Politik und Zeitgeschichte in Deutschland – Panorama

Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0? – Antworten von Gerhard Schulze

Montage: Megafon vor digitalen Zahlen; © ColourboxMontage: Megafon vor digitalen Zahlen; © ColourboxDas Internet hat den öffentlichen Raum erweitert: Jeder kann seine Meinung kundtun. Aber hat die Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter auch eine andere Struktur als zuvor? Antworten des Bamberger Soziologie-Professors Gerhard Schulze.

Herr Schulze, in seiner Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ hat Jürgen Habermas 1962 festgestellt, dass die Massenmedien die bürgerliche Öffentlichkeit – einst Ort der Aufklärung und des politischen Diskurses – negativ verändert haben. Wie lautete damals seine Diagnose?

Nach Habermas haben die Massenmedien dafür gesorgt, dass sich das bürgerliche Publikum von einer räsonierenden in eine kulturkonsumierende Öffentlichkeit verwandelt hat. In der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts konnte das Publikum in den Salons, den literarischen Gesellschaften oder den Hausmusikabenden noch mit sich selbst in Kontakt treten. Das setzte sich später in den Kunst- und Kulturszenen fort.

Gerhard Schulze; © Paul YatesIn den Massengesellschaften hat das Publikum laut Habermas dann immer weniger die Chance gehabt, überhaupt noch für sich selbst anschaulich zu werden. Der einzelne Zeitungsleser und Fernsehzuschauer hatte niemanden mehr, mit dem er reden konnte und wollte. Er erlag meistens der Verlockung, das aufzusaugen, was ihm angeboten wurde.

Hinzu kam, dass die Massenmedien sich immer mehr über die Werbung finanzieren mussten, wodurch sie sich entpolitisierten und sich konform machen mussten mit den Werbenden. Fazit: Die reine Publizität hatte bald einen größeren Stellenwert als der Gedanke, die Idee, das Argument.

Jeder kann Medium werden

Fernsehzuschauer; © Colourbox Mittlerweile macht das Internet den Massenmedien Konkurrenz und ermöglicht dem Einzelnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs. Wie wirkt sich das auf den Charakter der Öffentlichkeit aus?

Der Einzelne kann seine Informationsaufnahme viel aktiver gestalten als zuvor. Das Angebot zur Auswahl hat enorm zugenommen. Außerdem ist der Einzelne selbst zum Informationsmedium – zum potenziellen Teilnehmer an Diskursen – geworden. Bei manchen drückt sich das im bloßen Anklicken des Gefällt-mir-Buttons aus, was keinen besonders tiefgehend diskursiven Charakter hat. Andere allerdings äußern sich durchaus in ernstzunehmenden und gut durchdachten Kommentaren zu Politik und Kultur.

Wenn ich vergleiche, was in der Niveau-Presse an Buchbesprechungen erscheint und was bei Internetbuchanbietern an Leser-Rezensionen angeboten wird, dann bevorzuge ich oft die Stellungnahme von Lesern. Ich sehe darin einen Gewinn im Vergleich zu jener Zeit, wo wir Leser – um es mit Habermas auszudrücken – den „vermachteten“ Medien gegenüberstanden mit ihren Kritikerpäpsten.

Internet als echte vierte Gewalt

Kann man von einem erneuten Strukturwandel der Öffentlichkeit sprechen, dem Strukturwandel 2.0?

Das scheint mir ganz eindeutig so zu sein. Dafür gibt es verschiedene Belege. Zum Ersten ist das Aufkommen des Internets selbst Teil dieses Strukturwandels. Dadurch haben die traditionellen Medien, die deshalb nicht aussterben werden, eine Konkurrenz bekommen, die sie untereinander gar nicht mehr ausüben. Die Presse ist als vierte Gewalt der Demokratie apostrophiert worden, die auch der Erwartung genügen müsste, sich selbst zu kontrollieren. Das tut sie aber nicht. Diese Aufgabe übernimmt nun zumindest teilweise das Internet.

Like-it-button; © ColourboxEine zweite Komponente des Strukturwandels besteht darin, dass das Publikum durch das Internet wieder unter sich selbst in Kontakt treten kann – ähnlich wie in der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit. Durch die Überwindung von Raum und Zeit ist es dem heutigen Publikum technisch in die Hand gegeben, sich wieder selbst zu konstituieren und für sich wahrnehmbar zu werden.

Drittens hat in dieser Öffentlichkeit der Einzelne als Träger von Meinung, als Argumentierender und Gegenargumentierender Gewicht bekommen. Das ist genau der Punkt, auf den Habermas damals auch hingewiesen hat: Das räsonierende Publikum ist eines, das aus Einzelnen besteht, die ihre eigene Meinung haben und anderen zu Gehör bringen können.

Der vierte Punkt ist die Organisationsfähigkeit. Bei den Machtwechseln in den nordafrikanischen Staaten haben wir gesehen, was das politisch bedeutet. Das Publikum kann sich über das Internet selbst organisieren und mit enormen Konsequenzen in Erscheinung treten. Diese vier Punkte zusammen halte ich für entscheidend, um sagen zu können: Wir stehen politisch vor einer völlig neuen Situation: Öffentlichkeit 2.0.

Machtfreier Diskurs mit Missbrauchsmöglichkeiten

Cover von „Die beste aller Welten“; © Fischer TaschenbuchverlagErmöglicht das Internet tatsächlich den machtfreien, rationalen politischen Diskurs, so wie ihn Habermas als grundlegende Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie beschreibt?

Das Internet ermöglicht diesen Diskurs, es erzwingt ihn aber nicht. Und es birgt in sich auch die Gefahr einer neuen Perversion dieses Diskurses, da es viele Manipulationsmöglichkeiten beinhaltet. Man kann zum Beispiel mit Twitter eine Gefolgschaft aus dem Nichts herbeizaubern. Oder Firmen und politische Organisationen können sich private Datenspuren für ihre eigenen Zwecke aneignen – etwa in Form von Werbung.

Auf der anderen Seite muss man sehen, dass wir uns in einem politischen Lernprozess befinden, in dem diese Verfälschungen des Diskurses reflektiert und kritisiert werden – und man sich überlegt, wie das Positive, das in der jetzigen Entwicklung steckt, gerettet und gefestigt werden kann. Die Sache ist nicht entschieden. Ich denke aber, dass wir gute Chancen haben, das Potenzial, das im Internet angelegt ist, tatsächlich auch zu realisieren.

Die repräsentative Demokratie wird bleiben

Welche politische Rolle kann und soll die digitale Öffentlichkeit spielen?

Ich halte es für naiv zu glauben, dass die digitale Öffentlichkeit ein Tor zur Basisdemokratie aufstößt und im Internet öffentlich über alle anstehenden Fragen abgestimmt werden kann. Wir sind auf Gedeih und Verderb mit der repräsentativen Demokratie verbunden.

Aber das Internet kann helfen, das wieder zu ermöglichen, was die repräsentative Demokratie trägt. Nämlich den räsonierenden Staatsbürger, der kritisch teilnimmt am politischen Prozess, den diejenigen gestalten, die er gewählt hat. Und der, wenn er wieder aufgerufen ist, seine Volksvertreter zu wählen, aus einer ganz anderen Kompetenz heraus abstimmen kann.

Dominik Reinle
ist Diplom-Soziologe und arbeitet als freier Journalist in Köln, unter anderem für die Internetredaktion des Westdeutschen Rundfunks.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2012

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