Comic Dossier

Comics und der Erste Weltkrieg

Tardi/Verney: Elender Krieg 1914-1919. Copyright: Edition Moderne 2014Tardi/Verney ELENDER KRIEG 1914-1919, (c) Edition Moderne 2014
Dass der moderne Comic in seiner Entstehung eine enge Verbindung mit den Zwischenkriegsjahren und dem Zweiten Weltkrieg besitzt, ist in den letzten Jahren verstärkt bemerkt worden – weniger beachtet, jedoch von ähnlicher Kontinuität, ist die Auseinandersetzung des Mediums mit dem Ersten Weltkrieg.

Das heute so populäre Genre der Graphic Novel wird durch Hugo Pratts Una Ballata del Mare Salato von 1967 aus der Taufe gehoben. In dieser Südseeballade feiert der wohl berühmteste verspätete Abenteurer des Comics, der renegatische Matrose Corto Maltese, als Pirat zwischen den Fronten der deutschen und britischen Marine im Jahr 1914 seinen ersten Auftritt. Einen anderen Zugang, für die Geschichte des Comics wohl nicht weniger bedeutend, wählte der französische Zeichner Jacques Tardi, dessen Debüt Adieu Brindavoine von 1974 als surreales Abenteuer in Afghanistan beginnt, um auf den letzten Seiten als Fiebertraum eines französischen Gefreiten und Deserteurs aufgedeckt zu werden. Von da an kehrte Tardi, geprägt von den Berichten der Erlebnisse seines Großvaters und Vaters, immer wieder zum Thema des Ersten Weltkriegs zurück – zuletzt mit einer ambitionierten Mischform aus Geschichtsschreibung und graphischer Erzählung (Elender Krieg, 2009).

Natürlich hat auch der 60. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 verstärkt die Auseinandersetzung mit jener Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts befördert. So hat zum Beispiel der amerikanische Begründer der Comic-Reportage, Joe Sacco, in einem sieben Meter langen Leporello die Schlacht an der Somme Stunde um Stunde rekonstruiert. Ausgedehnt auf 132 Meter Länge findet es sich außerdem an den Wänden der Pariser Metrostation Montparnasse.

Der deutsche Comickünstler Peter Eickmeyer hat Erich Maria Remarques Klassiker Im Westen nichts Neues als Graphic Novel adaptiert, während das französische Autorenduo Kris und Maët in ihrem Werk Notre Mère la Guerre den Krieg durch die Genremetapher einer Kriminalgeschichte um einen Frauenmörder im Winter des Jahres 1915 in der Champagne beleuchtet. Zuletzt schließlich haben die englischen Herausgeber Jonathan Clode und John Stewart Clark den Band To End All Wars ediert, der an tatsächlichen Begebenheiten oder historischen Personen angelehnte Kurzgeschichten versammelt – mit einer im Titel expliziten erinnerungspolitischen Stoßrichtung.

Die thematische und stilistische Breite, die dieses Dossier in Umrissen präsentiert, öffnet dabei nicht nur den Blick auf die Vielschichtigkeit des Mediums, sondern auch auf die des Sujets: Von der Romantisierung im Genre der Abenteuererzählung über die realistische Rekonstruktion bis hin zur politischen Aktualisierung zeigt sich ein ums andere Mal der gültige Anspruch auf die ästhetische Befragung des Ersten Weltkriegs, auch hundert Jahre nach seinem Ausbruch.

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