Was bringt einen Menschen dazu, auf Fleisch zu verzichten? Und wie lebt man mit dem Wissen, dass Tiere auf der ganzen Welt leiden, während der Großteil der Gesellschaft ihr Leiden nicht wahrnimmt? Der Weg zum Verzicht auf Fleisch kann vielfältig sein. Was hat den Fotografen Lukáš Vincour zum Veganismus geführt, und was bedeutet es für ihn, in einer Welt zu leben, in der das Leiden von Tieren nach wie vor ein alltäglicher Bestandteil des Lebens ist?
Lukáš Vincour
Fotograf und Gründer des Vereins Zvířata nejíme (Wir essen keine Tiere)
Erinnern Sie sich an einen bestimmten Moment oder einen Auslöser, als Sie sich gesagt haben, dass Sie kein Tierfleisch oder andere tierische „Produkte“ mehr essen wollen?
Der erste Anstoß, auf den Verzehr von Tieren zu verzichten, kam aus dem Umfeld der Punk- und Hardcore-Bands, in dem ich mich bewegte. Das war ungefähr, als ich sechzehn war. Vegetarismus und Veganismus waren in dieser Szene ziemlich verbreitet. Viele Bands und Menschen in dieser Subkultur kämpften in ihren Texten für Freiheit. Und damals begann ich darüber nachzudenken, dass man, wenn man wirklich frei sein will, anderen diese Freiheit nicht nehmen sollte. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass es ausreicht, keine Tiere zu essen. Zum Veganismus kam ich jedoch erst später, vor allem dank meiner eigenen Recherche, Dokumentationen und nach und nach auch aufgrund meines Gewissens.Was fällt Ihnen am schwersten am Leben mit einer erhöhten Sensibilität dafür, wie die Menschheit mit der Natur und nichtmenschlichen Lebewesen umgeht?
Am schwersten fällt es mir wohl, die Gleichgültigkeit meines unmittelbaren Umfelds zu ertragen. Menschen, die zwar über Informationen verfügen, aber aus Bequemlichkeit nicht bereit sind, einen Schritt in Richtung Veränderung zu machen. Was die Menschen den Tieren und der Natur antun, ist absolut erschütternd. Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen und zu akzeptieren, wozu Menschen fähig sind und wie sie ihr Handeln rechtfertigen können. Gleichzeitig versuche ich jedoch, meine Aufmerksamkeit vor allem auf die leidenden Tiere zu richten, nicht auf meine eigenen Gefühle. Ich bin kein Opfer; ich kann damit irgendwie umgehen oder mir gegebenenfalls Hilfe suchen. Sie haben diese Möglichkeit nicht.Glauben Sie, dass wir jemals ein Ende des Leidens der Tiere und der Zerstörung der Natur erleben werden? Und was würde Ihrer Meinung nach am meisten zu einer solchen Wende beitragen?
Manchmal glaube ich daran, manchmal verliere ich den Glauben. Das schwankt. Ich sehe viele positive Veränderungen, die mir Hoffnung geben, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Doch dann treten Umstände oder Ereignisse ein, die diesen Glauben schwächen. Bei unserer Arbeit zum Schutz der Tiere ist es meiner Meinung nach äußerst wichtig, die Hoffnung nicht zu verlieren und mit gutem Beispiel voranzugehen. Je mehr wir sind und je mehr Menschen sich dafür einsetzen, desto größer ist die Chance, dass sich tatsächlich etwas ändert. Und dass Veränderungen stattfinden, ist bereits heute sichtbar.Ich glaube, dass Aufklärung eine entscheidende Rolle spielt, und zwar schon von Kindesbeinen an. Kindern sollte kein verzerrtes Bild der Realität vermittelt werden, zum Beispiel, dass „eine Kuh Milch gibt“, ohne dass sie den größeren Zusammenhang kennen. Wenn wir offen darüber sprechen, woher tierische Produkte stammen und welche Auswirkungen sie haben, kann dies nach und nach die Wahrnehmung der gesamten Gesellschaft verändern.
Wichtig ist auch die Verfügbarkeit veganer Lebensmittel, damit diese ein fester Bestandteil von Schulkantinen, Büros oder sogar Tankstellen werden und gleichzeitig erschwinglich sind. Je einfacher es für die Menschen wird, sich für einen ethischeren Weg zu entscheiden, desto größer ist die Chance auf einen echten Wandel.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
September 2026