Was bringt einen Menschen dazu, auf Fleisch zu verzichten? Und wie lebt man mit dem Wissen, dass Tiere auf der ganzen Welt leiden, während der Großteil der Gesellschaft ihr Leiden nicht wahrnimmt? Der Weg zum Verzicht auf Fleisch kann vielfältig sein. Was hat den Professor für Ethologie Per jensen zum Veganismus geführt, und was bedeutet es für ihn, in einer Welt zu leben, in der das Leiden von Tieren nach wie vor ein alltäglicher Bestandteil des Lebens ist?
Per Jensen
Professor für Ethologie an der Universität Linköping und Autor des Buches Wie Tiere fühlen ... und warum wir mit unseren Nutztieren respektvoll umgehen müssen
Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment oder einen Auslöser, als Sie sich gesagt haben, dass Sie kein Tierfleisch oder andere tierische „Produkte“ mehr essen wollen?
Technisch gesehen bin ich weder Veganer noch Vegetarier, sondern esse gelegentlich Fleisch und tierische Produkte. Alle diese Produkte stammen jedoch von Tieren, von denen ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass sie ein gutes Leben mit hohem Tierschutzstandard (Welfare) geführt haben, nicht transportiert wurden und unter ruhigen, stressfreien Bedingungen geschlachtet wurden. Der Grund dafür ist, dass ich im Laufe meiner jahrzehntelangen Forschung gesehen habe, wie die industrielle Tierhaltung so viel Leid und schlechte Lebensbedingungen verursacht, dass ich es nicht akzeptieren kann, eine solche Behandlung empfindungsfähiger Wesen zu unterstützen oder daran mitzuwirken.Was fällt Ihnen am schwersten am Leben mit einer erhöhten Sensibilität dafür, wie die Menschheit mit der Natur und nichtmenschlichen Lebewesen umgeht?
Ich lebe mit der ständigen Frustration, dass ich nicht nur Einblicke und Wissen darüber habe, wie mit Tieren umgegangen wird, sondern auch darüber, wie wir tatsächlich allen Tieren ein gutes Leben ermöglichen könnten – und gleichzeitig sehe ich, wie Politiker und viele Verbraucher diese Erkenntnisse ignorieren. Ich versuche, mit dieser Frustration umzugehen, indem ich ein Leben führe, das ich mir selbst gegenüber rechtfertigen kann (auch wenn das nur bei meiner eigenen Frustration hilft), und indem ich mein Bestes tue, um dieses Wissen auch außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu verbreiten.Glauben Sie, dass wir jemals ein Ende des Leidens der Tiere und der Zerstörung der Natur erleben werden? Und was würde Ihrer Meinung nach am meisten zu einer solchen Wende beitragen?
Ich weiß nicht, ob ich wirklich daran glaube, aber wenn ich nicht darauf hoffen würde, wären meine gesamte Forschung und meine populärwissenschaftlichen Texte sinnlos – deshalb habe ich mich entschieden, mir diese Hoffnung zu bewahren. Möglicherweise ändern sich die Dinge erst dann, wenn die Menschen direkt durch das bedroht sind, was wir den Tieren antun. Eine ernsthafte Bedrohung könnten beispielsweise antibiotikaresistente Bakterien darstellen, und sobald die breite Öffentlichkeit erkennt, dass dies zu einem großen Teil darauf zurückzuführen ist, wie wir mit Tieren umgehen, könnte dies eine entscheidende Wende herbeiführen.Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
September 2026