Was heißt heute „Krieg“?

Was machen die deutschen Soldaten in Afghanistan? Befinden sie sich in einem bewaffneten Einsatz zur Stabilisierung einer Krisenregion oder ist es ein Krieg, den sie führen? Diese Frage bewegt die Gemüter, seit Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan stationiert sind. Umso mehr, seit sie dort immer häufiger unter Beschuss geraten und deutlich wird, dass sie sich in einem Kampfeinsatz befinden, der auf beiden Seiten Opfer fordert.Das Phänomen an sich ist so alt wie die Zivilisation und die damit einhergehende Schutzpflicht des Staates. Wovon heute mit Begriffen wie „Neue Kriege“ oder „Asymmetrische Kriegsführung“ die Rede ist, zeugen allenthalben eindrucksvoll die Ruinen und Monumente bis in graue Vorzeit. Ob Chinesische Mauer, Limes oder Hadrianswall – sie alle künden von den am Ende doch vergeblichen Anstrengungen hoch gerüsteter Imperien, der Feinde Herr zu werden, die ihre Grenzen bestürmten.
Ähnlich wie die Guerillamilizen und Terrorkommandos aus heutiger Zeit entzogen sich diese bei Ermangelung ebenbürtiger Bewaffnung und Heerscharen der offenen Feldschlacht. Stattdessen verlegten sie sich darauf, aus dem Hinterhalt zu attackieren, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen, die Handelswege unsicher zu machen, kurzum: den Gegner durch eine Strategie schmerzhafter Nadelstiche wirtschaftlich zu schwächen und militärisch zu zermürben.
„Auslaufmodell“ Staatenkrieg
Alles in allem scheint der klassische Staatenkrieg, der in den beiden Weltkriegen seine äußerste Ausprägung gefunden hatte, heute zu einem „Auslaufmodell“ geworden zu sein, wie es der Berliner Politikwissenschaftler und Philosoph Herfried Münkler formuliert. Westliche Demokratien sind im Kern „postheroische Gesellschaften“, so Münkler. „Sie sind auf Arbeit und Tausch, nicht auf Opfer und Ehre begründet.“ Seit der Erfahrung des Ersten Weltkrieges seien „Demokratien nicht mehr in der Lage, symmetrische Kriege zu führen“.
Viele seiner Kollegen aus der internationalen Friedens- und Konfliktforschung stimmen mit Münkler überein, dass der Krieg zwischen Nationalstaaten – ohnehin eine Erfindung der Neuzeit – spätestens angesichts der potenzierten Vernichtungskraft von Atomwaffen und der hohen Zerstörungsanfälligkeit moderner Gesellschaften sinnlos geworden ist.
Eine Entwicklung, die sich bereits zu Zeiten des Ost-West-Konflikts vollzog, der durch Wettrüsten und gegenseitige Bedrohung mit dem nuklearen Overkill zum „Kalten Krieg“ erstarrte. Nur noch ein Drittel der Kriege nach 1945 waren zwischenstaatlich, rechnet Münkler vor, Tendenz fallend. Und während zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur einer von zehn Kriegstoten ein Zivilist gewesen sei, habe sich dieses Verhältnis am Ende genau umgekehrt. Währenddessen war im Ringen um die Vormachtstellung zwischen den Supermächten UdSSR und USA der Stellvertreterkrieg zum Mittel der Wahl geworden.
Grenze zwischen Krieg und Frieden verwischt
Ausgefochten wurden diese zumeist in Form von Bürgerkriegen in der „Dritten Welt“, wo sich im Zuge der Dekolonisierung neue Staatswesen formierten und alte Konflikte aufbrachen. Die Potentaten und rivalisierenden Gruppierungen, die sich dort zum Teil bis heute andauernde Kämpfe um Macht, Territorien, Bodenschätze und Reichtum liefern, fungierten dabei nicht selten als Marionetten der Gegner im Kalten Krieg und wurden von diesen gleichermaßen großzügig mit Waffen und Geld versorgt. Ihren Bürgerkriegen entsprossen Strategien und Instrumentarien für sämtliche Spielarten der „Neuen Kriege“, mit denen wir es heute zu tun haben.
In einem Essay über Gewaltökonomien und Terrorismus macht der Duisburger Konfliktforscher Daniel Lambach die Figur des Kriegsfürsten, den „Warlord“ oder „Gewaltunternehmer“, der sich als lokaler Herrscher etabliert, um daraus ökonomischen Vorteil zu ziehen, zum Charakteristikum der neuen Kriege. „Asymmetrisch“ seien diese insofern, als zwischen den Kriegsparteien ein großes Ungleichgewicht der Kräfte herrsche: „Sie werden von irregulären Kräften geführt, Gewalt richtet sich vorrangig gegen Zivilisten, und Kämpfer der verschiedenen Seiten kooperieren nicht selten zum gegenseitigen Nutzen miteinander.“ Auf diese Weise verwische die Grenze zwischen Krieg und Frieden, ja sogar zwischen den verschiedenen Konfliktparteien. Neue Kriege werden nicht offiziell erklärt und auch nicht auf dem Schlachtfeld entschieden. Alles Eigenschaften, die letztlich gar nicht so „neu“ sind, wenn man etwa an die Umstände und die Methoden der Kriegsführung im Dreißigjährigen Krieg zurückdenkt.
Terror – der Krieg des 21. Jahrhunderts
Spätestens seit dem 11. September 2001 hält eine besonders perfide Variante der neuen, asymmetrischen Kriegsführung die ganze Welt in Atem: der Terrorismus. „Die Konfrontation mit der gepanzerten Faust des Gegners wird gemieden und stattdessen auf den weichen Unterleib gezielt. Sind die hier zusammenlaufenden Blut- und Nervenbahnen erst einmal getroffen, wird die gepanzerte Faust von selber niedersinken“, so Münkler. Der Terror als ultimatives Mittel der Schwachen gegen die Starken ist natürlich nicht neu. Doch anders als in der Vergangenheit, in der er sich zwecks Mobilisierung der unzufriedenen oder unterdrückten Massen gegen ausgewählte Ziele und Personen richtete, ist ihm heute nichts mehr heilig – Selbstmordattentätern nicht einmal das eigene Leben.
Münkler hält die Analogien zwischen dem klassischen Verwüstungskrieg und den neueren Formen des transnationalen Terrorismus für frappierend. „Die jüngeren Formen des Terrorismus beruhen darauf, dass in ihnen Asymmetrie nicht als eine zeitlich begrenzte Notmaßnahme, sondern als der definitive Schlüssel des Erfolgs gedacht wird.“ Unterm Strich dient der moderne Terrorismus einzig und allein der Einschüchterung der Menschen und auf diesem Wege insbesondere im demokratischen Staat der Beeinflussung der Politik. Nicht nur Afghanistan ist dafür ein Lehrstück.
ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
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Februar 2010
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Links zum Thema
- Beitrag von Herfried Münkler in der Zeitschrift „Internationale Politik“ IP

- Beiträge aus dem Themenheft „Die neuen Kriege“ der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ auf der Website des Instituts für Friedenspädagogik Tübingen (ift)

- “Kriege und Konflikte” (APuZ; bpb.de)

- Daniel Lambach: „Neue Kriege“, Gewaltökonomien und Terrorismus









