Gesellschaftspolitischer Kontext

Peter Brückner

Politischer Psychologe und Lehrer des öffentlichen Denkens

Professor Dr. Peter Brückner während seiner Ansprache am 2.2.1972 vor Studenten der Ruhr-Universität Bochum. Cop: picture-alliance / dpaDer Sozialpsychologe Peter Brückner lehrte und forschte von 1967 bis zu seinem Tod 1982 an der Universität Hannover. Nicht zuletzt aufgrund seiner eindeutigen Solidarität mit den protestierenden Studenten erschien er als Symbolfigur des linken Professors. Das trug ihm Schwierigkeiten mit der Staatsmacht ein. Seine Schriften sind auch heute noch von Relevanz.

Peter Brückner wurde am 13. Mai 1922 in Dresden geboren. Der Vater, Ingenieur, hatte seine Kindheit und Jugend in den USA verbracht, war bis 1917 Freimaurer, ein liberaler Demokrat. Die Mutter, Konzertsängerin, war englische Jüdin. Sie brachte aus erster Ehe zwei Söhne mit. Der bescheidene Wohlstand der Familie schwand mit der Wirtschaftskrise, die den Vater arbeitslos machte. Vor allem aber bedrohte sie der alltägliche Antisemitismus. Bis 1938 emigrierten Brückners ältere Halbbrüder und die Mutter.

Als Jude hat sich Brückner nicht verstanden. Sein Judentum rückte ihm erst durch den alltäglichen Antisemitismus ins Bewusstsein. Gesellschaft enthüllte sich als Gewaltzusammenhang.

Adoleszens und Judenhass im Nationalsozialismus

Gesellschaftliche Nötigung lag auch der Aussetzung zugrunde, die Brückners Adoleszenz bestimmte. Während der Vater unterwegs sein musste, streunte der Junge im Untergrund der großen Stadt; Er entdeckte die Welt der Antiquariate und der Musik. Kurze Perioden blieben nicht aus, in denen er auch mal den Verlockungen des organisierten Abenteurertums der Hitler-Jugend erlag. Die Logiken von Ordnung, Befehl und Gehorsam, der allgegenwärtige Rassismus fanden bei ihm, anders als bei so vielen anderen, jedoch nicht das Echo adoleszenter Triebbefriedigung. Bald schon, eher zufällig, ergaben sich dagegen Kontakte zum Widerstand.

Die entscheidende Begegnung mit der „Judenfrage“ hatte Brückner, als er sich an der Universität Leipzig einschrieb. Der Mitarbeiterin im Immatrikulationsamt fiel der Name der Mutter auf: Sarah Barlin. Brückner wurde ein „Halbjude“. Auch der rasche Eintritt in die NSDAP bot dagegen keine Deckung. Während einer Reise nach Wien meldete er sich ordnungsgemäß in einem Hotel an. Also erreichte ihn dort auch sein Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Die Armee schützte jetzt, nicht die Partei.

Widerstand und Rückkehr

Cover Peter Brückner 'Ungehorsam als Tugend' Cop: Verlag Klaus Wagenbach GmbHWährend des Militärdienstes fand Brückner Kontakt zu österreichischen Kommunisten, verhalf Kriegsgefangenen und Deserteuren zur Flucht. 1945 kehrte er mit der US-Armee nach Deutschland zurück. Im gleichen Jahr wurde er in die KPD aufgenommen und beauftragt, am Aufbau der Universität Leipzig mitzuarbeiten. Zur Wiedereröffnung der Universität hielt er die studentische Rede.

Mit den marxistisch-leninistischen Wissenschaftsideen, die den bürgerlichen sehr ähnelten, war Brückner allerdings nicht einverstanden, erst recht nicht mit der erneut um sich greifenden Kontrollpraxis. 1948 übersiedelte er nach Westdeutschland. In Münster setzte er sein Psychologiestudium bei dem Gestaltpsychologen Wolfgang Metzger fort. 1957 promovierte Brückner mit einer Arbeit über das Rorschach-Verfahren. Mit seiner Frau Erika gründete er die erste Erziehungsberatungsstelle in der Bundesrepublik. Wenig später eröffnete er mit anderen ein Institut für Marktpsychologie in Mannheim.

Politische Psychologie

In Heidelberg kam Brückner mit dem Kreis des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich zusammen. Sein theoretisches Interesse galt wesentlich der Kritischen Theorie und der Psychoanalyse. Anfang der 1960er Jahre begann er eine Lehranalyse. Brückner arbeitete mit Zirkeln des Berliner und Frankfurter SDS zusammen, wurde in Berlin Mitglied des Republikanischen Clubs. Er hat diese Periode später stets als „zweite Geburt“ bezeichnet.

1967 erhielt er das Angebot der Technischen Hochschule Hannover, den Widmungs-Lehrstuhl für Psychologie zu übernehmen. Er wurde ein ordentlicher Professor. Peter Brückner war ein Lehrer des öffentlichen Denkens: Forschend bewegte er sich als Diskutant, Redner und Theoretiker der Emanzipationsbewegungen.

Politische Psychologie ist im Methodenzusammenhang der Psychoanalyse und der Soziologie nur als öffentliche Selbstreflexion, in der Vermittlung von Theorie und sozialem Handeln zu entwickeln. Die Aporien dieses Konzepts blieben Brückner nicht verborgen. – Ohne das Entgegenkommen ihres Gegenstandes verfällt Psychologie leicht in die Beliebigkeiten vorkritischer, moralisierender Kulturkritik oder in objektivistischen Empirismus. Deshalb begann Brückner in den 1970er Jahren, nach den Erfahrungen des Zerfalls der Protestbewegung und der Selbstzerstörungen des demokratischen Systems erneut die Grundlagen der Politischen Psychologie zu untersuchen.

Mangelnde Staatstreue

Cover Peter Brückner 'Ulrike Meinhof  und die deutschen Verhältnisse' Cop: Verlag Klaus Wagenbach GmbHWährenddessen stand Brückner stets unter Beobachtung. 1972 und 1977 wurde er von seinem Dienst als Hochschullehrer suspendiert. 1972 warf man ihm vor, Ulrike Meinhof versteckt und die RAF unterstützt zu haben. 1977 war Brückner mit 47 anderen Professoren aus der ganzen Bundesrepublik Herausgeber des vollständigen Textes Buback – ein Nachruf eines Göttinger Anonymus namens Mescalero, der, während massiver Polizeimaßnahmen gegen die Göttinger Studentenschaft, zensiert und ausnahmslos von der deutschen Presse sinnentstellend ausgestreut worden war.

Der niedersächsische Wissenschaftsminister verlangte von den niedersächsischen Professoren eine Treuerklärung – nur von Brückner nicht. Stattdessen wurde er mit einem Hausverbot belegt. Ihm wurde untersagt, eine Gastprofessur in Amsterdam anzunehmen. Schon 1972 hatte der Ring Christlich-Demokratischer Studenten Brückner unter Hinweis auf seine NSDAP-Mitgliedschaft als „gewendeten Nazi“ denunziert; das entspricht einer Variation jener antisemitischen Judendefinition, der dissidente Juden in der Bundesrepublik und in der DDR ausgesetzt sind. Als diese Propaganda nach 1977 erneut einsetzte, schrieb Brückner Das Abseits als sicherer Ort als Analyse seines Politisierungsprozesses unterm Nationalsozialismus.

1982, nach zähen disziplinarrechtlichen und strafrechtlichen Kämpfen, hatte Brückner alle Prozesse gewonnen. Wenig später, am 10. April 1982, starb er in Nizza.

Literatur:

  • Brückner, Peter: Das Abseits als sicherer Ort: Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945, Berlin 1994, ISBN 3-8031-3026-3.
  • Brückner, Peter: Sozialpsychologie des Kapitalismus, Gießen 2004, ISBN 3-88619-328-4.
  • Brückner, Peter: Psychologie und Geschichte, Hrsg. von Axel-R. Oestmann, Westberlin 1982, ISBN 3-8031-3502-8.
Axel-R. Oestmann
ist Sozialpsychologe und Publizist. Er ist verantwortlich für den wissenschaftlichen Nachlass Peter Brückners und hat seine nachgelassenen Schriften sowie drei Aufsatzbände (alle bei Wagenbach, Berlin) herausgegeben.

Dr. Theo Becker
ist Sozialwissenschaftler. Er hat den Nachlass bearbeitet und mit Axel-R. Oestmann das Peter-Brückner-Archiv aufgebaut. Er arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Referent an der Fachbibliothek Sozialwissenschaften der TIB/UB Hannover.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2008

Links zum Thema