Behinderungen im Kulturbereich
Nicht krank, nur behindert

Performance-Gruppe dorisdean: „Behinderungen sind überall und keine Krankheit, die es auszumerzen gilt.“ Foto: © Nicolas Oswald

Wer als Mensch mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung eine Karriere im „normalen“ Kulturbereich anstrebt, hat es oft schwer – und muss alternative Wege auf die Bühne finden. Zwei Beispiele.

Rund 10 Millionen Menschen in Deutschland, heißt es beim Bundesamt für Statistik, haben eine Behinderung. Nicht immer ist diese „sichtbar“, auch „unsichtbare“ Beeinträchtigungen, darunter chronische oder psychische Erkrankungen, werden dazu gezählt. Doch obwohl also ganze 12 Prozent der Bevölkerung in diese Kategorie fallen, sind körperliche oder geistige Beeinträchtigungen in der Kulturszene merkwürdigerweise unterrepräsentiert. Wann habt ihr das letzte Mal einen Menschen mit Behinderung erlebt, der die Hauptrolle an einem städtischen Theater spielte? Wie viele Schauspieler*innen im Rollstuhl kennt ihr? Man könne Menschen mit Behinderung, so lautet eine immer wieder vorgeschobene Begründung von Theatern und Filmproduktionen, die Belastung bei längeren Proben oder Dreharbeiten nicht zumuten. Doch das hindert viele nicht daran, trotzdem künstlerisch tätig zu werden.

Mehr als „Inklusionsbespaßungstheater“

Wille Felix Zante ist einer davon. Während seines Studiums der Gebärdensprachen an der Universität Hamburg schrieb der gehörlose Journalist kritisch über das spärliche Angebot an Gehörlosentheater – und wurde daraufhin gleich für die Produktion Die Taube Zeitmaschine engagiert, inszeniert von Possible World, einer Plattform für inklusive Medienprojekte. Seitdem spielt er regelmäßig.

Er sei vor allem Teil von Projekten, bei denen Gehörlosigkeit eine Rolle spiele und Gebärdensprache eingesetzt werde, erzählt er: „Manchmal kann das etwas nervig sein, aber anderseits weiß ich auch nicht, wie ich sonst den Zugang zum Theater gefunden hätte. Als Gehörloser bist du von den ganzen Networking-Sachen, Partys und so weiter, ausgeschlossen, wirkliche Ausbildungsstätten für gehörlose Schauspieler*innen und Dramaturg*innen gibt es auch nicht.“ Plane man ein Theaterstück mit Gehörlosen, so müssten bei jeder Besprechung zwingend Dolmetscher anwesend und die Beteiligten bereit sein, sich auf diesen Umstand einzulassen, meint Wille.
 
Doch nicht nur die Kommunikation, auch die Darstellung von Behinderungen im Kulturbereich hält Wille Zante für ambivalent; entweder werde die Beeinträchtigung zur Schau gestellt oder das Ergebnis sei mittelmäßiges „Inklusionsbespaßungstheater“. „Ich wünsche mir generell mehr, dass Leute mit Behinderungen einfach im Stück vorkommen, ohne dass es wichtig ist, was ihre Behinderung mit der Story zu tun hat“, betont er.

Für Gehörlose wäre es gut, wenn Dolmetscher mit auf der Bühne stehen oder eine der Figuren gehörlos sei. „Das trägt auch zur Identifizierung bei. Wenn ich den ganzen Tag Diskriminierung ausgesetzt bin, will ich vielleicht nicht auch noch im Theater immer mit dem Thema konfrontiert werden. Theater kann und sollte ja auch Utopien zeigen: Wie könnte eine Welt sein, wo alles so ist, wie es sein sollte?“ Behinderung auf der Bühne dürfe nicht nur als erzählerische Krücke herhalten, ist der Schauspieler überzeugt. Gleichzeitig berge Inklusionstheater aber ein großes Potential: „Im Theater und im Film hat man auch die Möglichkeit einfach mal ausgiebig zu glotzen, was im Alltag sehr unpassend wäre. Also mal alles rauszulassen: ‚Ah, so bewegen sich also die Behinderten, ah, so sieht Gebärdensprache also aus.‘“
 
Denn der Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ist häufig ein kommunikatives Minenfeld, weiß Wille: „Wenn Leute sagen ‚aber du sprichst so gut‘, hebe ich meist den inneren Mittelfinger, weil ich da auf so ein bescheuertes Merkmal reduziert werde und das ‚...für einen Gehörlosen‘ fast mit ausgesprochen wurde. Das ist dann ein dauernder innerer Kritiker, der mich piekst und sagt: Die Leute finden deine Schreibe nur gut, weil du für einen Gehörlosen ganz passabel schreibst. Oder dass man eben nur der Quotenbehinderte ist.“

Theatermacher Wille Felix Zante: „Als Gehörloser bist du von den ganzen Networking-Sachen, Partys und so weiter, ausgeschlossen, wirkliche Ausbildungsstätten für gehörlose Schauspieler*innen und Dramaturg*innen gibt es auch nicht.“ Theatermacher Wille Felix Zante: „Als Gehörloser bist du von den ganzen Networking-Sachen, Partys und so weiter, ausgeschlossen, wirkliche Ausbildungsstätten für gehörlose Schauspieler*innen und Dramaturg*innen gibt es auch nicht.“ | Foto: © Pauline Carla Meyer-Beer

Nur ein Unterschied von vielen

Mit diesem Unbehagen vieler Menschen in Bezug auf Behinderungen spielt die Performance-Gruppe dorisdean ganz bewusst. Sie bezeichnen sich selbst als Kompanie mit „unterschiedlichen Körperlichkeiten“, um zu zeigen, dass jede Art der Bewegung, des Sprechens und Hörens wertfrei bestehen kann: „Die Verschiedenheit unserer Körperlichkeiten mag zwar im Vergleich zwischen Performer*innen, die Rollstuhlfahrer*innen sind und denen, die gehen, anfangs am deutlichsten auffallen. Wir wollen aber auch zeigen, dass das nicht der entscheidende Unterschied ist, sondern nur einer von vielen.“

Sie plädieren für eine Erweiterung des Begriffs der ‚Behinderung‘, um zu verstehen, dass „Behinderungen überall sind und keine Krankheit, die es auszumerzen gilt.“ Es brauche mehr Behinderte, die gemeinsam daran arbeiten die Barrieren, die uns behindern, abzubauen. Dazu zählt dorisdean nicht zuletzt auch eine Unsicherheit im Umgang: „Wir glauben dass viel Unbehagen zustande kommt, weil Menschen sich nicht trauen, diese Unsicherheit zu artikulieren und zu fragen. Das ist ja auch unangenehm zu sagen: ‚Entschuldige, ich bin total unsicher gerade, ist es super seltsam, wenn ich mich so die ganze Zeit zu dir herabbeuge, während wir sprechen?‘“
 
Im Kulturbereich gebe es noch deutlichen Nachholbedarf, was die Barrierefreiheit und Inklusion angeht. „Es ist immer die Frage, was die Norm ist, nach der gebaut, Jobs ausgeschrieben oder für die etwas produziert wird; die Norm, die darüber entscheidet, wer außen vor gelassen wird. Wenn es die Norm wird, Übersetzungen und architektonischen Zugang zu ermöglichen – wir sie also erweitern – wäre das schon ein guter Schritt.“
 
Eine besondere Hervorhebung von Beeinträchtigungen auf der Bühne lehnt das Kollektiv ab. „Beeinträchtigungen und Behinderungen sollten als Teil der Gesellschaft gesehen und begriffen werden und aus den Nischen herausgeholt werden. Das heißt auch: große und wichtige Rollen – sowohl vor als auch hinter der Bühne – sollten ganz selbstverständlich von Menschen mit Beeinträchtigung übernommen werden. Es sollte nicht nur um die Verhandlung oder die Repräsentation einer Behinderung in einer Performance gehen. Erst dann können wir über so etwas wie Integration hinausgehen und zu wahrer Annahme kommen.“
 
Eine Behinderung, ob sichtbar oder nicht sichtbar, sei in vielen Fällen Teil der Persönlichkeit eines Menschen; sie müsse nicht immer im Mittelpunkt stehen, sollte jedoch auch nicht komplett übergangen werden – das könne bei den Zuschauern zu einem Zwiespalt zwischen „Ich sehe doch, dass etwas anders ist“ und „Aber es wird nicht erwähnt“ führen. dorisdean begreift sich deshalb als „post-inklusives Performance-Kollektiv“ und manifestiert mit ihren Inszenierungen bereits den gesellschaftlichen Wunschzustand: „Wir bezeichnen uns gerne als Verfechter*innen einer ‚Achtsamkeits-Avantgarde‘. Wir möchten das Menschliche beleuchten, in all seinen Facetten.“ Es sei die Aufgabe zeitgenössischer Kunst daran zu arbeiten, was ein behinderter Körper auf einer Bühne bedeutet: „Er ist mehr als ein Zeichen für etwas, er ist ein Mensch.“

 

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