran, dass wir diese bessere Welt, die Sie beschrieben haben, letztendlich erleben werden. Das wird zwar nicht mehr zu meinen Lebzeiten geschehen, aber vielleicht wird es im Laufe des Lebens der jungen Menschen geschehen, die diese Zeilen lesen. Was würde am meisten dazu beitragen? Die Erkenntnis, dass ein ethisches Leben auch ein gutes Leben bedeutet. Das ist der Weg zur Erfüllung.Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
September 2026