Kairos Dunkelkammer

Kairos Dunkelkammer © The Archive Collection

In Kairo, das immer noch größer und moderner wird, gehen ein paar Fotografen in die andere Richtung – in die Vergangenheit. Sie knüpfen an die goldenen Zeiten des Analogfilms an – und entwerfen das Bild einer anderen Zukunft.

Dies ist eine Geschichte über eine Gruppe von Träumern. Über ein paar Menschen in der 20-Millionen-Stadt Kairo, die mit alten Kameras Fotos schießen und Filme drehen. Es sind wenige, vielleicht ein paar Dutzend. Sie sind analoge Außenseiter in der ägyptischen Kunstwelt, die gerade mit VR-Brillen und NFTs experimentiert.  

Leute wie sie gibt es in allen Metropolen der Welt, Leute, die genug haben von der digitalen Bilderflut und an längst vergangene Tage anknüpfen. Hier in Ägypten leuchten diese vergangenen Tage besonders hell. Im 19. Jahrhundert machten Analogfotografen die ersten Bilder der Pyramiden, vom Tal der Toten, von Abu Simbel. Und schufen damit Fotografien für die Ewigkeit. 

So wie es sich auch die Analogfotografen von Kairo heute wünschen. Auch sie wollen Erinnerungen schaffen, die Jahrhunderte überdauern. Die noch da sind, wenn sich die digitalen Spuren längst im Strom der Zeit verloren haben. Sind die analogen Außenseiter also vielleicht in Wirklichkeit die Avantgarde?

Mohammed

Der konsequenteste der Analogfotografen: Mohamed Abdelwahab. Keiner reist so weit in die Vergangenheit zurück wie er. Seine Kollegen nennen ihn scherzhaft den „Paten der Analogfotografie“. Weil er die Szene in Kairo begründete und bis heute deren Mittelpunkt ist. Weil er Techniken beherrscht, die kaum kein anderer mehr kann in Ägypten.  
Ein Fotograf in seinem Studio

Mohamed Abdelwahab mischt viele Chemikalien selbst. Denn in Ägypten sind einige Produkte nicht zu bekommen.  | © Benjamin Fischer

Die anderen kaufen sich Nikons und Canons aus den 1980er oder 90er Jahren. Abdelwahab kauft Kameras aus Holz, die fast so groß sind wie er selbst. Und doppelt so alt.  

Dunkelkammer im „Herzen des Landes“

An einem Abend im November steht er in seinem Studio in Downtown – dem Zentrum Kairos, von den Ägyptern das „Herz des Landes“ genannt – und wartet auf die Teilnehmenden eines Workshops. Eigentlich müssten sie längst hier sein, aber sie stecken fest im Stau. Wie eigentlich alle Bewohner von Kairo zur Rush-Hour irgendwo feststecken, weil die Straßen verstopft sind mit Millionen Mofas, Tuk-Tuks, Autos, Bussen. Selbst die geduldigsten Uber-Fahrer beginnen dann zu fluchen. 

Downtown, das ist das Viertel rund um den Tahrir-Platz, in dem die Autos auch tief in der Nacht noch hupen, um ihren Weg in die Gassen zu bahnen. Wo sich abends ganze Straßen in Outdoorcafés verwandeln, Shisha geraucht und Backgammon gespielt wird.  

Vor einem der berühmtesten Koshari-Restaurants steht ein kleiner Straßenwagen. In dem servierte der Besitzer einst das Nationalgericht aus Nudeln, Reis, Linsen und Tomatensauce. Heute wird in dem Restaurant auf mehreren Stockwerken gegessen, die Kellner scheinen zu rennen, so schnell bringen sie das einzige Gericht auf der Karte.  

Hast du Instagram?

Diese trubelige Gegenwart scheint weit weg zu sein hier oben, im fünften Stock eines Geschäftshauses, in dem Abdelwahab sein Studio hat. Ist es Zufall, dass im Erdgeschoss eine alte Buchbinderei ist? 

Während auf den Straßen die Menschen mit ihren Smartphones in der Hand warten, bis das Uber endlich da ist.  

Die sich ihr Abendessen und ihre Einkäufe nach Hause bringen lassen. In Downtown gibt es keinen einzigen großen Supermarkt, weil sich alle nur noch beliefern lassen. Wo in der U-Bahn Powerbanks verkauft werden, damit auch jene Menschen durch den Tag kommen, die ihr Ladekabel vergessen haben.  

Wo jede Begegnung bald in die Frage mündet: Hast du WhatsApp? Instagram? 
Abdelwahab ärgert das, diese Abhängigkeit vom Digitalen.  

Fotoalben statt Speicherkarten

Als er davon erzählt, zieht er alle paar Sekunden an seiner E-Zigarette. Es sieht aus, als würde er mit jedem Zug seine Energie aufladen. Dabei hat er ohnehin schon so viel davon.  

Morgens hat er Filmrollen sortiert. Dann ein Vergrößerungsgerät repariert. Porträtfotos gemacht. Nachmittags kam noch eine deutsche Touristin vorbei, die mit ihm zusammen Fotos entwickelt hat. Jetzt noch der Workshop, der bis tief in den Abend gehen wird. 
 
Den ganzen Tag ist er auf den Beinen, von früh bis spät. Er hat eine Mission. 

Es ärgert ihn, dass die Menschen nur noch ihre Smartphones haben, aber „keine Erinnerungen mehr an ihr Leben“, so sagt er es. Keine Fotoalben, die sie zur Hand nehmen können, die sie bei Familientreffen umherreichen, um gemeinsam Bilder von früher anzuschauen. Das treibt ihn an: Erinnerungen zu bewahren und Bilder zu schaffen, die für Jahrhunderte bleiben. So beschloss er eines Tages, zurückzureisen in die Anfänge der Photographie, ins 19. Jahrhundert.  

Pyramiden auf Glasplatten

Damals brachten französische und britische Fotografen riesige Glasplatten nach Ägypten, 40 Zentimeter lang und 50 Zentimeter breit. Sie reinigten die Platten mit einem Pinsel, bis kein Staubkorn mehr darauf lag. Träufelten dann eine Mischung aus Iod, Bromid, Ether und Alkohol auf die Platten, danach das Collodion, das dem Verfahren seinen Namen gab. Schließlich noch ein Silbernitrat-Bad, bevor sie die Glasplatten in die Kamera hievten.  

Dann schossen sie ein einziges, bedeutsames, wohl überlegtes Foto: von den Pyramiden, vom Tal der Toten, von Abu Simbel. Als Abdelwahab die Technik kennenlernte, war er begeistert. Er kaufte die Chemikalien und bemerkte, dass es manche gar nicht zu kaufen gibt in Ägypten. Also mischte er sie sich aus anderen Chemikalien zusammen. Er stellte sich stundenlang in die Dunkelkammer, reinigte Glasplatten, trug Chemikalien auf. Am liebsten machte er Selbstporträts. Am Schluss prüfte er, ob die Glasplatten gleichmäßig belichtet waren.  

Er sagt: „Diese Fotos wird es noch in 500 Jahren geben.“  

Anders als digitale Fotos, die nur hundert Jahre halten, bevor sie komplett verblassen.  

Schon Abdelwahabs Vater war Analogfotograf, er besaß ein Studio, in das morgens Männer gestürmt kamen, weil sie einen Termin beim Finanzamt oder beim Ministerium hatten und sofort ein Passfoto brauchten.  
Drei alte Kameras auf einem Fensterbrett

Mit dieser Kamera in der Bildmitte schoss Abdelwahabs Vater Porträts. Seinen Laden schloss er 2003. Auch viele andere gaben auf, als digitale Kameras den Markt eroberten. | © Benjamin Fischer

Er selbst wurde Banker, kündigte aber bald – und eröffnete 2017 sein eigenes Studio. Er nannte es „The Darkroom“. Die Dunkelkammer.  

Sie wurde zum Treffpunkt der kleinen Gemeinschaft der Analogfotografen. Zum Zentrum der Nostalgie.
Ein Mann blickt auf ein Foto im Entwicklungsprozess

Damit die Fotos auf den Glasplatten keine Schlieren haben, verwendet Abdelwahab nur destilliertes Wasser. Das Wasser aus der Leitung von Kairo ist zu schmutzig.   | © Benjamin Fischer

Abdelwahab sagt, dass er seine Bestimmung gefunden hat. Für den Rest seines Lebens möchte er in seinem Studio experimentieren. Nach den Glasplatten-Fotos steht Daguerreotypie, das Drucken auf Kupferplatten, auf seiner Liste.  

So wird Abdelwahab weiter das 19. Jahrhundert bereisen. In seinem Studio ein Archiv für die Jahrhunderte aufbauen. Und sich zum Zeitzeugen einer Ära machen, die für ihn aus dem Blick verloren hat, wie wertvoll echte Bilder sind.  

Die Community

Am Anfang waren sie nur eine Handvoll, doch die Gruppe der Analogfotografen wächst.

Da ist Nady, der bei Abdelwahab einen Workshop besuchte und gerne auf Partys fotografierte. Irgendwann wurden Musiker auf seine Bilder aufmerksam und er begann, ihre Gigs zu fotografieren.  

Da ist Lamis, die viel Geld mit ihren analogen Hochzeitsfotos verdient. Die reichsten Ägypter gehören zu ihren Kunden. Von ihren Auslandsreisen nach Europa bringen die Bräute ihr oft Filmrollen und Kameras mit.   Sie sind stolz, mit der Analogfotografie etwas ganz Neues aufgebaut zu haben. Etwas, das nur sie können. Wie Pfadfinder, die im prasselnden Regen allein einen Unterstand gebaut haben. 

Sie wirken geduldig, so als wäre Analogfotografie eine Form von Yoga. Sie nehmen sich Zeit, die Protagonisten erst einmal kennenlernen. Stundenlang stehen sie in der Dunkelkammer und warten, bis die Fotos endlich entwickelt sind. Oft finden sie erst Tage oder Wochen später heraus, wie das Foto aussieht, dass sie damals geschossen haben.   

Und gleichzeitig sind sie doch getrieben. Sie können sich nicht auf dem ausruhen, was sie entdeckt haben. Weil sie Angst haben müssen, irgendwann nur noch für sich zu werkeln. Den Kontakt zur Gegenwart zu verlieren.  

Da ist Omar, der von seinem Balkon aus fotografiert, wie in Kairo die Bäume verschwinden. 

Lena

Ihr Studio ist ordentlich. Die Kunstbände in den Regalen sind geordnet, die Fläschchen mit den Chemikalien auf dem Labortisch sortiert. Sie ist eine Perfektionistin. Als ein Foto ihres Studios gemacht wird, schiebt sie noch schnell einen Stuhl, der etwas im Raum steht, an den Tisch.  
Lena Naassana in ihrem Studio in Zamalek

Lena Naassana in ihrem Studio in Zamalek | © Benjamin Fischer

Lena Naassana arbeitet in Zamalek, westlich des Zentrums, ein grünes, wohlhabendes Viertel. Wo in Downtown alle ihre eigenen Gesten haben, um vorbeirauschende Autos beim Überqueren der Straße zu stoppen, regeln dort Polizisten den Verkehr. Hinter hohen Mauern sind Botschaften und Konsulate. Eines der beliebtesten Restaurants des Viertels, das O’s Pasta, serviert nur italienische Nudeln. 

Hier, im Viertel der Galerien und Hinterhofcafés, hat Naassana zusammen mit ihrem Partner Mena Assad ihr Studio. Beide sind Anfang 30. Auf Instagram nennen sie sich „thatreallycoolstudio“.  
Lena Naassana und Mena Assad in ihrem Studio

Lena Naassana und Mena Assad wollten sich nur mit Sonnenbrillen fotografieren lassen. Lieber fotografieren sie andere, als selbst abgelichtet zu werden. | © Benjamin Fischer

Und beide haben große Pläne für die Analogszene.  

Kairos Goldstandard

Naassana hat in Oxford Literatur studiert und in Prag Fotografie. Doch 2020 sie hat sich entschieden, nach Kairo zurückzukehren.  

Denn anders als in Europa oder den USA ist Analogfotografie hier nicht nur ein exklusives Hobby. Es ist Neuland, Avantgarde, die in die Vergangenheit zielt.  

Handwerklich sind sie und ihr Mann weit vorn. Ihr Studio habe, sagen Kollegen, eine der besten Dunkelkammern Kairos. Die Qualität ihrer Fotos können mühelos mithalten mit internationalen Standards. 
Eine Kapelle im Grünen

Ein Urlaubsfoto von Naassana, das sie in ihrer Dunkelkammer entwickelt hat. Damit die Chemikalien immer die richtige Temperatur haben, verwendet sie ein Messgerät. | © Lena Naassama

Was daran liegt, dass sie alle Chemikalien aus Europa importieren. Auch ihre Maschinen sind aus dem Ausland, erst gestern ist ein Scanner eingetroffen, aus Deutschland gesendet. Die beiden sind stolz darauf, dass ihre Kunden die entwickelten Fotos bei Instagram posten, ohne sie digital nachzubearbeiten.  

Als die Dunkelkammer etabliert war, suchte sich Naassana ein neues Projekt. Sie wandte sich den bewegten Bildern zu.    

Hollywood am Nil 

Naassana ist fasziniert von den Analogfilmen der 1930er- bis 1960er-Jahren, dem goldenen Zeitalter des ägyptischen Films. Als die Filmindustrie der zweitwichtigste Wirtschaftszweig hinter Textilien war und pro Jahr 48 inländische Filme produziert wurden.  

Und zwar nicht irgendwelche, sondern Filme, die bis heute zu den Besten gehören. Zum Beispiel „The Will“ von 1939, laut Kennern bis heute der beste ägyptische Film aller Zeiten. Oder „Baba Atris“, den ersten ägyptischen Farbfilm aus dem Jahr 1950. 

Naassana liebt die Farben, die Schatten von Analogfilmen. Sie seien so viel präziser als im Digitalfilm. Weil alles auf echten Materialien gespeichert ist. Was der Realität viel näher komme als Computerbilder, die aus irgendwelchen Pixeln zusammengebaut seien.   

Skaten bis Mitternacht

Letztes Jahr drehte sie dann selbst einen Film. Und zwar in Super-8. Der Technik der Familienväter aus den 1970er-Jahren. Mit der unzählige Weihnachtsfeiern und Familienfeiern aufgenommen wurden. Die dann aber bald vom Video abgelöst wurde.  
Eine Gruppe junger Menschen auf Stufen. Schwarz-weiß Fotografie.

Eine Super-8-Kamera ist einfach zu bedienen. Kein Problem für die jungen Skater in Naassanas erstem analogen Film. | © Lena Naassama

Naassanas Film spielt in Alexandria, dort wo die Skaterszene von Ägypten ihren Ursprung hat. Sie wollte einen Film machen über die Jugendlichen dort, die den ganzen Tag draußen sind. Die während des Sonnenuntergangs im Mittelmeer schwimmen und weiterskaten, wenn es abends ein wenig kühler ist.  

Als nächstes möchte Naassana einen Wettbewerb veranstalten, jeder darf einen zweieinhalb Minuten langen Film einreichen, gedreht in Super-8. Weil das so eine einfache Technik ist. Einfach die Kamera einschalten und drehen.  

Die Sieger wird sie zu einem Workshop einladen, in dem sie lernen, längere Analogfilme zu drehen.  

Allein: Im gesamten Nahen Osten gibt es nirgendwo ein professionelles Studio, um Super-8-Filme zu entwickeln.  

Doch auch dafür wird sie eine Lösung finden.   

Die Minimalisten

Auf die Frage, was die Analogfotografen an dieser vergessenen Technik so begeistert, gaben sie alle dieselbe Antwort: Es zwingt sie, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. 

Auf die 12 Fotos eines 6x6cm-Films. Auf die 3 Minuten und 20 Sekunden eines Super-Acht-Films.  

Sie müssen dann genau auswählen, welches Motiv nun wirklich ein Foto wert ist. Welche Szene wirklich in den Film passt. Vor allem weil sie wissen, dass gute Filme teuer sind und häufig nur aus dem Ausland beschafft werden kann.  Vielleicht ist das die größte Stärke der Analogfotografen von Kairo: Erkennen, dass ihre Ressourcen endlich sind und trotzdem das Maximale herausholen.  

Sie mögen am Rand der Kunstwelt stehen, eine Nische besetzen, doch manchmal entfaltet sich von dort die größte Kraft.  
 
Benjamin Fischer dankt dem „Archive Collective“ für die Erlaubnis, Fotos aus ihren Beständen zu verwenden.  

Beiträge: El Asfaar