Panorama

Greeter – Sightseeing in der Nachbarschaft

Greeter zeigen ihre Stadt anders, als bei üblichen Stadtführungen.  Foto: Fabian Busch © Mannheimer MorgenGreeter zeigen ihre Stadt anders, als bei üblichen Stadtführungen.  Foto: Fabian Busch © Mannheimer MorgenEine Idee aus Amerika kommt nach Deutschland. Greeter zeigen Besuchern, abseits der gängigen Touristenrouten, die Lieblingsorte ihrer Stadt – motiviert durch Gastfreundschaft und Leidenschaft.

Das Konzept ist denkbar einfach: Greeter sind Leute, die ihre Stadt lieben und sie gerne anderen zeigen. Nur ganz anders als bei üblichen Stadtführungen. Um berühmte Museen und aus allen Winkeln fotografierte Wahrzeichen machen Greeter meist einen Bogen. Sie spazieren mit ihren Gästen – Einzelne oder sehr kleine Gruppen – ein bis zwei Stunden, manchmal auch länger, durch ein vertrautes Stadtviertel. So erleben Besucher eine sehr persönliche Perspektive, erfahren wie es sich in dieser Stadt lebt. Praktisch nichts ist vorgegeben. „Das Schönste ist: Jeder Rundgang läuft anders ab. Keine Führung wiederholt sich“, sagt Jens Flammann von den Mannheim Greeters.

Gastfreundlicher Moloch

Der Berliner Greeter Hans mit Besuchern.  Foto: © Berlin Greeter

Die Wurzeln der Greeter-Bewegung liegen in New York City, Anfang der 1990er-Jahre. Gründerin Lynn Brooks machte sich Sorgen über das schlechte Image des Big Apple. Auf Reisen bekam sie immer wieder zu hören, New York sei gefährlich, chaotisch, ungastlich. Lynn Brooks sah ihre Stadt ganz anders: Ein wunderbarer Ort, zusammengesetzt aus vielen freundlichen Vierteln. Dieses New York wollte sie Besuchern zeigen, ihr ganz persönliches New York, ihren Lieblingsbissen vom Big Apple. Tante-Emma-Läden, kleine Cafés, in den sie selbst gerne saß, Parks und Straßen, die man nie zu Gesicht bekommt, wenn man nur den Highlights der Reiseführer folgt, im Taxi vom Time Square zum Metropolitan Museum of Modern Art. Aus Lynn Brooks spontanen Stadtrundführungen ist eine Organisation geworden mit 300 Greetern. Eine Hand voll bezahlter und 35 ehrenamtliche Mitarbeiter beantworten die Anfragen der Besucher und vermitteln Greeter. Rund 7.000 Besucher erleben so jedes Jahr die schönen unbekannten Seiten New Yorks.

Die Idee kam an. Weltweit und nicht nur in den Metropolen entstanden lokale Greeter-Initiativen, die über das Global Greeter Network untereinander verknüpft sind. Das englische Seebad Brighton und die serbische Stadt Subotica haben Greeter, ebenso die Grafschaft Kent im Südosten Englands und das nordfranzösische Département Pal-de-Calais. Auch in Deutschland sind Greeter-Initiativen im Aufbau. Unter den ersten sind Berlin, Mannheim und München.

Immer anders

Hans und die Greeter-Gründerin Lynn Brooks  Foto: Hans Stroemsdoerfer © Berlin-Greeter

„Ein Greeter kann heute Münchens Biergärten zeigen, morgen durch die Gerner Nachbarschaft laufen und übermorgen mit einem Besucher über den Flohmarkt gehen“, sagt Florian Reiter von den Munich Greetern. „Das ist eben die Faszination an der Idee. Ein Greeterbesuch ist keine feste Tour. Es geht hier mehr um die Menschen. Ähnlich der Idee des Couchsurfing. Jemand kommt in die Stadt, wird freundlich empfangen, kann seine Fragen loswerden – zum Beispiel: Wie komme ich von A nach B? Welches Ticket muss ich kaufen? Wo bekomme ich Essen? – und bekommt Orientierung.“ Die Route ergibt sich aus dem Fundus des Greeters und den Wünschen der Besucher. Je nach Greeter-Organisation können die Gäste bei der Anmeldung Themen wählen, etwa Essen oder Architektur, einen Stadtteil und die gewünschte Sprache. Von den Berliner Greetern finden sich sogar Profile auf der Website.

Das Verhältnis zwischen Greetern und dem jeweiligen Tourismusamt der Stadt ist unterschiedlich. Das Tourismusamt in Brighton empfiehlt seinen Besuchern die Greeter und hat sie auf der eigenen Website Visit Brighton integriert. In München gibt es noch keine Zusammenarbeit, hier sind die Greeter aber auch noch ganz frisch. Als Konkurrenz zu normalen Stadtführern empfinden sie sich nicht. „Viel mehr ist das eine Ergänzung, da die Konzepte sehr verschieden sind“, sagt Munich Greeter Florian Reiter. „Greeter ‚besuchen‘ einen Gast, daraus entsteht ein ganz individueller Rundgang – Stadtführer richten sich für gewöhnlich nach einem festen Programm.“

Überzeugungstäter für ihre Stadt

Um Wahrzeichen machen Greeter meist einen Bogen.  Foto: naphtalina © iStockphoto

Die Greeter-Führungen sind für die Besucher kostenlos. Spenden sind zwar willkommen, etwa für Telefon- und Fahrkosten, aber die Greeter selbst arbeiten ehrenamtlich. „Greeter sind Überzeugungstäter“, sagt Flammann. Offen, kontaktfreudig und so vielfältig wie ihre Stadt. Es gibt alte und junge, Männer und Frauen, man findet die unterschiedlichsten Berufe. Greeter sind nicht unbedingt in ihrer Stadt geboren. Auffällig viele Mannheimer Greeter sind zum Beispiel zugezogen, einige sogar aus einem anderen Land. „Wir haben auch Bulgaren und eine Vietnamesin“, sagt Jens Flammann. Er selbst kam erst vor drei Jahren nach Mannheim. „Wer in seiner Stadt groß geworden ist, für den ist so vieles selbstverständlich. Viele Besonderheiten nimmt man gar nicht mehr wahr.“ Zugezogene dagegen müssen sich ihre Stadt erarbeiten und lernen sie so bewusster und intensiver kennen und schätzen. Durch die spontane Begegnung mit Fremden erleben auch Greeter ihre Stadt neu. „Ich habe unheimlich viel gelernt“, sagt Flammann, „einfach dadurch, dass ich anderen meine Stadt gezeigt habe.“

Jonny Rieder
ist freier Autor in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2011

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