Junge Szene und Popkultur

Krawattenzwang und Partylaune – Klaus Quirini, der allererste Diskjockey, im Interview

Klaus Quirini war Deutschlands erster DJ  Foto:  © Scotch ClubKlaus Quirini war Deutschlands erster DJ  Foto:  © Scotch ClubIm Oktober 2009 wird das 50-jährige Bestehen der Diskotheken gefeiert. Der erste DJ legte bereits 1959 in Aachen auf. Von der Konkurrenz anfangs belächelt, wurde Klaus Quirini, alias „DJ Heinrich“, nach kurzer Zeit berühmt.

Herr Quirini, Sie waren 1959 der allererste DJ, der in einer Diskothek auflegte. In den USA etwa eröffnete die erste Disco erst 13 Jahre später. Wie kamen Sie zu dem Beruf?

Durch Zufall. Ich wurde damals nicht als DJ sondern als Journalist in den Scotch Club geschickt, um über die Eröffnung der neuen Tanzbar zu berichten. Man hatte einen Sänger der Kölner Oper engagiert, der Schallplatten auflegen und moderieren sollte. Doch es war furchtbar langweilig. Die Gäste saßen herum, und der Opernsänger bewegte sich nicht. Meine beiden Kollegen von der Zeitung fingen an zu lästern. Ich war damals noch sehr jung, 19 Jahre alt, und hatte an diesem Abend zum ersten Mal in meinem Leben Whiskey getrunken. Jedenfalls lästerte ich ordentlich mit. Plötzlich stand der Inhaber des Scotch Clubs, Franzkarl Schwendinger, vor mir und fragte mich, ob ich nicht übernehmen wolle.

Und Sie haben sich spontan bereit erklärt?

... auf einmal klatschten alle  Foto: © Scotch ClubIch habe mich sofort hinter das Pult gestellt und griff mir die erste Platte, die da lag, das war Ein Schiff wird kommen, und so habe ich einfach ins Mikrofon gesagt: „Meine Damen und Herren, bitte krempeln Sie die Hosenbeine hoch, wir lassen Wasser in den Saal ein, denn ein Schiff wird kommen mit Lale Andersen.“ Und auf einmal klatschten alle. So habe ich eben die zweite Platte aufgelegt, Ramona – „das schönste Mädchen der Welt“, und wieder klatschten alle. Später fragte mich der Inhaber, ob ich das nicht länger machen wolle und bot mir 800 Mark. Das war wahnsinnig viel Geld für die damaligen Verhältnisse, ich war begeistert.

Bekannt wurden Sie als „DJ Heinrich“. Wie kamen Sie auf Ihren Künstlernamen?

Bevor ich den Job annehmen konnte, musste ich meinen Vater um Erlaubnis fragen, denn ich war noch nicht volljährig. Er gab mir sein Okay; aber nur unter einer Bedingung: Weil ein Onkel ein öffentliches Amt bekleidete, durfte ich mich nicht Quirini nennen. So wollte ich mich „Egon“ nennen, aber die Platte Ach Egon, Egon, ich hab ja nur aus Liebe zu Dir war im Scotch Club unauffindbar. Daraufhin blätterte ich die Platten weiter durch, und eine hieß Ach Heinrich, ich hab nur Dich von Trude Herr. Seitdem war ich „DJ Heinrich“.

Was nach 50 Jahren Diskothek immer noch gleichgeblieben ist, ist die Kleiderordnung. Heute mustert ein Türsteher die Leute, im Scotch Club waren Krawatte und Jackett Pflicht.

Darauf wurde streng geachtet. Anfangs kamen sogar Damen, die Hosen trugen, nicht rein. Von Beginn an wurden außerdem nur so viele Herren hereingelassen, wie auch Damen im Club waren. Im Scotch Club wurde getanzt und man lernte sich kennen. Noch heute schreiben mir Leute, die sich in unserer Diskothek kennengelernt haben, und nun seit Jahrzehnten verheiratet sind.

Der Scotch Club hieß 1959 noch nicht „Diskothek“, sondern „Jockey Tanz Bar“. Erst Mitte der 1960er-Jahre nahm der Duden das Wort „Diskothek“ auf. Den Begriff „Diskjockey“ gab es allerdings schon früher?

Anfangs kamen sogar Damen, die Hosen trugen, nicht rein  Foto: © Scotch ClubDen Begriff gab es bereits 1959, ich nannte mich von Anfang an so. Der allererste DJ, der Schallplatten ohne Manuskript ansagte, war Christopher Stone beim BBC in England Ende der 1920er-Jahre.

Haben Sie damals eigentlich auch schon gescratcht?

Das gab es damals noch nicht, die Platten wurden unverändert abgespielt. Dabei habe ich mich nach der Musik gerichtet, die gerade populär war: Glenn Miller, Dean Martin oder Frank Sinatra. Viele Besucher kamen aus Belgien und Holland in die Grenzstadt Aachen, und die brachten die neuesten Tänze mit – Square Dance und Hilly Billy, die übte ich dann mit den Gästen auf der Tanzfläche. Die Stimmung war immer super.

Wurden damals auch schon Drogen genommen?

Drogen waren damals noch kein Thema. Aber getrunken wurde mehr als heute, die Gäste waren ja auch älter. Mit dem Jugendschutz mussten wir es peinlich genau nehmen. Die unter 18-Jährigen durften nur bis 22 Uhr bleiben. Es gab regelmäßige Kontrollen. Darum haben wir für die Jüngeren Sonntag nachmittags eine „Kinderstunde“ eingeführt.

War die Musik 1959 so laut wie in einer Disko heutzutage?

Mit dem Jugendschutz mussten wir es peinlich genau nehmen  Foto: © Scotch ClubMindestens! Bei uns standen die Lautsprecher direkt auf der Tanzfläche. Unser Plattenspieler kam aus der Schweiz, und eine Düsseldorfer Firma hatte für uns die Anlage gebaut. Der Klang war grandios. Ich würde sagen, er war sogar besser als heute, er war wärmer dank unserer Röhrenverstärker.

Waren Sie in letzter Zeit mal wieder in einer Disco?

Vor kurzem erst. Ich gehe regelmäßig in die verschiedensten Diskotheken. Nur in großen Discos, wo junge Leute hingehen, bin ich altersmäßig nicht mehr angesagt.

Verena Hütter
lebt als freie Autorin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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