Internationale Freiwilligendienste Der Messias-Komplex – Wenn aus Hilfe ein Armutsporno wird

Der Ansatz der Freiwilligenarbeit in einem neuen Land darf niemals von oben herab sein, sondern sollte auf Zusammenarbeit ausgerichtet sein. Foto: © Palo Markovič

Wenn sich Instagram-Retter*innen in die Freiwilligenarbeit einmischen, wird kaum ein Fettnäpfchen ausgelassen. Boba Markovič Baluchová ist seit vielen Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und weiß aus Erfahrung: Aus den Fehlern derjenigen, die den „bedürftigen Kindern in Afrika“ helfen wollen, lässt sich viel lernen.

Jedes Jahr leisten bis zu 1,6 Millionen junge Leute auf Reisen in Länder der sogenannten Dritten Welt gut gemeinte Freiwilligenarbeit. Die meisten von ihnen kommen aus dem reichen Westen, auch aus der Slowakei. Es ist vielleicht nicht allzu offensichtlich, aber in dieser Branche geht es um Geschäfte in Höhe von mehreren Milliarden Dollar. Doch die Fotos dieser Freiwilligenaufenthalte sind häufig ein Beispiel für erniedrigende „Armutspornografie“. Die Instagram-Berühmtheit Barbie Savior kennt sich damit gut aus. Glücklicherweise gibt es aber auch einen ethischen Weg, um diese stereotype Darstellungsweise zu vermeiden.

Wer würde sich nicht über lobende Kommentare freuen?

Vor zehn Jahren war ich das erste Mal in Afrika, also eigentlich nur in einem Land im Norden des Kontinents. Ein Jahr später reiste ich wieder hin, diesmal in den Teil südlich der Sahara. Damals benahm ich mich dort vermutlich so, wie viele andere Tourist*innen mit heller Hautfarbe, wenn sie das erste Mal in einem exotischen Land mit völlig anderer Kultur sind. Auf den Fotos bin ich zusammen mit dutzenden schwarzen Kindern zu sehen, die zwar in die Kamera lächeln, über deren konkrete Lebensumstände ich aber nicht viel wusste. Und eine Fotogenehmigung ihrer Eltern hatte ich auch nicht, obwohl ich dort in der Schule Bildungsangebote durchführte. Leider war ich nicht die erste Europäerin, die sich so verhält und werde wohl auch nicht die letzte gewesen sein. Kaum hatte ich einige Fotos von dort auf Facebook gepostet (eher so als „Update“ für meine Familie, dass es mir gut geht), kamen Kommentare vom Typ: „Siehst gut aus, zwischen diesen Schwarzen“, „Bring so einen kleinen Obama mit nach Hause“, „Wie toll, dass du diese armen Kinder im fernen Afrika rettest“, „Du hast ein großes Herz, dass du ihnen hilfst“, „Die bräuchten mehr solche Missionare“ ... und so weiter.
 
Ich gebe zu, dass mir das damals insgesamt sehr geschmeichelt hat. Zweifellos sah man mich in einem besseren Licht, das nicht wirklich der Realität entsprach. In privaten Nachrichten bekam ich jedoch auch andere Hinweise: „Wozu hilfst du diesen schwarzen Affen, die lernen sowieso nichts und werden immer wieder die Hand ausstrecken, in der Slowakei gibt es doch auch Leute, die leiden“ beziehungsweise „Hallo, wir kennen uns zwar nicht, aber ich hätte gern einen Rat von dir, wie man zu einem Einsatz nach Afrika kommt, ich wollte schon von klein auf Kindern in Slums helfen“. Da musste ich dann langsam das kritische Denken einschalten und so antworten, dass ich die Situation in einen breiteren Kontext gestellt und erklärt habe, warum es wichtig ist, auch im Ausland zu intervenieren, aber gleichzeitig auch, dass dort nicht jeder Hals über Kopf ohne Vorbereitung, Plan und lokale Unterstützung helfen kommen kann.
 
Und so habe ich nach einigen Jahren Studium, Reisen und Forschung ein System zur Reisevorbereitung für junge Freiwilligendienstler*innen entwickelt, die auf Mission in Niedriglohnländer, früher auch Entwicklungsländer genannt, entsendet werden möchten. Es war mir eine Herzensangelegenheit, mediale und informative Kenntnisse zu vermitteln und dabei den Fokus darauf zu lenken, wie die Situation und die Menschen in diesen Ländern in unseren Medien dargestellt werden. Wie dort Beispiele aus der Praxis und oft auch Bilder und Blogs der Freiwilligendienstler*innen (nicht nur der slowakischen) eingeordnet werden. Und das ist noch immer nicht ausreichend.

 
Vor dem Fotografieren von Kindern ist immer die Erlaubnis der Eltern einzuholen. Vor dem Fotografieren von Kindern ist immer die Erlaubnis der Eltern einzuholen. | Foto: © Palo Markovič

Wenn Freiwilligendienst mit exotischem Tourismus verwechselt wird

Mit der Gründung und dem Boom von Instagram entstand der Bedarf, sich selbst in den sozialen Netzwerken als weißen Samariter oder weiße Samariterin darzustellen und damit explodierte die Sache gewissermaßen. Und der Trend wird weiterhin ansteigen. Heute weiß ich, was an meinem Verhalten auf Reisen in afrikanische oder asiatische Länder verkehrt war.
 
Manchmal wird „Volunteering“ (Freiwilligendienst) mit dem Begriff „Voluntourismus“ verwechselt, was wortwörtlich freiwilliger Tourismus in die Armut exotischer Länder ist. Voluntouristen sind idealistische und privilegierte Reisende, die eindeutig einen anderen sozioökonomischen Status haben, als diejenigen, denen sie helfen beziehungsweise die sie unterstützen wollen. Das Ganze natürlich im Beisein von Kameras oder zumindest Handys. Oftmals platzen sie mit ihrem Engagement in lokale Gemeinschaften hinein und haben nur wenige oder gar keine Kenntnisse oder Verständnis für Geschichte, Kultur und die Lebensweise der Menschen vor Ort. Alles ist nur auf das unreflektierte Bedürfnis ausgelegt, schnell mal eben zu helfen und die Armut in irgendeinem Dorf in Asien oder Afrika zu lindern.
 
Beispielsweise kommt es in touristisch interessanten Gebieten in Kambodscha häufig zu Betrügereien in Kinderheimen, deren angebliche Waisen gar keine sind und dieses Phänomen ist bei Weitem nicht nur auf dem asiatischen Kontinent verbreitet. Hilfsbereite Touristinnen und Touristen werden in Einrichtungen zum Schutz gefährdeter Kinder gelockt, um dort Freiwilligenhilfe zu leisten, und zwar indem sie entweder Zeit oder Geld investieren. In solchen Heimen ist es jedoch auch üblich, dass die Lebensbedingungen auf einem relativ schlechten Niveau gehalten werden, um mehr Mitgefühl sowie die Bereitschaft zu wecken, die Kinder finanziell zu unterstützen.
 
Die Ethik der verschiedenen Arten des „Voluntourismus“ wird in den Medien verstärkt thematisiert und das beinhaltet auch Aufklärung und verantwortungsvolle Informationen über internationale Freiwilligenarbeit. Die Diskussion ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen.

Wie kann man sinnvoll helfen, ohne die lokalen Gemeinschaften zu erniedrigen?

Der Trend unter jungen Leuten aus Europa und den USA, für kurze Zeit zu verreisen und im Urlaub in den sogenannten Entwicklungsländern zu „helfen“, kann unter Beachtung einiger Regeln für effektive Freiwilligenarbeit in sinnvollere Bahnen gelenkt werden. In erster Linie sollte man seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten kennen und gut abwägen, was man der örtlichen Gemeinde anbieten könnte.
 
Ohne zu Hause ein Pädagogikstudium absolviert zu haben, sollte man Kindern in einem unbekannten Land auch nicht Mathematik oder Chemie beibringen wollen, auch wenn das eine noch so fotogene und persönliche Herausforderung zu sein scheint, mit Kreide in der Hand vor einer Tafel zu stehen und den Lehrstoff zu erklären. In Europa würde es nämlich auch niemandem einfallen, im Kittel und mit Stethoskop um den Hals durch das örtliche Krankenhaus zu laufen und so zu tun, als würde man Kranke behandeln, ohne Medizin studiert zu haben.
 
Problematische Freiwilligenprogramme konzentrieren sich jedoch in der Tat mehr auf das, was junge Menschen gern tun wollen, als auf das, was sie tatsächlich können. Dabei können aber schon eine gute Reisevorbereitung, die Klärung der Motivation und Mentoring Abhilfe schaffen. Und damit kann auch sichergestellt werden, dass der freiwillige Helfer oder die Helferin einem Menschen vor Ort nicht seinen bezahlten Arbeitsplatz auf dem Bau, als Lehrer oder im Gesundheitswesen wegnimmt.
 
Wichtig ist auch die Überlegung, wie viel Zeit für einen derartigen Freiwilligendienst im Ausland zur Verfügung steht und was man eigentlich in dieser Zeit vor Ort schaffen kann. Gerade kurzzeitige Projekte können nämlich mehr Schaden als Nutzen bringen. Eine Verhaltensethik für neue Umgebungen und die Vermeidung eines Kulturschocks sind außerordentlich wichtige Punkte, die in der Vorbereitung auf den Aufenthalt und in der Kommunikation mit der Organisation thematisiert werden sollten. Oftmals ist den westlichen Helfer*innen die neue Kultur vorher gänzlich unbekannt und sie wissen nicht, was man in einem bestimmten Land darf oder nicht darf. Schon ein einfacher Händedruck oder ein Blick in die Augen im falschen Kontext kann dann zu Vertrauensverlust zwischen den Projektpartnern und dem Scheitern der Zusammenarbeit führen.
 
Eine wichtige Regel ist auch, dass man sich unterstützend und kooperativ verhalten sollte, anstatt besserwisserisch und von oben herab an die Freiwilligenarbeit heranzugehen nach dem Motto: „Ich bin hier, um euch zu zeigen, wie man das macht“. Bereits in dem Gedicht The White Man’s Burden (Die Bürde des weißen Mannes) des Schriftstellers Rudyard Kipling aus dem Jahr 1899 wird klar auf die historisch verankerten Bemühungen der Europäer verwiesen, die Probleme anderer Staaten zu lösen und ihnen Ratschläge zu erteilen, wie sie eine bessere Lebensqualität erreichen können. Es scheint, dass der dort beschriebene Mythos der „moralischen“ Expeditionen zivilisierter Weißer aus dem Globalen Norden zur Kultivierung „unwissender“ Wilder im Globalen Süden noch immer vorhanden ist.
 
Dieses „weiße Rettungswesen“ und der „Erlöserkomplex des weißen Mannes“ reichen zurück in die Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei. Sie sind ein Symptom der vermeintlichen weißen Überlegenheit, gegen das vorgegangen und welches endlich ausgemerzt werden muss. Gerade jetzt, da weltweit Kundgebungen für Rassengerechtigkeit der Bewegung Black Lives Matter stattfinden, wäre genau der richtige Zeitpunkt dafür.

Wie die Millennial Barbie Savior das „Land“ Afrika sieht

Wer verstehen möchte, was falsch ist an den Fotos eines gutherzigen Freiwilligen umringt von dankbaren schwarzen Kindern, die er durch seinen Aufenthalt aus der Armut errettet hat, muss nur den satirischen Instagram-Account Barbie Savior anklicken. Er wurde im März 2016 von zwei ehemaligen Freiwilligen angelegt und zeigt anhand exzentrischer Fotos und übertriebener Begleittexte die größten Fehler, die junge Menschen beim Besuch von Niedriglohnländern machen. Die beiden stützen sich auf ihre eigenen Erfahrungen, die sie bei ihren Tätigkeiten in Ostafrika gesammelt haben, obwohl sie selbst nie an solch übertriebenen Erlösungsvorstellungen wie ihre Hauptheldin auf den Fotos litten. Diese stellen jedoch eine passende Art und Weise dar, um auf den allgegenwärtigen messianischen Komplex zur Rettung Afrikas durch wohlhabende junge Menschen aus dem Westen aufmerksam zu machen, die in ihren Ferien in sogenannte Entwicklungsländer reisen und dort helfen wollen.
 
Stellt euch nur einmal vor, ihr wärt selbst an der Stelle dieser Barbie-Savior-Puppe, umarmt einheimische Kinder, posiert in unangemessen schicken Kleidern im Slum, sucht nach einem Doppelstecker, um euer iPhone aufzuladen und den Haarglätter anzuschließen und haltet Afrika auch noch für ein homogenes Land. Schließlich gründet ihr mit Mitte Zwanzig die karitative Nichtregierungsorganisation Harness the Tears, da Afrika Wasser benötigt, also eure Tränen und ihr auch gern Geschäftsführer irgendeiner Organisation wärt. Dafür erhaltet ihr dann von allen Lob und Anerkennung. So läuft das zumindest in der Instagram-Welt, und zwar nicht nur bei dieser imaginären Freiwilligen.
 
  • Barbie Savior 1 Foto: © Barbie Savior
    Barbie Savior macht ein so genanntes „slumfie“ - ein Selfie in einem ostaafrikanischen Slum.
  • Barbie Savior 2 Foto: © Barbie Savior
    Barbie Savior besucht „ihre afrikanischen Engelchen“ im Krankenhaus - Voluntourismus in der Praxis.
  • Barbie Savior 3 Foto: © Barbie Savior
    Barbie Savior braucht keine pädagogischen Kenntnisse, um Kinder in Afrika zu unterrichten. Es reicht Kreide und Optimismus.

 
Es gibt immer mehr Volunteering-Programme und auch das Coronavirus wird diesen Boom nicht aufhalten. Die Welt der sozialen Medien bietet jungen Menschen Herausforderungen und Gelegenheiten, damit sie während ihrer Reisen auch etwas Sinnvolles tun und die Welt darüber verantwortungsvoll informieren können. Aus diesem Grund haben die Gründerinnen des Barbie-Savior-Profils in Zusammenarbeit mit der norwegischen Organisation SAIH, die hinter der satirischen Videokampagne Afrika für Norwegen: Radi-Aid steckt, 2017 einen kurzen Leitfaden mit Empfehlungen erstellt, wie man bei den gut gemeinten Freiwilligentätigkeiten auf der Suche nach dem Abenteuer durch sein Handeln die Menschen dort nicht erniedrigt. Die jungen Leute können sich schon vor der Abreise damit beschäftigen und wenn sie ihre Erfahrungen im Ausland dokumentieren, vermeiden sie es möglicherweise, die Würde und das Recht der besuchten Personen auf Schutz ihrer Privatsphäre zu verletzen.

Wenn ein Verhaltenskodex existiert, sich aber kaum jemand daran hält

Es gibt mehrere andere Regelwerke, die man bei Berichten über die Erlebnisse auf Reisen in sogenannte Entwicklungsländer beachten sollte. Beispielsweise hat die irische Organisation Dóchas einen illustrierten Leitfaden für humanitäre und Entwicklungsorganisationen erstellt, die junge Menschen zu Einsätzen ins Ausland entsenden, damit sich diese in Berichten von ihren Erlebnissen und insbesondere wenn sie Fotos in sozialen Netzwerken posten öfter an den ethischen Kodex zur Verwendung von Fotos und zur Formulierung von Messages und Postings aus den sogenannten Entwicklungsländern halten.
 
Sicherlich hat jeder seine eigenen moralischen Grenzen, die man während des Freiwilligendienstes nicht überschreiten würde. Bei mir funktioniert meist eine einfache Kontrollfrage wie etwa: „Wenn bei uns zu Hause ein Fremder ohne Erlaubnis meine Kinder auf dem Spielplatz fotografieren würde, um sie ins Internet zu stellen, wäre mir das recht?“ Wenn ihr euch jedoch einmal unsicher seid, ob mit eurem Instagram-Post nicht eine gewisse rote Linie überschritten wird, könnt ihr euch immer noch an den Regeln des besagten Leitfadens zu orientieren.
 
In jedem Fall sollte man nicht vergessen, ein neues Land mit einer Vielfalt an Menschen und Schicksalen mit den eigenen Augen zu betrachten und nicht nur durch die Linse eines Fotoapparats. Einige Lebensgeschichten müssen nicht unbedingt dokumentiert und veröffentlicht werden. Wichtig ist, dass sie mit Haut und Haaren gelebt werden, möglicherweise seid ihr ein Teil davon, leistet Hilfe oder Unterstützung. Das Gefühl nach einer gut durchgeführten Freiwilligentätigkeit und die Freude an der Zusammenarbeit lassen sich dem Rest der Welt sowieso selten durch einen Beitrag oder Post in den sozialen Medien vermitteln.

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