Kraut und Uschi: Musik der 68er

Ein bisschen Rebellion ist nicht genug: der Wille zum radikalen Bruch mit den bestehenden Verhältnissen beeinflusste in den späten 1960ern auch das Geschehen in der Musik. Wer erinnert sich an den Film aus jener Zeit, in dem die legendäre Uschi Obermaier ihrem Liebhaber, der noch im Bett liegt, ein Brötchen schmiert und ihn fragt, ob er es lieber mit Wurst oder mit Marmelade möchte? Mit Wurst und Marmelade, ruft er, wir müssen endlich Schluss machen mit diesen Konventionen! Etwas später fragt sie ihn, wie es denn schmecke. Natürlich schmeckt es scheiße, sagt er, aber auf den Bruch mit den Konventionen kommt es an.
Mainstream und Protest
Ähnliche Betrachtungen zur Genießbarkeit drängen sich auf, wenn man die Musik von damals hört. Halt! Gemeint ist selbstverständlich nicht alles, was 1968 gemacht oder veröffentlicht wurde, sondern das, was damals tatsächlich ganz neu als Ausdruck des spezifischen Lebensgefühls der Epoche entstand. Wir reden hier also nicht von den wunderbaren Alben der Beatles oder Beach Boys, auch nicht von den Rolling Stones oder Bob Dylan, die schon lange vorher, seit Beginn der 60er Jahre, ihre musikalische Formensprache aus dem entwickelten, was sie ihrerseits vorgefunden hatten. Wir reden auch nicht (um uns allmählich dem deutschen Sprachraum anzunähern) von Protestsängern und Liedermachern wie Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader oder Reinhard Mey, die, mit dem seit 1964 stattfindenden Festival auf der Burg Waldeck als Plattform, zum musikalischen Sprachrohr der heraufdämmernden 68er-Generation zu werden schienen – wohl gerade wegen ihres Verhaftetseins in etablierten Traditionen des Chansons und politischen Liedes wurden sie allerdings in der Auseinandersetzung mit dem Umbruchswillen eben dieser Generation aufgerieben, jedenfalls was das Musikalische betrifft. “Reinhard, stell die Gitarre in die Ecke und diskutier’”, hieß es auf der Burg, und Mey wird dem wohl oder übel Folge geleistet haben. Die Musik spielte hier offenbar nicht die erste Geige, konsequenterweise wurde das Festival 1969 eingestellt. Nicht über den Wolken, sondern hier auf Erden und zuallererst im Bewusstsein jedes Einzelnen sollte die Freiheit grenzenlos sein. Wer sich mit den musikalischen Umbrüchen der späten 60er Jahre befasst, stößt unweigerlich auf den Begriff des Psychedelischen: Die bewusstseinserweiternde, Wahrnehmung und Erleben aus den vertrauten Angeln hebende Droge, vor allem LSD, schien das ideale Vehikel auf dem Weg zu solcher inneren Freiheit zu sein, aus der heraus das vorher Zertrümmerte zu etwas ganz Neuem, Unerhörtem zusammengesetzt werden konnte – gesellschaftliche, musikalische und Drogenexperimente gingen Hand in Hand.
Radikale (Ein-)Würfe
In Deutschland waren es Gruppen wie Amon Düül, Embryo, Can, Tangerine Dream oder Guru Guru, die ab 1967/68 solche neuen Wege beschritten. Außer dem idealen Vehikel wirkten dabei noch andere Einflüsse. Manche der Musiker hatten klassische Musik studiert (wie etwa die Protagonisten von Can im Umfeld von Karl-Heinz Stockhausen), manche kamen aus dem Free Jazz und brachten dessen Kultur der freien Improvisation mit, für andere galt das alte dadaistische Prinzip “Jeder kann Kunst”, demzufolge niemand irgendein Instrument beherrschen musste, um mitspielen zu dürfen, wieder andere interessierten sich für futuristische elektronische Basteleien. Aus diesem hochinnovativen Urbrei heraus entstanden radikale Alben, auf denen, sei es in der Auswahl und Handhabung der Instrumente, sei es in der Auflösung gängiger Liedstrukturen, alles über den Haufen geworfen wurde, was den konventionellen Popsong ausmachte. Vieles davon kommt, wie gesagt, erst einmal recht unverdaulich daher, wenn man es heutzutage hört. Die Nackenhaare sträuben sich, es zieht einem die Schuhe aus, aber so ist es, so muss es sein, wenn mit Konventionen gebrochen, mit Denk- und Hörgewohnheiten aufgeräumt wird: Das muss wehtun, das Ohr ist ja genauso empfindlich wie die Geschmacksnerven bei Wurst und Marmelade und tut sich schwer, im Chaos die neue, einfach nur andersartige Ordnung zu entdecken. Die aber schon da ist, gelassen in den Trümmern watet und sich nur noch nicht für einen Weg entschieden hat. Am deutlichsten wird das vielleicht bei Kraftwerk, die, 1968 noch unter dem Namen Organisation gegründet und vom Publikum verkannt, später komplett auf elektronische Instrumente umsattelten und mit ihren minimalistischen Robotergrooves die wohl wunderbarsten Klänge schufen, die je maschinell erzeugt wurden.
Krautrock
Erstaunlich und schön daran bleibt, dass just in dieser wüsten psychedelischen Phase die Welt (das darf in diesem Kontext ruhig heißen: die angelsächsische Welt) in Sachen Rock/Pop erstmals mit Interesse, ja Bewunderung nach Deutschland schaute. Nicht länger wurde hier nur braver Abklatsch des dortigen Originals produziert – wir erinnern uns mit Grausen an den Rock’n’Roll eines Peter Kraus oder die Beat-Verschnitte der Rattles – nein, jetzt konnte man selber Impulse (zurück-)geben. Ausgerechnet unter dem scheinbar wenig schmeichelhaften Begriff Krautrock (the krauts, das englische Schmähwort für die Deutschen) eroberte sich diese neue Musik nicht nur beachtliche Fangemeinden in England und den USA, sondern übte nachhaltigen Einfluss auf Musiker aus und prägte ganze Stilrichtungen. Die radikalen Innovationen etwa von Can oder Tangerine Dream bereiteten Wege für Bands wie The Fall, Sonic Youth, Stereolab oder Radiohead und wirken bis heute in Strömungen wie HipHop, Ambient oder Drum’n’Bass hinein, gar nicht zu reden von Kraftwerk, genuinen Popstars auf Weltniveau sozusagen, die als Urväter der gesamten elektronischen Popmusik bis hin zu Techno gelten dürfen. Der Begriff Krautrock ist übrigens nur scheinbar wenig schmeichelhaft und greift das Schmähwort eher liebevoll auf: Geprägt wurde er vom Briten John Peel – dem Reich-Ranicki unter den damaligen Pop-Radiomoderatoren und großen Fan und Förderer der deutschen Psychedeliker – in Anlehnung an ein Stück von Amon Düül mit dem schönen Titel Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielen auf.
Womit wir schon wieder beim Essen wären und bei Uschi Obermaier (die, ha!, auf einem frühen Amon-Düül-Album als Mitwirkende aufgeführt ist). Wurst und Marmelade – ich hab’s noch nicht probiert, aber wer weiß, vielleicht wird ja auch dieser Konventionsbruch dereinst noch Wegbereiter sein für einen ganz unerhörten Brotaufstrich. Wir sollten uns einfach nicht zu sehr von unseren Geschmacksgewohnheiten versklaven lassen.
Christian Tagger
Autor von Krimis, Kinderbüchern und Romanen; arbeitet als Assistent in der Direktion der Berlinischen Galerie in Berlin.
Autor von Krimis, Kinderbüchern und Romanen; arbeitet als Assistent in der Direktion der Berlinischen Galerie in Berlin.
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Februar 2008








