Irgendwie geht es sich aus: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“

Ein Buch widmet sich dem Phänomen von Deutschen in Österreich. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ heißt die kurzweilige Zusammenstellung von Erfahrungsberichten, die sich mit dieser sehr speziellen Konstellation auseinandersetzt.
Die Deutschen und die Österreicher pflegen ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. „Was Deutschland und Österreich trennt, ist die gemeinsame Sprache“, wird dem österreichischen Publizisten Karl Kraus (1874-1936) zugeschrieben. Und in der Tat, wahrscheinlich sind es neben den Ausdrücken, oft kulinarischer Natur, wirklich die kleinen Unterschiede in Formulierungen, die zu großen Konfusionen führen. „Hier“ meint im Österreichischen noch lange nicht „da“ und „dort“. Der Österreicher legt sich einfach nicht gerne fest. Zumindest nicht so, wie es der Deutsche gerne hätte. Bei dem einen ist ein „nein“ definitiv, der andere relativiert, indem er die Meinung vertritt, dass irgendetwas immer noch möglich wäre. „Das geht sich aus“ ist so ein Satz, wie die Psychoanalytikerin Bettina Reiter in ihrem Beitrag erklärt. Direktheit ist keine Stärke der Österreicher, doch dies birgt auch viele Möglichkeiten, wie an jenem Beispiel, dass „es“ sich nicht ausgeht, deutlich wird: zeitlich („ich schaffe es nicht“), räumlich („da kommen wir nie durch“), argumentativ („das ist nicht schlüssig“), quantitativ („die CDU wird knapp verlieren“), emotional („ich mag nicht mit dir zusammen sein“). Und dabei handelt es sich nicht einmal um alle Varianten.
Als Piefke bei den Ösis
Obwohl es alljährlich zu Beginn des Wintersemesters mehr oder weniger erboste Zeitungskommentare über Horden an Studierenden aus dem nördlichen Nachbarland gibt, bleiben von denen die wenigsten. Man studiert das eine oder andere Semester in Wien, konsumiert das umfassende kulturelle Angebot, amüsiert sich prächtig, bleibt weitestgehend unter sich und teilt die Erfahrungen der Kontaktaufnahme mit den Einheimischen in entsprechenden Foren im Internet. Wer bleibt, ist meist des Berufes wegen gekommen. In dem Buch Wir sind gekommen, um zu bleiben sind es vorwiegend Vertreter aus dem erweiterten Kultur- oder Medienbereich, die von Freud und Leid der Piefkes bei den Ösis – wie die einen die anderen wenig schmeichelhaft nennen – Zeugnis ablegen. Doch scheint dies durchaus repräsentativ. Kultur, so der Grundtenor, zählt in Österreich mehr als anderswo.
Ist die Kritik gelangweilt oder vernichtend, wird das Publikum nicht fern bleiben, denn jeder will mitreden können und Kultur ist schließlich ein Thema des Alltags. Umso bornierter fallen dann gerne auch die Meinungen aus und Deutsche, die es in der Kulturnation zu etwas gebracht haben, werden mit besonderer Sorgfalt am Stammtisch im Wirtshaus in Grund und Boden geschimpft oder auch zaghaft mit Bewunderung honoriert. Wie auch immer, Kultur ist etwas, womit man sich auseinandersetzt, sie wird ganz selbstverständlich genutzt wie das umfassende Angebot an internationalen Zeitungen und Zeitschriften in Kaffeehäusern. Der strammen Bezeichnung „Piefke“ erwidert der so angesprochene Deutsche in seiner Liebe zu Abkürzungen mit einem lang gezogenen, beinahe seufzenden „Ösi“.
Integration? Es geht auch so!
Doch auch wenn die Kultur zum Alltag gehört, Tag für Tag möchte man sich als Deutscher in Österreich ärgern. Ärgern über diese seltsame Mischung aus höfischer Unterwürfigkeit gepaart mit Arroganz. Über Freude, wenn der große Nachbar im Fußball verliert, über bürokratische Hürden und die Freude an Zierrat in Form von Titeln, Orden oder sonstigen Auszeichnungen, die Unfähigkeit Auto zu fahren und die Fähigkeit mit ihrer unendlichen Ironie den anderen immer in der im Zweifel zu lassen, was nun eigentlich gemeint ist.
„Eindeutigkeit“, so schreibt die in Berlin lebende österreichische Autorin Eva Menasse in einem abschließenden Gegentext, „scheuen wir wie die Motten das Licht“. Und weiter: „Im Blödeln und Witzeln, im Kalauern und dialektischen Relativieren sind wir Weltmeister, und wenn wir damit anfangen, schaut der Deutsche verständnislos aus der Wäsche.“ Kurz gesagt: Es wird einem, selbst als deutschsprachiger Ausländer in Österreich, nicht wirklich einfach gemacht sich integriert zu fühlen. Auch ein Wechsel der Staatsangehörigkeit ist für keinen der Autoren ein ernsthaft zu überlegendes Thema. Man fühlt sich auch so wohl.
Steigen Sie aus?
„Kommen sie aus Deutschland?“ oder „Wie lange bleiben sie noch hier im Urlaub?“, sind Fragen, mit denen Deutschen in Österreich stets verdeutlicht wird, dass sie da, wo sie nun leben, noch längst nicht angekommen sind. Umgekehrt verhält es sich ebenso, doch in der Alpenrepublik schwingt stets noch ein Hauch von Skepsis mit. Am eigentümlichsten allerdings mutet für den Cartoonisten Tex Rubinovitz eine Frage an, mit der man sich in Österreich durch überfüllte Verkehrsmittel zu manövrieren pflegt: „Steigen Sie aus?“ lautet die Formel, in einer Mischung aus Höflichkeit und Vorwurf für das Verstellen der Passage und dem Apell den Weg freizugeben. Nein, niemand steigt aus, denn irgendwie scheint es sich dann doch auszugehen mit dem Zusammenleben der Deutschen und der Österreicher.
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Literatur: Eva Steffen (Hg.): |
Daniela Gregori
ist Österreicherin, hat in Wien und Hamburg Kunstgeschichte studiert und lebt als Journalistin und Autorin in Karlsruhe und Wien.
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Dezember 2009
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