Polyamorie Mangel als erotisches Vorspiel

Polyamorie Foto: Laura Ockel via unsplash | CC0 1.0

Die Theologin und Dichterin Magdaléna Šipka leidet oft an Mangelerscheinungen – sie sehnt sich nach einem Gefühl der Sicherheit und des Verständnisses, wovon sie trotz mehrerer polyamorer Beziehungen, eines Freundeskreises und liebevollen Zuhauses häufig nicht genug bekommt. Sie entschied sich dazu, diesen Mangel anders zu betrachten – als Warten auf etwas Wahrhaftiges.

Auf dem Mangel basiert unser gesamtes ökonomisches System. Wir werden bis in alle Ewigkeit Schulden abbezahlen, die wahrscheinlich noch vor unserer Geburt entstanden sind. Auch in unseren Beziehungen werden wir oft vom Mangel angetrieben. Wir sehnen uns nach einem Gefühl der Erfüllung, der Sicherheit, des Verständnisses. Aber es gibt hier niemanden, der einem exklusiv zur Verfügung steht, der alles versteht, der die volle Sicherheit bieten und uns vor allem da Draußen schützen kann. Und wenn wir schon so eine alles-rettende Beziehung suchen, wird diese doch meistens selbst zu einem Hindernis in unserem Leben. Wir sind in ihr eingesperrt, wir können nicht atmen, wir werden wieder zu Kindern, die an die Mutterbrust gekettet, an ihr festgesaugt sind.
 

Nach der Suche nach dem idealen ‚Ehemann‘ erwische ich mich dabei, wie ich mit ähnlicher Leidenschaft nach der perfekten ‚besten Freundin‘ fahnde. Nach einer, die ich jederzeit anrufen kann.“

Die Sehnsucht nach Verschmelzung

Meine Beziehungen sollten mich vollkommen erfüllen – als polyamorer Mensch habe ich gleich ein paar davon. Ich hatte Glück, habe viel Energie hineingesteckt und aus weiteren erstaunlichen Gründen gelang es mir so etwas wie ein Zuhause zu finden, einen Freundeskreis aufzubauen. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass etwas in mir nicht gehört wird. Ich habe also genug Partner, aber was ist mit Freunden? Nach der Suche nach dem idealen „Ehemann“ erwische ich mich dabei, wie ich mit ähnlicher Leidenschaft nach der perfekten „besten Freundin“ fahnde. Nach einer, die ich jederzeit anrufen kann.
 
Am Ende ist aber das, was bleibt, genau diese Sehnsucht nach einer Verbindung, eine merkwürdige Art der Einsamkeit, die mich umgibt. Dieses Gefühl wird man nicht so einfach los. Es ist letztendlich die Zeit, die ich alleine verbringe, die mich vom Erwachsenwerden bis ins Erwachsensein begleitet. Das Verhältnis zu sich selbst bezeichnet man als „Selbstliebe“ oder „Selbstfürsorge“. In Momenten des Mangels, der Einsamkeit, des Dahintreibens ist es aber auch unsere gesamte Haltung zum Leben, die ins Spiel kommt. Nicht mal alleine mit uns selbst sind wir alleine mit uns selbst.
 
Rezepte zur Behandlung des ewigen Mangels gibt es in Büchern über Polyamorie, wie zum Beispiel in Schlampen mit Moral (The Ethical Slut, 1997) der Autorinnen Dossie Easton und Janet Hardy. Sie empfehlen, sich auf sich selbst und die eigenen Unsicherheiten zu konzentrieren. In Phasen der Eifersucht sollen wir das perfekte Date nur mit uns selbst arrangieren. Sich eine Badewanne einlassen, etwas Gutes essen. Den eigenen Körper erforschen, sich genug Zeit und Raum nehmen, um zum Beispiel zu masturbieren. Versuchen die Erwartungen zu relativieren, dass andere den Schlüssel zu unserer Zufriedenheit besitzen, uns eine Atempause verschaffen können. Eifersucht wird als ein Gefühl verstanden, das aus Unsicherheit gespeist wird. Ein Gefühl, dass unser Status instabil ist, wir ihn leicht verlieren können, dass wir keinen einzigartigen Wert haben und für andere ersetzbar sind.

Allein mit unseren Gedanken

Wenn wir bei der Selbstfürsorge versagen, muss ein anderer für uns übernehmen. Wir suchen fachliche Hilfe, die uns dabei unterstützt uns selbst zu helfen. Meine Therapeutin, eine Fachfrau für Hypersensitivität, nahm mich immer mit auf Ausflüge in den Wald, bei denen der ganze Wald zu uns sprach – die Bäume, Büsche, Bergpfade, Höhlen. Wenn wir für einen Moment keine Menschen um uns herum haben, kann der Rest des Universums zu uns sprechen. Wir bemerken andere Lebewesen, wir sprechen aus Mangel und purer Freude zu Blumen, die dieselbe Farbe haben wie unsere Augen.

Allein mit unseren Gedanken können wir die Qualität eines festen Punkts erfühlen, auch wenn die Emotionen uns weiter hin und herwerfen.“

Buddhistische Mönche würden bei einem zwanghaften Gefühl des Mangels Meditation verordnen – sich mit sich selbst in die Stille begeben. Übrigens hat mir einmal mein evangelischer Pfarrer etwas Ähnliches beigebracht. Allein mit unseren Gedanken können wir die Qualität eines festen Punkts erfühlen, auch wenn die Emotionen uns weiter hin und herwerfen.
 
Nach der Rückkehr zur Erde stelle ich fest, dass das Äußerste, was ich für die Menschen um mich herum tun kann, ist, nicht von ihnen zu verlangen, meine Leere und diesen extremen Mangel auszufüllen. Sie sind für mich nicht die ultimative Antwort des Universums. Ich sollte ihre Annahme und Bestätigung nicht als einzigen Sinn des Lebens betrachten, nicht abhängig sein von ihrem „Ja“ zu meinem Überleben.
 
Der Ausgleich des Mangels, das Stillen des Hungers, dieser Friede, der sich im Geist ausbreitet, kommt sowieso nicht als erzwungene Antwort. Die erzwungene Liebe ist schon keine Liebe mehr, Sex aus Mitleid ist kein Lieben, Gewalt zerstört Nähe. Ähnlich beschreiben das Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben – das Erleben einer Vergewaltigung ist etwas vollkommen anderes als Sex. Dies kann im Gegenteil in manchen Fällen das positive Erlebnis der physischen Liebe „kontaminieren“, auf ihr den Abdruck des Missbrauchs hinterlassen, der nur schwer abzuwaschen ist. Mir wurde berichtet, dass Opfer sexualisierter Gewalt das Gesicht des Täters wieder und wieder vor ihrem geistigen Auge sehen, und das zum Beispiel auch beim Sex mit dem Freund. Vergewaltigern geht es nämlich oft nicht um die sexuelle Befriedigung an sich, die sie auch anderswo bekommen könnten, sondern um die Macht über einen fremden Körper.

Die Verschmelzung von Körpern als Machtspiel

Vor kurzem wurde Tschechien vom Fall des jungen Abgeordneten Dominik Feri erschüttert, der Frauen zum Sex gezwungen und anderweitig belästigt hatte. (Die Aussagen mehrerer Frauen über ihre Erlebnisse wurden von den Journalist*innen Apolena Rychlíková von der Zeitschrift Alarm und Jakub Zelenka von der Tageszeitung Deník N veröffentlicht.) Welchen Durst stillt aber eigentlich der Akt der sexualisierten Gewalt? Wahrscheinlich ist das nicht nur die Sehnsucht nach Liebe und zwischenmenschlicher Kommunikation, denn genau diese werden Menschen, die solche Taten begehen, am Ende nicht erhalten. Es ermöglicht ihnen eher, das, was sie sich wünschen, gegen den Willen des anderen zu bekommen. Es geht auf einmal um ein Machtspiel, und nicht um die Verschmelzung von Körpern und Seelen.
 
Wenn wir das Liebesleben als Aufeinandertreffen betrachten, versuchen wir die Klischees und Stereotypen zu vermeiden, die mit sexuellen Szenarien verbunden sind. Ein klassisches Szenario kann die Vorstellung penetrativen Sexes als Höhepunkt von Intimität sein, eines Ausdrucks unlösbarer Fesseln, der Vorstellung von etwas Höherem, das wir wahrscheinlich nur mit einem einzigen Menschen teilen sollten, das unsere Beziehung vollkommen verändert und der ultimative Liebesbeweis ist. Als ob die anderen Ausdrucksformen von Intimität weniger wären – zum Beispiel wird Oralsex allgemein unterschätzt, wir halten ihn automatisch für das Vorspiel.

Das Gefühl des Mangels muss nicht immer zur Folge haben, dass wir versuchen diesen aktiv auszugleichen und uns wieder in Balance zu bringen, unsere Sehnsüchte zu erfüllen.“

Das Bedürfnis, sich durch Sex seines eigenen Wertes zu versichern (durch tiefe Verbundenheit und wer weiß was noch), lässt zartere Beweise der Intimität wie Umarmungen, Massagen oder einfach das Küssen verblassen. Dabei erzählt der Psychotherapeut Jan Vojtko in seinem Buch Beziehungen und Mythen (Vztahy a mýty, 2020) von einem Paar, das nur ein paar Mal im Jahr Sex miteinander hatte. Sie waren aber trotzdem glücklich miteinander und berührten sich ständig auf intime Weise. Zur Therapie kamen sie, um sich zu vergewissern, dass eine Beziehung auch so aussehen kann, obwohl ihnen die Gesellschaft etwas anderes diktiert.

Zartere Beweise von Intimität

Damit hängt auch die Betrachtung des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit insgesamt zusammen. Die Behörden im Kreis Südmähren befanden die Reklame eines Pfandhauses in Brno mit der Fotografie einer nur mit einem Slip bekleideten jungen Frau als sexistisch. Auf Grundlage des Gesetzes zur Regulierung von Werbung verhängte der Kreis eine Geldstrafe über das Unternehmen. Wie lange aber gab es davor übersexualisierte Werbung voller genormter, entkleideter Körper? Genauso wie Reklame den Appetit auf Essen mit viel zu viel Zucker, Fett und ohne wirkliche Nährstoffe steigern soll, lockt uns sexistische Werbung mit dem Duft nach Sex, dem aber die Intimität fehlt, die sein eigentliches Wesen sein sollte.
 
Das Gefühl des Mangels muss nicht immer zur Folge haben, dass wir versuchen diesen aktiv auszugleichen und uns wieder in Balance zu bringen, unsere Sehnsüchte zu erfüllen. Vielleicht ist es viel eher ein Moment des Wartens auf etwas Wahrhaftiges, das erst zu einem späteren Zeitpunkt in unser Leben treten wird. Ohne Mangel gäbe es keine Sehnsucht, die der Erfüllung von Wünschen vorangeht. Eine bestimmte Art von Mangel können wir als Einladung, als Erwarten begreifen. Die Erfüllung kommt dann ganz von selbst, zufällig, mit dem Morgentau. Sie kommt wie eine schüchterne Umarmung und wärmt umso mehr, je länger wir auf sie gewartet haben.

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