Strukturelle Benachteiligung Warum sich Mütter häufig unwohl fühlen

Mareice Kaiser Foto: © Leah Kunz

Supermama, Versorgerin, Mom I’d like to fuck – Mütter sollen heute möglichst vielen Idealen gleichzeitig entsprechen. Mit den überhöhten Erwartungen kommt das Gefühl, es nie allen recht machen zu können. Zudem sind in nahezu allen Lebensbereichen die Regeln unserer Gesellschaft nicht auf Mütter zugeschnitten. Was fehlt uns heute, damit Mütter frei und selbstbestimmt leben können?

„Mütter sind Menschen, die dafür sorgen, dass es allen gut geht. Dass alle das haben, was sie brauchen. Selbst wenn sie sich selbst dabei vergessen“, schreibt Mareice Kaiser in ihrem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter. Dass diese Rolle und dieser Anspruch oft mit einem dauernden Gefühl des Gehetztseins einhergehen, brachte sie vor drei Jahren in einem Essay für das Onlineportal ze.tt auf den Punkt, der den Deutschen Reporterpreis gewann. „Es tut mir leid, ich schaffe gerade gar nichts, außer überleben“, beschrieb sie damals einen typischen Dialog mit einer anderen Mutter.
 
Nun hat sich Mareice Kaiser dem Thema eingehender gewidmet und analysiert, woran das eigentlich liegt, dass sich Mütter so unwohl fühlen. Der Ausgangspunkt ist dabei eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2018, die belegt: Dreißig Prozent der Mütter erfahren in den ersten sieben Jahren ihrer Mutterschaft eine deutliche Verschlechterung ihres mentalen Wohlbefindens. Das Unwohlsein der modernen Mutter ist also nicht bloß ein griffiger Buchtitel, sondern Realität.
 
Kaiser schreibt aus der Perspektive einer getrennt erziehenden Mutter einer Tochter. Das Buch hat sie unter Extrembedingungen verfasst: Als sie mit dem Schreiben begann, kam die Corona-Krise, ihren neuen Job als Chefredakteurin des Online-Frauenmagazins Edition F trat sie im März aus dem Home-Office an. Wenig später, im April 2020, initiierte sie mit einem Tweet den Hashtag #CoronaEltern, der in den sozialen Netzwerken seitdem tausendfach geteilt wurde. „Was machen eigentlich Eltern, die nicht mehr können? Ich frage, nun ja, für fast alle, die ich so kenne“, schreibt Kaiser damals.
 
 

Keine Zeit für politisches Engagement

Wie kam sie auf die Idee, den Hashtag loszutreten? „Ich wollte eine Öffentlichkeit schaffen für die Überforderung der Familien. Gleichzeitig beobachtete ich, dass sich vor allem die Mütter zurückzogen, weil sie schlicht keine Zeit dafür hatten, sich neben Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung oder Homeschooling auch noch politisch zu engagieren“, so Kaiser. Auch sie konnte das nicht immer leisten. Unter dem Hashtag teilen Eltern heute immer noch ihre Erfahrungen. Kaiser selbst war von der Resonanz überrascht, hunderte Nachrichten erreichten sie in den sozialen Netzwerken. Eine Frau schrieb ihr sogar, dass sie ihre Kinderwunschbehandlung abgebrochen hatte. „Sie sagte, unter den jetzigen Bedingungen wolle sie nicht mehr Mutter sein. Das fand ich angesichts der Tatsache, wie viel Energie, Zeit und Geld man in eine solche Behandlung steckt, sehr vielsagend“, sagt Kaiser.
 
In ihrem Buch macht die Autorin eine umfassende Bestandsaufnahme, analysiert Gründe und Mechanismen der Benachteiligung und thematisiert den Druck, der auf Müttern lastet, in Bereichen wie Arbeit, Liebe, dem eigenen Körper und Geld. Dabei deckt sie immer wieder auf, wie strukturelle Probleme durch die Politik, aber auch durch Experten und Expertinnen sowie von Müttern selbst und von deren Umfeld individualisiert werden. Nach dem Motto: Stell’ dich nicht so an, es war doch deine Entscheidung, Kinder zu bekommen. Kaiser beschreibt, wie sehr das Thema Geld auch ihr Leben bestimmte – als Kind aus einer Arbeiterfamilie war ihr Weg zur Journalistin nicht vorgezeichnet. Sie machte zunächst eine Ausbildung, holte ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und absolvierte schließlich ein Volontariat. „Die einzige Phase meines Lebens, in der Geld kein bestimmendes Thema war, waren die zwei Jahre, bevor ich Mutter wurde”, schreibt sie. „Dann wurde ich Mutter, und damit waren die Geldprobleme wieder zurück. Das ist nicht mein persönliches Pech, sondern, keine Überraschung: strukturell bedingt. Und es gibt sogar einen Begriff dafür. Motherhood Wage Penalty steht für mutterschaftsbedingte Lohneinbußen.“

Das Unwohlsein der modernen Mutter - Cover © Rowohlt Polaris

Mütter werden abgestraft

Mutterschaft, so schreibt sie weiter, trage maßgeblich dazu bei, dass Frauen weniger verdienen. Denn der Gender Pay Gap, also die Tatsache, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich 20 Prozent weniger pro Arbeitsstunde verdienen als Männer (Stand 2019), ist eng mit der Tatsache verknüpft, dass es meistens die Frauen sind, die nach der Familiengründung beruflich zurückstecken – was sich auch in niedrigeren Renten und Altersarmut niederschlägt. Immer wieder deckt Kaiser anhand von vermeintlich persönlichen Problemen Strukturen auf, die Mütter benachteiligen.
 
Dabei geht es viel um Geld, um die finanziellen Einbußen, die Mütter in Kauf nehmen müssen, weil die kapitalistische Arbeitswelt nicht auf Menschen zugeschnitten ist, die Kinder zu versorgen haben – die Tragweite des Satzes „Zeit ist Geld“ wird hier schmerzlich deutlich.
 
In einem Essay für Zeit Online anlässlich des Muttertags schreibt Kaiser:
 

„An Müttern sehen wir die Auswirkungen von Familien-, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik, und zwar von allen gleichzeitig. Eigentlich ist es ganz einfach: Stellen Sie sich eine allein oder getrennt erziehende Mutter von drei Kindern vor, eines davon mit einem erhöhten Pflegebedarf, vielleicht mit einer Behinderung. Wie kann diese Mutter, wie kann diese Familie ein gutes Leben führen? Mit Zeit für ihre Kinder, mit Zeit für ihre Erwerbsarbeit und mit Zeit für sich selbst? Wenn die Politik Rahmenbedingungen für diese Familie schafft, werden wir alle ein besseres Leben haben.“

Dabei ist für sie Mutterschaft nicht das Problem, und das formuliert sie auch deutlich in ihrem Buch: „Ich liebe es, Mutter zu sein. Was ich nicht liebe: die Strukturen unserer Gesellschaft, die weder gemacht sind für Menschen mit Kindern noch für Kinder selbst“, schreibt sie dort. Ein Satz, bei dem wohl viele Mütter mit dem Kopf nicken. Denn von einer solchen Gesellschaft sind wir tatsächlich noch weit entfernt – und gleichzeitig würden nicht nur die Mütter davon profitieren, wenn die Arbeitswelt für alle mehr Vereinbarkeit mit dem Privatleben bietet. Sogar Menschen, die keine Kinder haben.

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