Eisenhüttenstadt: vom Reißbrett ins neue Jahrtausend

So jung sind wenige Städte in Deutschland: Im Jahr 2005 kann Eisenhüttenstadt im Osten Brandenburgs den 55. Jahrestag seiner Gründung feiern. Doch die Stadt an der Oder schaut vor allem nach vorn statt zurück. Als eine der "schrumpfenden Städte" im Osten der Republik steht sie vor großen Herausforderungen.
Im Landkreis Oder-Spree, knapp 120 Kilometer südöstlich von Berlin liegt an der Grenze zu Polen eine Stadt, die nicht nur am städtebaulichen, sondern auch am ideologischen Reißbrett geplant wurde. Eisenhüttenstadt ist in den Zeiten entstanden, in denen die noch junge DDR den Aufbau einer eigenen Schwerindustrie forcierte. Beim III. Parteitag der damaligen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) wurde im Juli 1950 beschlossen, nahe der Stadt Fürstenberg an der Oder das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) zu bauen. Dort sollte – mit polnischem Koks und ukrainischem Eisenerz – Stahl produziert werden.
Mit der Grundsteinlegung für den ersten Hochofen am 1. Januar 1951 begann auch der Bau einer Wohnstadt, der ersten sozialistischen Stadt der DDR. Die ersten Wohnkomplexe, die nach den Entwürfen des für die gesamte Stadtplanung verantwortlichen Architekten Kurt W. Leucht errichtet wurden, stellen heute eines der größten Ensembles der Architektur der 50er Jahre dar. Der Hochofen I wurde bereits im September 1951 angeblasen – fast zeitgleich mit der offiziellen Übergabe der Siedlungen.
Das Märchen von Stalin
Im Mai 1953 erhielt die EKO-Wohnstadt einen neuen Namen: Stalinstadt. Offenbar war es der Führung der DDR etwas spät aufgefallen, dass keine Stadt im neuen Staat den Namen des gefeierten Befreiers trug. Man beeilte sich, diese Scharte auszuwetzen – jedoch auf höchst eigentümliche Weise.In der örtlichen Tageszeitung war detailliert davon zu lesen, wie Stalin das volkseigene Werk mitsamt der Wohnanlagen am 7. Mai 1953 eingeweiht haben soll: "Der feierliche Ernst seiner Gesichtszüge ist einem gütigen, väterlichen Aussehen gewichen. Zart spielt der Wind mit Silberfäden seines Haupthaares. Grünumgebene Frühlingsblumen heben ihre Köpfe höher, die Amseln im nahen Forst schlagen heller: Stalin schreitet durch das Kombinat." Dass Stalin zu diesem Zeitpunkt weder würdevoll schreiten noch väterlich dreinblicken konnte, wurde geflissentlich außer Acht gelassen. "Der weise Stalin, der große Baumeister des Sozialismus", wie ihn Walter Ulbricht damals rühmte, hatte bereits zwei Monate zuvor, am 5. März 1953, das Zeitliche gesegnet.
Doch nur acht Jahre lang huldigte die SED dem sowjetischen Diktator. Als unter Chruschtschow die Kritik an Stalin laut wurde und der XXI. Parteitag der KPdSU 1961 beschloss, seine sterblichen Überreste nicht länger Seit’ an Seit’ mit Lenins Leichnam dulden zu können, sah sich Ost-Berlin zum Handeln gezwungen. Schnell wurde – ganz entgegen sonstiger Grundsätze – für das sozialistische Stalinstadt eine Fusion mit dem benachbarten, bürgerlich geprägten Fürstenberg beschlossen. Aus Stalinstadt wurde Eisenhüttenstadt.
Der Traum aus Stahl
In der Folgezeit entwickelte sich die Stadt recht dynamisch. Zahlreiche neue, architektonisch weniger ansprechende Wohngebiete – meist Plattenbauten – entstanden, um die 1988 über 53.000 Einwohner der Stadt zu beherbergen. Wie das Leben in der DDR damals aussah, lässt sich im Übrigen in Eisenhüttenstadt mit Hilfe der rund 50.000 Objekte, die als Teil des kulturellen Gedächtnisses im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR ausgestellt sind, besonders gut nachvollziehen.Seit der Wende 1989 sind die Zeiten des Wachstums vorbei. Lange war unsicher, ob das EKO weiter bestehen konnte. Mit Arbeitskämpfen und Demonstrationen bekundeten die Eisenhüttenstädter ihre Ängste: "Stirbt das Werk, stirbt auch die Stadt". Am 1. Januar 1995 konnte Eisenhüttenstadt erst einmal aufatmen: Die Privatisierung des Stahl-Werkes war gelungen, der belgische Konzern Cockerill Sambre übernahm die neue EKO Stahl GmbH. Seit 2002 gehört das EKO zum weltweit größten Stahlkonzern ARCELOR und beschäftigt etwa 2.500 Menschen; weitere 2.500 Arbeitnehmer sind im Rahmen der Umstrukturierung bei den Unternehmensneugründungen des Konzerns beschäftigt.
Frust von Schrottgorod
Dass Eisenhüttenstadt somit zunächst als Stahlstandort erhalten bleibt, gehört zu den wenigen hoffnungsvoll stimmenden Nachrichten aus einer Region, die mit dem wirtschaftlichen Umbruch stark zu kämpfen hat.Jeder Fünfte ist hier arbeitslos. Die jungen Leute wandern ab: Seit 1989 hat die Stadt knapp ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren und ist auf ganze 37.009 Einwohner geschrumpft. Im April 2004 standen 22 % aller Wohnungen leer und allen Prognosen nach wird sich die Situation in den nächsten Jahren sogar noch verschärfen. Dass die einstige Pionierstadt, die für den Aufbruch stehen sollte, heute im Volksmund bisweilen "Schrottgorod" genannt wird, spricht Bände.
Mit diesem wenig schmeichelhaften Spitznamen kann und will sich die Stadt nicht abfinden. Im Rahmen des Bund-Länder-Programms "Stadtumbau Ost" werden seit 2002 Wohnungen saniert oder im großen Stil abgerissen, Siedlungen neu gestaltet und Grünflächen angelegt. Das alles geht nicht von heute auf morgen. Viele Visionen stoßen – noch – an so simple wie praktische Grenzen: Chancen etwa, die sich aufgrund der EU-Osterweiterung für die Zusammenarbeit mit Polen auftun, bleiben noch ungenutzt, da es bislang keinen Grenzübergang in der Stadt, keine Brücke über die Oder gibt.
Das heimliche Motto für den dringend notwendigen Umbau von Eisenhüttenstadt ist im Übrigen auf jedem Kraftfahrzeug aus dem Landkreis Oder-Spree nachzulesen: LOS!
Dagmar Giersberg arbeitet als Redakteurin und Publizistin in Bonn
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November 2004













