Ultra-Marathon An die Grenze

Extremläuferin Andrea Löw Foto: © Andy Astfalck

Die Extremläuferin Andrea Löw legt bei Rennen in der ganzen Welt regelmäßig Distanzen zurück, die die eines Marathons um ein Vielfaches übersteigen. So hat sie schon viele Länder erkundet, ein Ende ist nicht in Sicht. Denn Löw ist auch ein bisschen süchtig nach dem Abenteuer und der Grenzerfahrung.

Dass Andrea Löw Extremläuferin wird, hätte sie selbst nicht gedacht. Sie wurde mit einem Hüftschiefstand geboren. Als sie ein Baby war, waren sich die Ärzte zunächst nicht sicher, ob sie überhaupt laufen würde. Löw machte in ihrer Jugend viel Sport, vor allem Basketball. Doch als sie 30 wurde, holten sie die Probleme mit der Hüfte wieder ein. „Ein Orthopäde sagte mir, dass ich sofort operiert werden müsste“, erinnert sich Löw. Doch ein anderer Mediziner, den sie konsultierte, riet ihr zum Laufen. So werde sie Muskulatur aufzubauen, welche die Gelenke entlastet. „Ich habe dann ganz langsam angefangen, mal zwei, drei Stunden die Woche, damals saß ich viel, schrieb meine Doktorarbeit, da war das Laufen in der Natur ein schönes Gegengewicht.“
 
Seitdem ist viel passiert: Löw promovierte, ihre Doktorarbeit Leben im Getto Litzmannstadt erschien 2006 im Wallstein Verlag, heute ist sie stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocauststudien in München. Und die Historikerin ist in den letzten 17 Jahren um die ganze Welt gelaufen. „Frau Löw läuft um die Welt“, dieser Satz ihres Arztes, der ihr immer wieder Gesundheitsatteste für Rennen in Ländern wie der Mongolei, Vietnam oder Mosambik ausstellen muss, ist ihr zu einem Leitspruch geworden. Denn genau das tut sie. Löw ist Ultra-Läuferin, legt Distanzen von über 100 Kilometern zurück und nimmt an Etappen-Rennen, also mehrtätigen Wettkämpfen, durch die Arktis oder die Wüste teil. Ein Sport für absolute Grenzgänger.
 
Über ihre Erfahrungen hat sie auch ein Buch geschrieben: Happy Running, das 2019 erschienen ist. Auf Running Happy bloggt Löw zudem über ihre Leidenschaft. „Laufen macht schon ein bisschen süchtig, es ist bewusstseinserweiternd und für mich ein unglaublich wichtiger Teil meines Lebens. Ich könnte meine Arbeit, die die tägliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust erfordert, nicht so gut machen, hätte ich diesen Gegenpol nicht“, sagt sie.
Andrea Löw auf dem „Ultra Asia Race“ in Vietnam Andrea Löw auf dem „Ultra Asia Race“ in Vietnam | Foto: © Canal Aventure

Vom Marathon zum Trail-Running

Gleich ihr erster Marathon in Berlin im Jahr 2008 war berauschend schön. „Es war ein richtiger Genusslauf, ich habe darauf geachtet, nicht zu schnell loszulaufen und deswegen ging es mir total gut. Als ich durchs Brandenburger Tor lief, hatte ich einen richtigen Endorphinflash, es war ein gigantisches Erlebnis“, erinnert sich Löw.
 
Darauf folgten in jedem Herbst weitere Marathons, und als Löw nach München zog, entdeckte sie aufgrund der Nähe der Berge das Trailrunning für sich. Das Laufen auf Waldwegen und abseits ausgetretener Pfade war für sie noch einmal reizvoller, und durch Freunde aus der Trailrunning-Szene schlitterte sie in die Ultramarathon-Szene hinein. Im Jahr 2013 lief sie im Schwarzwald dann bei einem Wettkampf mit einer Freundin erstmals ein Rennen mit einer Distanz, die den Marathon übersteigt. Auf den 58 Kilometern regnete es wie aus Kübeln, der Weg war durch Wurzeln und Steine sehr beschwerlich. Trotzdem waren beide euphorisch, als sie ins Ziel liefen.
 
Ab da ging es immer weiter und immer länger – Leistungsdruck verspürt sie dabei nicht: „Ich finde es einfach irre zu sehen, was mein Körper kann und wie sehr man seine eigenen Grenzen verschieben kann“, so die 47-Jährige. Löw lief auf Dienstreisen, konnte so in New York antreten – „das hat insgesamt 1200 Euro gekostet, da ich das Hotel über einen offiziellen Veranstalter buchen musste, aber ich habe keinen einzigen Cent bereut“ – und im Jahr 2017 trat sie schließlich bei ihrem ersten selbstversorgten Etappenrennen an, dem Ultra Sahara Race in Namibia.
 
Außer einem Zelt und Wasser stellt der Veranstalter den Läufern hier nichts, Löw startete also mit einem 11-Kilogramm-Rucksack, in dem sie neben Nahrung, Getränkepulver und Kleidung auch Verbandszeug und einen Schlafsack unterbrachte. Über sieben Tage lief sie 250 Kilometer in sechs Etappen, die längste davon 80 Kilometer am Stück. Unter den knapp 100 Startern waren immerhin 30 Frauen. „Aber natürlich sind auch in diesem Sport mehr Männer am Start, allerdings wandelt sich das langsam“, sagt sie. Löw litt bei diesem krassen Rennen, ihre Füße waren nach nach der mit 80 Kilometer längsten vierten Etappe voller Blasen. Weil sie über ihren Schuhen Gamaschen trug und stark schwitzte, waren die Füße feucht und dadurch entstanden Blasen. „Es fühlte sich wirklich so an, als würde man mir die Haut von den Fußsohlen ziehen, ich konnte kaum auftreten.“

Beim Ultra Africa Race Rennen lernte sie auch eine Krankenschwester aus Kanada kennen. „Das ist das Tolle an diesen Events: Im Alltag bleibt man doch oft in seiner Blase, hat wenige Berührungspunkte mit Menschen außerhalb davon. Beim Rennen trifft man Menschen, die man sonst nie kennenlernen würde“, sagt sie. Mit ihrer kanadischen Sportfreundin startete sie dann auch beim Ultra Asia Race in Vietnam. Die Freundschaften, die so entstanden sind, beschreibt Löw als sehr intensiv: „Man erlebt sehr extreme Momente gemeinsam, das schweißt zusammen.“

In neun Tagen 522 Kilometer durch das australische Outback

Löw läuft unter widrigsten Bedingungen, viele der Rennen finden in der Wüste statt. Wie bereitet sie sich darauf vor? „Das ist echt nicht einfach. Im Englischen Garten gibt es eine sandige Pferdespur, die nutze ich für das Training, und bei den Laufcamps auf Mallorca, die ich früher regelmäßig im Frühjahr geleitet habe, lief ich auch viel am Strand.“ Zudem trainiert sie vor Wüstenrennen nach Möglichkeit im Sommer in der Mittagshitze, um sich auf die Temperaturen zumindest ein bisschen vorzubereiten. „Aber so richtig simulieren kann man das natürlich nicht“, sagt Löw. 
 
Das extremste Laufabenteuer ihres Lebens hatte sie 2019: Sie lief in Australien bei „The Track“ mit. Es ist das längste Etappenrennen der Welt: 522 Kilometer, neun Tage, auf unwegsamem Gelände im Outback. Unter den 40 Startern waren neben ihr noch elf weitere Frauen. Löw erlebt hier ihre ganz persönliche Grenzerfahrung. Mehr als 250 Kilometer ist sie noch nie gelaufen – und jetzt soll sie doppelt so lange auf den Beinen bleiben. Sie beißt sich durch, doch die Schlussetappe lässt sie ans Aufgeben denken. „Eine Sehne in meinem Schienbein hatte sich entzündet, mir ging es wirklich elend, ich hatte ja schon 380 Kilometer in den Beinen und jetzt musste ich nochmal 137 abreißen“, erinnert sie sich. Löw greift zu ihrem letzten Hilfmittel: Eine Playlist mit Musik, die sie nur in solchen Situationen hört. Immer, wenn sie einen Tiefpunkt hat, steckt sie sich die Stöpsel in die Ohren, hört ihre Motivationssongs und heult mitten im Outback Rotz und Wasser. Der Trick funktioniert, sie  wird Dritte bei den Frauen – nur 18 von den 40 Teilnehmern schaffen es überhaupt ins Ziel. Wer hier ankommt, ist Laufadel. „Das war wirklich sehr hart, auch mental, aber ich nehme daraus sehr viel für mein alltägliches Leben mit, lerne dadurch Resilienz, aber auch Demut“, sagt Löw. Es sei wie das Leben: Manchmal läuft es wie von selber, manchmal kommt man kaum vom Fleck. „Aber man kann fast immer viel weiter, als man glaubt.“
 
  • Andrea Löw 2019 vor dem Uluru auf dem härtesten Etappenrennen der Welt: „The Track“. Foto: © Canal Aventure
    Andrea Löw 2019 vor dem Uluru auf dem härtesten Etappenrennen der Welt: „The Track“.
  • In neun Tagen geht es 522 Kilometer durch das australische Outback. Foto: © Canal Aventure
    In neun Tagen geht es 522 Kilometer durch das australische Outback.
  • Tränen nach dem Zieleinlauf: Von 40 Starter*innen kamen nur 18 ins Ziel. Andrea Löw wird Dritte bei den Frauen. Foto: © Canal Aventure
    Tränen nach dem Zieleinlauf: Von 40 Starter*innen kamen nur 18 ins Ziel. Andrea Löw wird Dritte bei den Frauen.
Auch die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt erden Löw. „In Afrika gab es herrliche Szenen, für die Einheimischen war die weiße, schmutzige und stinkende Frau mit dem schweren Rucksack, die durch die afrikanische Mittagshitze läuft, ein ziemlich komischer Anblick. Die schwarzen Frauen haben zuerst nur ungläubig geschaut und sind dann in lautes Gelächter ausgebrochen”, sagt sie. Auch die Kinder, die sich in den kleinen Dörfern, durch die sie in Mosambik lief, anschlossen und mit ihr sprachen und lachten, wärmten Löw das Herz. „Das sind Momente die vieles, das einem im Alltag so wichtig erscheint, relativieren.”
 
Löw läuft in und mit der Natur und weiß, dass diese am Ende gewinnen wird. Das lehrt sie Demut. Seit im Zuge der Corona-Pandemie Rennen in aller Welt abgesagt werden und häufig virtuell stattfinden, schätzt sie das Laufen in der Natur noch mehr – und auch die weltweit stark unterschiedlichen Maßnahmen schlagen sich bei diesen digitalen Events nieder. So können Läufer in Ländern mit strengen Ausgangsbeschränkungen häufig nur eine kurze Strecke vor ihrem Haus hin und her laufen. „Dadurch weiß ich es noch einmal mehr zu schätzen, dass ich hier in Deutschland ohne Probleme weiter im Wald und den Bergen unterwegs sein kann“, sagt Löw.

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