Kultur und Entwicklung: Qualifizieren

Drei Monate in Berlin, Journalismus, Kunst … und andere Sachen

Siegessäule in Berlin © Dr. Stephan Barth / pixelio.deSiegessäule in Berlin © Dr. Stephan Barth / pixelio.de Seit dem Ende des Kulturjournalistenprogramms des Goethe Instituts in Deutschland ist schon einige Zeit vergangen. Ich finde rückblickend, ich habe es sogar noch besser getroffen als meine zehn Kollegen aus verschiedenen arabischen Ländern: Anders als sie habe ich den Berliner Sommer noch erlebt. Ich bin schon im August, einen Monat vor Programmbeginn, angereist. Es war für mich ein Monat voller Film- und Theatervorstellungen, voller Musikkonzerte – es hat gar nicht mehr aufgehört! Die Kneipen waren fast leer. Jeder Berliner hat den Sommer auf seine Art gefeiert, die meisten draußen.

Gleich am ersten Augusttag hat das Festival Berlin lacht angefangen: Theater auf der Straße, zum Beispiel am Alexanderplatz. Internationale Straßentheatergruppen und solche, die sich bemühten, international zu sein, haben 18 Tage lang im öffentlichen Raum kleine Szenen gespielt. Ob international oder einheimisch, das ist in Berlin unwichtig. Du bist hier frei in deinen Entscheidungen. Du kannst dir ansehen, was du möchtest. Du kannst jede Vorstellung verlassen und in eine andere gehen, ohne dass jemand es merkt. Du kannst dich aber auch zwingen, bis zum Schluss in einer Vorstellung zu bleiben, weil du Eintritt bezahlt hast. Festival Berlin lacht © Berlin lacht Eintritt zahlst du nur, wenn dir die Vorstellung gefällt, oder um einen guten Schauspieler zu unterstützen, oder um ihn nach einer erfolglosen Vorstellung zu trösten. Ganz sicher ist die Herausforderung für die Schauspieler am Alexanderplatz am größten. Denn an diesem Berliner Knotenpunkt treffen die Schauspieler auf ein wirklich internationales Publikum.

Jede Minute voll gelebt

Medien und Kunstinstitutionen haben auch ihren Anteil am Berliner Sommer gehabt, beim Dragon Boat Media Cup. 36 Teams sind in diesem Jahr bei diesem Bootsrennen auf der Spree angetreten. Es war nicht schwer, die Teams auseinander zu halten, denn die Teamkollegen waren untereinander sehr herzlich. Ich werde nie vergessen, wie ich den Trainer eines Teams, Michael Frank, kennen gelernt und gesehen habe, wie er seinen Teammitgliedern begegnet ist; wie er sie vor und nach dem Wettbewerb umarmt hat. Ich habe jede Minute mit diesen Leuten voll gelebt, so dass irgendwann jeder Trommelschlag von Lisa Marie Janke (im Bild) meinen Atemrhythmus bestimmt hat. – Das war kein Wettbewerb, das war Liebe!

Ein vielfältiges Programm

Im September habe ich dann vier Wochen lang in Berlin und in München am Workshop über Kulturjournalismus teilgenommen – ein vielfältiges Programm, das uns mit der Kultur, mit den Kulturszenen und der Kulturberichterstattung der Medien in Deutschland bekannt gemacht hat: Ausflüge, Vorträge, Ausstellungs- und Theaterbesuche, Konzerte. Dass Kollegen aus unterschiedlichen arabischen Ländern am Programm teilgenommen haben, hat mir deren jeweiligen Alltag als Kulturjournalisten näher gebracht. Wir haben uns auch über die Schwierigkeiten ausgetauscht, denen die Kollegen in ihren Ländern jeweils begegnen. Diese Probleme waren vom ersten Tag an Thema, als uns unser Trainer, der Journalist Andreas Unger, gefragt hat, warum wir überhaupt Kulturjournalisten geworden sind. Bei vielen war es neben persönlichen Interessen vor allem die allgemein wichtige Rolle, die sie dem Journalismus in der Gesellschaft beimessen. Auch die Tatsache, wie es um den Journalismus und die Kulturszene in ihren Ländern bestellt ist, hat die Berufswahl der meisten Teilnehmer beeinflusst.

Die zweite Woche in München war reich an musikalischen Veranstaltungen: ein Klassikvortrag, ein Musikwettbewerb und ein Jazzkonzert in der Einsteinstraße. In einem Saal, der bis vor Kurzem eine Kaserne der amerikanischen Armee war, haben wir eine Probe des Theaterstücks Don Quijote besucht. Eine ehemalige Kaserne, in der heute Kunst gemacht wird.

Auch der Berliner Bunker, in dem zwei Sammler ihre Kunst ausstellen, war früher erst ein Luftschutzraum und dann ein Gefängnis. Es ist beklemmend, wenn du in Begleitung einer Ausstellungsführerin durch den Bunker wanderst: rechts Goldbriketts in der Gefängniszelle, aufgehängte Bäume, Surren von fluoreszierenden Lampen empfangen dich – als ob vor Sekunden eine Bombe eingeschlagen wäre. – Und was machen wir mit den Gefängnissen, mit den Kasernen und mit den Siedlungen, die unser Land seit 60 Jahren verschandeln? Das habe ich als Palästinenser mich gefragt.

Ein norwegisches Drama, „berlinerisch“ interpretiert

Ein Volksfeind © Schaubühne Berlin, Foto: Arno DeclairDer Besuch des Theaters Schaubühne war kein normaler Besuch. Für mich ist damit ein Traum Wirklichkeit geworden. Nach einer langen Führung in dem riesigen Theater, bei der uns ein Techniker durch die Werkstätten geführt und die Bühnen und Unterbühnen gezeigt hat, sind wir auf die Bühne gestiegen. In dem Moment ist der Techniker verstummt. Ich habe auf der Bühne einen kreisförmigen Lichtfleck entdeckt. Ich habe mich auf diesem Lichtfleck gestellt und geatmet.
An dem Abend haben wir an der Schaubühne eine Vorstellung des Stückes Ein Volksfeind vom norwegischen Autor Henrik Ibsen besucht. Regisseur Thomas Ostermeier und seine Schauspieler haben das Stück, wenn ich das so sagen darf, sehr „Berlinerisch“ interpretiert. Die Inszenierung hat auf die Probleme verwiesen, mit denen der Einzelne und die Gesellschaft in Berlin konfrontiert sind.

Schmetterlinge können fliegen in Moabit

In Berlin-Moabit waren wir mit unserer Trainerin, der Journalistin Patricia Corniciuc, bei einem Sozialprojekt. Hier ist mir etwas begegnet, das ich in Berlin nicht erwartet hätte: Es war eine Gruppe von Flüchtlingen, die meisten von ihnen Amateure, die für das Theaterstück Schmetterlinge können fliegen geprobt haben. In einer alten christlichen Kirche spielen sie Theater, zusammen mit der Choreografin Franziska Roell, dem Regisseur Ahmed Shah und der Pädagogin Maryam Grossmann.

Ich werde sie alle nie in meinem Leben vergessen. In ihrem Theater hatte sofort das Gefühl, zu Hause zu sein. Ich war mehrmals an diesem Ort, um mir Theaterproben anzusehen. Auf der Bühne waren Menschen verschiedener Nationalitäten, die nur durch das Leiden zusammengeschweißt sind. Es war sehr hart für mich, als Regisseur Ahmed Shah die Schauspieler gebeten hat, laut und ohne Hemmungen von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie haben vorgetragen, besser gesagt, sie haben auf Englisch Bruchstücke aus dem Internationalen Recht über die Rechte von Flüchtlingen vorgelesen – Rechte, die ihnen nicht gewährt wurden. Ich habe mich ihnen nahe gefühlt. Denn so ähnlich ist empfinde auch ich mein Leben in Palästina: Diskriminierung und Exil. Und doch machen diese jungen Menschen Theater, um ihre Probleme und Sorgen auszudrücken. Regisseur Ahmed Shah hat mich an einem Tag „Bruder aus Palästina“ genannt. Die Gruppe hat gerade eine Szene geprobt, in der es ums Warten ging. Als der Regisseur die Schauspieler gebeten hat, auf der Bühne eine halbe Stunde lang das Warten darzustellen, musste ich sooft an mich selbst, an meine Familie und Freunde in den Flüchtlingslagern denken. Wir warten sehr viel in Palästina. Die Methoden des Jugendtheaters haben mich beeindruckt. Sie geben den jungen Leuten Selbstvertrauen. Und Vertrauen ist die Basis für jede ehrliche Theaterarbeit.

Erlebnisse und Erinnerungen

Stiller Beobachter © Karl-Heinz Laube / pixelio.deMeine Begegnung mit dem aus Irak stammenden Autor Abbas Khader, der auf Deutsch schreibt, hat mich tief beeindruckt. Ich habe ihn getroffen, kurz nachdem er einen Preis für sein literarisches Lebenswerk bekommen hatte. Sein letztes Buch heißt Brief an die Auberginenrepublik. Indem er auf Deutsch schreibt, verarbeitet Abbas seine traumatischen Erlebnisse in seiner Heimat. „Nachdem ich 2007 im Irak meine Schwester und ihre drei Kinder bei einer Explosion verloren habe, habe ich nicht mehr gesprochen.“, erinnert sich der Schriftsteller. „Wenn ich damals schrie, habe ich auf Deutsch geschrien. Seitdem habe ich mich von der arabischen Sprache distanziert, sogar bei Unterhaltungen bei meinen täglichen Einkäufen meide ich das Arabische. Denn jedes arabische Wort erinnert mich an meine Schmerzen. Die deutsche Sprache verbannte meine Schmerzen und meine Trauer.“

Nun bin ich nach drei Monaten wieder allein. Ich habe meine zehn Kollegen, die für mich eine Familie waren, nicht mehr um mich. Ich vermisse die Ruhe einer schlaflosen Stadt, die Gärten, die von ihren Besuchern nie gelangweilt sind, die geschäftigen Menschen. Ich vermisse den Siebzigjährigen, den ich in der Nacht aus meinem Fenster beobachtet habe, wie er die ganze Nacht Bier trank und las. Ich vermisse, wie ich auf den Straßen herumgetrödelt habe.

Hussam Ghosheh
Fotos: Dr. Stephan Barth / pixelio.de, Karl-Heinz Laube / pixelio.de

    „Chaussee der Enthusiasten“

    Bericht über die internationale Konferenz „Kulturmanagement: Kulturpolitik“ . Von Merle Hilbk.

    Reportagen Bilder Gespräche: Kultur und Entwicklung

    Magazin des Goethe-Instituts (Foto: Goethe-Institut)
    Das Goethe-Magazin 02/2012 bietet spannende Einblicke in das Programm der Initiative „Kultur und Entwicklung“.

    Alumniportal Deutschland

    Eine Plattform für Menschen aus aller Welt, die eine Aus- oder Weiterbildung in Deutschland oder einen Sprachkurs absolviert haben.