Rauschforschung Und unseren täglichen Rausch gib uns heute

Rauschforschung Foto: Altin Ferreira via unsplash | CC0 1.0

Drogen sind eine Möglichkeit, sich in einen Rausch zu versetzen – und in vielen Kulturen gilt dies als eine heilige oder besondere Zeit. Unser westlicher Rausch wird hingegen immer profaner und gleicht eher pharmakologischer Selbstoptimierung – eine Pille hier, ein paar Tropfen da – damit wir besser funktionieren. Was wird aus dem Rausch, wenn wir ständig drauf sind?

Pst, na, brauchst du was? Willst du gut drauf sein? Kreativ und frisch, konzentriert und fit für den Arbeitsmarkt und den ganzen Alltagskram? Wie wär's dann mal mit... Microdosing?
 
Unter Microdosing versteht man den regelmäßigen Konsum kleiner Dosen halluzinogener Stoffe wie LSD oder Psilocybin („Magic Mushrooms“). Die typische Dosis für einen rauschhaften LSD-Trip liegt etwa zwischen 20 und 80 Mikrogramm; beim Microdosing kommen hingegen Dosen von rund fünf bis maximal 15 Mikrogramm zum Einsatz, in der Regel in Wasser gelöst, dann auf Pappe geträufelt oder als Mundspray. Die User*innen („Microdoser*innen“) wollen beim Konsum aber genau eines nicht: high werden. Sie wollen mehr leisten und fokussierter sein. Ein weiterer Nebeneffekt, von dem User*innen im Internet berichten: Geringe Dosen LSD sollen Angststörungen und Depressionen lösen. Davon ist auch die US-amerikanisch-israelische Schriftstellerin Ayelet Waldman überzeugt, die viele Jahre an Stimmungsschwankungen litt, die sie mit konventionellen Therapien und Medikamenten zu behandeln versuchte. In ihrem Microdosing-Tagebuchroman Ein richtig guter Tag von 2018 schreibt sie über ihre LSD-Experimente: „Ich bin weder aufgekratzt und hibbelig noch glückselig weggebeamt. Ich empfinde kein transzendentes Einssein mit dem Universum. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich normal.“ Wissenschaftlich bewiesen sind die Erfahrungen der Microdoser*innen bisher nicht. Forscher*innen gehen davon aus, dass es sich beim Microdosing eher um einen Placebo-Effekt handeln könnte.
 
Wie kommt es aber, dass die einstige Hippie-Droge LSD seit einigen Jahren zu einem Wundermittel stilisiert wird – irgendwo zwischen Vitamin-Shake und doppeltem Espresso? Wird so aus dem Rausch eine nüchtern-kalkulierte Erfahrung? Wofür steht der Rausch, wenn er das „neue Normal“ ist, weil wir ständig irgendwie drauf sind?
 

Die Vereinten Nationen beobachten einen weltweiten Anstieg des Drogengebrauchs

Im Jahr 2018 hatten schätzungsweise 269 Millionen Menschen weltweit Drogen zu sich genommen – ein Zuwachs von gut 30 Prozent seit 2009. Die Zahlen seien nicht einfach mit einem Anwachsen der Weltbevölkerung zu erklären, so die UN, sondern mit einem Markt mit immer mehr und immer vielfältigeren Drogen. Teilweise werden diese heute im Darknet geordert und per Post verschickt – viele Substanzen nutzen dabei eine rechtliche Lücke, denn ihre chemische Rezeptur ist so verändert, dass sie nicht mehr als illegal gelten. Jugendliche und junge Erwachsene machen den größten Teil der Drogen-User*innen aus und 35,6 Millionen Menschen weisen einen gefährlichen Konsum auf.
 
Vor allem Kiffen ist enorm populär, nicht zuletzt, seitdem das psychoaktive Tetrahydrocannabinol (THC) in einigen Teilen der Welt legalisiert wurde und damit neue Wirtschaftszweige eröffnete. Auch die „brave“ Schwester des THC, das Cannabidiol (CBD), steht mittlerweile ganz selbstverständlich in Drogerien und Apotheken neben Baldrian, Johanneskraut und Passionsblume. Von Tropfen bis Kaugummi oder Tee soll CBD Krämpfe, Schlafstörungen und leichte Migräne erträglicher machen. Doch die meistkonsumiertesten Drogen, auch in Deutschland, sind weiterhin Alkohol und Nikotin, obwohl gerade Jüngere im Schnitt immer weniger trinken und rauchen. Allein in Deutschland sind laut Bundesgesundheitsministerium gut 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig. Im Schnitt sterben am „reinen“ Alkoholkonsum hierzulande jährlich 74.000 Menschen – das beinhaltet aber noch nicht jene, die durch alkoholbedingte Erkrankungen, Mischkonsum oder Rausch-Unfälle ihr Leben verlieren. Etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland rauchen Tabak, tödlich endet dies pro Jahr für etwa 127.000 Menschen. Zusätzlich sind nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums 2,3 Millionen Menschen von Medikamenten abhängig.

Was ist schon normal

Auch das „rebellische“ LSD hat ursprünglich mal nicht als Partydroge angefangen. Ende der 1930er Jahre entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann das Lysergsäurediethylamid eher zufällig, danach war die Substanz bis Ende der 1960er Jahre medizinisch interessant für eine experimentelle Behandlung von Alkoholismus oder Zwangserkrankungen. 1967 wurde LSD in den USA verboten, 1971 in Europa – nur in der Schweiz konnte man noch mit einer Sondergenehmigung den LSD-Einsatz am Menschen erforschen. Zuletzt tat dies der Arzt, Psychologe und Psychotherapeut Peter Gasser, der die Droge von 2007 bis 2014 Menschen mit unheilbarem Krebs verabreichte.
 
Seinen Ruf als Hippie-Halluzinogen erhielt LSD auf dem Höhepunkt der 68er-Bewegung. Unter dem Slogan „turn on, tune in, drop out“ – also etwa „anmachen, einschalten, aussteigen“ – pries der US-amerikanische Psychologe und LSD-Guru Timothy Leary 1966 den Gebrauch. Das Besondere war dabei nicht, dass Drogen nun öffentlich diskutiert wurden – sondern dass ihr Gebrauch quasi einer „revolutionären Geste“ glich, so der Politikwissenschaftler und Publizist Robert Feustel von der Universität Leipzig. Das habe es historisch so weder vor noch nach 1968 gegeben. Feustel erörtert in seinem Aufsatz Ein Trick der Vernunft, dass „das ganze Sprechen über Drogen und Rausch erst in der frühen Romantik, im frühen 19. Jahrhundert beginnt. Da ist es aber eher ein elitäres Phänomen von Schriftstellern, von Künstlern.“ Die Vernunft wird in dieser Zeit zum intellektuellen Ideal, aber erklärt sich inhaltlich nicht von selbst. Vielmehr braucht sie einen Gegenspieler. Nur in scharfer und wertender Abgrenzung zum Rausch, so Feustel, können die Begriffe „Vernunft“ und „Normalität“ ihr Profil schärfen und damit auch zu Machtinstrumenten werden. Was Vernunft oder Rausch aber genau meinen, bleibt vage: „Normalität und Vernunft können ja auch sehr unterschiedlich sein – ich kann nüchtern sowohl träge und müde, als auch aufgedreht sein“ so Feustel. „Es gibt so eine krasse Bandbreite an Zuständen, dass es mir immer schwerfällt, einen Bereich mit so einem Glockenbegriff zu versehen.“

Politikwissenschaftler und Publizist Robert Feustel von der Universität Leipzig Politikwissenschaftler und Publizist Robert Feustel von der Universität Leipzig | Foto: © privat

Die berauschte Leistungsgesellschaft

Historisch und etymologisch, so Feustel, war der Rausch bis in die Romantik hinein auf den Alkoholkonsum beschränkt gewesen – obwohl Drogen wie Hanf, Fliegenpilze oder Stechapfel in Westeuropa schon lange genutzt wurden.
 
Verstärkend kommt damals zur romantischen Idee des „Rauschs“ der Sog des sich entfaltenden Kapitalismus hinzu. Wer nun über abhängige Lohnarbeit seinen Lebensunterhalt verdient, verfügt nicht mehr frei über die eigene Zeit. Der Rausch wird aus der Arbeitswelt verdrängt, durch offene Missbilligung und per Arbeitsvertrag – und sogar die Erfindung der Pauschalreise hängt mit der Eindämmung des Rausches zusammen. Was bleibt, ist der Freizeitrausch nach Feierabend – doch auch dieser währt nur so lange, bis der nächste Arbeitstag angetreten werden soll.
 
Heute sind Drogen am Arbeitsplatz weiterhin offiziell untersagt, doch da sich Arbeit und Freizeit immer mehr vermischen, kommen nun Substanzen zum Einsatz, mit denen wir glauben, gut zu funktionieren – sei es der extrastarke Kaffee nach einer kurzen Nacht, eine weggeschmauchte Zigarette an einem nervenaufreibenden Tag, ein Joint zum Runterkommen oder eben gleich Ganztags-Performance-Microdosing: „Wir leben ja schon in der Leistungsgesellschaft und es ist faktisch so, dass Menschen das zum Beispiel mit Drogen wie Alkohol kompensieren. Manche versuchen so, aus der wenigen Freizeit, die sie haben, ein Maximum herauszuschlagen“, sagt die Zukunftsforscherin und Kulturanthropologin Lena Papasabbas vom Think Tank „Zukunftsinstitut“ in Frankfurt am Main. In ihrem Report von 2019 hat sich Papasabbas mit der Zukunft berauschter westlicher Gesellschaften beschäftigt und bilanziert: „Heute ist der Rausch weiter verbreitet – und weniger politisch. Zugleich bietet er die einfachste Antwort auf die Überforderung des Individuums im hypervernetzten Zeitalter, in dem sich die Verantwortung zunehmend auf den Einzelnen verlagert. (…) Rausch ist auch die einfachste Abkürzung zu den großen hedonistischen Grundwerten, die uns der Spätkapitalismus als Lebenssinn verkauft: Spaß, Ekstase, Genuss.“

High und heilig – spiritueller Rausch von Yoga bis Ayahuasca

Rausch kompensiert und stimuliert also, ist Stopp-Taste im Hamsterrad und Play-Taste für die Party. Jenseits dieser Funktionalität drückt eine junge Generation außerdem direkt über den Körper und Neuroenhancement die eigene Persönlichkeit aus, sei es durch Fitness, spezielle Ernährung, Bodymodification oder eben Stimmungs-Management mit Microdosing und CBD-Produkten. „Die Jüngeren empfinden das eher als natürlich, bei der eigenen Biologie anzusetzen, um irgendwie die Stimmung zu verbessern“, so Papasabbas. „Es gilt ja, glücklicher zu sein, extrovertierter zu sein, eine höhere Libido zu haben, was auch immer das Problem ist – das kann man alles mit einer Pille lösen.“

Zukunftsforscherin und Kulturanthropologin Lena Papasabbas vom Think Tank „Zukunftsinstitut“ in Frankfurt am Main Zukunftsforscherin und Kulturanthropologin Lena Papasabbas vom Think Tank „Zukunftsinstitut“ in Frankfurt am Main | Foto: © Rainer Kraus | blende13 Zudem verschiebe sich Rausch zunehmend Richtung Alternativmedizin und Spiritualität, so die Zukunftsforscherin. Das Interesse an als neuartig empfundenen Heilungskonzepten wächst – ob Yoga an der Volkshochschule, holotropes Atmen beim Detox-Wochenende oder Ayahuasca-Ritual im Amazonas. Globale Mobilität und Neugier, aber auch Skepsis gegenüber westlicher Schulmedizin seien dabei wichtige Katalysatoren, so Papasabbas, auch wenn es überwiegend westliche Konsument*innen seien, die derartige Erfahrungen machen: „Langsam verändern sich auch westliche Paradigmen. Ich finde das total spannend, wie beispielsweise Konzepte von Bewusstsein oder psychischen Störungen und Behandlungsmethoden ernsthaft beeinflusst werden von völlig anderen Denkwelten“, so die Kulturanthropologin. Politikwissenschaftler Feustel kritisiert jedoch: Die Idee des „Rauschs“ enttarne sich dabei auch als ein westlich-koloniales Produkt. Jene Ordnung, die willkürlich in „Vernunft“ und „Rausch“ einteilt, sei in außereuropäischen Kulturen mit ihren Rausch-Ritualen schlichtweg nicht vorhanden.

Krisenrausch zwischen Selbstzerstörung und Weltflucht

Ist der Rausch in westlichen Gesellschaften also nur noch Komplize der Leistungsgesellschaft? Nicht ganz. Denn wo Angst und Selbstdisziplin eine Veränderung der Gesellschaft verhindern, wird der konsumierende Körper selbst zum Kampfplatz: „Die Konjunktur der Selbstoptimierung ist wieder am Kipppunkt“, so Feustel. Popkulturell, so seine Beobachtung, lasse sich das derzeit gut am Hip Hop ablesen – statt Koks und Party geht es jetzt in vielen Texten und Videos um Chillen mit Xanax, Fentanyl, Codein und Tilidin; allesamt Downer, allesamt „Stoffe, die eher kaputtmachen im Hirn“, so der Politikwissenschaftler. Sinnbefreite Selbstzerstörung als Rebellion gegen das System.
 

Als Ursachen vermutet Feustel eine derzeit „große Hegemoniekrise“ des Westens – Neoliberalismus, eskalierender Reichtum, aber auch die Klimakatastrophe und das Gefühl, dass die nahe Zukunft eher Zusammenbruch als Verheißung ist. Angstgefühle und Depressionen können auftreten oder sich verstärken, vielen reicht dann nicht mehr das subtilere Microdosing: „Dann wird wieder das ganze Arsenals an Opiaten in den Vordergrund gespült“, so der Wissenschaftler. „Das hat schon eher was von Abschießen, Irgendwie-Aushalten, Nicht-Wahrnehmen, Nicht-Teilnehmen.“ Exemplarisch könne dafür die Opioid-Krise in den USA stehen, deren Symptome auch in anderen westlichen Gesellschaften spürbar sind.
 

Dass Rauschverlangen und persönliche Krisen oft zusammengehen kennt man – aus eigener Erfahrung, aus Popsongs oder Filmen. Wie aber Rausch und schwere, globale Krisen ineinandergreifen, zeigt sich derzeit in der Corona-Pandemie. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass viele Menschen im Lockdown beispielsweise mehr Alkohol konsumieren, als sie das vorher taten – aus Langeweile, aus sich verfestigender Gewohnheit oder Überdruss. Laut aktuellem Global Drug Survey gaben die rund 59.000 Teilnehmenden an, dass sie im ersten Lockdown 2020 etwa ein Drittel mehr Alkohol konsumiert haben als üblich. Ebenso hat der Gebrauch von anderen Substanzen, besonders Cannabis und CBD, zugenommen, aber auch riskante Verhaltensweisen wie Glücksspiel, Computerspiele oder Pornokonsum.
 
Doch wie sollen Menschen völlig nüchtern ihren teils nervenaufreibenden Pandemie-Alltag bewältigen? Könnte Rausch hier nicht sogar eine Art Übergangslösung sein, wenn die kreativen Ideen im Homeoffice ausbleiben, es kaum noch Möglichkeiten gibt, dem Alltag zu entfliehen und sich das Leben einseitig auf Arbeit und Selbsterhalt verengt? Lena Papasabbas hält dies für denkbar: „Ich könnte mir auch vorstellen, dass mehr Leute mit Psychedelika experimentieren, die es vorher nicht gemacht haben“, so die Kulturanthropologin. „Einfach weil das eine Möglichkeit ist, etwas total Aufregendes zu erleben während man sich total langweilt. Man kann nirgendwo hingehen und macht dann halt so eine Reise im eigenen Garten.“ Manche, so Papasabbas, würden sich auch ins andere Extrem flüchten – Askese statt Rausch, exzessiver Sport und gesunde Ernährung statt Binge-Drinking oder Kiffen.
 
Und was, wenn wir Corona dann doch eines Tages im Griff haben? Kommt dann das große rauschhafte Fest, von dem viele bereits zu Beginn des ersten Lockdowns fantasiert haben? „Ich glaube schon, dass es eine Art Entladung gibt“, so Feustel. „Die Sozialstrukturen werden sich wohl ganz schnell und ganz heftig regenerieren. Die Leute werden sich treffen, saufen, feiern und das auch über einen gewissen Zeitraum recht intensiv, weil sich da schon ein Bedarf anstaut.“ Aber er warnt auch: „Nach so einer Krise könnten die Erwartungen an die Party danach zu hoch sein, als dass sie erfüllt werden können.“

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