Vergangenheitspolitik

Das Heroische vs. das Persönliche
Die Funktion von Statuen und Denkmälern im slowakischen öffentlichen Raum

Jakub Platz; copyright: Goethe-InstitutMichal Hvorecký; Copyright: Michal HvoreckýAls ich ein kleiner Junge war, stand auf dem Platz der Freiheit in Bratislava die monumentale Statue des ehemaligen kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald. Im Park bei der Kreuzung Račianske mýto ragte das vier Meter hohe Denkmal der Volksmilizen auf, ein einzelner Milizionär mit den Händen in den Hosentaschen, der auf einem sozialistischen Hammer stand.

Die Statue des schon halb vergessenen Július Nagy befand sich am Gewerkschaftsplatz. Und über dem Lenin-Platz (heute Jakub-Platz) thronte Lenin. Noch in den Fünfzigerjahren stand am Platz des Slowakischen Nationalaufstands sogar Stalin, nach dem der Platz auch benannt war. Die Statue wurde 1949, noch zu Lebzeiten des Generalissimus, aus Anlass seines 70. Geburtstags errichtet.

Symbole der Vergangenheit

König Svätopluk; copyright: Goethe-InstitutDie Gottwald-Skulptur war so gigantisch, dass sie nach der Samtenen Revolution gesprengt werden musste. Der lässige Milizionär und Lenin endeten in liegender Position im Magazin der Slowakischen Nationalgalerie. In der Vergangenheit stürzten in meiner Stadt auch eine Maria-Theresia-Statue (heute kann man sie wieder sehen, als kitschiges, geschrumpftes Plagiat an der Donaupromenade) und Milan Rastislav Štefánik, der mittlerweile ebenfalls wiederauferstanden ist – paradoxerweise inmitten des wichtigsten Geschäftsviertels.
Revolutionen gehen oft mit Bilderstürmerei einher. Die neue Ideologie attackiert auch die Denkmäler, weil sie die Vergangenheit symbolisieren. Nicht betroffen von der Bilderstürmerei waren in Bratislava hingegen die bekannten Denkmäler des Slowakischen Nationalaufstands. Der Slavín, in dessen Schatten ich aufgewachsen bin, überlebte ebenso wie die Partisanen am Platz des Slowakischen Nationalaufstands.

Wo eine Statue – da ein Skandal

In Ungarn entschloss man sich für einen anderen Umgang mit den Denkmälern der kommunistischen Ära. Am Stadtrand von Budapest entstand unter freiem Himmel der Memento Park, heute eine bemerkenswerte Galerie des sozialistischen Realismus, Konstruktivismus und Monumentalismus in der Bildhauerei.
Václav Cílek schrieb, der genius loci sei „der Grund, den wir nicht benennen können, dessentwegen wir aber an einen Ort zurückkehren“. Auch jene Denkmäler, die nicht mehr stehen, hinterließen Spuren in mir. Oft denke ich an sie, wenn ich durch die Straßen und Plätze gehe, wo sie leere Stellen hinterlassen haben.

Milan Rastislav Štefánik; Copyright: Goethe-InstitutNeue Denkmäler und Statuen verursachen in der Slowakei Skandale. Der König Svätopluk auf der Burg in Bratislava wurde von Ján Kulich entworfen, der den sozialistischen Realismus in der am tiefsten gesunkenen, pseudoheroisch-kitschig-tristen Form verkörpert, Sowjets, Partisanen und Milizionäre bis zur Unerträglichkeit idealisierend. Im Nationalrat der Slowakischen Republik, jedoch auch beispielsweise beim Rathaus von Žilina, stehen Büsten des römisch-katholischen Priesters, führenden Volksparteilers und Antisemiten Andrej Hlinka (1864-1938).

In Košice wurde an der Hauptstraße eine Statue für den kontroversen Politiker ungarischer Nationalität János Esterházy errichtet. Dieser war ein bedeutender Parlamentsabgeordneter, aber auch ein Faschist, und er gilt für viele als Symbol der militärischen Okkupation der Südslowakei. In Rajec wiederum wurde die Büste eines Rädelsführers der faschistischen Slowakischen Republik der Kriegszeit, Ferdinand Ďurčanský, angebracht. Die empörte Regierung konnte nicht eingreifen – die Sache fällt in die Kompetenz der lokalen Selbstverwaltung.

Topographie eines Disneylands

Jakub Platz; copyright: Goethe-InstitutDie Slowakei braucht dringend gesetzliche Mittel, um die Lobpreisung fragwürdiger Individuen und Bewegungen zu verhindern. Historische Führergestalten, die mit den totalitären Regimen verbunden sind, sollten keine Statuen bekommen. Denkmäler sind starke Leitbilder für die Gegenwart und Zukunft und transformieren den Ort, an dem sie stehen. In einer Ära der Verfälschung von Topographien, der fortschreitenden Privatisierung des öffentlichen Raums und der Disneylandisierung Osteuropas sollte man bei der Errichtung von Statuen und Denkmälern besonderes Feingefühl walten lassen. Noch dazu besteht die Gefahr, dass zwar apolitische, aber um nichts weniger grauenhafte Machwerke Bratislava überschwemmen, wie Kanalgucker, bemalte Kühe, überlebensgroße Eishockeyspieler oder der geschmacklos-kitschige H. Ch. Andersen.

Vorbildlich finde ich eines meiner Lieblingsdenkmäler in Prag, das paradoxerweise auch eines der unauffälligsten ist. Viele Menschen gehen daran beim Gebäude des Nationalmuseums vorüber, ohne es zu bemerken. An diesem Ort hat sich am 16. Januar 1969 Jan Palach mit Benzin übergossen und entzündet. Dort fand der Hungerstreik zu seiner Unterstützung statt, dort wurde seine Totenmaske ausgestellt. Die meisten Denkmäler ragen vertikal empor, aber dieses ist horizontal. Nur zwei niedrige kreisförmige Hügel treten aus dem Boden hervor, verbunden durch ein Bronzekreuz. Die menschliche Gestalt als Fackel. Ein Denkmal, das nicht heldenhaft ist, sondern persönlich, nicht pompös, sondern in seltener Weise bescheiden. Doch immer, wenn ich daran vorbeigehe, überkommt es mich heiß.

Michal Hvorecký
geboren 1976, lebt als freier Autor in Bratislava. Er hat bisher drei Romane und drei Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen drei Bücher, als jüngste Veröffentlichung 2012 der Roman Tod auf der Donau in der Übersetzung von Michael Stavarič bei Tropen/Klett-Cotta.

2012

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