Florian Illies

MAI: DIE PREMIERE VON „LE SACRE DU PRINTEMPS“

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Genau zwei Wochen später, die nächste Generalprobe in diesem besonderen Mai in Paris – Strawinskys »Le sacre du printemps« im Théâtre des Champs-Élysées. Diesmal geht Harry Graf Kessler gar nicht erst auf die Probe, sondern kommt direkt zur Probenfeier bei Larue – mit Nijinsky, mit Maurice Ravel, mit André Gide, mit Djagilew, mit Strawinsky, »wo allgemein die Ansicht herrschte, dass es morgen Abend bei der Premiere einen Skandal geben werde«. Und so kommt es auch. Die Premiere des musikalisch-tänzerischen Gesamtkunstwerkes »Le sacre du printemps« wurde zu einem Ereignis, das Paris elektrisierte und dessen Druckwellen bis nach New York und Moskau drangen. Was am Abend des 29. Mai zwischen 20 und 22 Uhr geschieht, ist einer der sehr seltenen Momente, bei dem schon die Augenzeugen spüren, dass sie einem historischen Ereignis beiwohnen. Selbst Harry Graf Kessler ist hin und weg: »Eine ganz neue Choreographie und Musik. Eine durchaus neue Vision, etwas Niegesehenes, Packendes, Überzeugendes ist plötzlich da; eine neue Art von Wildheit in Unkunst und zugleich in Kunst: alle Form verwüstet, neue plötzlich aus dem Chaos auftauchend.« Was Kessler da nachts um drei Uhr seinem Tagebuch anvertraut, das ist eine der prägnantesten und tragfähigsten Formulierungen für den Modernitätsschub, der die Welt 1913 erfasst.

Das Publikum an jenem Abend des 29. Mai in Paris ist das edelste und kultivierteste des Alten Europa: In einer Loge sitzt Gabriele d’Annunzio, der vor seinen Gläubigern aus Italien nach Paris geflohen ist. In einer anderen Claude Debussy. Coco Chanel ist im Saal und ebenso Marcel Duchamp. Sein Leben lang, so sagt er später, hat er das »Schreien und Kreischen« dieses Abends nicht vergessen. Strawinskys Musik brachte die Urgewalt der archaischen Kräfte auf die Bühne – jene Ursprünglichkeit der afrikanischen und ozeanischen Menschen, die in der Kunst des Expressionismus schon Vorbild geworden war, wurde nun auch im Zentrum der Zivilisation, im Théâtre des Champs-Élysées zum pulsierenden Leben erweckt.

Bereits vom ersten Ton des extrem hohen Fagottsolos an ist prustendes Gelächter zu hören – ist das noch Musik oder ein Frühlingssturm oder schon Höllenlärm, so fragt sich das konsternierte Publikum. Überall Trommeln, vorne auf der Bühne die Tänzer nackt in ekstatischen Bewegungen – es wird gelacht, dann, als die Pariser merken, dass es ernst gemeint war: geschrien. Die Anhänger des Modernen klatschen dagegen von den billigen Plätzen, die Musik wütet weiter voran und die Tänzer verknäulen sich, sie können vor lauter Lärm die Musik nicht mehr hören, von irgendwoher schreit Maurice Ravel immer nur »Genial« in den Saal. Nijinsky, der die Choreographie für das Ballett geschrieben hat, hämmert den Rhythmus mit den Fingern nach – gegen das wütende Pfeifen des Publikums.

Der Tumult bricht bei jener Probenstelle Nummer 13 aus – genau wie es Strawinsky geahnt hatte (es wäre ein Fest für Arnold Schönberg gewesen, diesen Verschwörungstheoretiker im Banne der 13). Die Tänzer sind wie im Rausch, der Theatermanager schaltet mitten in der Vorstellung das Licht aus, um die Eskalation zu vermeiden, doch die Tänzer vorne machen immer weiter und weiter und als das Licht angeht, da haben die Menschen im Saal das verstörende Gefühl, sie seien die Bühne und die Tänzer das Publikum. Nur dank der stoischen Ruhe des Dirigenten Pierre Monteux, der ebenso wie die Tänzer immer weitermacht, gelingt es, die Aufführung bis zum letzten Takt durchzuziehen. Der »Figaro« schreibt am nächsten Morgen: »Die Bühne repräsentierte die Menschlichkeit. Rechts pflücken starke junge Leute Blumen, während eine 300 Jahre alte Frau wie wahnsinnig herumtanzt. Am linken Bühnenrand studiert ein alter Mann die Sterne, während hier und da dem Gott des Lichtes Opfer gebracht werden. Das konnte das Publikum nicht schlucken. Es pfiff das Stück umgehend aus. Vor einigen Tagen hätte es vielleicht applaudiert. Die Russen, die nicht besonders vertraut mit dem Anstand und den Gepflogenheiten der Länder sind, die sie besuchen, wussten nicht, dass die Franzosen ohne weiteres anfangen zu protestieren, wenn die Dummheit ihren Tiefstpunkt erreicht hat.« Diese Worte entsetzen Strawinsky. Er ist tief verstört von diesem Abend. Und doch ahnt er, dass er ein Jahrhundertwerk geschaffen hat. Worin ihn auch Coco Chanel bestärkt haben mag, deren kleiner Hutsalon in Paris für Aufsehen sorgt und die den großen russischen Komponisten an diesem Abend zum ersten Mal sieht. Und dann seine Geliebte wird.

Aus: Illies, Florian (2012): 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts.
Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlage. 148ff.

Florian Illies


Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. …

Malewitsch malt ein Quadrat, Proust begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Benn liebt Lasker-Schüler, Rilke trinkt mit Freud, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der modernen Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino – und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten.