Unter- und Überernährung Hunger ist nicht nur ein Gefühl im Magen

Bei der sichtlich schwachen und gebrechlichen 8 Monate alten Awa Tamboura wird im Referenzgesundheitszentrum in Bamako Coura der Unterarmumfang gemessen. Bei der Aufnahme wog sie nur 4 kg. Bamako, Mali, September 2018. © UNICEF

Er ist ein globales Problem: Anhaltender Hunger, der tötet. Diese Entwicklung wird weltweit immer schlimmer. Hunger herrscht dort, wo der Klimawandel zum Alltag gehört oder wo Konflikte andauern und die Wirtschaft zusammenbricht. Papst Franziskus hat das bloße Vorhandensein von Hunger überhaupt in der Welt als Verbrechen gegen die grundlegenden Menschenrechte bezeichnet. Der Hunger in vielen Ländern der Welt ist aber auch ein Paradoxon in Zeiten, in denen ein stetig wachsender Anteil der Bevölkerung an Fettleibigkeit leidet.

Im Pandemiejahr 2020 hat sich die weltweite Hungersituation laut einem Bericht der UN dramatisch verschlechtert. Schätzungen zufolge waren im vergangenen Jahr 9,9 Prozent der Weltbevölkerung unterernährt und litten an Hunger. Diese Zahl gibt den Prozentsatz der Bevölkerung an, der einfach nicht genug zu Essen hat und zu wenig Kalorien zu sich nimmt. Der größte Anstieg der hungernden Bevölkerung wurde in Afrika verzeichnet, wo der Anteil unterernährter Menschen 21 Prozent ausmachte.

Der UN-Bericht wird gemeinsam von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), Unicef, dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. All diese Organisationen sind sich in einem Punkt einig: Die Pandemie offenbart weiterhin große Lücken in den weltweiten Ernährungssystemen.

Katarína Žigmundová von Unicef bestätigt, dass „die Covid-19-Pandemie die Situation in den Ländern, die sich in humanitären Krisen befinden, weiter zugespitzt hat. Wir können sehen, was diese Situation mit starken Volkswirtschaften macht, was also passiert dann in Ländern, die schon vor der Pandemie in der Krise steckten.“ Dort hat sich die Pandemie oft auch auf die ohnehin schon unzureichende Gesundheitsversorgung ausgewirkt. „Die Versorgung mit medizinischen Gütern, einschließlich therapeutischer Ernährung und Medikamenten, hat sich verzögert, Impfprogramme für Kinder wurden unterbrochen, Schulen wurden geschlossen und viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, was zu einem Anstieg der Armut geführt hat.“

Auch der Global Report on Food Crises (GRFC) liefert wichtige Daten, Fakten und Analysen zu diesem Thema, die helfen können, echte Lösungen zu finden. Auf der Grundlage der vereinbarten Kriterien umfasst der Bericht fünf Phasen der Ernährungsunsicherheit in bestimmten Ländern. Die letzten drei – Krise, Notfall und Katastrophe/Hunger – erfordern sofortiges Handeln. In einer perfekten Welt sollte kein Land in diese Phasen kommen. Die Realität sieht jedoch so aus, dass sich im Jahr 2020 155 Millionen Menschen in der dritten, der Krisenphase, befanden. Zur Veranschaulichung: Das sind 31 Mal mehr als die Bevölkerung der Slowakei. Und zwei Drittel dieser Menschen lebten auf dem Gebiet von nur zehn Ländern. Dazu gehören die Demokratische Republik Kongo, der Jemen, der Sudan und Afghanistan. Stereotype Vorurteile und Gleichgültigkeit sind in dieser Situation seit vielen Jahren fehl am Platz. Auch in diesen Ländern kennen die Menschen das Gefühl des Hungers. Auch dort stirbt man daran, und auch dort, wie im Rest der Welt, braucht jeder genug Energie zum Leben.

Ein UNICEF-Ernährungsspezialist hält ein unterernährtes Baby im Ernährungsrehabilitationszentrum von Dar Naim. Nouakchott, Mauretanien, 2018. Ein UNICEF-Ernährungsspezialist hält ein unterernährtes Baby im Ernährungsrehabilitationszentrum von Dar Naim. Nouakchott, Mauretanien, 2018. | © UNICEF | A.Tamayo Alvarez

Ungünstige Prognose

Zukunftsszenarien bezüglich Hunger und Unterernährung, die aus verschiedenen Quellen stammen, lassen keine wirkliche Verbesserung dieser Situation erwarten. Im Gegenteil: Die Covid-19-Pandemie, die Klimakrise und zunehmende Spannungen verschärfen die Krise trotz der in gewissem Umfang vorhandenen humanitären Hilfe noch weiter. Der jüngste Fall, auf den die ganze Welt schaut, ist das in Aufruhr geratene Afghanistan. „Ohne sofortige Hilfe werden bis Ende 2021 in Afghanistan eine Million Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung leiden. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind von Ernährungsunsicherheit betroffen“, ergänzt Katarína Žigmundová. Der ehrgeizige Plan der Vereinten Nationen, den Hunger in der Welt bis 2030 zu beenden, wird damit für mindestens 37 Länder immer realitätsfremder. Dem Welthunger-Index (GHI) zufolge wird man es dort bis zu diesem Jahr nicht einmal schaffen, den Hunger auf ein niedriges Niveau zu bringen.

Es mag den Anschein haben, dass all diese Länder weit von uns entfernt sind und dass die normalen Mitteleuropäer*innen nicht betroffen sind und wir auch nicht helfen können. Im Gegenteil ist es die Aufgabe der Mehrheit, der Minderheit zu helfen. Das Privileg, ein Restaurant für das Abendessen auszuwählen, Lebensmittel zu kaufen und einen vollen Kühlschrank oder Magen zu haben, ist auch im 21. Jahrhundert nicht für jeden Menschen auf der Welt eine Selbstverständlichkeit.

„Die Lösung des schwerwiegenden Problems der Unterernährung liegt bei den führenden Politikern der Welt und gleichzeitig bei jedem einzelnen von uns. Wir müssen immer bei uns selbst anfangen.“ Der Welthunger ist jedoch immer noch ein globales Problem, das auch globale Lösungen erfordert: „Den Schutz der Umwelt und versuchen, die sich ständig verschärfende Klimakrise umzukehren – die Fehler der Industrieländer treffen leider vor allem die Länder der Dritten Welt“, sagt Katarína Žigmundová. Es gibt viele Organisationen, die verdienstvolle und wichtige Arbeit leisten, die zu Ergebnissen führt. Eine davon ist Unicef und deren Programm Global Parent. Katarína zufolge handelt es sich um ein kleines, aber regelmäßiges Hilfsprogramm, das es ermöglicht, schnell und wirksam auf humanitäre Krisen zu reagieren, sich auf die Gebiete mit dem größten Bedarf zu konzentrieren und langfristige Hilfe zu leisten. Und dies trotz der geografischen Entfernung zu den betroffenen Ländern.

Ein weiteres praktisches Mittel von Unicef zur Bekämpfung der Unterernährung in der Welt ist eine einfache Erdnusspaste. Sie wird seit langem zur schnellen Rettung eingesetzt und ist allmählich auch einfacher zu konsumieren. „Die therapeutische Ernährung auf Erdnussbasis wird seit 1996 eingesetzt. In der Vergangenheit wurden zur Behandlung von Unterernährung Produkte gewählt, die die Verwendung von sauberem Trinkwasser erforderten", erklärt Katarína Žigmundová. Das war genau das Problem, das die heutige Version dieser Paste nicht hat. Sie kann ohne Wasser direkt aus dem Beutel getrunken werden und ist selbst bei hohen Temperaturen bis zu 2 Jahre haltbar. „Ihr massiver Einsatz in der Praxis hat den Kampf gegen Unterernährung zu Beginn des neuen Jahrtausends revolutioniert. Dabei handelt es sich um eine sehr einfache und kostengünstige Lösung. Unterernährung kann in bis zu 95 Prozent der Fälle geheilt werden. Wir müssen aber rechtzeitig zu dem kranken Kind kommen.“ Schon drei Beutel pro Tag reichen aus, um ein Kind, das an akuter Unterernährung leidet, innerhalb von 6 bis 8 Wochen zu heilen.
 
 

Fettleibigkeit nimmt zu

Die Welt von heute ist voller Gegensätze, was nicht nur die kalorienreichen, aber trotzdem gesunden Erdnüsse bestätigen. Wer in Mitteleuropa eine Diät macht, meidet sie meist, aber in ärmeren Ländern retten sie Leben. Während in einem Teil der Welt ein von Krankheiten, Einschränkungen und Viren geprägter Zeitraum den Zugang zu Nahrungsmitteln erschwert und die Unterernährung verschlimmert hat, ging dieser in einem anderen Teil der Welt mit einer übermäßig hohen Kalorienaufnahme und Gewichtszunahme einher. Daten von 2016 zeigen, dass weltweit 13 Prozent der Erwachsenen fettleibig und bis zu weitere 39 Prozent übergewichtig sind. Fast zwei Jahre Pandemie haben auch den Trend verstärkt, dass sich Menschen unnötige Pfunde an den Körper fressen. Eine rasche Verringerung der körperlichen Aktivität ging mit einer stetig größeren Verfügbarkeit von Lebensmitteln zu jeder Tageszeit einher. Mit einem Wort: Homeoffice.

Die Kinderärztin Eva Vitáriušová vom Slowakischen Institut für Kinderkrankheiten beschreibt den negativen Trend während der Pandemie auch im Zusammenhang mit Kindern. „Wir beobachten eine Verschlechterung der regelmäßigen Nahrungsaufnahme, leider auch eine sinkende Qualität der Mahlzeiten. Kinder bewegen sich deutlich weniger, was zu einer Diskrepanz zwischen Energieaufnahme und -verbrauch führt, zuungunsten des Energieverbrauchs.“ Sie spricht jedoch von zwei Extremen, die sie in der Praxis während der Pandemie wahrgenommen hat. „Ich muss feststellen, dass die Zahl der pädiatrischen Patienten mit Essstörungen zugenommen hat, und zwar nicht nur mit Adipositas, sondern auch mit Anorexia nervosa.“

Auf der einen Seite der Welt bewegt sich die tägliche Energiezufuhr eines Erwachsenen in Bereich von einigen Hunderten oder sogar nur Zehnern an Kalorien, auf der anderen Seite sehen wir das Extrem der Überernährung. Arme Familien in Ländern, in denen der Anteil der Hungernden sehr viel höher ist, entscheiden sich für weniger nahrhafte Lebensmittel, beispielsweise auch weil sie billiger sind. Laut der oben erwähnten UN-Studie nehmen Übergewicht und Fettleibigkeit ebenso zu wie Hunger, insbesondere in Südostasien und im Pazifikraum. Es wird geschätzt, dass bis zu 14,5 Millionen Kinder unter 5 Jahren übergewichtig oder fettleibig sind.

Dr. Vitariušová erklärt, warum auch dieses Extrem nicht entwicklungsgerecht und gesund für ein Kind ist. „Eine chronisch übermäßige Kalorienzufuhr und deren Folgen, also Fettleibigkeit und entsprechende Komplikationen, zerstören erwiesenermaßen viele Organe des Körpers. Zunächst einmal schränkt die Adipositas die Bewegungsfreiheit des Kindes stark ein, was das Problem noch verschlimmert, und das Kind hat keine Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen, wenn das Umfeld und der erste Kinderarzt nicht richtig eingreifen. Zu den metabolischen Komplikationen gehören Störungen des Zucker- oder Fettstoffwechsels. Fettleibigkeit schädigt die Leber, die Blutgefäße, die Schilddrüse oder verformt die Knochen. Bereits im Kindesalter stellen wir Bluthochdruck fest, eine Komplikation, die Nieren und Augen schädigen kann. Wenn die Situation nicht angegangen wird, wird aus einem fettleibigen Kind ein fettleibiger Erwachsener. Es ist ein Mythos, dass ein Kind aus der Fettleibigkeit herauswachsen kann. Ein kranker Lebensstil wird vererbt, die Situation muss angegangen werden, bevor es zu spät ist, und zwar präventiv.“

So wie ein Kind auch nicht aus Hunger und Unterernährung herauswächst, bringt ihm auch ein Überfluss an Nahrung keine bessere Zukunft. Angemessene und ausreichende Ernährung muss bei Kindern eindeutig von Geburt an beginnen. Obwohl die „UN-Berichte in der Regel nur Empfehlungen an die nationalen Regierungen sind“, so Katarina Žigmundová, „kann eine Ernährungsreform auf mehreren Ebenen durchgeführt werden. Sei es durch die Verbesserung der Ernährung in den Schulkantinen, angefangen bei den Kindergärten, durch Ernährungskampagnen der Regierung oder durch Unterstützung von Ernährungsprojekten gemeinnütziger Organisationen, wie zum Beispiel Kurse für gesundes Kochen.“ Auch dem Bericht zufolge wäre es ideal, die derzeitigen Lebensmittelsysteme umzugestalten, was jedoch eine stärkere Zusammenarbeit und größere Anstrengungen seitens der stärker entwickelten Länder erfordert.

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