Washington D.C. - München - Athen

24. Februar 2013

Utopie und Erneuerung
Washington D.C.
„Anti-War protests in Washington, D.C. on Sep. 24, 2005“ © Colin Ashe
München
Maximilianeum München - Bayrische Staatsregierung © Pedelecs
Der politische Protest gewinnt seine Wucht aus der Empörung. Und doch sind es politische Visionen, die echte Veränderungen anstoßen. Der Wirtschaftsliberalismus, die einzige in der Postsowjetzeit verbliebene Utopie, hat mit der Finanzkrise seine ideologische Kraft verloren. Wurden mit dem Ende der bipolaren Zeit Stimmen laut, die von einer Erschöpfung des utopischen Potentials oder gar einem Ende der Geschichte sprachen, so entstehen heute neue Entwürfe für ein gerechteres Wirtschaftssystem, für politische Mitbestimmung und Pluralität. In den Zentren der Krise wachsen so Visionen, die über die gegebene politische Wirklichkeit hinaus weisen. Indem sie Möglichkeiten einer menschlicheren Ordnung aufzeigen, sind Utopien Antworten auf gesellschaftliche Umbrüche. Zunächst nicht mehr als eine Hoffnung, ist die Utopie, so Kolakowski, „Bedingung dafür, dass sie einmal aufhört, eine Utopie zu sein.“



Die politische Situation in Athen ist verfahren. Wie kaum eine andere europäische Metropole hat die Geburtsstadt der Demokratie mit den Folgen politischer Misswirtschaft zu kämpfen. Während die internationalen Kreditgeber den Reformdruck erhöhen, wirken die gewählten Repräsentanten mit den strukturellen Problemen des Landes überfordert. In der Bevölkerung wächst der Frust, so dass die Wahlbeteiligung bei der letzten Parlamentswahl ihren historischen Tiefstand erreichte. Dies als generelle Krise der Demokratie zu deuten, wäre aber voreilig. In allen europäischen Ländern steht der allgemein sinkenden Wahlbeteiligung ein Zuwachs neuer Arten politischer Teilhabe gegenüber. Humanitäres und ökologisches Engagement, politisch motivierte Konsumentenentscheidungen, Internetprotest oder direktdemokratische Entscheidungen stellen multiple Formen demokratischer Teilhabe dar, die etablierte Partizipationsformen repräsentativer Demokratie ergänzen. Sicher ist: Nachhaltige Erneuerung muss von unten kommen. Hier sind neue Gesellschaftsentwürfe gefragt, die über die festgefahrene Situation zwischen Reform und Streik hinaus weisen.

Als Sitz der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds ist Washington D.C. das Zentrum der internationalen Geldpolitik. Hier werden finanziell angeschlagenen Staaten Kredite vergeben und zwischenstaatliche Devisengeschäfte geregelt. Als amerikanische Kapitale trägt Washington D.C. den Namen eines Gründervaters der Vereinigten Staaten. Bei Entstehung war die amerikanische Verfassung selbst der utopische Entwurf eines Gemeinwesens ohne vergleichbares Vorbild. Ihre Quellen waren Theorien einer gerechten gesellschaftlichen Ordnung. Wie Hannah Arendt schreibt, war die Verfassung „von keiner Tradition vorgezeichnet,“ sondern ist „ausschließlich aus dem Geist der Revolution entstanden.“ Der Gedanke des sozialen Vertrags, den Bürger zum Schutz ihrer unveräußerlichen Rechte schließen, ist bis heute wirksam. Doch die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit drückt Schwächen des liberalen Systems aus. Unter dem Wahlspruch „wir sind die 99%“ kamen in den letzten beiden Jahren tausende Menschen in Washington zusammen, um einen neuen, globalen Vertragsschluss zu erreichen. Das Camp der Occupy D.C.-Bewegung lag bloß einen Steinwurf vom Amtssitz des Präsidenten entfernt. Es wurde als letztes aller amerikanischen Occupy-Camps im Juni 2012 geräumt. Die Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach Chancen und Mitbestimmung bleiben.

München
Moderation: Melinda Crane
Sprecher: Susan Neiman , Andres Veiel
Kartenverkauf der Münchner Kammerspiele (9€ / 5€ ermäßigt)

Washington
Moderation: Libby Casey
Sprecher: Benjamin Barber , Sascha Meinrath

Athen
Moderation: Tasos Telloglou
Sprecher: Antonis Liakos , Thanos Veremins

Wir bedanken uns für die Unterstützung von
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    Kammerspiele München / Podium: Stefan Kaegi, Geraldine de Bastion, Hartmut Rosa / Screens: links Karima Mansour, mitte Hartmut Rosa, rechts Jordi Vaquer-Fanéz  © Judith BussZusammenschnitt der Veranstaltung "Utopie und Erneuerung" aus Athen, Washington D.C. und München.
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