Das Stigma der Flüchtlinge
Ausgeschlossen aus der Spezies Mensch

An der serbisch-ungarischen Grenze im Jahr 2015 Foto: © Andrej Bán

Wenn es stimmt, dass ein Mensch sich eine Stigmatisierung nicht aussucht, sondern mit ihr geboren wird, dann sind die 80 Millionen Verzweifelten, die laut UN im Jahr 2020 aus ihrer Heimat flüchteten, deren manchmal sichtbare, aber leider auch oft verborgene Gestalt. Eine derart große Masse entgeht immer noch dem Fokus der Medien.

Was ist die Essenz des Phänomens Migration? Keine politische Persönlichkeit kann uns diesen Schlüsselbegriff der kommenden Welt, der bereits an unsere Türen geklopft hat, erklären. Weder der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, noch der bald ehemalige US-Präsident Donald Trump. Beide (und viele andere Politiker) stigmatisieren Migranten. Sie entmenschlichen sie verbal, dann auch durch Taten. Indem sie einen „schönen hohen Zaun“ bauen, indem ihnen grundlegende Menschenrechte abgesprochen werden, indem ihnen sogar Essen verweigert wird. Indem sie Polizeihunde auf sie hetzen oder sogar Wasserwerfer einsetzen wie gegen Hooligans und Fußball-Ultras.
 
Das Phänomen Migration kann letzten Endes nicht einmal durch Konzepte wie den UN-Migrationspakt beziehungsweise nationalen oder staatlichen Egoismus erklärt werden. Die genaueste Erklärung ist, dass hier zwei gegensätzliche Kräfte aufeinandertreffen: Der menschliche und nationale Egoismus derer, die die Tore der Festung Europa oder der Festung Amerika „schließen“, trifft auf den Kraftakt derjenigen, die für sich und ihre Lieben ein sicheres Leben suchen, die von außen an diese Tore klopfen, weil für sie die Bedingungen zu Hause unerträglich geworden sind. Aufgrund von Kriegen, ethnischen Konflikten, Naturkatastrophen, aber zunehmend auch aufgrund unerträglicher Lebensbedingungen, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind.
 
Wenn es stimmt, dass ein Mensch sich eine Stigmatisierung nicht aussucht, sondern im Gegenteil mit ihr geboren wird, dann sind die 80 Millionen verzweifelten Menschen, die laut UN im Jahr 2020 aus ihrer Heimat flüchteten, deren manchmal sichtbare, aber leider auch oft verborgene Gestalt. Eine derart große Masse entgeht dem Fokus der Medien. Die Fernsehteams bewegen sich wie Karawanen von einem Konflikt zum anderen, ein aktuelles Thema überlagert das nächste. Aber diese Verzweifelten bleiben – in den Lagern, im ehemaligen Luxus-Bad aus der Stalinzeit (Georgien) oder liegen einfach ohne irgendetwas auf der Straße, nachdem das Lager niedergebrannt ist (Moria auf der griechischen Insel Lesbos).

Migranten sind „Überbringer schlechter Nachrichten“. Sie führen uns die Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation und die Endlichkeit von Komfort und Sicherheit vor Augen.


Das Buch Vylúčení (Die Ausgeschlossenen), erschienen 2018 im Absynt-Verlag, ist für mich eine erschreckende Chronik aller „Festungen des wohlhabenden Nordens“ und der polnische Reporter Artur Domoslawski reflektiert darin zusammen mit dem von ihm geschätzten Zygmunt Bauman, Soziologe und Holocaust-Überlebender, das Phänomen folgendermaßen: „Einem satten Menschen aus dem Westen ist es egal, warum Migranten migrieren und Flüchtlinge flüchten oder warum sie versuchen, zu einer europäischen oder amerikanischen Festung zu gelangen. Es geht hier nicht nur um Geld, erhöhte Hilfskosten oder darum, auf ein Stückchen Wohlstand zu verzichten. Migranten sind ‚Überbringer schlechter Nachrichten‘. Sie führen uns die Zerbrechlichkeit unserer Zivilisation und die Endlichkeit von Komfort und Sicherheit vor Augen. Sie erinnern uns daran, dass unser Leben aufgrund von Kräften, die wir selbst nicht kontrollieren können, in einem einzigen Augenblick auseinanderfallen kann: Klimawandel, Kriege, Erschütterungen auf den globalen Finanzmärkten“, schreibt Domoslawski.
 
Diese tiefsten Emotionen, Ängste und Gefühle wie Wut und Hass werden durch die Tatsache ausgelöst, dass wir – angesichts von Migranten (insbesondere wenn sie in „Horden“ auftreten wie in Honduras oder 2015 an den Grenzen Europas) – nicht wahrhaben wollen, dass wir selbst uns eines Tages in ihrer Haut wiederfinden könnten. Und wenn nicht wir, dann unsere Kinder und Enkelkinder. Wir verleugnen, dass sie Überbringer schlechter Nachrichten über uns selbst sind.
 
Das Stigma des Exilanten ist somit das tiefste Zeichen, das in der Seele eines jeden von uns verborgen ist, ob wir es zugeben oder leugnen.
An der serbisch-ungarischen Grenze im September 2015 An der serbisch-ungarischen Grenze im September 2015 | Foto: © Andrej Bán Wir haben Angst. Wir fürchten uns vor dem, was wir nicht zugeben, was wir leugnen. Es ist ein an Gewissheit grenzendes Gefühl, dass wir dann, irgendwann einmal, bald, im Augenblick des letzten Gerichts, das Gläubige und Ungläubige vereinen wird, bitter bereuen werden, wie wir uns gegenüber den Ausgeschlossenen verhalten haben. Also gegenüber Migranten. Denn: Das sind Menschen.
 
Wie einfach, nicht wahr? Nur sollten wir anderen Menschen nicht mit dem Hintergedanken helfen, dass auch wir „dafür“ eines Tages Hilfe erhalten. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, kein Ablasshandel. Aber auch ersteres, Hilfe aus Berechnung, ist besser als Zynismus und gefühllose Untätigkeit.
 
Die fatale Wahl, vor der wir heute und jeden Tag stehen, nicht nur beim Jüngsten Gericht, ist eine einfache Frage. Wir stellen sie uns in jedem Moment, in dem wir von der Stammeszugehörigkeit verführt werden. Sollen wir „die Unseren“ bevorzugen und „die Anderen“ als Feinde aus dem Kreis der Empathie ausschließen?
 
In der Einleitung zum Buch Vylúčení zitiert Domoslawski den algerischen Schriftsteller Kamel Daoud: „Der westliche Humanismus steckt fest. Wie kann man den „Anderen“ wahrnehmen? Ist es ein Tier oder ein Mensch? Robinson stellte sich in Bezug auf Freitag die gleiche Frage. Wir befinden uns in einer identischen Situation: Wie definiert man einen Flüchtling? Handelt es sich um ein Tier, muss es eingesperrt oder getötet werden. Handelt es sich um einen Menschen, muss man sich bewegen und ihm ein wenig Platz machen.“

Jesus Christus würde heute wegen „Beihilfe zur illegalen Migration“ irgendwo in Szeged im Gefängnis sitzen...


Und wir haben einen Flüchtling genauso definiert – als Tier. Wir sind kein Stückchen gerückt und haben keinen Platz für ihn gemacht. Genauer gesagt, auch mit einem Tier haben wir Mitleid, mit dem Flüchtling schon nicht mehr. Wir haben ihn entmenschlicht. Die Voraussetzung für das, was heute überall bei uns und um uns herum geschieht, ist dieses Manöver. Wir ersticken im Keim Prinzipien, die verbindlich sein sollten. Wir drechseln Phrasen, dass wir unsere jüdisch-christliche Zivilisation schützen, aber wir tun genau das Gegenteil. Jeder, der Menschen an unseren Grenzen hilft, ihnen Wasser oder Essen gibt, begeht nach den neuen Normen eine Straftat. Jesus Christus würde heute wegen „Beihilfe zur illegalen Migration“ irgendwo in Szeged im Gefängnis sitzen...
 
In diesem Zusammenhang muss ich immer an einen außergewöhnlichen Menschen denken: Tibor Varga, einen Pastor der reformierten Kirche, der seit 2015 Tag für Tag mit seinen Leuten in Nordserbien nahe der Grenze zu Ungarn ausharrte und in Subotica und Umgebung für Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern kochte und ihnen Essen brachte. Da sieht man wieder, wie einfach es ist! Tibor mit seinem weißen Bart ist für mich eine bewundernswerte, fast biblische Figur, die das Evangelium auf natürliche, unprätentiöse Weise auf den Punkt bringt.
 
Die Grundlage von allem, was nun in unserem Land im Norden und im Westen im Zusammenhang mit dem zweifellos global vernetzten Thema Migration geschieht, ist unser Verrat an uns selbst. Nur die Verzerrung der Realität ermöglichte dieses widerliche Manöver. Die Hilfe für den Nächsten musste zur Straftat werden. Wenn jetzt jemand einwenden möchte, dass ich die komplexe Realität der Migration nicht sehen will, frage ich: Steht irgendwo in der Bibel oder im Talmud, dass nur ein weißer Christ oder Jude ein Mensch ist, also ein Europäer oder Nordamerikaner? Wo steht das geschrieben?
Flüchtlinge in einem Eisenbahndepot in Belgrad, 2017 Flüchtlinge in einem Eisenbahndepot in Belgrad, 2017 | Foto: © Andrej Bán Ich weigere mich nicht, die komplexe Realität der Migration zu sehen. Ganz im Gegenteil: Ich bezeuge sie wie kaum ein anderer. Seit 30 Jahren dokumentiere ich Zeugnisse und Geschichten aus Dutzenden von Konfliktgebieten, in alphabetischer Reihenfolge: von Afghanistan bis hin zur Ukraine. Nach dem Erdbeben stürzten sich hasserfüllte Haitianer auf mich, im Krieg die Kosovaren, an der pakistanisch-afghanischen Grenze die Taliban, im Gazastreifen die Palästinenser. Es geht jedoch nicht um mich, es geht um sie. Sie, die Ausgeschlossenen, sind wichtig, nicht ich. Besonders ihr Leben ist in Gefahr.
 
Die schmerzhafteste Erkenntnis war für mich, wie leicht Opfer zu Tätern werden. Wir Reporter neigen dazu, uns die Welt ganz einfach in zwei verschiedene Kategorien zu unterteilen: die Guten und die Bösen. Aber so ist es nicht. Auch ein Flüchtling, auch ein Mensch, der aus seinem Haus vertrieben und dessen Familie ermordet wurde, kann grausam, böse, herzlos und rachsüchtig sein. Auch er darf nicht aus der Spezies Mensch ausgeschlossen werden und verdient im Notfall akute Hilfe, dann eine gerechte Berücksichtigung des Ausmaßes seiner Schuld.

Das zivilisatorische Schlüsselthema Migration ist wie ein Skalpell, das tief und in etwas Lebendiges hineinschneidet. Wieder einmal wurde die Hilfe am Nächsten zur Straftat erklärt.


Ich bin Gast. Ich kam mit einer Kamera und einem Notizbuch in ihr Land, mit einem Rückflugticket und dem Privileg, in die wohlhabende Slowakei zurückzukehren. Sie hatten diese Möglichkeit nicht. Heute habe ich deutlich mehr unbeantwortete Fragen als im Dezember 1989, als ich zum ersten Mal Massengräber sah – auf dem Marktplatz während der Revolution im rumänischen Timișoara.
 
Das zivilisatorische Schlüsselthema Migration ist wie ein Skalpell, das tief und in etwas Lebendiges hineinschneidet. Wieder einmal wurde die Hilfe am Nächsten zur Straftat erklärt. Das massive Abwenden des Westens, das wir erleben seit vor knapp einem Jahrzehnt zum ersten Mal einige hundert Unglückliche vor der italienischen Insel Lampedusa ertranken und seit ab 2015 insbesondere syrische Kriegsflüchtlinge über den Balkan zogen, ist nicht möglich, ohne dass wir diese Menschen (als Ganzes) entmenschlichen, aus unserem Kreis der Empathie ausschließen.
 
In die nicht vorhandenen Papiere, Papiere die sie nicht hatten, weil sie auf den Grund der Ägäis gesunken oder in die Händen von Schmugglern gelangt waren, haben wir den Flüchtlingen ein imaginäres Stigma gebrannt. Für die Sensibleren unter uns blieb dieses Zeichen in ihren Augen. Wenn wir sie aufmerksam anblicken, können wir es dort sehen.

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