Kinderheime „Vergleich mich nicht mit meiner Mutter!“

„Vergleich mich nicht mit meiner Mutter!“ Foto: Alex Grodkiewicz via unsplash | CC0 1.0

Eva (28) ist in einem Heim aufgewachsen. Nun hat sie selbst zwei Kinder und ihr Wunsch ist es, ihnen das geben zu können, was sie selbst nicht hatte: Liebe und Sicherheit. Evas Geschichte ist in Tschechien kein Einzelfall.  Es ist die Geschichte von Familien, die in Schwierigkeiten sind und denen der Staat Hilfe nur in Gestalt eines Kinderheims anbietet.

„Als ich sie mich ins Heim gesteckt haben, war das nicht, weil ich problematisch gewesen wäre. Problematisch war meine Familie, mein Nest“, erzählt mir Eva. Kennengelernt habe ich sie vergangenes Jahr im Sommer, als wir in Prag einige Happenings zur Aufhebung der sogenannten Säuglingsanstalten organisierten. Tschechien war das letzte Land in der EU, in der auch die kleinsten Kinder in Pflegeeinrichtungen untergebracht werden durften. Die Happenings waren erfolgreich. Ab dem Jahr 2025 dürfen in Tschechien keine Kinder unter drei Jahren mehr in eine solche Einrichtung. Stattdessen sollen sie bei Pflegeeltern untergebracht werden. Eva hatte unsere Initiative Vyrůstat doma (Zu Hause aufwachsen) unterstützt. Sie selbst weiß gut, dass jedes Kind unabhängig von seinem Alter liebende Eltern und eine Familie braucht. „Ein Kind braucht einen Ort, an dem es sich sicher fühlt, wo es es selbst sein kann und nichts vortäuschen muss. Das bieten Anstalten nicht, und sie werden es auch niemals tun“, schrieb sie mir vergangenes Jahr. Ich habe sie darum gebeten, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Im Nachthemd

Als Eva klein war, schwänzte ihr Bruder die Schule und machte Probleme. Ihre Mutter war damals gerade aus ihrem Job entalssen worden, sie hatte Mietschulden, einen Partner, der sie betrog, und sie unternahm einen Selbstmordversuch. „Sie schluckte abends Tabletten und brachte mich dann ins Bett“, jagt Eva alten Erinnerungen nach. „Sie hat sich von mir verabschiedet. Ich war sieben Jahre halt und merkte, dass irgendwas nicht in Ordnung ist. Ich weinte und wollte, dass sie bei mir schläft. Sie weigerte sich und ich bin weinend eingeschlafen“, erzählt sie.

In der Nacht wurde Eva dann von einem Traum geweckt. Auf einer Wiese standen alte Omas wie aus einem Märchen, aber die waren böse. Sie schrien sie an, dass sie aufwachen solle, denn es sei was mit ihrer Mama. Sie wachte auf und hörte Mamas Freund diese anbrüllte. Ihre Mutter lag auf dem Rücken und röchelte. Evas älterer Bruder war weg, nie sagte er irgendwem, wohin er geht. Eva schrie ihren Onkel an, er solle einen Krankenwagen rufen. In der Notrufzentrale sagte man ihnen, ein Erwachsener sollte bei Mutter bleiben und jemand anders draußen warten, damit die Sanitäter wüssten, wo sie hin müssen.

Aber niemand anders außer Eva war zu Hause und so wartete sie in einer Februarnacht im Nachthemd draußen auf den Krankenwagen. Noch heute hat Eva die Worte des Sanitäters im Ohr: „Ein solch tapferes Mädchen hätte ich auch gerne.“ In die Wohnung durfte Eva dann aber nicht. Ihre Mama sah sie nur, als sie auf einer Trage hinausgebracht wurde, mit einer Sauerstoffmaske auf dem Gesicht. „Und damit enden meine Kindheitserinnerungen. Ich habe noch ein paar Erinnerungsfetzen, aber ansonsten Leere. Laut meiner Psychologin sind die Erinnerungen an die schlechte Zeit unterdrückt, bis zum meinem zehnten Lebensjahr etwa“, berichtet Eva.

Ich saß da und wartete darauf, dass meine Mama zu Besuch kommt... aber die kam nicht.“

Die Jahre in Anstalten

Eva verbrachte insgesamt elf Jahre in verschiedenen Anstalten für Kinder. Alleine während der ersten fünf Schuljahre musste sie viermal umziehen und ging auf fünf verschiedene Schulen. „Auch wenn meine Mama mir die ersten acht Jahre gegeben hatte, den Rest musste ich alleine durchstehen“, sagt Eva. In den Jahren, nachdem sie aus ihrer Familie genommen wurde, traten verschiedene Personen in ihr Leben, die sie zunächst „Mama“ nannte, später waren es noch die Krankenschwester in einer Heilanstalt, die Erzieherin im Psychologisch-diagnostischen Institut, dann gab es die „Tante“ im Kinderheim und noch eine „Tante“ in einem anderen Kinderheim. „Das war die letzte Auffangstation für eine Jugendliche, die nur deshalb Probleme machte, um Liebe und ein Zuhause zu bekommen“, so Eva.

An die Heilanstalt und das Diagnostische Institut kann Eva sich nicht sehr gut erinnern. „Ich weiß noch, wie ich auf dem Fensterbrett saß, angelehnt an das Gitter, und im Radio liefen Mönche und dann Enya. Ich saß da und wartete darauf, dass meine Mama zu Besuch kommt... aber die kam nicht“, beschreibt sie eine der wenigen Erinnerungen an diese Zeit. Ich frage sie, was denn das für Mönche im Radio gewesen seien. Gregorian wahrscheinlich, meint Eva, ein Chor aus Deutschland, der Rock- und Popsongs im Stil gregorianischer Mönchschöre covert.

An die Kinderheime hat Eva mehr Erinnerungen. Im ersten wurde sie schikaniert. Ihre Mitbewohner*innen zwangen sie in einem Geschäft zu klauen, und sie hatte deswegen Probleme. Als die Diebstähle herauskamen, hätte sich niemand darum gekümmert, warum es dazu gekommen war, es wurde einfach nur konstatiert, dass Eva ein Problemkind sei. „Ich erinnere mich noch an ‚Tante‘ Radka, eine graue Maus, die hat nie gelächelt. Dann gab es ‚Tante‘ Iveta, die war nur für ein paar auserwählte Kinder da. Ich habe mich dort allein gefühlt, war total am Boden und hab dann auch Stress gemacht.“

„Deine Kinder werden auch im Heim enden“

Nach einiger Zeit kam Eva in ein anderes Heim, in dem sie bis zu ihrem 19. Lebensjahr lebte. Die Kinder wohnten dort in Gruppen in mehreren voneinander getrennten Wohnungen. Heute sagt Eva, dass dieser Ort für sie Erlösung und Alptraum zugleich war. Der Alptraum hatte die Gestalt einer Betreuerin beziehungsweise „Tante“. Verhängnisvoll war Eva zufolge, dass es die gleiche Frau war, die einst auch ihre Mutter betreut hatte. Denn auch die war im Kinderheim  aufgewachsen. Und diese „Tante“ wiederholte immer wieder: „Deine Mama im Heim, du im Heim, und deine Kinder werden auch im Heim enden.“ Worte, die sie bis ans Ende ihres Lebens verfolgen werden.

Eva kam dann in eine andere Wohnung mit anderen Betreuer*innen. Unter anderem „Tante“ Monika, die Eva eine Chance gab. Als sie wieder einmal aufsässig war, fragte Monika sie, warum. „Ich sagte, sie hätten mich doch eh schon abgeschrieben, dass sie doch sicher meine Beurteilung gelesen hätten. Sie sagte mir aber, dass sie das nicht tun würden. Das war meine Rettung. Sie war die erste Person in meinem leben, die an mich glaubte.“ Es war aber auch so nicht leicht. Um die kleineren Kinder mussten sich die „Tanten“ mehr kümmern, die älteren schlängelten sich dann nur noch irgendwie durchs Leben. Oft allein.

Als Eva in der neunten Klasse war, stand die Entscheidung bevor, auf welche Mittelschule sie gehen sollte. „Mathematik und ähnliche Fächer haben mir immer Spaß gemacht, außer Chemie. Ich wollte auf eine Handelsschule, aber das haben die ‚Tanten‘ nicht genehmigt und mir die Einschreibung nicht unterschrieben. Ich habe dann versucht, sie zu überreden, dass sie mich auf eine Postschule gehen lassen, aber das ging auch nicht durch“, erinnert sich Eva. Schließlich wurde sie auf eine Hotel- und Tourismusschule geschickt. „Das war ein Flop. Tschechisch und Deutsch lagen mir nie. Und dann ging ich auf eine Schule, wo sie Englisch für Fortgeschrittene lehrten, Deutsch für Anfänger und dann noch Französisch als Bonus. Ich habe es dort gehasst.“

Mama ging schon ratlos durch ihr eigenes Leben, wie hätte sie mir da helfen können?“

„Vergleich mich nicht mit meiner Mutter!“

Das Fehlen elterlicher Liebe war laut Eva auch der Grund für ihre übereilte Flucht aus dem Heim mit 19 Jahren und das Abbrechen der Schule. Sie hatte sich verliebt. Zu Beginn war das Zusammenleben mit ihrem Freund idyllisch. Eva setzte ihre Ausbildung fort, wechselte aber auf eine andere Schule in einer anderen Stadt. Dann aber entwickelte ihr Freund eine starke Eifersucht – auf die Schule, die Mitschüler*innen, sie durfte mit niemandem mehr reden. Die Schule brach sie ab nach nur zwei Jahren. „Einen Abschluss habe ich nur von der Grundschule, dabei bin ich nicht dumm. Ich habe fünf Geschwister, ich bin die Jüngste. Der Älteste hat eine Maurerausbildung gemacht während er in einer Erziehungsanstalt war. Zwillingsbrüder kamen in eine Einrichtung für Behinderte. Dann sind da noch eine Schwester und ein Bruder, die sollten bald ihr Hochschulstudium haben. Sie hatten das Glück, in einer normalen Familie aufzuwachsen“, sagt Eva. Mit normal meint sie Ersatzfamilie. Ich frage sie, ob sie ihre Geschwister gelegentlich sieht. Nein. Und die Mutter? Die schon. Im Sommer will sie sie besuchen fahren.

Vor ihrem damaligen Freund war Eva zu ihrer Mutter geflüchtet. Aber das war auch kein großer Gewinn. „Mama ging schon ratlos durch ihr eigenes Leben, wie hätte sie mir da helfen können?“, wird sich Eva Jahre später bewusst. Dann traf sie einen Kerl, den sie noch von früher aus einem Kinderheim kannte, und zog mit ihm zusammen. „Eines Nachts habe ich ihn aber rausgeschmissen. Er beschimpfte mich und verglich mich mit meiner Mama. Das hasse ich bis heute und ich habe Alpträume von der Vorstellung, dass ich wie sie bin.“

Dann lernte sie den Vater ihres heute schon siebenjährigen Sohnes kennen. Nennen wir ihn Jan. Mit Jan lebte Eva vier Jahre zusammen, aber als sie merkte, dass sie mit ihm nicht glücklich war, hatte sie Angst, ihn zu verlassen. Und sie wollte auch nicht, dass ihr Sohn ohne Papa aufwächst, so wie sie. Schließlich überwand sie sich aber und zog in ein Frauenhaus. Geld hatte sie keins, Jan hatte ihr alles genommen. In dieser Situation trat ein weiterer Mann in ihr Leben, sagen wir, er heißt Michal. Er war ein Bekannter von Freund*innen, die ihr geholfen hatten, den Platz im Frauenhaus zu bekommen. Michal bot Eva an, bei ihm zu wohnen, bis sie ihre Probleme gelöst hat. Damals wohnte er mit seiner Mutter in einer großen Wohnung. Eva zögerte zunächst, willigte dann aber ein.

Heute ist es vier Jahre her, seit Eva zu Michal gezogen ist. Während dieser Zeit erstritt sie das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn, fand eine Arbeit, meldete Privatinsolvenz an und zahlte Schulden ab (wegen ihrer Mutter und wegen Jan), sie machte den Führerschein, fand eine bessere Arbeit und begann, für sich selbst eine Finanzreserve anzulegen. Und zwei Jahre lang ging sie jeden Montag für eine Stunde zu einer Psychologin.

Heute hat Eva eine richtge Familie. Einen Partner. Ihren siebenjährigen Sohn. Und eine einjährige Tochter. „Ich weiß, dass ich viele Fehler gemacht habe, aber ich werde es nie bereuen, Mama geworden zu sein. Und niemals, wirklich niemals, werde ich es zulassen, dass meine Kinder in eine Kinderheim landen.“

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