Der Balkan & sein Image
Das Stigma auf der Europakarte

Alte Brücke über die Neretva – das Wahrzeichen von Mostar in Bosnien-Herzegowina. Im 19. Jahrhundert waren viele „Westler“ überzeugt, die Brücke sei römischen Ursprungs. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Urheber eines solchen architektonischen Juwels „Türken“ sein konnten. Foto: Ramirez, CC BY-SA 4.0

Die Wahrnehmung des Balkans als von wilden, blutrünstigen Menschen bewohnte Gegend hat in der westeuropäischen Politik, in Journalismus, Kunst und Popkultur eine lange Tradition. Matej Karásek erklärt das negative Klischee, an das sogar manche Bewohner*innen dieser europäischen Region glauben.

Traurige Witze

Kennt ihr den schon? Wie viele Möglichkeiten hat ein Bewohner vom Balkan, um nach Europa zu kommen? Drei. Die erste Möglichkeit ist der Weg über das Festland und so gelangt er nach Slowenien. Die zweite Möglichkeit ist, dass er den Seeweg nimmt und nach Italien kommt. Aber es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Er nimmt das Flugzeug und kommt zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
 
Gründe, warum dieser „Balkanwitz“ viel über das Stigma des Balkans aussagt, gibt es ebenfalls mindestens drei. Der erste Grund ist, dass der Balkan, obgleich Teil des europäischen Kontinents, in den mentalen Karten vieler Europäer, einschließlich der der Balkanbewohner selbst, kein vollwertiger Teil Europas ist.
 
Zweitens beruht der Witz auf der Stereotypisierung der Balkanbewohner, die außer migrierenden Billigarbeitskräften scheinbar nur Kriegsverbrecher sein können.
 
Und drittens erhält der Witze eine Pointe durch die Tatsache, dass ich ihn weder in Den Haag, noch in Straßburg erzählt bekommen habe, sondern in einer kleinen montenegrinischen Stadt von einem Einheimischen.
 
Dieser ältere Mann war nicht der erste und auch nicht der letzte Bewohner auf dem Balkan, der die von außen herangetragenen, negativen Stereotype über den Balkan verinnerlicht hatte und glaubte.
 
Die negative Wahrnehmung des Balkans als Region mit wilden und blutrünstigen Bewohnern hat in der westeuropäischen Politik, Journalistik, Kunst oder Populärkultur eine reiche und relativ lange Tradition. Als ein Beispiel für diese Tradition wäre ein Buch zu nennen, das 1743 in Jena erschien und eine „genaue Beschreibung neuentdeckter Stämme“ versprach. Dem Autor des Buches zufolge lebten in den südöstlichen, aber auch östlichen Gebieten Europas folgende „Stämme“: „Hussaren, Heydukken, Tolpatchen, Insurgenten, Sclavonier, Panduren, Varasdiner, Lycaner, Croaten, Morlaken, Raitzen, Walachen, Dalmatiner, Uskoken.“ Das schreit geradezu danach, sarkastisch anzumerken, dass der Autor lediglich die Kriegsverbrecher vergessen hat…

Der Balkan wurde das „Pulverfass Europas“ genannt. Diese Karikatur erschien im Oktober 1912 im britischen Satiremagazin „Punch“. Der Balkan wurde das „Pulverfass Europas“ genannt. Diese Karikatur erschien im Oktober 1912 im britischen Satiremagazin „Punch“. | Illustration: Leonard Raven Hill | Public domain

Der Balkan als Alter Ego des Westens

Dass ethnische Kategorien mit verschiedenen Arten krimineller oder gewalttätiger Elemente vermischt und gleichgesetzt werden, ist jedoch bei weitem nicht das einzige Merkmal der westeuropäischen Debatte über den Balkan. Viele Wissenschaftler, die sich mit der Ideen- und Beziehungsgeschichte des Westens zum Balkan befassen, sind sich einig, dass der Begriff Balkan seine neutrale geografische Bedeutung schon lange verloren hat und in vielen europäischen Sprachen zu einer universellen Metapher für Wildheit, Blutdurst, Rückständigkeit, religiösen Fanatismus, Desorganisation, Unzivilisiertheit, Barbarei, Emotionalität oder Animalismus geworden ist.
 
Die Geschichte hat den Balkan genau in die Mitte zwischen den gedachten Westen und den Osten gestellt. Auf dem Balkan befand sich nicht nur die Grenze zwischen Katholizismus und orthodoxem Christentum, sondern die Halbinsel wurde durch das eineinhalbtausend Jahre bestehende Osmanische Reich auch zu einer Grenze zwischen Christentum und Islam.
 
Aufgrund der Verbindung zum Orient wurde der Balkan somit zur nächstgelegenen Region, in der sich Westeuropa selbst wie in einem umgekehrten Spiegelbild sehen konnte, oder vielmehr als Negativbild der Attribute, die es sich selbst zuschrieb. Den Ansichten einiger Wissenschaftler zufolge treten die Balkanbewohner im Verständnis des Westens als unfertige und unreife Europäer auf, und der Balkan selbst wird als eine Art Alter Ego des Westens dargestellt, als zivilisationsloses Gebiet, Käfig eines Zoos oder sogar als ethnographisches Museum.

Vampirnarben an Balkanhälsen

Stereotype über den Balkan können jedoch nicht nur der Anlass für geopolitische oder eben gleich kriegerische Auseinandersetzungen westlicher Mächte mit dem Balkan sein, so wie es uns zur Genüge aus der Geschichte bekannt sein dürfte, als beispielsweise mit dem Attentat in Sarajevo jenes „Pulverfass Balkan“ explodierte und Österreich-Ungarn und Deutschland einen willkommenen Vorwand für ihren Expansionsdrang auf dem Balkan lieferte. Dank der mit ihm verknüpften Stereotype ist der Balkan auch zu einer Bühne geworden, die sich gut als Setting für Abenteuer-, Gewalt-, Horror- oder Detektivszenen westlicher künstlerischer Vorstellungskraft eignet.
 
Eine der vielen möglichen Illustrationen könnte Stokers buchstäblich blutrünstiger Dracula sein, der dank Vlad Tepes (einer Person, die nicht grausamer ist als andere Tyrannen in anderen Teilen der Welt) seine Heimat gerade auf dem Balkan gefunden hat. In diesem Zusammenhang spricht die slowakische Filmtheoretikerin Jana Dudková sogar von einer „Vampirisierung des Balkans“, die nicht nur in Kunstwerken älteren Datums, sondern auch im modernen Journalismus ihre Ausprägung findet. Sie untermauert diese Behauptung mittels eines Berichts über die rumänische Revolution in einem gewissen französischen Fernsehsender, der nicht zögerte, eine Reportage auszustrahlen, die Gerüchte darüber enthielt, dass der damalige rumänische Präsident Nicolae Ceauşescu an Leukämie leide, was regelmäßige Transfusionen erfordert. Der Vampirismus seiner Taten sollte durch angebliche Funde blutiger menschlicher Körper in den Karpatenwäldern bewiesen werden.

Fließende Grenzen des Balkans

Die Tradition, den Balkan eher in Bezug auf Klischeevorstellungen und verschiedene nichtgeografische Attribute zu betrachten und weniger als geografischen Raum, bezeichnet man in der akademischen Terminologie als „Balkanismus“. Balkanismus lässt sich jedoch nicht nur in Westeuropa finden, sondern auch in Tschechien und der Slowakei. Der spätere Präsident der ersten Tschechoslowakischen Republik T. G. Masaryk sagte 1914, dass „nach dem Zweiten Balkankrieg bereits die gesamte Balkanhalbinsel durch den Balkan gefangen genommen wurde.“ Genau 100 Jahre später ließ wiederum der damalige Slowakische Premierminister Robert Fico verlauten, dass „die Balkanisierung der Slowakischen Republik“ begonnen habe. Wer derartige Aussagen zu hören bekommt, kann sich leicht denken, was Politiker früher und heute im Sinn hatten, wenn sie in ihren Aussagen den Balkan derartig verkürzt darstellten.
 
Versuchen wir uns bewusst zu machen, dass die Balkanhalbinsel, so wie auch die Pyrenäen- und die Apenninenhalbinsel, nach dem dortigen Gebirge benannt wurde. Was genau wäre der Inhalt der Idee, dass Spanien und Portugal Gefangene der Pyrenäen geworden sind oder die slowakische Politik „appeninisiert“ wird? Erfreut wären viele wahrscheinlich nur über eine „Skandinavisierung“ der Politik. Denn Stereotype bedeuten für einige Halbinseln und ihre Bewohner ein Stigma und für andere wiederum ein Privileg.
 
Der Balkan ist also zu einer existenziellen Qualität geworden, einem Geist, der den physischen Körper der Balkanhalbinsel verlassen hat, und mit seinem Potenzial einer universellen Metapher über praktisch jedem geografischen Gebiet schweben kann. Daher ist es gar kein solch krasses Paradox, dass die Bewohner der Balkanhalbinsel oft versuchen, diesen Geist zu verjagen und sich vom Balkan zu distanzieren, und gleichzeitig die Bewohner mancher Gebiete oft dem Balkan zugeordnet werden, obwohl sie ziemlich weit von der Halbinsel entfernt sind.
 
Die großzügigste geografische Ausdehnung in der Geschichte des Balkans war diejenige, als die Abgrenzungen dieser Region bereits hinter der bayrisch-österreichischen Grenze begannen. Es ist nicht bekannt, ob der in Salzburgs Salons erklingende Türkische Marsch von Mozart den Autor dieser Grenzziehung zu selbiger Festlegung veranlasst hat, aber es ist natürlich keine Überraschung, dass er ausgerechnet von der nördlichen Seite der Grenze zwischen Deutschland und dem Balkan stammte. Und so kommt es auch heute nicht selten vor, dass man Österreicher hört, die sich über Deutsche beklagen, für die in Österreich bereits der Balkan beginnt.
 
Mit weiten Teilen Österreichs sprang auch dessen Kanzler Metternich nicht gerade glimpflich um, denn von ihm ist der Satz bekannt, dass Asien in Wien-Landstraße anfange, das heißt, dort wo der Weg von der österreichischen Hauptstadt aus Richtung Osten führt. Der Balkan ist ein Ort, wo wir diejenigen hinjagen, die wir außerhalb des Balkans – aber auch auf dem Balkan selbst – für weniger entwickelt oder zivilisiert halten.

Diese Karikatur auf der Titelseite der französischen Zeitschrift „Le Petit Journal“ reagiert auf die Ausrufung der Unabhängigkeit Bulgariens und die administrative Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn im Jahr 1908. Diese Karikatur auf der Titelseite der französischen Zeitschrift „Le Petit Journal“ reagiert auf die Ausrufung der Unabhängigkeit Bulgariens und die administrative Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn im Jahr 1908. | Illustration: „Le Petit Journal“ | Public domain

Die vierte Pointe

Der Balkan hatte einst den Status, um den Europa heutzutage bemüht ist. Es war ein Gebiet, in welchem ein relativ friedliches, multikulturelles Zusammenleben verschiedener Sprachen, Ethnien und Religionen gelang. Es ist nicht ungewöhnlich, Aufzeichnungen westlicher Balkanreisender aus der Zeit des Osmanischen Reiches zu finden, in denen diese neben aller Geringschätzung gegenüber dessen Bewohnern doch die Toleranz zwischen den dortigen Nationen und Religionen bewundern mussten. Die Stigmatisierung des Balkans durch den Westen ist jedoch bis zu einem gewissen Maße eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
 
Die Bemühungen vieler Balkanstaaten, dieses Stigma zu überwinden, haben zur Verfestigung bestehender Stereotype geführt. Das Verlangen, sich als vollwertige, zivilisierte und kulturelle Europäer zu beweisen, hat dazu geführt, dass der Balkan jeweils in den nächsten Nachbarstaat verschoben wurde, und zwar um den Preis der kopflosen Zerstörung architektonischer Juwelen des osmanischen Erbes (einige Wissenschaftler bezeichnen dies treffend als Urbizide), und schließlich um den Preis des Blutvergießens bei Genoziden auf der Balkanhalbinsel.
 
Das zeigt sich letzten Endes auch in der Art und Weise, wie serbische Medien über das Massaker in Srebrenica berichteten und dabei selbiges als „die Rückkehr Srebrenicas in den Strom der Zivilisation“ bezeichneten. Denn selbst die westlichen Nachbarstaaten Serbiens wollten eine derartige balkanische Unkultur auf „ihrem“ Territorium nicht tolerieren. Auf der kroatischen Seite beschrieben die Zeitungen vielleicht deshalb den Massenexodus der Serben während der kroatischen Militäroperation Oluja als „Rückkehr der Kultur in die Region, aus der die Serben einen Schweinestall gemacht haben …“
 
Die vierte Pointe des eingangs erzählten Witzes bleibt rätselhaft, denn wenn man ihn erzählt, lacht ein Balkanbewohner nicht immer über sich selbst. Er kann nämlich selbstverständlich auch über seinen Nachbarn lachen.

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