Design in Berlin

Design-Reaktor Berlin

Formen für LED-Pendelleuchte, Bräuer Metallwaren Berlin, © Design Reaktor Berlin

Dune, © Design Reaktor Berlin

LED-Pendelleuchte Nola, © Design Reaktor Berlin

Trikoton, © Design Reaktor Berlin/Foto: Hanna Wiesener

Music drop, © Design Reaktor Berlin

Trikoton, © Design Reaktor Berlin

Ein Team aus Studierenden der Bereiche Industrial Design und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation mustern die Materialien und Kompetenzen der beteiligten Berliner Unternehmen, © Design Reaktor Berlin/Foto: Elisabeth Warkus

ANTA, Messestand, © Design Reaktor Berlin

Preisverleihung 2007 in Halle, © Design Reaktor Berlin/Foto: Caspar Huckfeldt

Judith Seng, Axel Kufus, Marc Piesbergen und Joachim Schirrmacher, © Anna Blancke

Dass Handwerker irgendwann mal auf Designer treffen ist gar nicht so ungewöhnlich, interessant am Universitäts-Projekt Design-Reaktor Berlin der Hochschule der Künste in Berlin (UdK) ist allerdings, wann sie das tun.

Nämlich noch während des Studiums der angehenden Gestalter. Und nicht als Erfüllungsgehilfen der diplomierten Designer in den Fertigungsstätten ihrer späteren Arbeitgeber, sondern auf Augenhöhe in ihren eigenen Betrieben und schon in der ersten Entwicklungsphase eines zukünftigen Produkts.
Temporäres Hochschul-Projekt
Dass jedenfalls sollte der Design-Reaktor Berlin als temporäres Hochschul-Forschungsprojekt im Jahr 2007 schaffen: Die über Jahrzehnte erworbenen Fähigkeiten und Traditionen der Handwerker mit den „kriminellen Energien“ der Studenten zu vermischen, zu verwirbeln und letztendlich zu verschmelzen - „bis am Ende etwas ganz Neues entsteht“ so Axel Kufus, Professor für Gestaltung, der Projektleiter und Initiator des Reaktors.

Unter seiner Leitung haben sich vor einem Jahr gut fünfzig Berliner Handwerker und Mittelständler mit Kreativ-Studenten aus sechs Fachrichtungen getroffen, sich besprochen und zusammen Prototypen entworfen. Die Ergebnisse waren erstaunlich und führten von neuen Pendel-Lampen mit LED-Innenleben über reflektierende Strumpfhosen, Augen-Kühlbrillen mit Mozzarella-Käse, Aschenbecher aus gepresstem Sand bis zu Teebeuteln, die selbst mitteilen, wann der Tee fertig ist.
Hunderte von Ideen
Auf Seiten des Handwerks waren also Käsereien, Strickbetriebe, Sattler, Lampenbauer, Bonbon-Macher oder Metallverarbeiter am Start. Und auf Seiten der Universität kamen neben den entwerfenden 81 Studenten immer mehr Interessenten dazu, die sich in das Projekt einklinkten, genau wie Initiator Kufus und seine Mitstreiter in der Projektleitung Marc Piesbergen, Judith Seng und Joachim Schirrmacher gehofft hatten. Forschungskontakte zum Frauenhofer-Institut und zur Technischen Universität machten die Sache immer interdisziplinärer und ließen den Design-Reaktor Berlin vergangenes Jahr förmlich glühen. Aus den Hunderten von Ideen, die zu Beginn eines Workshop-Clusters entstanden waren, kristallisierten sich dann 57 als machbar heraus und wurden bis 2008 zumindest als Prototypen vorgestellt. Und einige davon scheinen jetzt direkt auf den Markt zu kommen - allerdings auf unterschiedlichen Wegen.

So die LED-Pendelleuchte von Lars Dinter, die Licht wie von Kerzenflammen mit einem klaren Design verbindet und vom Lampenproduzenten ANTA in dessen Qualitäts-Sortiment übernommen wird. Ob der Berliner Handwerksbetrieb Bräuer Metallwaren, der mit Dinter an der Lampe gearbeitet hat, die Lampe auch in den großen Stückzahlen herstellen wird, ist derzeit offen - drei Unternehmen haben sich um den Auftrag beworben.

„Aber das war von Anfang an klar“, sagt Kufus, „wenn die Industrie einsteigt, kommen da auch andere Strukturen rein. Und jeder große Hersteller arbeitet natürlich mit eigenen Zuliefer-Betrieben.“ Dass die Studenten diese Erfahrungen mit dem Projekt sammeln können, hält er für wichtig, so sind sie später nicht ganz aufgeschmissen, wenn sie zum ersten Mal auf Produktions-, Marketing- oder Vertriebsprofis treffen.
Ungetrübt vom Marktgedanken
Aber es ist Kufus wichtig zu betonen, dass seine Studenten mit dem Design-Reaktor Berlin eben nicht „fit für den Markt gemacht werden sollen“.
Diesen rein wirtschaftlichen Ansatz als Grundgedanken für den Design-Reaktor Berlin lehnt er ab, auch wenn es ihm letztlich um eine bessere Vernetzung zwischen Hochschule und Wirtschaft geht.
Der Eindruck anbiedernder Entwürfe wurde von den Studenten der sechs Fachrichtungen meist aber gekonnt vermieden, zu ungewöhnlich und zu deutlich noch vom Marktgedanken ungetrübt waren viele der Ideen. Allerdings hat es gerade zwei der romantischen Prototypen auf die Spur zum Erfolg geschafft: Der Music Drop von Noa Lerner enthält ein Musikstück, der nur ein Mal abgespielt werden kann und inszeniert so die Geste des Schenkens.

Der MP3-Player wurde auf der Leitmesse Midem in Cannes auf den zweiten Platz der viel versprechendsten Weltneuheiten gewählt, was sogar Medien in Asien vermeldeten. Derzeit wird er wird vom Museum of Modern Art in New York auf seiner Webseite zur Ausstellung Design and the Elastic Mind präsentiert.
Und außerdem stehen die „Stimmen-Strickerinnen“, Magdalena Kohler und Hanna Wiesener, gerade davor ihre Kleider-Kollektion mit „selbst gestrickten Stimmen“ unter dem Label Trikoton in Serie herauszubringen. Dafür spricht der Kunde via Internet in einen Computer, der eine Stimmanalyse macht, die in Impulse umsetzt und an Garn führende Spulen in einer Fabrik weitergibt. Daraus entsteht ein Pulli oder T-Shirt, der das Muster der eigenen Stimme trägt.
Ausloten zukünftiger Produktionsprozesse
Die mehrfach ausgezeichnete Idee führt außerdem zu ganz neuen Fragen, was die Produktion angeht. Sie soll in Sachsen im Osten Deutschlands stattfinden und trotzdem bezahlbar bleiben und berührt somit sicher eines der Hauptthemen der industriellen Textilwirtschaft in Deutschland.
„Die Frage, wie wir in Deutschland kleine Serien kostengünstig herstellen können, wird für unsere Zukunft immer wichtiger und wird hier in Klein schon einmal durchgespielt“, sagt Joachim Schirrmacher, der im Design Reaktor Berlin den Bereich Design-Management verantwortet und Trikoton auch als Vorreiter im Ausloten zukünftiger Produktionsprozesse im postindustriellen Deutschland sieht.
Neue Perspektiven
Von so einem theoretischen Überbau unberührt hat ein drittes schlichteres Produkt aus der Reaktor-Schmiede ebenfalls gute Freunde gefunden: Der Aschenbecher Dune aus gepresstem Sand. Er wird nämlich in Berliner Museumsshops wie dem Guggenheim-Shop bereits erfolgreich verkauft. Im Design Reaktor Berlin wurde aber nicht nur weiter an den Produkten gearbeitet, auch für das Projekt selber haben sich neue Perspektiven ergeben.

Nach der Einladung des Bundeskanzleramts den Design Reaktor Berlin im Themenschwerpunkt „Innovation in Deutschland“ am Tag der offenen Tür zu präsentieren, gab es so viele Kontakte und Einladungen, dass der Reaktor förmlich glühte. Konkret hat sich schon eine Projektwerkstatt „Bionik und Design“ zwischen der UdK und der Technischen Universtität Berlin ergeben. Zudem wird gerade an einer Plattform für Erfindung, Entwicklung und Verwertung gearbeitet. Und auch die Handwerkskammer ist an einer Kooperation interessiert. Damit noch mehr Handwerker auf Designstudenten treffen.
Iris Braun
ist freie Journalistin und Autorin. Für das Berliner Stadtmagazin „tip“ ist sie mit offenen Augen und Ohren in der jungen Designszene unterwegs.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Mai 2008

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