Das Tagebuch – The Diary

Self portrait Photo: Jonas Höschl

„Maybe the lesson here is: If life gives you a pile of dirt you can’t get rid of, you might just as well make a garden out of it.“

Die Idee eines Tagebuchs ist in den USA und Deutschland dieselbe: regelmäßig tragen die Autor*innen ein, was ihnen widerfahren ist – Kleinigkeiten im Alltag oder große Geschehnisse. Das Tagebuch ist ein Freund, dem Geheimnisse anvertraut werden, Sorgen und Wünsche. Für die Folge „Das Tagebuch – The Diary“ von Monika Müller-Kroll und Dina Elsayed teilen Tagebuch-Autor*innen auf beiden Seiten des Atlantiks ihre Gedanken mit den Hörerinnen und Hörern. Indem sie die Fragmente aneinanderlegen, ergeben sich Parallelen und Widersprüche – ein transatlantisches Tagebuch der vergangenen Jahre, vor der Pandemie und im Lockdown mit Einträgen aus Heilbronn, Berlin, Seattle, Los Angeles, Rostock und Netherlands, Colorado. Ein Destillat transatlantischer Sehnsüchte, Sorgen und Alltagsbeobachtungen.

Dina Elsayed und Monika Müller-Kroll


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Diese Folge stammt von Dina Elsayed und Monika Müller-Kroll. Dina hat für das National Public Radio (NPR) und die „Financial Times“ gearbeitet. Seit 2017 lebt sie als freie Journalistin in Berlin, wo sie gemeinsam mit Monika für den englischsprachigen Sender KCRW Berlin tätig war. Die Musik der „Diary“-Folge kommt von Samuel Shelton Robinson und Jonathan Kroll. Die deutschen Stimmen der Folge sind neben Monika Müller-Kroll Peggy Bachmann, Thomas Fränzel, Isabelle Redfern und Volker Wackermann. Jonas Höschl hat das Foto zur Folge aufgenommen: ein Selbstporträt. Die englische Originalfassung der Folge ist hier abrufbar.

Transkript

Erzähler: [SPRACHAUTOMAT] Hallo, ich freue mich, Ihnen das Tagebuch vorzustellen:

„Tagebuch. Nomen. Ein Buch, in dem man jeden Tag seine Erlebnisse und Gedanken aufzeichnet.“ Cambridge Dictionary.

In dieser Folge des BIG PONDER hören Sie persönliche Aufzeichnungen von Menschen, die auf beiden Seiten des Atlantiks leben.

Kommen Sie mit auf eine Reise zu unterschiedlichsten Orten und Zeiten.

Nur eines steht fest: Alles, was Sie hier hören, wurde von Menschen geschrieben.

Viel Spaß!

[COLLAGE VON STIMMEN, DIE DATEN VON TAGEBUCHEINTRÄGEN NENNEN]

Erzähler: Sonntag, 13. Januar 2019, Nürnberg.

[„TO BE BURIED BY HISTORY“ VON SAMUEL SHELTON ROBINSON]

Sylvia Cunningham: Wie fängt man ein Tagebuch an, ohne immer dieselben Dinge zu erzählen? Wahrscheinlich ist mir deswegen beim Schreiben des alten langweilig geworden?

Ich bin am Hauptbahnhof in Nürnberg, wo die Menschen aussehen, als würden sie von ihrem eigenen Leben erdrückt. Es gibt fast kein Licht, als hätte die Bahn ihre Stromrechnung nicht bezahlt.

Ich träume viel in letzter Zeit … In einem Traum habe ich ein Kind bekommen und sein Gesicht sah aus wie ein Mehrkorn‑Bagel. Später ist mir aufgefallen, dass die Körner Marienkäfer sind. Ich wusste, dass es abstoßend sein müsste, aber ich ekelte mich nicht. Es war ja mein Baby. Ich habe es bekommen. Ich wollte das Baby Robin nennen, ein Name, über den ich bislang nie nachgedacht habe.

Erzähler: Sonntag, 31. Januar 2021. Berlin.

Mike Trupiano: Ich komme nicht darauf. Es ist ein langes Wort, zehn Buchstaben. Ich weiß, wo ich es gelesen habe.

Es ist ein gutes englisches Wort. Aber mir fällt nur ein deutsches Wort ein, das die Bedeutung nicht einmal im Ansatz trifft.

Neulich konnte ich mich nicht an „pusillanimous“ erinnern, an „verzagt“. Ein tolles Wort, ich habe es irgendwo in einem politischen Kontext gehört.

„Obviate“ ist auch toll, etwas „verhüten“. Oder „abrogate“, etwas „außer Kraft setzen“. Das habe ich in der Schule gelernt, es hatte was mit der Nominierung eines Richters am Supreme Court zu tun. Aber auch daran konnte ich mich neulich nicht erinnern … Was ist bloß mit meinem Englisch los …

Erzähler: Donnerstag, 4. Februar 2021, Berlin.

[„VICODIN ON THE GREYHOUND“ VON SAMUEL SHELTON ROBINSON]

Gisella Ligios: Woher kommst du? Wie viele Antworten gibt es auf diese Frage? Ich komme von der Westküste Sardiniens. Aus Europa. London. Turin. Eine Inselbewohnerin.

Ich gebe jedes Mal eine andere Antwort, je nachdem, wer fragt und was sie wohl wirklich wissen wollen.

All die Jahre in London habe ich gesagt, dass ich aus Turin komme. Immerhin habe ich dort zwölf Jahre gelebt.

Als mir an einem meiner ersten Tag in Berlin jemand diese Frage stellte, antwortete ich instinktiv: „Aus London“. Ich war selbst darüber erstaunt.

Ich bin jetzt seit zwei Jahren in Berlin und fühle mich immer noch fremd. Aber ich bin hier noch nicht fertig, ich möchte herausfinden, wo dieses Puzzlestück hinpasst.

Woher kommst du? Von vielen Orten. Ich bin immer noch auf der Reise.

Erzähler: Donnerstag, 18. Februar 2021, Brooklyn.

[„TRACK 2“ VON JONATHAN KROLL]

Noelle Currie: Dinge, auf die ich mich freue:

  • ein Kurztrip in den Norden
  • ein neues Telefon
  • ein neuer Band der Dreamer Trilogy
  • eine neue Tattoo‑Maschine
  • meine Eltern wiederzusehen
  • eine Impfung gegen Corona – wer weiß wann
  • in ein Flugzug einzusteigen – unbekannt
  • wieder nach Berlin zu reisen – unbekannt

Erzähler: Donnerstag, 18. Februar 2021, Berlin.

[SOUND EINES TONBANDGERÄTS BEIM STARTEN, ZURÜCKSPULEN, STOPPEN]

Ardalan Bastani: Wenn man aufwacht, braucht man was! Manchmal Kaffee, manchmal eine nette Hand auf dem Kopf oder einen schlafenden Körper neben sich, der Schönheit monopolisiert. Und manchmal braucht man zwei Meter Seil, um einen Tag beenden zu können.

Männerstimme: [ENGLISCH, VOICEOVER] When you wake up, you need something! Sometimes coffee, sometimes a loving hand on your head or a sleeping body next to you, one that epitomizes beauty. And sometimes, you need two meters of rope to finish off the day.

Erzähler: Freitag, 28. Februar 2020. Katzenfurt.

[GERÄUSCH EINES ANKOMMENDEN ZUGES]

Johanna Schmidt: Heute freudige Überraschung: Tom ist mit der Bahn gekommen. Er hat auch sein Fahrrad dabei, will ein paar Rundfahrten starten. Schnell einen neuen Speiseplan aufstellen, hier kommt ein Vegetarier!

Es ist sehr schlechtes Wetter, wir machen es uns gemütlich mit Rummikub, Mühlespielen und Nussecken.

Es gibt viel zu erzählen, bekomme Anweisungen für PC und iPhone, man lernt nie aus.

Heute macht er trotz schlechten Wetters eine Radtour nach Greifenstein. Die Strecke ist sehr steil und ich warte schon.

Und nun fährt 18:30 Uhr der Zug ab, mit vollbepacktem Fahrrad und schwerem Rucksack ist er zum Bahnhof.

Gerade hat uns noch die Nachricht erreicht, dass im LDK der erste Corona‑Fall eingetreten ist. Eine Befürchtung, eine dunkle Wolke über dem Land. Was kommt da auf uns zu?

Frauenstimme: [ENGLISCH, VOICEOVER] What a lovely surprise today! Tom arrived by train. He has his bicycle with him and plans to venture out on a few cycling routes. I quickly come up with a new menu ... Here comes a vegetarian!

It’s awful weather outside, so we stay in and have a cozy day with Rummikub, board games, and cookies.

There’s a lot to talk about, and I get some tips on my PC and iPhone. One never stops learning.

Despite today’s bad weather, he’s going on a bike trip to the village of Greifenstein. It’s a very steep route, and I’m already waiting for his safe return.

His train departs at 6:30pm and he leaves for the station with a fully loaded bicycle and heavy backpack.

We just received word that the first coronavirus case was recorded in the region. Fear and a dark cloud hang over the country. What is in store for us?

[GERÄUSCHE EINER TICKENDEN UHR UND EINES TONBANDGERÄTES]

Erzähler: Samstag, 11. März 2017. Berlin

[UKULELENMUSIK VON JONATHAN KROLL]

Dina Elsayed: Ich bin total in die Verkäuferin aus dem Supermarkt gegenüber verknallt. Ich habe schon keinen Platz mehr in meinem Kühlschrank, weil ich ständig einkaufe gehe, obwohl ich gar nichts brauche. Nur um die fünf Sekunden an der Kasse mit ihr zu verbringen. Dazu kommt noch, dass die Lebensmittel schnell vergammeln, denn ich kaufe hauptsächlich frisches Biogemüse – für den Fall, dass sie auf sowas achtet.

Erzähler: Samstag, 21. März 2020. Seattle.

[ZWITSCHERNDE VÖGEL]

Joe Shlichta: Mein Nachbar Quoc hatte einen Berg Erde in seinem Vorgarten. Quoc kommt aus Vietnam und ist ein begnadeter Gärtner.

Er hatte sich die Erde bestellt und sie wurde in seinem Vorgarten abgeladen. Quoc hatte aus Versehen viel zu viel bestellt und selbst als er mit seinem eigentlichen Projekt fertig war, lag da immer noch ein meterhoher Berg. Also versuchte er, die Erde zu verschenken, aber niemand wollte sie. Sie blieb den ganzen Sommer über da. Als der Herbst kam und es anfing zu regnen, deckte er den Berg mit einer blauen Plane ab. Trotzdem suppte ein bisschen von der Erde auf die Straße. Aber hier im South End stört das niemanden, das mag ich so an unserer Nachbarschaft. In der North Side hätten die Nachbarn längst Alarm geschlagen.

Als ich im Frühling an dem Berg mit der Plane vorbeilief, bemerkte ich, dass Quoc ein Loch in die Spitze geschnitten hatte. Diesen Sommer blühte ein prachtvoller Busch Pfingstrosen auf dem Berg. Im nächsten Jahr schnitt Quoc neue Löcher in die Plane und pflanzte Gemüse. Dann fing er an, die Seiten des Berges mit Steinen zu gestalten.

Heute ist aus dem Berg Erde und der Plane ein wunderschöner Garten geworden.

Wenn das Leben dir einen Haufen Dreck beschert, dann mach einen Garten daraus.

Erzähler: Mittwoch, 18. April 2018. Berlin.

[GLOCKENKLÄNGE, STRASSENSOUND UND SCHRITTE]

Melina Zacharia: Es war kalt für mich als Frau aus dem Süden, zu kalt für April. Ich lief den belebten Kurfürstendamm herunter. Müde und hungrig schlüpfte ich in das erste Café, das mir gefiel. Ich saß an einem schönen Fensterplatz und schlürfte meinen heißen Cappuccino. Vor meinen Augen spielte sich eine sehr andere Realität ab, als ich sie aus meinen Viertel kenne, in dem hauptsächlich Deutschtürk*innen leben.

Plötzlich brach ein Sonnenstrahl durch das Fenster. Vor meinem Fenster kniffen die Menschen ihre Augen zusammen und versuchten verzweifelt, sich mit ihren Händen von der Sonne abzuschirmen. Ich zahlte schnell, in der Hoffnung diesen seltenen Moment nicht zu verpassen. Ich lächelte, als mich eine Frau anstieß, die ihre Augen bedeckte. In den Tiefen meiner Tasche fand ich, wonach ich gesucht hatte. Mit einem breiten Grinsen setzte ich meine Sonnenbrille auf. Wenn es eine Sache gibt, die wir in Griechenland immer bei uns tragen, dann ist es eine Sonnenbrille.

Erzähler: Samstag, 18. April 2020. Rostock.

[MÖWEN- UND MEERESGERÄUSCHE UNTERMALEN DIE ZWEITE HÄLFTE DER GESCHICHTE]

Werner Mathey: Leo heute Strandtag. Abholen in Hamburg.

Es geht gleich früh los, wir nehmen den schicken Wagen von Leos Großmutter.

Diese liegt im Sterben und atmet sehr schwer, der Junge lebt bei ihr und ist natürlich nervös.

Es ist auch mitten im Lockdown, er will keine Schule machen, und im Moment kann auch niemand helfen.

Bald sind wir auf der Autobahn in Richtung Osten. Es geht über das Wochenende nach Graal‑Müritz bei Rostock.

Wir quatschen über neueste Videogames und Fußball.

Dann: Radeln durch das Moor, Wildschweine ganz in der Nähe und in einem Teich ein brütender Schwan … Abenteuer.

Endlich am Meer. Dieser völlig fröhlich strandbegeisterte Junge und ich mit meinem Mitleid für ihn.

Kaum Menschen weit und breit, man soll zu Hause sein wegen der Pandemie. Bis zum Horizont glatter Strand, hab’ ich noch nie gesehen, nur noch Spuren von Wasservögeln …

Wir sammeln kleine weiße Muscheln, bauen einen Hafen mit Burg. Eine Krähe gesellt sich zu uns und wir füttern sie eine Weile.

Nachdem Leo sie vor anfliegenden Möwen beschützt hatte, begleitete uns die Krähe später noch bis zum Strandabgang und wird wie ein alter Freund verabschiedet.

Auf dem Weg zurück brüllen wir noch freundliche Reime für sie in den Wald, um sie noch etwas mit uns zu locken.

Abends ziemlich kalt: Zelten fällt aus. Sonntagmittag zurück nach Hamburg.

Männerstimme: [ENGLISCH, VOICEOVER] Today: beach day with Leo. I pick him up in Hamburg.

We borrow his grandmother’s fancy car and get an early start. She is dying, she has a lot of trouble breathing. Leo lives with her, and this all makes him nervous, of course.

We are in the middle of lockdown. Leo has zero interest in his schoolwork. There’s no one to help him right now anyway.

Soon, we’re on the highway, the autobahn, headed east. We’re on our way to Graal-Müritz, near Rostock, where we’ll spend the weekend.

We chat about the latest video games and soccer.

Then we cycle through the moor where we see wild boars and a breeding swan in a pond. Pure adventure.

Finally, the two of us arrive at the sea. Here’s this happy, beach-loving boy ... and my heart aches for him.

There’s hardly anyone around, we’re all supposed to stay home because of the pandemic.

I’ve never seen it like this: empty beach as far as the horizon, only traces of water birds.

We collect small white shells and build a harbor with a castle. A crow joins us, and we feed him for a while. After Leo protects him from some approaching seagulls, the crow sticks by us. When we pack up, he sees us off as you would an old friend.

As we make our way through the forest, we call back friendly rhymes, hoping we can entice him to join us for a bit longer.

It’s quite cold in the evening. Camping is off.

Sunday at noon, we head back to Hamburg.

Erzähler: Dienstag, 10. Mai 2005. Berlin.

[GERÄUSCHE VON GESCHIRR UND FLIESSENDEM WASSER]

Monika Müller-Kroll: Er hat viele Teller und Tassen. Stühle, Tische, ein Klavier und eine Stereoanlage. Aber keine Zentralheizung. Ein Kühlschrank, eine Waschmaschine und ein alter Computer, aber so gut wie nichts zu essen.

Einige Bilder und leere Bierflaschen stehen herum, es gibt einen kleinen Balkon. In der Wohnung wäre Platz für drei Menschen, aber er lebt allein.

Es gibt keinen Überfluss, nur die Decken sind hoch.

Erzähler: Dienstag, 4. Juni 2019. Nederland, Colorado.

[„TRACK 5“ VON JONATHAN KROLL]

Lizzy Hayes: Mein Körper spürt den nahenden Jahrestag.

Alles schmerzt. Ich halte die Tränen zurück und wünsche mir, dir nah zu sein.

Körperlich.

Du wolltest gehen.

Ich habe dich festgehalten.

Es gab noch so viele Dinge zu erleben.

Mein Körper kennt das Trauma, mein Herz kennt das Verlassensein.

Und das Zurückkommen.

Erzähler: Montag, 15 Juni 2020. Berlin

Nele Obermueller: Letzte Nacht habe ich von einem Buch geträumt. Ein Mann in einem Dorf hatte seine Frau und seine Eltern bei einer Naturkatastrophe verloren. Er begann das Buch zu schreiben, um seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Und um anderen Überlebenden die Möglichkeit zu geben, von ihren Verlusten zu erzählen. Das Buch lag in einer kleinen Hütte in einem Park, umgeben von Bäumen, abgeschirmt von neugierigen Blicken und der Sonne. Die Menschen konnten hier hinkommen und aufschreiben, was ihnen während der Naturkatastrophe passiert ist. Alle Einträge fingen gleich an ...

„Am 4. Juni 2021 um 12:05 Uhr rollte ein 20 Meter hoher Tsunami über uns. 19.000 Menschen wurden getötet, 2.500 konnten nicht geborgen werden ...”

Die Menschen konnten schreiben, was mit ihren Liebsten passiert ist. Aber sie mussten nicht bei der Wahrheit bleiben, sie konnten erzählen, was sie wollten.

In der ersten Hälfte des Buches tun die Menschen genau das. Sie schreiben die Geschichten vom Überleben ihrer Lieben. Es sind Geschichten von Versöhnung, wiederbelebter Liebe oder einfach nur Alltag.

Die zweite Hälfte des Buches ist anders, obwohl viele Handschriften dieselben sind. In dieser Hälfte stehen die wahren Geschichten. Es sind Geschichten über Tod und Verlust.

Erzähler: Samstag, 27. Juli 2002. New York.

[GERÄUSCHE VON STADTVERKEHR, HUPEN, BUSSEN]

Mo Nassar: Die Hochzeit war in Fishkill, New York. Ich trage einen Smoking und steige in Poughkeepsie aus dem Zug, 30 Minuten außerhalb von Manhattan. Wie soll ich da überhaupt hinkommen, frage ich mich? Da sehe ich einen Bus, auf dem FISHKILL steht. Ich steige ein und sehe lauter Frauen und Kinder um mich herum. Die meisten sind genauso braun wie ich. Der Bus fährt los und der Fahrer reicht eine Tüte mit Minzbonbons herum. Was für ein komischer Brauch, denke ich, als ich nach einem Bonbon greife.

Kurz darauf biegt der Bus ab, auf einem riesigen Schild steht: FISHKILL, HAFTANSTALT.

Alles beginnt, Sinn zu machen: Es ist Samstag und dieser Bus bringt die Frauen und Kinder auf Besuch zu den Gefangenen. Sie bleiben ein paar Stunden da, dann fährt der Bus sie wieder zurück. Deswegen die Bonbons.

Der Gefängniswärter erklärt mir alles. „Wenigstens musst du nicht zu deiner Liebsten ins Gefängnis“, sagt er und lacht. Ich lache unsicher, die Frauen lächeln abwesend. Sie haben andere Dinge im Kopf. Ich steige aus dem Bus aus und laufe zur Hauptstraße, um von dort aus weiterzukommen. Ich fühle mich komisch, im Handbuch zur Immigration wird sowas nicht erwähnt.

Unterwegs hält mich ein Sicherheitsbeamter auf und schaut mich misstrauisch an. Aber dann bekommt er per Funk eine Nachricht und winkt mich durch. Er hat wahrscheinlich einfach nur seinen Job gemacht und der heißt: Sei misstrauisch, wenn ein schwarzer oder brauner Mann entspannt vom Gefängnisgelände runterspaziert. Aber warum würde ich dafür einen Smoking tragen?

Bei der Hochzeit versuche ich einige Stunden lang, irgendwie dazuzugehören. Komischerweise ist mir das in dem Ambiente des Gefängnisses besser gelungen als bei einer amerikanischen Hochzeit, wo alle sich irgendwie bereits kennen. Vielleicht lerne ich das irgendwann. Aber wenn es so weiter geht, wird das nichts vor 2046.

[GERÄUSCH EINES TONBANDGERÄTS]

Erzähler: Donnerstag, 13. August 2020. Incline Village, Nevada.

[„AFTERNOON“ VON JONATHAN KROLL]

Jocko Weyland: „Die Wolfsfrau hat angerufen“, stand auf dem Zettel zwischen der Kaffeemaschine und dem Toaster. Geschrieben mit einem billigen Kuli auf einem Notizblock, in der Handschrift eines 93‑Jährigen. Markant, fest, wie eine rästelhafte Hieroglyphe, mit eindeutiger Haltung. Darunter: „Sie ruft morgen zurück.“

Auf ihrer Karte steht „Pam Wolf“ und, dass sie mit Tieren handelt. Sie verkauft keine echten Wölfe, aber Wolfshunde, also Züchtungen, in deren DNA sich Teile des Wolfes befinden. Daher der Spitzname.

Ich wollte diese kleine Notiz aufbewahren, weil sie so viel mit so wenigen Wörtern sagt. Aber als ich am nächsten Tag danach gefragt habe, war sie schon im Müll verschwunden.

Erzähler: Samstag, 18. August 2007. Berlin.

[VERZERRTER KLANG EINER MUSIKBOX]

Jonathan Kroll: Andreas am Hamburger Bahnhof getroffen. Er, Moni und ich haben uns die Ausstellung angesehen. Zurück zu Hause: Pizza, fernsehen, lesen, um zwei Uhr nachts nach einem langen Tag ins Bett gegangen, Erholung von letzter Nacht, da habe ich mir das Steißbein gestoßen.

Erzähler: Donnerstag, 20. September 2012. Berlin.

[„UNIDENTIFIED NO. 1“ VON JONATHAN KROLL]

Juan García-Berdoy: Der wahre Tod ist die Gleichgültigkeit. Ich habe mich oft toter als mein Bruder gefühlt, auch als er kaum noch atmen konnte. Über Monate habe ich gar nichts gefühlt. Als ich das erste Mal nach Pepes Tod wieder geatmet habe, konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie lange ich die Luft angehalten hatte. Ich hatte alle Gefühle eingefroren.

Aber Pepe ist als Lebender gestorben. Er war immer da, aufmerksam und geduldig. Den Eindruck hatte ich jedenfalls, als er noch sprechen konnte.

Ich habe nichts gefühlt. Ich wollte einfach nur verschwinden, fliehen.

Erzähler: Sonntag, 11. Oktober 2020. Los Angeles.

[SCHREIBGERÄUSCHE AUF PAPIER]

Liv Surnow: Ein Brief an mich selbst, in der Nacht, bevor ich anfange, Testosteron zu nehmen.

Liebes Ich,

morgen ist der Tag, an dem ich endlich meiner Intuition folgen werde. Ich habe Angst, die wichtigen Dinge aus dem Auge zu verlieren. Deswegen habe ich diese Liste geschrieben:

1. Schäme dich nie für die Person, die du vor dem Testosteron gewesen bist. Deine hohe Stimme, dein schlaksiger Körper, deine Brüste. Du hast lange daran gearbeitet, dich selbst zu lieben. Vergiss das nicht.

2. Schäme dich nicht für deine Weiblichkeit oder versuche nicht, als Mann gesehen zu werden. Lass dich nicht von den Ansprüchen an Männlichkeit erdrücken. Die Welt um dich wird versuchen, dich in eine Schublade zu stecken. Sei vorsichtig!

3. Verliere niemals deine Wärme, deine Warmherzigkeit, deine Fähigkeit, anderen zuzuhören und für sie da zu sein. Und vergiss nicht, wie schön es trotz aller Schwierigkeiten war, als Frau aufgewachsen zu sein. Sei wachsam und beschütze jede Frau in deinem Umfeld.

Mit Testosteron zu beginnen, ist ein Akt der Selbstliebe. Du hasst weder dich noch deinen Körper. Vertrau dir und mach mich stolz.

In Liebe, Ich.

[SCHREIBGERÄUSCHE AUF PAPIER]

Erzähler: Freitag, 3. November 2017. Berlin

[MUSIK VON JONATHAN KROLL UND GERÄUSCH VON WASSERTROPFEN]

Thais Nepomuceno: Nach dem Studium bin ich nach Berlin gekommen. Ich habe an fünf unterschiedlichen Orten gewohnt, keiner war mein Zuhause. Ich bin eine Nomadin, die weiterzieht, wenn der Regen ausbleibt, um das Land zu bewässern. Ich folge den Pfaden meiner Vorfahren. Mein Name ist meine Geschichte. Zuhause ist kein Ort, sondern eine Person.

Erzähler: Freitag, 22. November 2019. Heilbronn.

Kyle James: Es ist so ein Klischee, aber ich hasse diese Verbohrtheit der Deutschen. Jois und ich sind heute einkaufen gegangen. Der Gehweg war groß, daneben der Fahrradweg. Keiner da in dieser Asphaltwüste und ich hänge meinen Gedanken nach. Da schreckt mich eine wütende Klingel auf und ein sehr aggressiver Radfahrer schreit mich an. Ich schaue auf den Boden, ich habe die Markierung um wenige Millimeter überschritten. Ich schaue hoch und sage zu Jois: „Bring mich weg von hier.“

Erzähler: Sonntag, 13. Dezember 2020. Los Angeles.

[GERÄUSCH VON FLATTERNDEN SEITEN IN EINEM BUCH]

William Dover: Die erste Seite in einem neuen Moleskine ist immer einschüchternd. Frisches Papier, der Geruch und ein unberührter Buchrücken. Die einzigen Wörter darin sind: „Bei Verlust bitte zurückgeben an ...“

Das Beste ist die Möglichkeit, einen Finderlohn einzutragen. Davon ausgehend, dass auf diesen Seiten etwas Wertvolles steht oder entwickelt wurde. Nicht, dass simple Worte wertlos wären. Aber wer würde für die erste Seite zahlen? Die erste Seite soll neugierig machen, aber der Wert entfaltet sich erst auf den nächsten Seiten. Schmerzvolle Gedanken und Gefühle, hinterhältige Stimmen. Das Spiel der Gedanken, vorhersehbare Spontaneität.

Vielleicht ist das alles wertvoll? Wenn jemand diese Sätze liest und sich die Zeit nimmt, die Person hinter einem Namen zu finden – was ist das wert?

Geld? Anerkennung? Respekt?

Wenn du mich findest, viel Glück. Ist das dein nächstes Abenteuer? Vielleicht bin ich nur in Gedanken verloren. Gibt es ihn wirklich, den Zufall?

[„TO BE BURIED BY HISTORY” VON SAMUEL SHELTON ROBINSON]

Erzähler: Diese Geschichte des BIG PONDER wurde ihnen erzählt von Monika Müller‑Kroll und Dina Elsayed.

Die Musik kam von Samuel Shelton Robinson und Jonathan Kroll.

Die Tagebucheinträge wurden geschrieben von ...

[COLLAGE VON AUTOR*INNEN, DIE IHRE NAMEN SAGEN: WILLIAM DOVER, KYLE JAMES, THAIS NEPOMUCENO, LIV SURNOW, JUAN GARCÍA‑BERDOY, JONATHAN KROLL, JOCKO WEYLAND, MO NASSAR, NELE OBERMUELLER, LIZZY HAYES, MONIKA MÜLLER‑KROLL, WERNER MATHEY, MELINA ZACHARIA, JOE SHLICHTA, DINA ELSAYED, JOHANNA SCHMIDT, ARDALAN BASTANI, NOELLE CURRIE, GISELLA LIGIOS, MIKE TRUPIANO, SYLVIA CUNNINGHAM]