Verzicht auf Fleisch | Jo-Anne McArthur  „Grausamkeit aufdecken und Rechenschaft einfordern“

Jo-Anne McArthur
Jo-Anne McArthur Foto: © Victoria de Martigny

Was bringt einen Menschen dazu, auf Fleisch zu verzichten? Und wie lebt man mit dem Wissen, dass Tiere auf der ganzen Welt leiden, während der Großteil der Gesellschaft ihr Leiden nicht wahrnimmt? Der Weg zum Verzicht auf Fleisch kann vielfältig sein. Was hat die Fotojournalistin Jo-Anne McArthur zum Veganismus geführt, und was bedeutet es für sie, in einer Welt zu leben, in der das Leiden von Tieren nach wie vor ein alltäglicher Bestandteil des Lebens ist?

Jo-Anne McArthur

Fotojournalistin und Gründerin der Organisation We Animals

Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment oder einen Auslöser, als Sie sich gesagt haben, dass Sie kein Tierfleisch oder andere tierische „Produkte“ mehr essen wollen?

Mein Schritt zum Veganismus wurde zunächst durch den Umzug meiner Mutter aufs Land beeinflusst, wo sie sich zehn Hühner anschaffte. Sie hatte außerdem zwei Hunde und eine Katze, die wir alle liebten. Damals war Hühnerfleisch mein Lieblingsessen. Ich aß es oft. Bis dahin hatte ich noch keine Zeit mit Hühnern verbracht und stellte keine Verbindung zwischen dem Gericht und einem bestimmten Tier her.

Die Zeit, die ich mit diesen Hühnern verbrachte, veränderte jedoch alles. Sie wurden zu Begleiterinnen, ähnlich wie die Hunde und die Katze, mit denen wir zusammenlebten. Sie waren neugierig, gesellig und hatten sehr ausgeprägte Persönlichkeiten. Genau wie die Hunde und die Katze wollten sie Zeit im Haus verbringen. Und schließlich gelang ihnen das sogar!

Die Tatsache, dass ich sie als Individuen kennenlernte, bewirkte zweifellos eine Veränderung in meiner Wahrnehmung. Mir wurde bewusst, dass die Tiere, die ich verzehre, genauso empfindsam und einzigartig sind wie die Wildvögel, die ich bewunderte, oder die Haustiere, um die ich mich kümmerte. Die kognitive Dissonanz ließ sich nicht länger ignorieren. Mir wurde klar, dass ich mein „Lieblingsgericht“ nicht mehr essen konnte, weil ich darin nicht mehr nur Fleisch sah, sondern die Individuen, die ich so gut kannte. Das war der Auslöser, der mich 2001 zum Vegetarismus führte, bevor ich schließlich ganz zur veganen Lebensweise überging.

Was fällt Ihnen am schwersten am Leben mit einer erhöhten Sensibilität dafür, wie die Menschheit mit der Natur und nichtmenschlichen Lebewesen umgeht?

Es ist zugegebenermaßen schwierig, in einer Welt zu leben, in der die Empfindungsfähigkeit von Tieren nachgewiesen (und absolut offensichtlich!) ist, aber dennoch weitgehend ignoriert wird, was zur unnötigen und brutalen Misshandlung von Milliarden von Lebewesen führt. Das ist eine Realität, die sich vollständig vermeiden und verhindern lässt, und zu den wenigen Menschen zu gehören, die sich aktiv dagegen wehren, kann in einem Gefühle der Isolation und des allgemeinen Schocks hervorrufen. Es verblüfft mich immer wieder, dass die goldene Regel – was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu –, die über Religionen und Kulturen hinweg verständlich ist, so selten auf alle Lebewesen angewendet wird, trotz unseres klaren Wissens um deren Fähigkeit zu leiden.

Meine Sensibilität – die vielleicht nichts anderes ist als aufmerksames und mitfühlendes Beobachten – empfinde ich jedoch als meine Superkraft, und ich würde sie nicht eintauschen wollen. Mein Einfühlungsvermögen hat mich dazu gebracht, mein Leben dem Bestreben zu widmen, das Leid anderer zu lindern. Ich bin glücklich, diesen Weg als Tierfotojournalistin gehen zu können, was eine direkte Folge meiner Sensibilität für die Gefühle anderer ist.

Glauben Sie, dass wir jemals ein Ende des Leidens der Tiere und der Zerstörung der Natur erleben werden? Und was würde Ihrer Meinung nach am meisten zu einer solchen Wende beitragen?

Nein, ich glaube nicht, dass das Leiden der Tiere jemals ganz ein Ende finden wird, solange wir keinen Weg finden, Destruktivität, die Anhäufung von Ressourcen und Stammesdenken aus unseren Genen zu tilgen. Für mich ist jedoch nicht das Endergebnis das Wichtigste, sondern die gemeinsame Arbeit. Wir müssen auf eine konsequentere humanistische Erziehung, bessere Gesetze und unermüdliche Kampagnen hinarbeiten, die Grausamkeit aufdecken und Rechenschaft einfordern. Unsere Aufmerksamkeit muss sich auf alle möglichen Bemühungen richten, den Schaden zu mindern und den Kreis unseres Mitgefühls zu erweitern.

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen