Das Phänomen Joschka Fischer

Seine Rolle ist mit der keines anderen Bundespolitikers vergleichbar. Im Verhältnis zu seinen Kollegen ist sein Karriereverlauf völlig atypisch. Er ist als politischer Autodidakt gestartet und nach erheblichen Umwegen bis an die Staatsspitze vorgedrungen. Er genoss und genießt noch immer in der Bevölkerung eine außerordentlich hohe Popularität und er ist über zwei Jahrzehnte lang der machtpolitische Motor seiner Partei gewesen. „Gewalt, die befreiende Gewalt des Volkes gegen die innere und/oder äußere Unterdrückung, dies ist der Urstoff, aus dem die modernen Demokratien ihre Legitimität bilden und mittels ihrer Traditionsbestände bewahren.“ (Joschka Fischer, Risiko Deutschland, 1994)
„Wir - die SPD und Die Grünen und damit auch die Generation der 68er - waren angekommen im Zentrum der politischen Macht Deutschlands, in der Bundesregierung, im Kanzleramt, in den Bundesministerien. Vier Jahre sollten wir jetzt unser Land, Deutschland, regieren. Lust oder Last?“ (Joschka Fischer, Die rot-grünen Jahre, 2007)
Vom sozialen Außenseiter zum Außenminister
Insgesamt betrachtet ist die politische Karriere des Joschka Fischer ein gesellschaftliches Crossover gewesen wie es die Bundesrepublik zuvor nicht gekannt hat: Vom sozialen Außenseiter zum Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Werdegang eines Randständigen in eine Spitzenfunktion des Staates ist mindestens so erklärungsbedürftig wie die Existenz von Fotos, die einen vermummten Demonstranten zeigen, der mit anderen zusammen einen Polizisten verprügelt, und die mit dem Bild eines Ministers nur schwer in Einklang zu bringen sind. Eine solche Karriere, die in früheren Jahrzehnten vermutlich undenkbar gewesen wäre, wirft zahlreiche Fragen auf, Fragen, die manche nicht einmal gestellt, geschweige denn beantwortet haben.
Doch Fischer ist weder eine gespaltene Persönlichkeit noch eine Charaktermaske, deren Wesen sich hinter ihren jeweiligen Maskeraden verbirgt. Er vereinigt ganz heterogene Eigenschaften, die zwar mit einem erheblichen Widerspruchspotential ausgestattet sind, dennoch aber nicht auseinanderfallen. Er personifiziert zwei ganz unterschiedliche Seiten der bundesdeutschen Geschichte: Auf der einen Seite ein überaus kritisches Potential, den Bruch mit der NS-Generation, den Angriff auf den Staat und die Ablehnung des Parlamentarismus, auf der anderen Seite die Vitalität des parlamentarischen Systems, die Integrationsfähigkeit des Parteienstaates und die Relegitimierung des Verfassungsstaates. Dazwischen lagen rund dreißig Jahre, Jahre der Abrechnungen, Kämpfe und Konflikte, aber auch solche der Veränderung, Entspannung und Aussöhnung.
In einem Interview mit dem Deutschlandfunk vom 18.November 2005 sagt Fischer: „In einer Demokratie sind solche Auseinandersetzungen notwendig. In der Demokratie werden sie fair und unfair geführt. Das gehört auch dazu. Darüber habe ich nicht zu jammern, zu wehklagen. Ich war hart im Austeilen und bin es, und entsprechend hart muss ich auch im Einstecken sein und behaupte, auch das bin ich.“
Aussöhnung mit den Generationen
Fischer personifiziert wie kaum ein anderer beide Tendenzen in ihrer jeweiligen Extremheit. Der Aktionist vergangener Tage hat sich in die Person gewordene Versöhnung und Teilhabe verwandelt. Gerade das macht ihn bei einem Teil seiner ehemaligen Weggefährten so verhasst. All jene, die auf Desintegration, Antistaatlichkeit und Konfrontation setzten, versuchten ihn deshalb so nachdrücklich zu entlarven, vorzuführen und auszumanövrieren. Andererseits scheint ihn das aber auch so faszinierend zu machen. Insofern vereinigt Fischer in sich die Rollen eines Generationenkonflikts und hebt diesen zugleich auch wieder auf. Durch den Versuch, ihn auf seine militant antistaatliche Phase als den “wahren” Fischer festzulegen, wird seine und stellvertretend die von Teilen seiner Generation vollzogene Integrationsleistung diskreditiert. Wenn er tatsächlich der einzige gewesen sein sollte, der - wie das ein Journalist einmal formuliert hat - beim “langen Marsch durch die Institutionen” durchgekommen ist, dann verkörpert er mehr als den Sinneswandel einer einzelnen Person - dann repräsentiert er die Aussöhnung zwischen den Generationen, zwischen Staat und Protestbewegung sowie der gesellschaftlichen Lager und Strömungen untereinander.
Fischers Außenseiterkarriere gilt es deshalb in ihren wichtigsten Aspekten auch zu entpersonalisieren. Man muss den historischen Kontext in Rechnung stellen, aus dem die einzelnen Stationen seiner politischen Biographie zu begreifen sind - die 68er-Bewegung, die antiautoritäre Revolte, die Sponti-Szene mit ihrem einstigen Wortführer Daniel Cohn-Bendit, die Frankfurter Hausbesetzerbewegung, die Abkehr von der terroristischen Gewalt der RAF, die Desillusionierung von den utopischen Wunschträumen und die Durchsetzung des realpolitischen Flügels bei den Grünen. Erst aus diesen politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen heraus hat die Person des Ex-Außenministers ihre Kontur und ihre Ausstrahlung gewonnen.
Wer sich einst darüber gewundert hat, mit einem Mal “unter dem maßgeschneiderten Anzug des Ministers die ausgebeulte Lederjacke” zu erkennen, dem ist zu raten, jene Diagonale in Rechnung zu stellen, die vom Tramp und Straßenkämpfer bis zum Minister und obersten Diplomaten geführt hat. Diese Diagonale steht für eine Lernerfahrung, die - und das gilt für den inzwischen im politischen Ruhestand Angelangten auch selbst - noch immer keine angemessene Sprache gefunden hat.
„Ich war einer der letzten live Rock 'n' Roller der deutschen Politik“, sagt Fischer bei seinem plötzlichen Abschied im Herbst 2005 von der Politik über sich selbst.
Fischer in Frankfurt Karriere eines Außenseiters
Hamburger Edition, Hamburg 2001
ISBN 3930908697,
Gebunden, 255 Seiten, 18,41 EUR
Dr. phil. Wolfgang Kraushaar,
geb. 1948, ist promovierter Politikwissenschaftler. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Frankfurt/Main war er von 1978 bis 1982 Mitarbeiter am Didaktischen Zentrum der Universität Frankfurt. 1982 Promotion bei Prof. Iring Fetscher mit einer Dissertation über den Strukturwandel der deutschen Universität. Seit 1987 ist er Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Untersuchung von Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR (1949 bis 1990); insbesondere 68er-Bewegung, RAF und K-Gruppen; Totalitarismus- und Extremismustheorie; Pop-Kultur und Medientheorie.
geb. 1948, ist promovierter Politikwissenschaftler. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Frankfurt/Main war er von 1978 bis 1982 Mitarbeiter am Didaktischen Zentrum der Universität Frankfurt. 1982 Promotion bei Prof. Iring Fetscher mit einer Dissertation über den Strukturwandel der deutschen Universität. Seit 1987 ist er Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung.
Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Untersuchung von Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR (1949 bis 1990); insbesondere 68er-Bewegung, RAF und K-Gruppen; Totalitarismus- und Extremismustheorie; Pop-Kultur und Medientheorie.
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Februar 2008








