Psychologie des Mangels Warum fehlt uns ständig etwas, um glücklich zu sein?

Vladimír Hambálek Foto: © privat

Zusammen mit dem erfahrenen Psychotherapeuten Vladimír Hambálek wollen wir uns auf die Suche nach den Ursachen für eine wahrscheinlich universelle menschliche Überzeugung machen, nämlich, dass wir nicht genug haben. Warum leiden wir unter Mangel, auch wenn es uns objektiv an nichts fehlt? 

Wir werden auch aus unterschiedlichen Perspektiven das Gefühl betrachten, dass wir selbst – so wie wir sind – nicht ... (tragt ein beliebiges Adjektiv ein) genug sind. Wir werden uns mit dem Gefühl des Mangels befassen, das Teil unserer Identität geworden ist und dessen Auswirkungen sich in unserem Handeln, in unseren Beziehungen und in der Gesellschaft insgesamt zeigen. Haben wir eine Chance, diesen Hunger zu stillen?
 

Vladimír Hambálek ist seit 1997 als Psychotherapeut und Eheberater, Einzel- und Teamcoach, Supervisor im Bereich Sozialdienste, psychologische Beratung und Coaching, Trainer für Managementfähigkeiten und Familienmediator tätig.
 
Er arbeitete als Sozialarbeiter und Methodiker für psychologische Beratungsdienste und ist Mitbegründer der Gesellschaft Coachingplus. Weiterhin ist er Mitglied der Slowakischen Vereinigung von Coaches, des European Mentoring and Coaching Council, der Slowakischen Gesellschaft für Psychotherapie, des Verbands der Ehe- und Familienberater und anderer Berufsverbände.

Der langjährige Meditationslehrer Craig Hamilton sagt, dass Unzufriedenheit unsere grundlegende existenzielle Spannung ist. Sie zwingt uns ständig dazu, unseren Blick von der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks weg auf etwas Besseres in der Zukunft zu richten. Die gute Nachricht ist seiner Meinung nach, dass wir uns von dem Gefühl der Unzulänglichkeit und des Mangels befreien können. Beschäftigt sich auch die Psychologie mit dem Phänomen, dass wir mehr oder weniger bewusst davon überzeugt sind, nicht gut genug oder zu unvollständig zu sein, um unser Leben sinnerfüllt zu leben?

Dies ist ein sehr häufiges Thema in Beratungs- oder Therapiegesprächen. In der psychotherapeutischen Praxis sprechen wir über das Konzept des Selbst, des Selbstvertrauens, des Selbstwertgefühls und der Selbsteinschätzung. In der Therapie sprechen gerade Klienten mit geringem Selbstwertgefühl davon, nicht gut genug zu sein.

Alle Bedürfnisse sind an den Kontext einer Beziehung zu einem anderen Menschen gebunden. Niemand ist eine isolierte Insel. Der Mensch kann immer nur in Beziehung überleben.“

Aber kennt die Psychologie selbst den Begriff des Mangels als solchen?

Wenn wir aus Sicht der Psychologie über den Begriff des Mangels sprechen, dann können wir ihn durch die Konzepte Bedürfnis und Motivation betrachten.
 
Ob die Psychologie direkt mit dem Begriff des Mangels arbeitet, weiß ich nicht. Abraham Maslow, der Gründervater der humanistischen Psychologie, spricht zum Beispiel von Bedürfnissen. Bekannt ist seine hierarchische Bedürfnispyramide, in der er zwischen Mangelbedürfnissen und Wachstumsbedürfnissen unterscheidet. Wenn in dieser Wertehierarchie ein Bedürfnis befriedigt ist, wird das nächste Bedürfnis dominant. Ein Bedürfnis ist nicht motivierend, wenn in der Hierarchie der Werte ein anderes Bedürfnis vor ihm steht, das noch nicht mehr oder weniger befriedigt ist.

Kannst du das konkretisieren?

Wenn wir uns zum Beispiel nicht sicher fühlen, können wir nicht produktiv sein oder Beziehungen aufbauen. Es bedeutet aber auch, dass ein befriedigtes Bedürfnis für den Menschen keine Motivation mehr darstellt. Umgekehrt führt es aber zu psychischen Störungen, wenn die eigenen Bedürfnisse über einen langen Zeitraum hinweg nicht erfüllt werden.
 
Des Weiteren wird im Bereich der Arbeitspsychologie häufig Herzberg erwähnt.
 

Der US-amerikanische Professor der Arbeitswissenschaft und der klinischen Psychologie Frederick Herzberg (*1923 - †2000) stellt zwei Arten von menschlichen Bedürfnissen fest. Die Erfüllung des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung führt zu langfristiger Zufriedenheit, aber bis es erfüllt ist, ruft es selten Unzufriedenheit hervor. Dazu gehören Erfolg, Leistung, Arbeitszufriedenheit, Anerkennung, Verantwortung, Beförderung, beruflicher Aufstieg und persönliche Entwicklung. Das Bedürfnis nach Schmerzbeseitigung wird durch die so genannten Hygienefaktoren im Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen erfüllt. Ihre Befriedigung ist nur von kurzer Dauer und ihr Mangel führt zu Unzufriedenheit. Dazu gehören betriebliche Zusatzleistungen, Arbeitsbedingungen, Gehalt, gute Beziehungen zu Untergebenen und Vorgesetzten.

Wie unterscheiden sich höhere, also überstrukturelle Bedürfnisse von den Grundbedürfnissen?

Grundbedürfnisse, insbesondere die physiologischen Bedürfnisse, müssen befriedigt werden, um zu überleben. Die überstrukturellen Bedürfnisse müssen wir befriedigen, damit wir gesund bleiben.

Können wir diese Bedürfnisse selbst befriedigen?

Alle Bedürfnisse sind an den Kontext einer Beziehung zu einem anderen Menschen gebunden. Niemand ist eine isolierte Insel. Der Mensch kann immer nur in Beziehung überleben. Dies ist vor allem in den ersten Lebensjahren und in der Kindheit, die uns psychologisch prägt, von großer Bedeutung. Die Art und Weise, wie wir in den ersten Lebensjahren behandelt werden, insbesondere in unseren Beziehungen zu den uns am nächsten stehenden Menschen, hat einen großen Einfluss darauf, was für eine Art Mensch wir werden.

Zu den Grundbedürfnissen gehört neben den körperlichen Bedürfnissen auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Daraus entwickelt sich dann das Vertrauen in andere und die Nähe zu anderen, durch die Erlebnisse in den Beziehungen zu unseren primären Bezugspersonen. Wenn wir in einer Beziehung, in der unsere Bedürfnisse erfüllt wurden, Sicherheit erfahren haben, können wir Vertrauen aufbauen und der Welt und anderen Menschen offen gegenübertreten.

Wie äußert sich das im späteren Leben?

Manche Menschen hatten das Glück und leben ihre innere und zwischenmenschliche Welt in solch einem sicheren Modus, sie vertrauen sich selbst und anderen Menschen und sind offen und fähig, sich ihre Bedürfnisse nach Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung, Respekt, Achtung und auch Selbstverwirklichung zu erfüllen, weil sie, wie John Bowlby [*1907 - †1990, britischer Kinderpsychiater und Pionier der Bindungstheorie, Anm.d.Red.] sagt, eine sichere Bindung haben.

Nicht alle hatten dieses Glück...

Viele Menschen haben eine unsichere, ein kleiner Teil der Bevölkerung sogar eine desorganisierte Bindung. Wer wir sind und wie wir auf der psychischen Ebene das Gefühl, gut genug oder eben nicht gut genug zu sein, erleben, hängt sehr stark damit zusammen, was wir als Kinder erlebt haben und welche Erfahrungen wir in den Beziehungen zu unseren Eltern verinnerlicht haben. Wenn ein gutes Fundament vorhanden ist, auch in dem Sinne, dass sich die oben erwähnte Sicherheit herausgebildet hat, dann können wir leichter darauf aufbauen und die von Maslow weiter oben in die Pyramide eingruppierten Bedürfnisse erfüllen.

Wenn Therapeuten nicht daran glauben würden, dass Menschen korrigierende Erfahrungen machen können, würden sie ihren Beruf nicht ausüben.“

Lass uns das subjektive Erleben des eigenen Mangels betrachten. Wenn ein Mensch das Gefühl hat, als derjenige, der er ist, nicht vollständig oder gut genug zu sein.

Mit wem vergleiche ich mich? Wodurch finde ich Ruhe? Wie kann ich akzeptieren, wer ich bin, und es annehmen, dass ich in diesem Moment nur so bin, wie ich bin, mit der Möglichkeit der Freiheit und der damit verbundenen Veränderung? Das sind auch Fragen, mit denen wir uns an unseren Arbeitsplätzen beschäftigen.

Und auch das ist wieder eine reine Frage von Beziehungen. Wenn ich mich als unzulänglich empfinde, erliege ich dem Mythos der Subjektivität. Aber so etwas gibt es nicht, so etwas wie „jemand“, der unzureichend oder nicht gut genug ist. Wir stehen immer nur in einer Beziehung zu jemandem. Auch das Selbstkonzept [Selbstvorstellung, Selbstwahrnehmung, Selbstbild, Anm.d.Aut.] ist im Grunde nur ein Beziehungskonzept. Es sind lediglich verinnerlichte Erfahrungen, die wir mit anderen Menschen gemacht haben.

Wer sind wir dann?

Physische, psychische, aber auch soziale Wesen. Einige würden möglicherweise noch eine spirituelle Komponente hinzufügen. Die Psyche ist immer physiologisch, biografisch, aber auch sozial bedingt. So etwas wie ein einzelnes Individuum, das von anderen Menschen isoliert ist, gibt es nicht. Hat es nie gegeben und voraussichtlich wird es das auch nicht geben. Wie ich bereits angedeutet habe, auch wenn wir allein sind, sind die Bewohner unserer inneren Welt bei uns, unsere inneren Beziehungen und die Erfahrungen aus diesen Beziehungen.

Jetzt klingst du wie ein Mystiker.

Das ist Mainstream-Psychologie. Auch Studien bestätigen das.

Aha...

Wirklich. Dass wir Individuen sind, ist ein Mythos. Ja, unsere Entwicklung sollte zur Individuation, führen, zu einer gewissen klaren Identität und Abgrenzung von anderen. Aber im Grunde ist unsere Identität Beziehung und durch Beziehungen geformt.

Die Frage der Bindung interessiert mich. Es scheint so, als ob unser Gefühl des Mangels im Erwachsenenalter dort irgendwo seinen Ursprung haben könnte.

Wie wir gebunden sind, entspringt der Erfahrung von befriedigten Bedürfnissen oder von Mangel in der frühen Kindheit. Bereits zu diesem Zeitpunkt formt sich das Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, die Selbstsicherheit und wir machen auch die Erfahrung, dass unser Selbst genug ist. In der Kindheit beginnt das Bewusstsein, dass ich in Ordnung bin, so wie ich bin – die Inder nannten es angeblich früher „Ich bin okay, du bist okay.“
 

Die Bindungstheorie (Theory of Attachment) beschäftigt sich damit, wie sich die primäre Beziehung zwischen Mutter und Kind auf die spätere Entwicklung des Kindes und das Erwachsenenleben auswirkt. Dies wird auch durch neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaften über die Gehirnentwicklung bestätigt.

Ist es möglich, die Folgen einer unsicheren Bindung zu überwinden?

Wenn Therapeuten nicht daran glauben würden, dass Menschen korrigierende Erfahrungen machen können, würden sie ihren Beruf nicht ausüben.

Wie können wir korrigierende Erfahrungen machen?

Wieder in einer Beziehung. Zum Beispiel zu einem Psychotherapeuten. Man erfährt, dass man so sein kann, wie man ist, und dass diese Erfahrung im Laufe der Zeit in verschiedenen Erlebnissen verinnerlicht werden kann. Wenn man sich im Leben nicht stark bedroht fühlt, kann man seine innere Einstellung ändern, und statt eine eigene Unzulänglichkeit wahrzunehmen, zum Gefühl gelangen, zu genügen.

Wie viele Menschen sind sicher gebunden?

Es wird von 50 Prozent der Menschen ausgegangen. Jozef Hašto, ein slowakischer Experte für Bindungstheorie, spricht von 35 Prozent in der Slowakei.
 
Seine Tochter und Kollegin Natália Kaščáková hat mit einem Forschungsteam vor Kurzem eine Studie darüber veröffentlicht, wie sich Kindheitstraumata im Erwachsenenleben widerspiegeln. Ich erwähne das deshalb, weil eine gute Bindung uns so sehr wie nichts anderes hilft, traumatische Situationen, die uns im Leben begegnen, besser zu bewältigen. Menschen mit unsicherer oder desorganisierter Bindung reagieren um einiges schlechter auf neue, andere Situationen mit traumatischem Potenzial.

Jedes Gefühl hat irgendeine Funktion, einen Sinn. Der Begriff selbst beinhaltet oder impliziert eine Bewegung in eine bestimmte Richtung: E-Motion.“

Also spiegelt sich das auch in der Psychotherapie wider?

Ja. Wenn du einen Menschen behandelst, ist es wichtig zu wissen, ob man ein bestimmtes Symptom wie Depression, Angst oder Alkoholsucht behandelt oder ob man den ganzen Menschen behandelt. Das sind zwei verschiedene Dinge. Man muss wissen, wen man behandelt. Wenn jemand eine schlechte Grundlage oder eine zerbrechliche Persönlichkeit hat, ist die Arbeit mit dieser Person viel schwieriger. Man arbeitet nicht nur mit dem Symptom, sondern mit dem gesamten Menschen, mit seiner Zerbrechlichkeit, seiner kompletten Biografie. Und also auch mit dem Misstrauen gegenüber allen möglichen Dingen.
 

Gábor Maté, weltweit anerkannter Experte für Sucht und Trauma, sagt, dass das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit und die Unfähigkeit, sich selbst zu erlauben, zufrieden damit zu sein, so wie wir sind, Teil eines Traumas ist, das fast jeder von uns seit seiner Kindheit in sich trägt. Ein Trauma sei wie ein Riss, der uns von unserem wahren Selbst und von einer unvoreingenommenen Wahrnehmung der Realität im Hier und Jetzt trennt.

Auf welche Weise beeinflusst ein Trauma, das wir als Gefühl der Unzulänglichkeit des eigenen Selbst wahrnehmen können, unser Verhalten?

Die Symptome können variieren. Von sehr kritischen Gedanken zum eigenen Selbst, über ein Spektrum von emotionalen Problemen bis hin zu Problemen in Beziehungen zu anderen Menschen.
 
Es zeigt sich die Haltung „Ich bin okay, du bist nicht okay“, wenn eine Person davon überzeugt ist, dass ihr Leid von anderen Menschen verursacht wird. Diese Person glaubt, dass andere sich über sie lustig machen, sie verletzen wollen und dass die Welt ein gefährlicher Ort ist. Dieser Mensch glaubt, dass es ihm oder ihr nicht gut geht, weil die Leute ihn oder sie nicht mögen. Diese Überlegenheit oder Superiorität dient diesen Menschen dann als Kompensation.
 
Auf der entgegengesetzten Seite der imaginären Skala gibt es die Haltung „Ich bin nicht okay, du bist okay“. Dann stehen die Symptome im Zusammenhang mit einer abwertenden Haltung gegenüber dem eigenen Selbst und emotionalen Problemen mit sich selbst. Dann erlebt die Person Angst, Scham, Wut auf sich selbst oder massive Schuldgefühle und die bereits erwähnte Unzulänglichkeit.

Die Folge einer Verletzung ist also eine komplizierte Beziehung zu sich selbst und zur Welt. Doch wie äußert sich dies im Verhalten? Vermutlich muss das nicht einmal zu sozial unangemessenem Verhalten führen.

Es gibt verschiedene Arten der Kompensation. Ein solcher Mensch kann beispielsweise ein gieriger Unternehmer oder ein Macho sein. Eine andere Möglichkeit ist etwa, dass jemand viel arbeitet. Die Person kann so akribisch sein, dass sie sich keinen Raum für die eigenen Bedürfnisse oder Zeit für sich selbst nimmt. So wie es viele verschiedene Symptome gibt, so gibt es auch viele verschiedene Arten von Reaktionen.
 
Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Entweder nehme ich mich selbst und meine Bedürfnisse und Erfahrungen nicht wahr, werte sie ab und verleugne sie, schenke mir selbst nicht genug Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe, oder aber ich bin nicht in der Lage, anderen gegenüber sensibel zu sein, mir liegt nichts an ihnen und bin nicht in der Lage, Liebe und Fürsorge zu geben. Das zeigt sich immer in Beziehungen. Entweder mir selbst oder anderen gegenüber.

Welche Funktion haben Gefühle?

Jedes Gefühl hat irgendeine Funktion, einen Sinn. Der Begriff selbst beinhaltet oder impliziert eine Bewegung in eine bestimmte Richtung: E-Motion. Wut dient tendenziell dazu, uns zu schützen oder uns zu aktivieren. Angst schützt auch, aber so, dass wir vor dem fliehen, was uns bedroht. Bei Traurigkeit kann es darum gehen, sich abzureagieren, um Befreiung. Innere Anspannung oder Erregung bezieht sich auf die Beziehung oder den Kontakt, auf den ich mich einlasse. Freude kann bedeuten, Nähe oder Intimität zu schaffen.

Welche Probleme haben wir mit diesen Gefühlen?

Dass Menschen, die Gefühle erleben, sich diese nicht wirklich bewusst machen und nicht erkennen können. Deshalb können sie die darin enthaltenen Informationen auch nicht erkennen. Oder sie durchleben die Gefühle zwar, aber nicht so, dass sie zufrieden sein können. Sie sind davon ständig überfordert und können sie nicht regulieren.

Mit dem Gefühl des Mangels oder der Unzulänglichkeit sind auch Abhängigkeiten eng verbunden. Kannst du näher erläutern, welche Rolle sie dabei spielen?

Ich bin kein Facharzt für Suchtkrankheiten oder Suchtspezialist, also werde ich mich nicht in klinischen Begriffen ausdrücken. Ich habe von Maté nicht sehr viel gelesen, aber ich persönlich sehe eine menschliche Tendenz zu Abhängigkeiten aller Art. Es ist der Wunsch, den Bewusstseinszustand zu verändern, eine Art Versuch, einer überwältigenden Realität zu entkommen. Wir suchen entweder Befreiung oder Stimulation.

Sprechen wir auch über nicht stoffgebundene Süchte?

Ja, alle Süchte bieten uns einen veränderten Bewusstseinszustand.

Was ist deiner Meinung nach ein veränderter Bewusstseinszustand?

Wenn ich mich in einem bestimmten Moment nicht mit mir selbst oder der Realität, die mich gerade umgibt, auseinandersetze. Ich bin einfach auf der Flucht. Das Wichtigste, vor dem ich fliehe, ist genau die Sache, von der ich mich abgewandt und der Sucht zugewandt habe.

Würde man uns in eine andere Kultur verpflanzen, würden viele von uns dort als verrückt und seelisch krank angesehen werden.“

Warum suchen wir Befreiung oder Stimulation?

Jede Sucht bietet das Lustprinzip, und zwar meist auf einfache Art und Weise. Aber wir brauchen es. Menschen brauchen tatsächlich diese Art von Erfahrungen, die, wenn wir es übertreiben und nicht regulieren können, zu Abhängigkeiten werden. Bisweilen kann das auch sehr zerstörerisch sein. Die Freude, die Euphorie oder die Entspannung, die die Stimulation oder umgekehrt die Entspannung uns bringt, führt zu dem, was für einen bestimmten Menschen wertvoll ist. Das ist die Art und Weise, wie er seine physiologischen und psychologischen Bedürfnisse befriedigt, sich dabei aber selbst schadet.

Was genau brauchen wir denn davon?

Das ist Teil des Konzepts der Bedürfnisse. Wenn wir süchtig nach Arbeit sind, gibt sie uns etwas, sie erfüllt ein Bedürfnis. Entweder müssen wir von etwas wegkommen, oder wir müssen etwas bekommen. Beide Aspekte können gleichzeitig vorhanden sein. Durch unsere Arbeit wollen wir Anerkennung, Wertschätzung oder Befreiung erfahren. Oder entkommen.

Könnte das ein Weg sein, um Schmerz oder Existenzangst zu entkommen?

So ist es. Wenn man sich mit der Realität konfrontiert, konfrontiert man sich mit sich selbst.

Umso mehr, wenn man mit einer Realität konfrontiert ist, zu der man ein gestörtes Verhältnis hat!

Und das entspringt unserer besagten Zerbrechlichkeit, da uns nicht nur positive Dinge widerfahren sind. Irgendetwas haben wir in Beziehungen erlebt, sodass wir uns zum Beispiel in unserem Dasein unzulänglich fühlen.

Die Kultur, in der wir leben, ist ebenfalls Teil unserer Realität. Könnte unser Gefühl der Unzulänglichkeit mit dem zusammenhängen, was die jüdisch-christliche Tradition als Erbsünde bezeichnet?

Dieser Gedanke dreht sich eher um das Konzept des Guten. Im jüdisch-christlichen Verständnis, wie ich es laienhaft interpretiere, weichen wir vom Guten eigentlich schon allein durch unser Menschsein ab. Wir haben Früchte vom Baum der Erkenntnis gepflückt, wir haben gegen ein göttliches Gebot verstoßen. Und wenn etwas ein göttliches Gebot ist, dann ist es gut. Destruktiv interpretierte religiöse Vorstellungen können massive Schuldgefühle, Scham und die Erfahrung auslösen, nie gut genug zu sein.

Aber Spiritualität muss nicht nur destruktiv sein...

Eine reife Spiritualität versteht das Gute als etwas anderes, als automatisch zu akzeptieren, was die Herren Pfarrer sagen. Oder was der Vater sagt. Was die Mutter sagt. Bei der Erfahrung des Heiligen oder der Spiritualität geht es nicht unbedingt um ein von Menschen gemachtes und religiös geheiligtes Konzept dessen, was man soll und was man muss.

Beeinflusst Religion unser Gefühl der Unzulänglichkeit?

Ich betone, dass ich kein Religionswissenschaftler bin. Ich glaube jedoch, dass die Gesellschaft und ihre Institutionen, einschließlich der Religion und der Kirche, der wir angehören, unsere Erfahrung von Zulänglichkeit oder Unzulänglichkeit in hohem Maße mitbestimmen. Wir haben darüber gesprochen, wie dieses Gefühl in der Kindheit und später in Beziehungen zu uns nahestehenden Menschen entsteht und wie wir es dann subjektiv erleben. Ob wir uns okay fühlen, ist jedoch bei weitem nicht das Einzige, was zählt.
 
Alle sozialen Strukturen, in denen wir uns befinden – von den Erfahrungen in der Familie über Erziehungs-und Bildungseinrichtungen, Arbeit und Gesellschaft, bis hin zur Kultur als Ganzes – tragen gemeinsam in hohem Maße zu der Erfahrung bei, ob wir uns okay und angenommen fühlen oder eben nicht.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Würde man uns in eine andere Kultur verpflanzen, würden viele von uns dort als verrückt und seelisch krank angesehen werden. Während wir uns hier gegenseitig auf die Schulter klopfen, wie toll wir sind, wie erfolgreich, wie hart wir schuften und unser Leben der Arbeit widmen...

Ohne kritische Reflexion, die durch die Familie und vor allem durch das Bildungssystem vermittelt wird, werden wir zu Personen, die akzeptieren, was um uns herum geschieht.“

Die Medien als Teil der Kultur tragen wahrscheinlich auch dazu bei, dass wir uns in manchen Dingen ausreichend und in anderen unzureichend fühlen. Und doch muss das nicht notwendigerweise mit der Realität übereinstimmen. Wir fühlen uns vielleicht aufgrund von vermittelten Rollenmodellen und der Wirkung von Nachrichten nicht hübsch, nicht reich oder nicht sicher genug. Was hältst du davon?

Ich bin sicher, dass es Forschungen oder wissenschaftliche Arbeiten gibt, die deine Frage genau beantworten, ich kann nur als Laie sprechen. Ich persönlich stimme zu, dass das von uns diskutierte Thema des Gefühls von Mangel auch sehr stark mit den Medien zusammenhängt.
 
Aber ich würde lieber über Kultur im Allgemeinen sprechen. Denn die Kultur wird nicht nur durch die Medien geprägt. Wir haben so viele Bräuche und Rituale. Das bezieht sich alles darauf, wie unsere Identitäten erwartungsgemäß sein sollen.

Wie funktioniert das?

Die Kultur bringt zum Beispiel die Erwartungen mit sich, wie eine richtige Frau aussieht, wie ein Mann gebaut ist. Wie eine Familie sich zusammensetzt. Und diese Metanarrative sind überall um uns herum. Wir leben sie in gewissem Maße und reproduzieren sie gleichzeitig auch.
 
Ich bin selbst sozialisiert worden, habe viele Stereotypen verinnerlicht und gebe diese auch weiter, ich bin Mitgestalter der Kultur. Sie bestimmt im weiteren Sinne meine Identität mit und auch, ob ich glücklich bin. Ob ich fühle, dass ich selbst genüge oder eben nicht genüge.

Also kann es sein, dass ich mit meinem Aussehen oder meinem Verhalten vielleicht nicht in die allgemein erwarteten Kategorien passe. Aber gleichzeitig hat man mir beigebracht, diesen Konstrukten zu vertrauen. Und genau hier entsteht der innere Konflikt, das Gefühl der Unzulänglichkeit. Habe ich das richtig verstanden?

Ja. Deshalb halte ich kritisches Denken und kritische Reflexion in vielen Bereichen des menschlichen Lebens für wichtig. Nicht nur in dem Sinne, dass man sich auf sichere Quellen verlässt und Informationen verifiziert. Beim kritischen Denken geht es darum, Antworten auf die Frage zu finden, woher unsere verinnerlichten Wahrheiten kommen und welche Auswirkungen solche „selbstverständlichen“ Wahrheiten auf unser Leben und unsere Beziehungen haben. Wir sprachen vorhin darüber, dass sie von verinnerlichten Erfahrungen mit den Eltern ausgehen. Sie entstehen aber auch aus verinnerlichten Erfahrungen, Normen oder Geschichten, die wir in der Gesellschaft leben und die von der Gesellschaft reproduziert werden.
 
Ohne kritische Reflexion, die durch die Familie und vor allem durch das Bildungssystem vermittelt wird, werden wir zu Personen, die akzeptieren, was um uns herum geschieht, ohne dass wir den Raum haben, uns auf der Grundlage von Reflexion eine eigene Meinung zu bilden. Es ist die kritische Reflexion, die zu einer persönlichen Reflexion führen kann, die dazu beiträgt, die Identität zu formen, und zwar in dem Moment, wenn ich anfange, mich zu fragen, ob das wirklich ich bin.

Auch in den Medien sollte es Raum für verschiedene Versionen des Guten geben.“

Warum ist das notwendig?

Auf diese Art und Weise haben wir mehr Wahlmöglichkeiten. Wir können freier sein. Auf der anderen Seite macht uns das unsicher. Wir brauchen Reflexion, um uns zu vergewissern, dass nichts Schlimmes passiert, wenn wir so denken. Und außerdem brauchen wir Bestätigung, wie wunderbar es ist, dass wir so denken! Letzten Endes sollte uns das die Freiheit eröffnen, darüber auf die eine Weise nachzudenken, oder aber auch auf eine ganz andere. Dies sollte in allen sozialen Strukturen, in denen wir uns befinden, der Fall sein. Auch in den Medien sollte es Raum für verschiedene Versionen des Guten geben.
 

Der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle sagt, dass bei der Identifikation mit dem Gefühl des Mangels unsere versteckte Motivation das Stützen der eigenen Identität ist. Wir wollen in unseren eigenen Augen besser aussehen. Wir brauchen das, weil wir ständig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein.
 
Nur durch Selbsterkenntnis können wir die Überzeugung überwinden, erst mit Erreichen eines bestimmten Ergebnisses oder Ziels vollständig genug zu sein, um im Leben zufrieden oder glücklich sein zu können. Die meiste Zeit tragen wir ein Gefühl des Mangels mit uns herum und würden selbst noch darunter leiden, wenn wir Milliardäre werden wären.

Du hast zu Beginn unseres Gesprächs gesagt, dass wir nicht als selbstständige Entitäten existieren. Das erinnert mich an das, worüber spirituelle Meister sprechen. Tolle sagt zum Beispiel auch, dass, solange wir uns nicht von dem Gefühl des Mangels befreien, alle unsere Handlungen – wie altruistisch sie auch sein mögen – unserem Ego dienen. Und der einzige Weg zur Freiheit ist spirituelle Praxis und Bewusstwerdung. Kannst du als Psychotherapeut ihm zustimmen?

Dem kann man im Allgemeinen zustimmen. Das ist im Grunde eine zentrale Strömung. Dazu gehören zum Beispiel die buddhistische Tradition, die griechischen Philosophen und die römischen Stoiker. Die „Erkenne dich selbst“-Strömung, die sich seit Jahrhunderten durch die Philosophie zieht.
 
Ich habe noch zwei Anmerkungen dazu. Aus psychoanalytischer Perspektive können wir zwar versuchen, „Sehnsüchte loszulassen“, aber ein großer Teil unseres Lebens ist immer noch unbewusst, unreflektiert und impulsiv... außerhalb unserer Kontrolle. Das Bemühen um Befreiung ist aus meiner Sicht deshalb zwar lobenswert, aber es überschätzt ein wenig den Menschen und seine Möglichkeiten. Es gibt und wird immer viel Unerfülltes in uns geben - allein dadurch, dass wir Menschen sind, befinden wir uns ständig in diesem Defizit. Selbst Buddhisten sagen, dass das Leiden immer präsent ist.

Hältst du das für unrealistisch?

Die Vorstellung von einem Leben in einem ständig ausmeditiertem oder immerwährenden „Chill-Zustand“, scheint mir ein wenig über das Ziel hinauszuschießen. Es könnte dann passieren, dass wir einen Teil von uns selbst nicht akzeptieren - diesen instinktiven und animalischen Teil unserer selbst

Und deine zweite Anmerkung?

Viele Menschen scheinen immer auf der Suche nach irgendeiner Mitte zu sein. Sie bringen den Geist zur Ruhe und zentrieren sich... bis sie schließlich feststellen, dass es keine Mitte gibt. Dass sie ihr wahres Ich nicht finden können! Es ist wie eine Zwiebel, deren Schichten sie immer wieder abziehen, oder ein Knäuel, das sie immer wieder aufdröseln. Aber sie finden nie das Wesentliche.
 
Ich bin kein Essentialist. Ich erwarte nicht, in einem Menschen einen Kern des Guten oder des Selbst zu entdecken. Ich denke vielmehr, dass wir eher ein Prozess sind, durch den wir uns in unseren Interaktionen, in unseren Beziehungen zur Umwelt ständig selbst erschaffen.

Ist es möglich, sich durch Therapie oder Meditation und spirituelle Praxis zu heilen? Ist es möglich, dieses Loch in uns zu heilen, das wir immer noch als Mangel empfinden?

Eckhart Tolle zum Beispiel ist das anscheinend gelungen! [lacht] Wir können nur über subjektive Erfahrungen sprechen. Wahrscheinlich ist es eine Skala, also weder ja noch nein. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die Psychotherapie mir geholfen hat.

Inwiefern?

Sie hat mir geholfen, mich selbst zu akzeptieren, mein Verhalten und die Erfahrungen, die ich allein oder mit anderen Menschen mache, besser zu verstehen. Wahrscheinlich hat sie mir geholfen, freier zu sein, und hat auch zu Veränderungen auf körperlicher Ebene beigetragen. Aber es ist ein Kontinuum.
 
Letztendlich besteht das Ziel der Psychotherapie meiner Meinung nach nicht darin, einen Menschen zu heilen, sondern ihn soweit zu stärken, dass er das, was er in der Psychotherapie sucht, selbst mit anderen Menschen im wirklichen Leben ohne einen Therapeuten schaffen kann. Mir hat die Psychotherapie dabei sicherlich geholfen. Vieles von dem, was sie bietet, habe ich jetzt mit meiner Frau oder mit Freunden.

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