Psychische Gesundheit Tabu Selbstmord

Tabu Selbstmord Foto: Stormseeker via unsplash | CC0 1.0

Vater. Mutter. Schwester. Cousin. Kollege. Freund. Es sind unsere Familienangehörigen, unsere Bekannten, Menschen, die wir schon ewig kennen und über die wir alles zu wissen glauben. Und doch stellen wir fest, wie falsch wir lagen, wenn wir sie verlieren, weil sie sich das Leben genommen haben. Alles, was von ihnen bleibt, ist große Trauer und eine Menge unbeantworteter Fragen. Wir wissen nur, dass niemand sie uns zurückbringt, und wir werden die wahren Gründe für ihre endgültige Entscheidung nie erfahren.

„Hey, ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst. Ich habe dich immer gemocht und werde dich immer mögen.“ Mit diesen Worten sollte nach Ansicht von Marián Ochodnícki ein Gespräch über Selbstmord beginnen. Wie viele andere Slowaken und Slowakinnen hat auch er schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Wären die Menschen aufmerksamer gewesen und hätten sie unangenehme Diskussionen nicht vermieden, hätte er es vielleicht nie versucht. Aber ist es für uns als Gesellschaft wirklich möglich, die riesige Barriere aus Tabu und Stigma rund um den Selbstmord zu durchbrechen und offen über das zu sprechen, was am meisten schmerzt?

Wie beginnt man ein Gespräch über Selbstmord?

Obwohl es heißt, dass ein Gespräch über Selbstmord direkt zum Selbstmord führt, ist das nach Ansicht des Psychologen Marek Madro vom slowakischen Internet-Beratungsdienst IPčko nur ein Hirngespinst. „Es ist völlig in Ordnung, jemanden direkt, aber sensibel zu fragen, ob er oder sie Selbstmordgedanken hat. Diese Frage erhöht das Risiko eines Selbstmordes nicht, das ist ein Mythos. Ein weiterer Mythos ist, dass wer über Selbstmord spricht, ihn nicht begeht“, sagt Madro. Seiner Meinung nach ist es wichtig, das Gespräch damit zu beginnen, dass man den Menschen wissen lässt, dass einem etwas an ihm liegt und man das Beste für den- oder diejenige will.

„Wir empfehlen, ruhig zu bleiben und auch in ruhigem Tonfall zu sprechen, die Gefühle anzuerkennen, die der geliebte Mensch uns anvertraut, und zu würdigen, dass er mit uns darüber spricht. Bieten Sie Unterstützung und Ermutigung an, fragen Sie, was Sie tun können, damit er sich ruhiger fühlt, und zögern Sie nicht, auch einfühlsam über die Tatsache zu sprechen, dass es professionelle Hilfe gibt“, rät der Psychologe. Eine gute Möglichkeit können ihm zufolge auch Vorschläge für gemeinsame Aktivitäten sein, die Sie und die betreffende Person schon früher zusammen unternommen und die beiden gut getan haben.

Es sei jedoch wichtig, dass man sich nicht zu sehr auf die Selbstmordabsichten konzentriert, sagt Marián. „Zu viel ist dann tatsächlich zu viel. Das, worauf wir ständig unsere Aufmerksamkeit konzentrieren, gewinnt mit der Zeit auch an Kraft und Energie.“ Er selbst hat einige Ratschläge, wie wir mit einer Person mit Suizidgedanken sprechen sollten. Den Menschen so annehmen, wie er wirklich ist, freundschaftliche Zuwendung und Liebe heilen seiner Meinung nach sowohl den Körper als auch die verwundete Seele.

„Hören Sie zu und versuchen Sie, denjenigen zu verstehen. Wenn er einverstanden ist, reichen Sie ihm eine helfende Hand. Aber es muss auch mit Misstrauen gerechnet werden. Meiner Meinung nach gilt dies auch für einen Menschen, der bisher ‚nur‘ eine mildere Form von Depressionen hat. Ich konnte nicht glauben, dass meine Probleme lösbar sind, weil ich nicht wusste, wie ich es anstellen sollte. Wenn mir jemand eine Lösung anbot, habe ich sie abgelehnt. Ich dachte, ich müsste meine Probleme selbst lösen“, sagt Marián über seine Erfahrungen.
„Hey, ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst. Ich habe dich immer gemocht und werde dich immer mögen.“ Mit diesen Worten sollte nach Ansicht von Marián Ochodnícki ein Gespräch über Selbstmord beginnen. „Hey, ich bin für dich da, wann immer du mich brauchst. Ich habe dich immer gemocht und werde dich immer mögen.“ Mit diesen Worten sollte nach Ansicht von Marián Ochodnícki ein Gespräch über Selbstmord beginnen. Wie viele andere Slowaken und Slowakinnen hat auch er schon versucht, sich das Leben zu nehmen. | Foto: © privat

Wie man Selbstmordgedanken erkennt

Was aber, wenn wir nicht wissen, dass jemand unter Selbstmordgedanken leidet? Die einfachste und zugleich schwierigste Lösung ist es, die Person direkt zu fragen. Die slowakische Liga für seelische Gesundheit empfiehlt, sich schrittweise an das Thema heranzutasten. Das Wichtigste ist, Vertrauen zu dem Menschen aufzubauen und ihm zu zeigen, dass er uns vertrauen kann. Dann können wir ihn nach seiner Stimmung und seinen Gefühlen fragen. Man sollte auch keine Angst haben vor Fragen wie „Hast du das Gefühl, dass das Leben nicht lebenswert ist?“ oder „Glaubst du, dass niemandem etwas an dir liegt?“ Es ist jedoch wichtig, einen geeigneten Zeitpunkt für derartige Fragen zu wählen, wenn sich die Person verstanden fühlt und bereit ist, über ihre Gefühle zu sprechen.

Der Psychologe Madro nennt mehrere Warnzeichen, die darauf hinweisen können, dass eine Person Selbstmordgedanken hegt. „Wenn beispielsweise der oder die Betreffende von Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit spricht oder davon, dass er oder sie keinen Grund hat, weiterzuleben, oder langfristige Angelegenheiten beendet, wenn wir beobachten, dass sich seine oder ihre Ess- und Schlafgewohnheiten deutlich verändern, dass er oder sie Alkohol oder Drogen konsumiert, soziale Kontakte vermeidet, Wut, Angst oder Unruhe empfindet oder abrupte Stimmungsschwankungen hat“, nennt er einige Beispiele. Dies seien jedoch nur einige der möglichen Anzeichen, die nicht unbedingt gleich darauf hindeuten, dass eine Person Selbstmord begehen will, so der Experte. Es kann auch vorkommen, dass wir bei einem uns nahestehenden Menschen keines dieser Anzeichen bemerken. „Jeder von uns ist anders und reagiert anders auf verschiedene Situationen“, fügt er hinzu.

Was ist zu vermeiden?

Wie bei anderen sensiblen Themen ist es auch beim Thema Selbstmord ratsam, Worte und Sätze sorgfältig zu wählen und Ausdrücke zu vermeiden, die die Situation verschlimmern könnten. „Meiner Meinung nach sollte man auf jeden Fall vermeiden, Dinge zu sagen, wie etwa, wie schön das Leben ist, dass man doch immer einen Grund zum Leben finden kann und so weiter. Dadurch wurde meine Verzweiflung nur noch größer, da die Menschen um mich herum absolut nicht verstanden, warum ich in einen Zustand von Apathie und schwerer Depression gefallen war. Auf diese Weise vertiefte sich meine innere Leere. Ich habe die Menschen beneidet, die etwas hatten, wofür es sich zu leben lohnte, die glücklich waren“, sagt Marián aus eigener Erfahrung.

Der Psychologe Madro warnt des Weiteren davor, das Problem zu verharmlosen und zu moralisieren. „Wenn wir hilfreich sein wollen, sollten wir nicht belehren, nicht predigen und nicht sagen, was die betreffende Person tun soll“, rät er. Sätze wie „Das wird schon wieder...“, „Andere haben auch viele und schlimmere Probleme...“, „Das habe ich auch schon erlebt...“, sollten vermieden werden, sagt er, und wir sollten auch keine Schamgefühle hervorrufen oder Wut zeigen.

„Hören Sie zu und unterstützen Sie die ihnen nahestehende Person, aber urteilen Sie nicht, streiten Sie nicht, drohen Sie nicht und schreien Sie nicht. Versprechen Sie nicht, es niemandem zu sagen, denn allein das Weitergeben dieser Information an eine andere Person oder an den Rettungsdienst kann in einer akuten Situation das Leben eines geliebten Menschen retten“, rät der Psychologe.
„Es ist völlig in Ordnung, jemanden direkt, aber sensibel zu fragen, ob er oder sie Selbstmordgedanken hat“, sagt der Psychologe Marek Madro. „Es ist völlig in Ordnung, jemanden direkt, aber sensibel zu fragen, ob er oder sie Selbstmordgedanken hat“, sagt der Psychologe Marek Madro. | Foto: © Matúš Zajac

Sturz in die Dunkelheit

Laut Marián sind vor allem Menschen suizidgefährdet, die aufgrund ihres psychischen Zustands leer und apathisch sind und nicht mehr an eine bessere Zukunft glauben. Ihr Leben wird von Gedanken und Gefühlen beherrscht, die sie buchstäblich kaputt machen. „Innere Leere entsteht als Reaktion unseres Körpers auf unverarbeiteten Stress und verdrängte Emotionen. Stress entsteht auch dadurch, dass eine Person es einfach nicht schafft, ihre Probleme zu lösen. Das macht es dann noch aussichtsloser, man glaubt nicht, dass jemals Lösungen gefunden werden können. Wenn es zu viel ist, wehrt sich der Körper und schaltet ab, weil das Gehirn irgendwann nicht mehr in der Lage ist, so viel Kummer oder Sorgen zu verarbeiten“, sagt Marián.

Menschen mit Selbstmordgedanken ziehen sich oft in sich selbst zurück, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht über ihre Gefühle sprechen wollen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich für Ihre Angehörigen interessieren und ihre Stimmungsschwankungen und Begleiterscheinungen wahrnehmen. Bei Marián zeigte sich das durch ständiges Analysieren und Grübeln, Jammern und Selbstmitleid, schwankende Lebenseinstellungen, Gleichgültigkeit gegenüber den Pflichten, seiner Frau und seinen Kindern und depressive Verstimmungen.

„In der schwierigsten Zeit meines Lebens habe ich nur an zwei Dinge gedacht. Das erste war, dass mein Leben nie wieder so sein würde wie zuvor. Ich war ständig besorgt, erschöpft und gestresst, da ich vorher schon unter Panikattacken und einer Panikstörung litt. Ich hatte nicht die Kraft, mich etwas anderem zu widmen als meiner Arbeit. Erst später wurde mir klar, dass meine Gedanken, Emotionen, Gefühle und mein Handeln mir die Kraft raubten“, erklärt Marián seinen damaligen Zustand.

„Die zweite Sache war das Gefühl, dass es wahrscheinlich besser wäre, wenn das alles schnell enden würde. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn mich nichts quälen oder schmerzen würde. Der seelische Schmerz war für mich viel schlimmer als der körperliche. Die körperlichen Verletzungen heilten ‚von selbst‘. Mit den seelischen Wunden in meinem Inneren war das nicht so einfach. Das war die Zeit, in der ich den Tiefpunkt erreicht hatte. Geistig und körperlich. Nur die Angst um mein Leben hat mich davon abgehalten“, fügt er hinzu. Doch trotz der dunklen Gedanken gelang es ihm, einen Ausweg zu finden. An dem Tag, an dem er den Selbstmordversuch unternahm, öffnete er sich seinem engsten Freund, und so begann der Prozess seiner Heilung und die seelischen Wunden begannen sich langsam zu schließen.

Wo gibt es Hilfe?

Auch wenn es schwierig ist, sich mit seinen Problemen zu öffnen, gibt es immer Menschen, die bereit sind, zuzuhören. Nach Ansicht der Leiterin der Telefonseelsorge Nezábudka, Monika Martinez, ist es wichtig, die Betroffenen zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Selbst wenn sich eine suizidgefährdete Person nicht an einen nahen Menschen wenden möchte, kann sie jederzeit die Beratungsstellen anrufen, die auf genau diese Art von Problemen spezialisiert sind. Die bundesweite Telefonseelsorge ist telefonisch unter den Nummern 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 oder 116123 zu erreichen oder online im Chat oder per E-Mail unter online.telefonseelsorge.de.

„In Notfällen, wenn keine ambulante Versorgung möglich ist, kann man die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses aufsuchen“, rät Martinez, die darauf hinweist, dass man bei akuter Lebensgefahr unverzüglich die Nummer 112 anrufen sollte.

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